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Wandern auf Madeira mit Poncho

Ein paar Jahre zurück empfahl mir der besorgte Vater, beim Wandern doch bitte immer einen dünnen Plastik-Poncho mitzunehmen. Man könne ja nie wissen in den Bergen, der Regen überrascht einen möglicherweise und da wäre ich doch froh, dieses gelbe Ungetüm dabei zu haben. „Jo, Vadder…“ dachte ich mir und packte das hässliche Ding in die hinterste Ecke meines Wander-Inventories. Ich gab ihm noch die Schnellzugriffstaste „F12“ und vergaß es daraufhin für viele Jahre – bis es eines Tages unverhofft seinen Einsatz bekommen sollte. Aber dazu später mehr…

2013 Madeira (72) steilküste

Für einen Badeurlaub oder bloß zum Räkeln am Strand eignet sich die Insel Madeira wirklich nicht. Genauso wie bei den etwas südlicher liegenden Kanarischen Inseln fällt auch vor Madeira das Wasser innerhalb kürzester Entfernung vom Ufer schon auf einige tausend Meter Tiefe ab. Der Albtraum für alle Freischwimmer mit tief verwurzelten Urängsten vor der unergründlichen, dunklen See. Wer aber schonmal mitten auf dem Meer von einem Boot gesprungen ist und dann mit Wonne direkt nach unten in die Tiefe geschwommen ist, der wird das einfach nur geil finden. Wie tief kommt man da wohl hinunter? Wo ist jetzt nochmal „oben“? Und will man dort oben überhaupt wieder hin?
Aber wir sind ja zum Wandern hier.

Jedenfalls, ohne sanft umspülter Küste und ohne Korallenriffen in der Nachbarschaft bildet sich nunmal auch kein weißer Sandstrand vor einer Insel. Dafür gibt es aber spektakuläre Steilküsten, hohe Berge, grüne Wälder und verträumte Dörfer. „Verträumt“ klingt dabei definitiv besser als „verlassen“, auch wenn das eher zutreffen würde. Man merkt, dass die Einwohner hier lieber einen Job im Tourismus suchen, als im bergigen Land den Boden zu beackern oder dem Fischfang nachzugehen.

2013 Madeira (66) wandern machico

Für Wanderer ist die Insel dagegen ideal. Das Wetter ist ganzjährig passabel und die Temperaturen pendeln um die 20° Celsius. Bei schönem Wetter ist es sommerlich warm, auch im Winter. Kurz gesagt, normalerweise ist hier T-Shirt-Wetter. Gewandert wird vor allem entlang der Levadas. Das sind endlose Kanäle aus Stein oder Beton, die etwa einen halben Meter breit sind. Mit Hilfe eines minimalen Gefälles transportieren sie das Wasser aus den verregneten Bergen in die südlichen, trockenen Winkel der Insel. Dank des zentralen Mini-Gebirges sammeln sich die Wolken und damit der Regen nämlich bevorzugt an der Nordseite von Madeira, wo der feuchte Passatwind aufsteigt und abregnet. Und damit die gesamte Insel in den Genuß von reichlich Wasser kommt, haben die findigen Ur-Madeirenser schon vor Jahrhunderten das Problem mit eben diesen Levadas gelöst. Eine Arbeit für Generationen, wenn man bedenkt, wie lang diese Kanäle sind und in was für unwegsames Gelände sie in den puren Stein gekloppt wurden. Wobei man auch hier erwähnen sollte, dass die alten Portugiesen sich dabei eher selten die Hände schmutzig gemacht haben. Diese harte und gefährliche Arbeit wurde gern den Sklaven aus Afrika überlassen. Die kamen hier eh vorbei auf dem Weg in die Neue Welt und da hat man sich gleich mit bedient.

2013 Madeira (129) levada stein

Der verweichlichte Wanderer von heute frohlockt jedenfalls, denn an den hübsch bepflanzten und gepflegten Wegen entlang der Kanäle lässt es sich vorzüglich wandern. Steile Anstiege gibt es fast gar nicht. Nur selten einmal balanciert man auf 50 cm Breite zwischen der Levada und dem Abgrund. Abgründe gibt es genug, daher empfiehlt die örtliche Tourismusbehörde, nicht alleine aufzubrechen und immer eine Trillerpfeife dabei zu haben. Falls man abrutscht und mit gebrochener Hüfte unter einem Felsen begraben liegt, kann man also immer noch vor sich hinträllern und hoffen, dass Jorge, der Landschaftsgärtner, einen auf seinem wöchentlichen Kontrollgang findet…

Das Handy ist leider keine große Hilfe, denn alle EU-Gelder sind bereits in die unheimlich wichtige Autobahn und den Flughafen mit seiner Airbus-A380-kompatiblen Landebahn geflossen. Für ein paar zusätzliche Funkmasten war einfach kein Geld mehr da. Spaß beiseite, in den engen Tälern und Schluchten hat man einfach keinen Empfang, so simpel ist das. Nix mit eben mal per Whatsapp das coole Selfie von sich selbst und der Wildnis posten… hier ist man einfach – allein. Und das ist gut so. Statt der 112 muss man also auf der Pfeife trällern. Aber so schnell verdurstet man ja nicht, die Levadas sind immer gut gefüllt. Manchmal auch mit toten Ratten und Katzen. Aber im Fall der Fälle ist man ja nicht so zimperlich.

