Archiv der Kategorie: China

Die große, steile und chinesische Mauer in Mutianyu

Die Chinesische Mauer ist vom Weltraum aus nicht zu sehen. Tut mir leid. Das ist tatsächlich ein Mythos, den auch der erste Chinese im All schließlich kleinlaut dementieren musste. Trotzdem, die Mauer ist immer noch gigantisch. Rauf geht es mit dem Sessellift, runter mit dem Sommer-Bob. Dazwischen ist Raum für Muskelkater, Sonnenbrand und Propagandageflüster.

Vor sehr vielen Jahren besuchten wir unsere Verwandschaft in Süddeutschland und kamen so in den Genuss, auf einer Sommer-Bob-Bahn zu rodeln. In einer schlangenförmigen Halbröhre aus Edelstahl saust man mit seinem Bob den Berg hinab und hat einen Heidenspaß. Kaum 25 Jahre später sollte ich diese Konstruktion wiedertreffen. Allerdings am anderen Ende der Welt. Denn China baut nicht nur abgewrackte Eisenhütten im Ruhrgebiet ab und verschifft sie nach Hause, sondern nimmt auf dem Weg dorthin auch noch allerhand anderen Krimskrams mit.

2015 peking (117) große mauer rodelbahn

Und so kommt es, dass man die Chinesische Mauer bei Mutianyu am einfachsten mit einem klassischen Sessellift erklimmt und mit einem süddeutschen Sommerbob wieder verlässt. Es gibt natürlich noch andere Orte, an denen die Chinesische Mauer touristenreif restauriert wurde. Aber Mutianyu ist besonders deshalb empfehlenswert, weil es dort noch ein wenig ruhiger zugeht als an den anderen Abschnitten. Es hat Wald und Natur, das ist nicht die schlechteste Atmosphäre, um dieses Kulturerbe zu besichtigen.

2015 peking (120) große mauer sessellift

Von Normen à la DIN, ISO und anderen hat man im alten China komischerweise noch nichts gehört. Deshalb sind die Treppenstufen auch abenteuerlich konstruiert. Mal erklimmt man sie mit einer Höhe von 40 cm, mal ist die Stufe nur ein kleiner Absatz, über den man nichtsahnend stolpert. Die Mauer selbst folgt immer dem Kamm der Hügelkette. Sie geht also mal steil nach unten und mal senkrecht nach oben. Analog dazu wächst oder schrumpft die Stufenhöhe. Diese Bauweise ist zwar aus touristischer und wirtschaftlicher Sichtweise idiotisch. Aus militärischer Sicht allerdings die einzig wahre Lösung. So haben die Verteidiger immer die optimale Position, um angreifenden Hunnen in den Feuertopf spucken zu können.

2015 peking (140) große mauer mutyangu

Zwei Dinge sollte man als verweichlichte Weißnase nicht vergessen: Sonnencreme gegen Sonnenbrand und Magnesium gegen den Muskelkater. Und Ohropax gegen die chinesische Propaganda aus den überall verteilten Lautsprechern („The eagle flies over this beatiful country, blah, würg…“).

2015 peking (147) große mauer hohe stufen

Wie kommt man von Peking zur Großen Mauer? In meinem Fall ganz einfach per Chauffeur. Am besten mal im Hotel nachfragen. Hier wird man gern mit dem ortsansässigen Monopolisten „Mr. Yang“ verbunden. Bei diesem „Mann“ handelt es sich um eine Firma, die hinter den Besucherparkplätzen an der Mauer im Inneren des Areals ansässig ist und so eine Art rundum sorglos Paket schnürt. Man zahlt für den Transfer vom Hotel zur Mauer und zurück. Dazu kommt die Fahrt mit Lift und Bob sowie Mittagessen nach Wunsch. Mr. Yang sammelt die Kohle ein und schleust einen überall durch. Wer denkt, damit übervorteilt zu werden, irrt. Es werden die regulär ausgeschriebenen Preise berechnet. Ein Tagesausflug für unter einhundert Euro alles inklusive, das ist nicht schlecht. Mit mehr als nur einer Person wird es natürlich erst wirklich attraktiv und entsprechend billiger pro Kopf.

2015 peking (165) große mauer steil

Hat man Aufstieg, Wanderung und Abfahrt gemeistert, kann man schließlich noch einen Kaffee im Starbucks am Fuße der Mauer zu sich nehmen. Und dazu einen Sandwich von Subway essen. Da sag ich nur:

Tod dem Kapitalismus!
* schlürf *
Es lebe die Revolution!
*knurps*
Auf zum großen Sprung! Vorwärts, Genossen!
*burps*

Das war sie wieder, die chinesische Ambivalenz.