2013 Madeira (21) levada wanderweg

Nicht alle Wandertouren führen entlang von Levadas. Wo ein Gebirge ist, und sei es noch so kompakt, gibt es natürlich auch hochalpine Routen. Und die sollte man nicht unterschätzen. Wetter und Berg verhalten sich hochalpin, da kann einen von Nebel, über gefrorenen Boden bis zum Steinschlag einfach alles erwarten. Früher war der Weg durch das Zentralmassiv die kürzeste Verbindung zwischen Nord und Süd. Auf den engen Pfaden wurden sämtliche Güter transportiert, die rüber mussten. Wenn man sich vorstellt, dass kräftige Kerle damals eine 40 Liter fassende Ziegenhaut schleppten und man selbst mit seiner knapp 10 Kg wiegenden Wander-„Handtasche“ schon gut bedient ist, dann wird einem klar, was für eine Plackerei das gewesen sein muss.

Wer auf dem Encumenada-Pass steht, hat die Hälfte des Weges geschafft und sieht den Atlantik sowohl an die Nord- als auch an die Südküste von Madeira donnern. Von hier starten einige Wanderwege und die Straße führt weiter in Richtung der Hochebene Paul de Serra, wo es noch mehr zu entdecken gibt. Wer die Abgeschiedenheit liebt, kann sich hier in die Encumenada Lodge einquartieren, ein modernes Hotel mit allem Komfort. Man ist aber tatsächlich ziemlich am Pobbes der Zivilisation, das sollte einem bewusst sein.

2013 Madeira (47) pico grande ruivo arieiro

Auf den höchsten Berg der Insel, den Pico Ruivo, kann man fast komplett mit dem Auto fahren, was ihm das Spektakuläre auch so ziemlich komplett nimmt. Wer sich den Gipfel lieber selber verdienen möchte, sollte sich eher in Richtung Pico Grande oder Pico do Arieiro orientieren. Nachdem man seinen untermotorisierten Mietwagen im ersten Gang zum Forsthaus kurz hinter der letzten Siedlung geprügelt hat, folgt eine schöne 4 bis 5 stündige Wanderung, deren Highlight die Besteigung des Pico Grande ist. Spektakulär sind ein paar steil abfallende Stellen, wo man sich tunlichst an den (hoffentlich vorhandenen) Stahlseilen einpicken oder zumindest festhalten sollte.

Im Gegensatz zu den Levada-Touren gilt für alle Bergtouren, dass man so früh wie möglich aufbrechen sollte. Ab Mittag schwappen die Wolken gnadenlos über den Gebirgskamm und füllen die Hochtäler bis zum Gipfel mit Nebel. Auch bei meinem „Besteigungsversuch“ war das so. Nur dass ich eben kein Frühaufsteher bin und daher den Versuch kurz vor dem Gipfel abbrechen musste. Hier alleine auf weiter Flur irgendwo in einer Felsspalte zu landen und sich hinterher mit dem Taschenmesser den Arm abschneiden zu müssen… nee, das ist einfach nicht mein Stil. Aber egal, die Aussicht, die man schon bis zur Stelle unterhalb des Gipfels hat, ist phänomenal.

2013 Madeira (12) wandern alpin

Leider gibt es nur wenige Rundwanderwege auf Madeira. Man ist also entweder gezwungen, mit dem Bus zum Startpunkt zurück zu fahren oder man kehrt je nach persönlicher Kondition nach der Hälfte oder 2/3 des Weges wieder um und läuft die selbe Strecke zurück. Die Busverbindungen sind gut, nur leider in den Bergen nicht so häufig. Und da ich vor einigen Jahren einmal fast die letzte Talfahrt einer Seilbahn verpasst habe (nur Dank aktivem Trampen kam ich noch rechtzeitig an), bin ich seitdem ein großer Freund des eigenen Autos vor Ort. Als Alternative bliebe noch das Taxifahren. In jedem Ort stehen die knallgelben Mercedes-Taxen herum, deren Baujahr in eine Zeit fällt, als man das Blech von Autos noch nicht mit dem kleinen Finger eindrücken konnte.

2013 Madeira (103) levada tunnel

Aber was war jetzt eigentlich mit diesem gelben Poncho? Ganz einfach, auf Madeira fließt immer Wasser. Auch ohne Regen gibt es immer das eine oder andere Rinnsal, dass fröhlich über die Levada-Wege träufelt. Aber besonders nach unwetterartigen Regenfällen wie in diesem Jahr werden diese Rinnsale zu respektablen kleinen Wasserfällen. Kurz gesagt, man hat die Wahl, sich auf der Innenseite der Levada um den Wasserstrom herumzudrücken und dabei nass bis auf die Haut zu werden. Oder alternativ den Absturz in die grüne Hölle an der Außenseite der Levada in Kauf zu nehmen und dafür mit trockener Haut zu sterben.

Und als ich so vor diesem verdammten unpassierbaren Wasserfall stand, ging es mir wie Zak McKracken, dem Helden des gleichnamigen unsterblichen Videogames aus den späten 80ern, einem der ersten Point-and-Click Adventures aller Zeiten, der immer ein volles Inventory mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen mit sich herumschleppte, und man nie wusste, wofür man den ganzen Kram eigentlich aufgehoben hatte. Aber eines Tages kam der Zeitpunkt, wo einem dann intuitiv klar wurde, was man tun musste (oder man hatte die Komplettlösung gekauft…):

„<Benutze> Poncho mit <mir selber> und <gehe> durch die Wand aus Wasser!“

2013 Madeira (131) wasserfall levada

Und so kam es, dass ich an diesem Tag das Rätsel meines gelben Plastikponchos lösen konnte und ihn seitdem in einer etwas besser zu erreichenden Tasche meines unergründlichen Inventories aufbewahre. Er wanderte dann auch umgehend auf die Schnellzugriffstaste „F1“.