2015 peking (144) mutyangu steil mauer

Mit dem Fahrrad durch Peking

Es gibt eine Millionen Fahrräder in Beijing, sang Katie Melua vor ein paar Jahren im Radio. Damit hat sie wohl Recht. Hinzu kommen neuerdings aber nocheinmal so viele Autos und Scooter. Und so ist das Radfahren in Peking ein kleines Abenteuer.

Aber wirklich nur ein kleines. Denn hat man erstmal den komplett durchgeknallten Straßenverkehr in Ländern wie Indien und Indonesien erlebt, kann einen nichts mehr schocken. Dort würde ich nie im Leben aufs Fahrrad steigen. Aber in China ist das anders. „Organisiertes Chaos“ mit immerhin noch zu erahnenden Regeln, könnte man wohl sagen.

Schaut man sich die offiziellen Einwohnerzahlen von internationalen Mega-Städten an, kann einem schwummerig werden: Paris 2 Millionen. New York 8 Millionen. Jakarta 9 Millionen. Mumbay 12 Millionen. Nicht verwechseln darf man diese Zahlen der Stadtbereiche mit denen der jeweiligen Einzugsgebiete, die noch um einiges höher ausfallen. Und so kommt es, dass für Peking ca. 20 Millionen Einwohner gelistet sind, wo die eigentliche Stadt doch „nur“ 12 Millionen hat. Ein Klacks. Schaut man sich jetzt nur noch den wirklich zusammenhängend bebauten Stadtkern an, bleiben bloß noch lächerliche 8 Millionen Einwohner übrig! Die verteilen sich bestimmt großzügig irgendwo… Mit diesem Wissen gerüstet, warf ich mich in den Pekinger Stadtverkehr. Mein Hotel war nämlich so nett, mir ein Fahrrad gratis zur Verfügung zu stellen und somit war ich das einemillionenunderste Fahrrad auf Pekings Straßen.

2015 peking (31) verkehr gewitter smog dämmerung

Im Geschäftsleben gibt es ja das westliche „yes“ zur konkreten Bestätigung einer Anfrage. Und es gibt das sogenannte „chinese yes“. Dahinter kann sich alles verbergen, von „hab ich verstanden“ bis zu „ich hab kein Ahnung, was du Weißnase von mir willst“. So ähnlich ist das auch mit den Ampelfarben. Ich würde es mal das „chinese red“ nennen. Man ist zwar für den größten Teil der eigenen Grünphase in Sicherheit. Völlig ausgeschlossen ist es aber nicht, dass ein wild gewordenes Monster-SUV mit Vollgas in die belebte Kreuzung hinein brettert. Immer noch besser als in Indien, wo Ampelfarben gänzlich unbekannt sind. Aber eben auch noch nicht auf europäischem Niveau. Das sollte man wissen, bevor man bei Grün die Kreuzung betritt.

Die Rangfolge im chinesischen Straßenverkehr ist ansonsten streng hierarchisch gegliedert: LKW und Bus schlägt Monster-SUV. SUV schlägt normales Auto. Auto schlägt Mopped. Mopped schägt Fahrrad. Fahrrad schlägt Fußgänger. So einfach ist das. Manchmal versucht auch das Monster-SUV den Bus zu schlagen. Wie das aussieht, zeigte eindrucksvoll ein Haufen Blech hinter einem kaum lädierten Reisebus.

2015 peking (80) fahrrad parkplatz

In der Praxis muss man daher als Fußgänger und natürlich auch als Radfahrer seine Augen überall haben. Das liegt auch an den überall herumwuselnden lautlosen Elektrorollern. Man hört sie nicht und plötzlich zieht neben einem so ein Ding vorbei. Dabei sehen diese klapprigen Roller aus, als stammten sie noch aus Maos Zeiten. Dafür müsste es doch in Deutschland auch einen Markt geben, denn teuer können die ja nicht sein. Jedenfalls, wenn für mich gebremst wurde, dann nur, weil ich kein Chinese war. Wer Ausländer schädigt, kann in den Knast wandern. Das scheint sich tief im Hirn der Chinesen verankert zu haben. Ansonsten ist es sehr hilfreich, wenn man zu Beginn seines Asienaufenthaltes immer hinter den Einheimischen herläuft oder –fährt. Das Tempo ist eher gemütlich, so kann man sich in das fremde System langsam einfinden. Sehr gut ist, dass Fahrradfahrer eine eigene Fahrbahn haben. Sie ist auch physikalisch vom Rest der Straße getrennt, es ist dort also relativ sicher.