Gut Essen auf Madeira

Auch wenn die Madeirenser nicht gerade den Ruf haben, Weltküche aufzutischen, so bekommt man hier doch eine leckere Mischung von Fisch- und Fleischgerichten. Es zwingt einen ja niemand, in Funchal um die Mittagszeit den billigsten Touristenteller mit labberigem Schnitzel und Pommes zu essen. Das war jetzt etwas fies, denn selbst die Touristenkost hat hier noch wirklich solide Qualität. Aber es geht auch besser! Und das ist nicht mal unbedingt sehr viel teurer. Folgende Speisen sollte man probiert haben:

Espada (Degenfisch)
Ein ziemlich langer und schmaler, schwarzer Fisch. Er treibt sich in über tausend Metern Wassertiefe herum und wird mit Angeln gefischt. Beim Hochziehen verfärbt sich seine Haut ins Schwarze. Interessant ist, wie hinterlistig er jagt. Normalerweise schwimmt er mit schlängelnden Bewegungen durch die Gegend und genießt die Ruhe der Tiefsee. Doch wenn er Beute wittert, schießt er lang gestreckt wie ein Stock direkt auf sein Opfer zu. Da er so schmal ist, sieht er von vorne nicht sehr bedrohlich aus und kann sich auf diese Weise seine verdutzte Beute schnappen. Der Haken an dieser Theorie ist nur, dass es da unten eigentlich gar kein Licht mehr gibt und das Opfer den Espada sowieso nicht sehen kann… aber egal, es ist ne tolle Story und wenn’s auf Wikipedia steht, muss es einfach stimmen.

2013 Madeira (142) espada degenfisch

Aber jetzt zum Essen. Der Espada wird in Scheiben geschnitten serviert und sieht dann aus wie seine Kollegen Schwertfisch, Marlin oder Thun. In der Pfanne gebraten landet er auf dem Teller wie ein Steak; der einzige Wirbel lässt sich leicht um-essen bzw. einfach herauslösen, so dass man nahezu grätenfreien Fischgenuss erlebt. Auch für Fischverachter ein Versuch, denn fischig schmeckt der Espada nicht.

Espetada (Fleischspieß)
Klingt fast wie der „Espada“, ist aber Rindfleisch am Spieß. Eigentlich nicht sehr spektakulär, eher wie ein in Stücke gehauenes Rumpsteak, das man auf einen Metallstab gespießt hat. Die Art der Darreichung ist hier das Besondere: der Spieß ist etwa einen Meter lang und wird entweder in einem tragbaren Ständer, der aussieht wie eine Halterung für Ofenwerkzeug, serviert. Oder aber der Spieß wird direkt am Tisch eingeklinkt. Manche Tische haben hierfür extra ein Loch in der Mitte, das keinen Sonnenschirm aufnimmt sondern ein vierkant Stahlprofil, in das sich die Spieße direkt einhängen lassen! Fehlt nur noch eine Machete zum Abernten des Spießes, dann käme echtes Gaucho-Feeling auf. Man kann die Fleischstücke aber auch einfach abziehen, ohne ein Massaker zu veranstalten.

2013 Madeira (78) espetada fleisch spiess lorbeer

Besonders gut schmeckt das Fleisch, wenn zwischen den Stücken frische Lorbeerblätter mitgeröstet werden. Das soll wohl ein wenig darüber hinweghelfen, dass der Espetada zu ganz ursprünglichen Zeiten traditionell mit Ästen des Lorbeerbaumes zubereitet wurde. So viel Lorbeerholz hat es hier nicht mehr, daher nun also mit Metallspieß.
Auf das oberste Fleischstück legt man noch einen Batzen Kräuterbutter, der im Laufe des Schlachtfestes über das Fleisch rinnt und am Boden der Vorrichtung eine schmackhafte Blut-Butter-Sauce bildet. Diese lässt sich ganz vorzüglich aufstippen mit…

Bolo de caco (Knoblauchbrot)
Hierbei handelt es sich um sehr weiches, fladenartiges Brot, das einmal horizontal aufgeschnitten wird. Man kann es sich vorstellen wie fluffiges Pizzabrot oder Lángos. Frisch aus dem Ofen und mit ordentlich Knoblauchbutter bestrichen ist es ein Genuß (wie ja eigentlich alles, was frisch aus dem Ofen kommt).

2013 Madeira (76) bolo de caco knoblauchbrot

Milho frito (frittierte Maiswürfel)
Wenn wir schon bei den Beilagen sind, hier also eine weitere. So kreativ wie die Südtiroler sind die Madeiraner zwar nicht, aber auch sie können aus Polenta tolle Sachen herstellen. In diesem Fall handelt es sich um in Fett ausgebackene Würfel oder Stäbchen aus Maismehl, die gern an Stelle von Pommes serviert werden. Sehr empfehlenswert, weil einfach lecker. Die Teile kommen auch nicht so wuchtig rüber wie das alpenländische Polenta. Solche außen knusprig und innen weichen Mais-Pommes habe ich dort jedenfalls noch nicht gesehen.

2013 Madeira (79) milho frito mais polenta

Bolo de Mel (Gewürzkuchen)
Gewürzkuchen gibt es in vielen Ländern. Bei uns läuft er unter „Lebkuchen“, so wie man ihn an rheinischen Sauerbraten gibt, um die leicht süßliche Sauce zu erhalten. Die Franzosen nennen ihn „Pain d’Epice“ und halten ihn im Burgund, rund um Dijon für etwas einzigartiges. Letztendlich ist es ein sehr süßer, nach Lebkuchen schmeckender Kuchen, der noch ein paar Nüsse und Trockenfrüchte enthält. Die Version aus Madeira wird natürlich mit Zuckerrohrsirup gesüßt und es gibt ihn traditionell zur Weihnachtszeit. Er taugt gut als Mitbringsel und hält dank dem hohen Zuckergehalt ewig. Als Dessert und Magenschließer passt er prima zu einem Gläschen Madeira, beispielsweise einem Bual oder Malmsey. Besonders frischen Bolo de Mel gibt es in der Zuckerrohr Fabrik in Calheta, siehe auch den separaten Artikel.

madeira bolo de mel gewürzkuchen

Lapas (Napfschnecken)
Das Highlight zum Schluss, die urtümlichen „Lapas“. Jeder hat diese krustigen Beulen schonmal gesehen, wie sie an den vom Meer umspülten Felsen kleben. Als Kind hatte ich italienischen Männern teils mit Faszination, teils mit Ekel, dabei zugesehen, wie sie die Napfschnecken mit einem Taschenmesser vom Stein gehebelt und gleich an Ort und Stelle ausgeschlürft haben. Jetzt kam ich endlich in den Genuß, diese Arme-Leute-Austern auch einmal zu probieren. Allerdings im gebackenen Zustand, mit reichlich Kräuterbutter und Zitronensaft garniert. Der freundliche Wirt des Café Klenk, wo ich die Woche über gegessen hatte, war so nett, mir eine Portion zuzubereiten. Normalerweise stehen die Lapas nicht auf der Karte. Sie sind etwas gewöhnungsbedürftig, da sie eine knorpelige Konsistenz haben und auch viel Seetang – oder „Seemoos“ – mitbringen. Wer Weinbergschnecken mag, dem werden jedenfalls auch Lapas schmecken. Recht ähnlich im Geschmack sind die kleinen Meeresschnecken namens „Bulot„, wie sie die Franzosen servieren. Und sogar die fette „Conch„-Muschel aus der Karibik ist eigentlich eine Schnecke. Dort gibt es so viele davon, dass man daraus sogar Gulasch macht. Und zwar ein richtig leckeres.

2013 Madeira (122) lobos schnecken
Aber zurück zu den Lapas. Eigentlich müsste man sagen „Bio-Lapas“. Denn im Gegensatz zu Weinbergschnecken müssen Lapas nicht erst über Salz kriechen, um ihren Schleim zu verlieren. Und gezüchtet werden sie auch nicht. Man kommt also in den Genuß von quasi „freilaufenden“, wilden Napfschnecken, die ein garantiert glückliches Napfschneckenleben hatten!

Natürlich gibt es noch eine Menge anderer Köstlichkeiten auf Madeira zu erkunden. Weitere portugiesische Gerichte findet man bei Wikipedia. Oder auch hier und hier.

Was man in Funchal auf Madeira alles unternehmen kann

Im Gegensatz zum staubigen Felsbrocken Gran Canaria, der eine Flugstunde weiter südlich liegt, begrüßt einen die Insel Madeira mit üppigem Grün und einer Autobahn, auf der man sich fast wie in Deutschland fühlen kann. Gesponsort durch EU-Gelder verläuft sie in schlängelnden Windungen über die Südseite der Insel und bietet viele Tunnels und saftige Steigungen, die schonmal den Einsatz des dritten Gangs erfordern. Die Hauptstadt Funchal ist durch mehrere Abfahrten angebunden und für Touristen leicht erschließbar. Um das Stadtzentrum zu finden, braucht man kein Navi sondern fährt einfach immer bergab, solange, bis man am Meer steht.

Der Yachthafen
Wenn wir schonmal unten an der Uferpromenade stehen, ist der Weg zum Yachhafen nicht weit. Wer das nötige Kleingeld hat, kann sich hier auf einem Trawlerboot zum Sportfischen einchecken oder eine Rundfahrt buchen. Wer einfach nur herumspaziert, sollte sich die äußere Hafenmole einmal genauer ansehen. Da Madeira häufig von Segelbooten angelaufen wird, die den Atlantik überqueren wollen, haben sich hier viele Crews mit bunten Farben an der Betonmauer verewigt. Auch etwas schräge Charaktere kann man dort treffen. Zum Beispiel diesen Fahrradfahrer aus Portugal, der vor längerer Zeit aufgebrochen ist, um kreuz und quer durch Europa zu fahren. Jetzt gerade wartet er auf einen „Freund“, der hier mit seiner „Fähre“ angeblich jedes Jahr vorbeikommt und ihn diesmal mit rüber in die Karibik nimmt. Hmm, also… habe ihm jedenfalls viel Glück gewünscht. Nicht dass er dort drüben so endet wie dieser eine weißbärtige Deutsche, der sich irgendwann in den 80ern in sein klappriges Segelboot setzte, über den Teich fuhr und seitdem völlig abgebrannt im Hafen von Martinique die Touristen anschnorrt.

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Das Museum für Madeira Wein
Die Firma Blandy’s hat es durch ein glückliches Händchen im Laufe der letzten 200 Jahre geschafft, die Vorherrschaft über alle anderen Hersteller von Madeira Weinen zu erlangen und bietet Touristen eine halbstündige Führung durch das ehemalige Firmengebäude an, das jetzt hochtrabend „Blandy’s Wine Lodge“ heißt. Es liegt genau an der Haupteinkaufsmeile von Funchal und kann gar nicht übersehen werden. Mehr dazu im ausführlichen Artikel hier im Blog.

2013 Madeira (85) blandy

Eine Fahrt mit Bergbahn und Schlitten
Es gibt tatsächlich eine waschechte Bergbahn mit kleinen Knubbelkabinen direkt hier in Funchal. Südlich der Altstadt steht die Talstation direkt am Meer und die Gondeln fahren äußerst malerisch über die Häuser hinweg nach oben zur Bergstation. Dort angekommen, kann man entweder gleich in den Botanischen Garten gehen oder man schaut sich erst die Kirche an und lässt sich dann von verkleideten Einheimischen per Korbschlitten wieder ins Tal rodeln. Habe es nicht selbst ausprobiert und auch der historische Zweck dieser Aktion leuchtet mir nicht ganz ein, aber es soll wohl eine ziemliche Gaudi sein, über den Asphalt zu rutschen. Macht doch wirklich keinen Sinn, erst Zeit beim Abwärtsrodeln zu sparen und dann nach dem Einkaufen in der Stadt den ollen Schlitten wieder den Berg hinauf zu ziehen…
Auf Madeira hat man ja schon das Zeitalter des Walfangs verpennt. Aber dass sie auch die Entdeckung des Rads verpasst haben, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Jedenfalls, unten wieder angekommen, könnte man gleich die Markthallen besuchen oder das Story Center.

2013 Madeira (147) bergbahn

Das Madeira Story Center
Gleich gegenüber von der Talstation der Bergbahn liegt das Madeira Story Center. Hier wird auf multimediale, interaktive und sonstwie coole moderne Art den Besuchern die Geschichte der Insel näher gebracht. Auch verkleidete Menschen sind wieder mit dabei. Und etwas für Kinder. Einen Shop gibt’s natürlich auch. Und die Firma Blandy’s hat hier schon wieder die Finger mit im Spiel. Ich glaube, denen gehört die halbe Insel.

Der Botanische Garten „Jardim Botânico“
Man kann leicht durcheinander kommen mit all den Gärten in Funchal. Abgesehen von Blandy’s Garten (war ja klar, dass die wieder dabei sind), gibt es noch einen Orchideengarten und diverse Stadtparks. Letztendlich ist die gesamte Insel ein Garten. Denn dort, wo man hinspuckt, wächst kurze Zeit später ganz sicher irgendetwas mit intensiven Farben.

2013 Madeira (54) strelizie botanischer garten

Den Besuch des Botanischen Gartens kann man gleich mit einer Fahrt der Bergbahn nach Monte kombinieren. Man stolpert förmlich von der Bergstation direkt in den Garten und kann dort Lustwandeln, bis man keine Pflanzen mehr sehen mag. Das Gelände ist in verschiedene Themenbereiche gegliedert, wo man einheimische Arten, Kakteen oder Nutzpflanzen findet. Außer viel Grünzeug gibt es hier noch einen Pavillon zu sehen, der in Formaldehyd konservierte Fische und Krustentiere ausstellt. Die ältesten Gefäße sind von Ende der 1800er Jahre, als man so langsam begann, die Tiefsee zu erforschen. Zu diesem Thema gab es einmal eine sehr gute Sonderausstellung im Frankfurter Senckenberg Museum, die ihresgleichen suchte. Leider ist man dort wieder zu den spröden Kristallen und morschen Dinoknochen der Dauerausstellung zurückgekehrt.

Weiter hinten, bzw. unten im Garten findet man dann noch eine sehr große Sammlung von Vögeln, und zwar lebenden. Für mich sahen sie alle nach „Papagei“ aus. Wer es genauer wissen will, liest die Infotafeln. Eine schöne Liste mit Beschreibungen der Gärten findet sich auf dieser Seite.

Die Markthalle
Sobald man mit der Gondel wieder unten in der Stadt ist, kann man direkt rüber zur Markthalle laufen. Was man dort zu sehen bekommt und auf welch charmante Art ich dort ausgenommen wurde, steht in diesem Artikel hier im Blog.

Klenk’s Café Rustico in Caniço auf Madeira

Wenn man früher (also zu Zeiten, als es noch die D-Mark gab, eine Mauer und Helmut Kohl) in den Urlaub fahren wollte, besorgte man sich Hefte und Kataloge aus dem Reisebüro über alle möglichen Ziele. Diese waren voll mit Marketinggeschwätz und bunten Bildern, so dass man der genervten Dame vom Reisebüro irgendwann einfach die billigste Dreisterne-Unterkunft ankreuzte und dort seinen Urlaub verbrachte. Heute blättert man nicht mehr durch Papier, sondern durch Webseiten. Die sind natürlich erst recht voll mit bunten Bildern und gefälschten Hotelbewertungen. Aber je länger man stöbert, desto eher findet man diese kleinen Perlen, welche man früher nur durch Mund-zu-Mund Propaganda gefunden hätte. Auch diese gibt es heute virtuell, und so dauert es nicht lange, bis man durch Links und Berichte in Internet-Foren eine solche Perle gefunden hat. Nämlich das „Café Klenk“ in Caniço auf Madeira.

Zum Glück verhält sich die Qualität von Klenk’s Café entgegengesetzt proportional zum Aussehen seiner Webseite. Diese ist noch ganz im Stil der mittleren 90er Jahre gehalten: schön unübersichtlich mit vielen Buttons, verschachtelten Frames, in denen irgendetwas automatisch herum-scrollt und einem stylisch zentrierten Textlayout in allen Farben des Regenbogens. Der Name „Café“ ist ziemlich irreführend. Kaffee kann man hier zwar auch trinken, in erster Linie handelt es sich aber um ein sehr gutes Restaurant und zusätzlich werden auch noch Gästezimmer vermietet. Gleich gegenüber vom Restaurantgebäude befinden sich diese. Zur Auswahl stehen verschiedene einfach eingerichtete Doppelzimmer, teilweise mit kleiner Terrasse aber alle mit Meerblick. Wie fast alle Gebäude auf Madeira liegt auch dieses direkt am Hang, und so genießt man morgens die schönsten Sonnenaufgänge und abends das romantischste Abendrot über den Wellen des Atlantiks.

2013 Madeira (75) cafe klenk canico

Auf der Webseite ist von einem „deftigen“ Frühstück die Rede, das im Zimmerpreis inklusive ist. Hierbei handelt es sich definitiv um eine Untertreibung: es gibt das ganze Programm, man könnte es schon fast als ein Brunch durchgehen lassen. Manchmal gibt’s ein Omelette oder mal einen Kuchen dazu, jedenfalls ist es immer ein „Deutsches Sonntagsfrühstück“, wie es sich Nicht-Deutsche kaum vorstellen können. Alles wird am Platz serviert und vom Cheffe oder seinen Kollegen aufgetischt. Im Café spricht man Deutsch, da der jetzige Besitzer damals zu Helmut-Kohl-Zeiten eine Portugiesin geheiratet hat. Er stammt aus Heppenheim, was am Dialekt nicht ganz zu überhören ist und freut sich schon morgens darauf, mit den Frühstücksgästen ein wenig zu babbeln.

20131219_091037 cafe klenk rustico frühstück

Durch die Deutsch-Portugiesische Verbindung wurden die kulinarischen Vorteile beider Nationen perfekt vereint. Es gibt hier selbstgebrautes Bier, selbstgemachte Wurst und das beste Jägerschnitzel südlich der Alpen. Dazu kommen die portugiesischen Spezialitäten wie Espetada und Espada oder kurz gesagt, Fisch und Fleisch in allen Variationen, auf das Leckerste zubereitet. Sogar mein Wunsch nach „Lapas“, eine einheimische Spezialität aus Napfschnecken, die eigentlich nicht auf der Karte stand, wurde erfüllt. Siehe auch den Artikel über Essen auf Madeira.

20131220_195453 cafe klenk fisch

Was ich normalerweise nie tue, habe ich hier erstmalig gemacht: jeden Tag im gleichen Restaurant essen! Mittags war ich auch mal woanders, aber besser als im Café isst man woanders auch nicht. Dienstag ist allerdings Ruhetag und man muss zwangsweise fremdgehen. Weiter die Straße hinunter findet man ein Hotel neben dem anderen und dort gibt es auch anständige Restaurants. Es ist eigentlich alles zu Fuß oder per Bus erreichbar. Den Flughafentransfer erledigt das Café auf Wunsch. Die Autobahn, welche einen schnell auf der Südseite von Madeira von A nach B bringt, ist nur wenige hundert Meter entfernt. Hat man einen Mietwagen, so ist man in unter einer Stunde zu den meisten Zielen auf der Insel gefahren.

Um es kurz zu machen: das Café Klenk ist günstig gelegen, bietet solide Zimmer zu einem niedrigen Preis sowie außergewöhnlich gutes Essen mit hausgemachten Spezialitäten.

Die Markthalle von Funchal, das Abzockerparadies

Die Markthalle von Funchal, der „Mercado dos Lavradores“, befindet sich gleich in der Nähe vom Altstadtkern, dem Busbahnhof und der Pier für Kreuzfahrtschiffe. Wer die Frankfurter Kleinmarkthalle kennt, wird sich hier gleich wie zu hause fühlen: es gibt Obst- und Gemüsestände noch und nöcher sowie im hinteren Bereich eine separate Fischhalle. Genau wie in der Kleinmarkthalle ist das Obst hier vor allem eines, nämlich sehr teuer.

2013 Madeira (141) markthalle funchal obst

Ich dachte eigentlich, mittlerweile immun gegen die einheimischen Bauernfänger zu sein, aber diesmal handelte es sich um eine außergewöhnlich hübsche Bauernfängerin mit großen, ähm, Körben. Und während ich noch versonnen auf ihre Auslage blickte, hatte sie mich auch schon in ihren Fängen. Hier mal was probiert, da mal gekostet, alles sehr süß und lecker. Und als ich mich dann schließlich für eine Kreuzung aus Banane und Ananas entschieden hatte, hätte ich eigentlich das teuflische Lächeln des Mädchens richtig interpretieren müssen. Aber erst, als sie mir nonchalant den Preis von 8 Euro nannte, wachte ich aus dem süßen Traum auf. Wie in dem Film „Inception“ versuchte mein Verstand das eben gehörte einzuordnen und kämpfte sich mühsam durch mehrere Traumebenen an die Oberfläche. Paralysiert und mit einem debilen Grinsen reichte ich der Verkäuferin meine Geldbörse mit der Bitte, sich doch einfach selbst herauszunehmen, was sie für angemessen hielt…

Erst später, als ich mit baumelnden Beinen an der Pier saß und die Banananas schälte, kam ich wieder zu Bewußtsein. Grund war das kratzende Gefühl am Gaumen und im Hals, das mich noch bis zum Abend begleiten sollte. Doch bis auf die winzigen Stacheln mit Widerhaken daran und die alles betäubende Oxalsäure schmeckte die Ananabane eigentlich prima, ein wenig in Richtung Hubba-Bubba Kaugummi. Außerdem zog sie schleimige Fäden und besaß in ihrem Inneren irgendwelche schwarzen Stippsen. Dass ich mit 8 Euro noch sehr gut weggekommen bin, schildert dieser Artikel sehr anschaulich.

2013 Madeira (144) ananas banane monstera fensterblatt

Das war also die funchaler Markthalle, ein Ort, wo Touristen so richtig ausgenommen werden. Fairerweise muss ich hier anmerken, dass man als Touri auf Madeira ansonsten sehr anständig behandelt wird. Und da man hier dank billigen Cafés schon täglich ein paar Euro spart, muss man sich eben damit abfinden, sie an anderer Stelle wieder loszuwerden.

Das Walmuseum in Caniçal auf Madeira

Manchmal auf Reisen passiert es einem, dass man wie aus dem Nichts vor einem hochmodernen Gebäude steht, das seinen Platz genausogut neben dem MOMA in New York oder an ähnlich spektakulären Ecken der Welt haben könnte. Fährt man ganz in den Osten von Madeira und folgt dem Schild „Museu da Baleia„, so stößt man direkt auf das nagelneue Walfangmuseum in Caniçal.

2013 Madeira (74) walfang museum

Von einer Walfang-Tradition auf Madeira mag man eigentlich kaum sprechen, denn die Phase umfasste nur knappe 50 Jahre, von den 1940ern bis in die 1980er Jahre. Im Gegensatz zu den Bewohnern auf den Azoren kam man hier also erst recht spät auf den Trichter, aus Walen Geld zu machen. Im Museum wird diese Geschichte äusserst unterhaltsam und modern geschildert. Man kann zwar auch einfach nur entspannt durch die Ausstellung schlendern. Es lohnt sich aber, einen Audioguide mitzunehmen und den Ausführungen des Erzählers zu lauschen. Fast wie in einem Hörbuch erhält man Atmosphäre und Informationen zur jeweiligen Schautafel, an der man vorbei läuft. Mittels markierter Stellen am Boden erkennen die Geräte zuverlässig, wo man steht und welcher Beitrag abgespielt werden muss. Es ist also nicht nötig, am Audioguide herumzufummeln, er erledigt alles von selbst. Nur falls man noch ausführlichere Geschichten hören will, muss man eine der Nummern eingeben, die am Exponat angebracht sind. Das lohnt sich besonders dann, wenn man auf einer Bank sitzt und ganz entspannt das Meer durch die Glasfront des Museumsgebäudes beobachten möchte.

2013 Madeira (73) walmuseum Caniçal

An einem verregneten Tag auf der Insel kann man den Museumsbesuch gut dafür nutzen, diesen Geschichten zu lauschen und sich dabei die Einheimischen vorzustellen, wie sie bis zum Bauchnabel im Walgekröse stehen und fröhlich den Speck ernten! Man sollte sich ruhig ein bis zwei Stunden Zeit nehmen und am Ende noch den 3D-Tauchgang im U-Bootsimulator mitmachen. Zurück auf der Straße nach Funchal kommt man unweigerlich an einem der vielen Straßencafés vorbei und kann dort für kleines Geld Kaffee und Kuchen essen. Beides zusammen für 2 Euronen, da lacht das Herz des Großstädters, der ungläubig auf die Rechnung schaut.

Besuch der Rumbrennerei in Calheta auf Madeira

Das Dörfchen Calheta liegt auf der westlichen Südseite von Madeira, nur wenige Autominuten von Funchal entfernt. Nachdem man alle möglichen Tunnels hinter sich gelassen hat, fährt man die abschüssige Straße hinab nach Calheta und kann gleich auf einem Parkplatz am Straßenrand den Wagen abstellen. Wenige Meter danach kommt man schon am Eingang der Rumbrennerei „Engenhos da Calheta“ vorbei. Hier geht es ziemlich ungezwungen zu. Man kann einfach durch das Gebäude spazieren und sich die wenigen verbliebenen Brenneinrichtungen ansehen. Bis auf ein paar Namensschilder gibt es keine Erklärung. Viel zu lernen ist hier also nicht. Das ist ein wenig schade, denn wie es besser geht, zeigen zum Beispiel die großen karibischen Distillerien auf Martinique wie „Dillon„, um nur eine zu nennen.

2013 Madeira (118) rum calheta

Erst beim Shop erwacht der Unternehmergeist wieder. Hier kann man vom Zuckerrohrsirup bis zum fertigen Rum alles kaufen, was das Touristenherz begehrt. Den Zuckerrohrsirup habe ich mir mal gespart – sieht einfach zu sehr nach Rübensirup aus, von dem ich auch kein Freund bin. Wer noch keinen probiert hat, sollte sich hier unbedingt mit dem „Bolo de Mel“ eindecken. Das ist ein dunkles, lebkuchenartiges Gebäck, das zu einem guten Teil mit Zuckerrohrsirup gesüßt wird. Daher findet man hier richtig frisch gebackenen Kuchen, der sich in der Mini-Version auch prima als Mitbringsel eignet. In der Version mit 1,50 Metern Durchmesser eignet er sich dann eher für Showzwecke, und allein deswegen haben sie ihn wohl auch gebacken. Er nimmt ja bloß die Hälfte des Verkaufsraumes ein.

2013 Madeira (113) gigantik bolo de mel

Den erzeugten Rum (hier nennen sie ihn „Aguardente“) kann man natürlich vor dem Kauf probieren und kann dabei feststellen, dass er genauso frisch und grasig schmeckt, wie seine Kollegen in der Karibik. Der weiße Rum zumindest. Kein Wunder, wurde der erste Rum, den wir Europäer genießen durften, doch auf Madeira produziert. Jedenfalls bevor ihm von den karibischen Vettern der Rang abgelaufen wurde.

Blandy’s Wine Lodge in Funchal auf Madeira

Was nochmal war Madeira?
Als ich diesen Urlaub plante und mir dabei überlegte, wo es denn hingehen solle, strich der virtuelle Finger irgendwann auch über die Insel Madeira im Atlantik hinweg. „Madeira“, Moment mal, ist das nicht dieses wertlose Gesöff zum Anrühren verschiedener Saucen, das man in kleinen Miniflaschen an der Supermarktkasse kaufen kann? Gleich neben Underberg, Kleiner Feigling und anderem Alkoholikernachschub?
Fast richtig. Nur, dass es das Zeug auch „in gut“ gibt. Dann ist nämlich Madeira ein meist süßlicher Wein, bzw. Likör, der ähnlich wie Sherry oder Portwein schmeckt. Zwar kann man ihn auch in der teuren Version in Saucen schütten. Aber sinnvoller wäre es, ihn als Dessertwein zu betrachten, der sich gut mit einer Käseplatte oder Schokolade verträgt. In der trockenen Version ist er ein prima Apéritif, der zusammen mit etwas salzigem Knabberzeug den Appetit anregt.

2013 Madeira (86) blandy wein quarter cask

Eine kurze Geschichte des Weins
Die Geschichte, wie dieser Wein entstand, ist schnell mit Hilfe von ein paar Stichworten erzählt: „Wein-Brantwein-Seetransport-Hitze-Madeira“. Wer es genau wissen will, liest die Entstehungsgeschichte auf Wikipedia nach, noch besser auf Englisch, weil geschichtslastiger. Wichtig ist vor allem zu wissen, dass es sich bei den hochwertigen Madeiras allesamt um Weißweinsorten handelt. Die Farbe kommt erst durch die Lagerung im Fass zustande, ähnlich wie bei einem Whiskey. Die Weinreben heißen:

  • Sercial – trocken, aber immer noch süßer als trockener Sherry
  • Verdelho – ähnlich einem medium Sherry
  • Bual – halbsüß
  • Malvasia/Malmsey – Dessertwein, hat das meiste Aroma und das tiefste Rot

Die Trockenheit des Madeiraweins nimmt zu, je älter er wird. Gängige Lagerzeiten sind 5, 10, 15 und 20 Jahre. Diese Weine sind „blended“, kommen also nicht aus einem einzigen Jahrgang sondern werden gemischt. Es gibt auch die „dated“ Weine, welche Jahrgangsweine sind. Man merkt es ein klein wenig am Preis: während man für die 5 bis 20 jährigen Weine gut das doppelte ihres Alters in Euro zahlen muss, ist die Skala für Jahrgangsweine im Prinzip nach oben offen. Für einen 1977er zahlt man im Hersteller-Shop um die 150 Euro. Einer aus den 1930er Jahren sprengt dann schon die 1.000 Euro Grenze.

2013 Madeira (82) blandy wein sorten
Das Alter wird nur an der Lagerzeit im kleinen Fass gemessen. Die Zeit, die ein Wein in den großvolumigen Lagerbehältern verbringt, bevor er in das „quarter cask“ darf, zählt nicht dazu. Auch wenn er einmal in Flaschen abgefüllt ist, stoppt das Jahrezählen. So wurde neulich ein 200 Jahre alter Wein verköstigt, der erst vor wenigen Jahren in die Flasche umzog. Einmal abgefüllt, kann man Madeiraweine im Stehen nahezu endlos lagern. Der hohe Alkoholgehalt ermöglicht es.
Im Vergleich zu einem trockenen Sherry wird einem ein als „trocken“ servierter Madeira aber niemals den Mund zusammenziehen. Es bleibt immer eine Restsüße, so dass selbst der trockenste Madeira im Vergleich zum Sherry eher wie ein Alkopop wirkt. Der Alkopop des achtzehnten Jahrhunderts, sozusagen.

2013 Madeira (88) blandy lager

Eine Führung in Blandy’s Wine Lodge
Erkundet man die Hauptstadt Funchal, so stößt man zwangsläufig auf irgendein touristisches Highlight, wo die Firma Blandy involviert ist. Sei es der Fähranleger für Kreuzfahrtschiffe, ein prachtvoller Garten, das Madeira Story Center oder eben die Wine Lodge. Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts hat es die Blandy-Familie scheinbar geschafft, sich so ziemlich alles auf der Insel unter den Nagel zu reißen, was von Bedeutung ist. Und so kommt es, dass man dank professionellem Marketing Tamtam an diesem Namen nicht mehr vorbeikommt. Wie auch immer, die Wine Lodge befindet sich gleich neben der Hauptpromenade und ist daher kaum zu verfehlen. Hier werden halbstündige Besichtigungen angeboten mit anschließendem Wein Tasting. Es ist unterhaltsam, kostet nicht viel und es gibt sogar Führungen auf Deutsch.

Während der Tour sieht man ein kleines Lager mit Fässern, in denen verschiedene Madeirasorten reifen. Es riecht süßlich und ein wenig nach Traubenmost. Kurz gesagt, man bekommt unheimlich Lust darauf, etwas von dem Wein zu probieren. Im Anschluss an die Führung dürfen dann endlich zwei Madeiras verkostet werden. Die Gläser sind gut gefüllt, man könnte fast Absicht dahinter vermuten. Und so kommt man leicht beschwippst zum abschließenden Event: dem Shop. Hier darf man sich nach Herzenslust austoben und alle Produkte kaufen, auf denen Platz für das Firmenlogo ist. Wer es ausschließlich auf den Wein abgesehen hat, sollte den Einkauf erst später am Flughafen erledigen. Der Flughafen-Shop ist dort hinter dem Sicherheits-Check gelegen und man kann den gekauften Alk (maximal drei Flaschen) als zusätzliches Handgepäck mitnehmen. Und noch viel wichtiger: durch Vorzeigen der Eintrittskarte für das Museum erhält man 10% Rabatt auf alle Madeira Weine. Das lohnt sich nicht erst bei einem Bual von 1937!

2013 Madeira (84) blandy wine bual