2015 peking (190) fahrradspur

Die Straßen sind meistens verstopft, so kommt man mit dem Fahrrad allemal zügiger voran als mit dem Taxi. Falls einen das Taxi überhaupt mitnimmt. Denn sobald man auf das Taxameter besteht, fordert der Fahrer lieber einen wesentlich höheren Festpreis. Das macht Taxifahren zu einem unangenehmen Unterfangen. Mit dem Rad hat man dieses Problem nicht, man stellt es einfach dort ab, wo man anhalten möchte und kann sich auch in aller Ruhe die Hutongs, die kleinen Gassen in der Altstadt von Peking anschauen. Alternativ könnte man dort auch per Rikscha, geführter Fahrradtour oder sogar im Beiwagen eines Motorrads durchfahren. Ist aber alles recht teuer und im Prinzip unnötig. Hat das Hotel kein Fahrrad, so findet man an den öffentlichen Ausleihstationen immer welche oder man kauft sich eben eines bei einem der kleinen Reparatur-Shops in den Hutongs.

2015 peking (75) fahrrad strassenverkehr

Als andere Verkehrsmittel wären da noch die Busse und U-Bahnen zu erwähnen. Die Busse scheiden für mich völlig aus, da die aushängenden Pläne nur auf Chinesisch waren. Die U-Bahn ist eine Empfehlung wert. Größtenteils neu und gut beschildert. Hierfür gibt es eine kleine aber nützliche App, die nichts weiter kann, als den U-Bahnplan von Peking anzuzeigen. Die Bahn verläuft ringförmig um die Innenstadt, das hilft einem in vielen Fällen also auch nicht weiter, wenn man von Nord nach Süd möchte. Die Preise für Bus und U-Bahn sind wirklich lächerlich niedrig. Man sollte also allein schon deswegen chinesisch lernen…

Mein Fazit für Fahrradfahren in Peking lautet definitiv: machen! Man erlebt die Stadt sehr direkt, kann überall anhalten, ist flott unterwegs und braucht sich nicht mehr um andere Verkehrsmittel zu kümmern.

2015 peking (189) fahrrad sonnenuntergang

Das Ji House Courtyard Hotel in Peking

Drei Tage Zeit in Peking. Stellt sich wie immer die Frage: wo wohnen? Mein Fazit: ich würde wieder in das Ji House Courtyard Hotel gehen, das idyllisch in einem Hutong der pekinger Altstadt liegt.

Es gibt ja mehrere Möglichkeiten, sich in einer fremden Stadt nach einer Unterkunft umzusehen. Erstmal natürlich die Hotel-Portale wie HRS, Booking.com und andere. Hier bekommt man schon mal einen realistischen Überblick, was ein Zimmer ungefähr kosten wird. So richtig „einzigartige“ Unterkünfte sind das natürlich nicht. Falls man es irgendwann satt hat, in den immer gleichen Hotelketten unterzukommen, so gibt es noch andere Wege, um charmante Hotels zu finden. Sehr zu empfehlen ist dafür Tripadvisor. Dieses Portal hat sich international zum Standard für Reisende gemausert. Mittlerweile kann man auch indirekt dort buchen. Hier findet man jedenfalls eine weitaus größere Vielfalt an Hotels, Gasthäusern, Hostels, etc. Und hier findet man sehr viele Bewertungen, die man sich sogar übersetzen lassen kann. Die Qualität der Übersetzungen ist leider mies, besonders von Chinesisch nach Englisch. Aber immer noch ausreichend, um anhand von Schlagworten den Inhalt zu begreifen. Wie das so ist mit Bewertungen, so wird auch hier viel Unsinn geschrieben. Wenn sich aber über Monate hinweg die Beschwerden häufen, dann sollte man von der entsprechenden Unterkunft besser fern bleiben.

2015 peking (112) ji house courtyard hotel

Und dann gibt es seit Neuestem noch Air BnB. Viel gehyped, man liest ständig darüber und vor allem die klassische Hotelbranche würde diesen Anbieter von privat vermieteten Zimmern am liebsten verbieten lassen. Die Auswahl an Zimmern ist groß, allerdings war im Fall von Peking nicht immer klar, ob man jetzt ein eigenes Zimmer für sich alleine hat oder ob man unfreiwillig zum Mitglied der Familie wird… Preiswert war auch nur ein kleiner Teil der angebotenen Zimmer, die meisten fand ich ziemlich teuer.

A propos teuer. Peking ist eine Großstadt wie jede andere auch und da muss man es sich leider abschminken, billig wohnen zu können. Es ist zwar nicht so schlimm wie in Moskau, Hong Kong oder Singapur. Aber die Preise liegen auf internationalem Niveau, was bedeutet, für unter einhundert Euro bekommt man kaum etwas Anständiges.

2015 peking (184) ji house zimmer

Wie kriege ich jetzt die Kurve zum Ji House… ich glaube bei HRS wurde ich fündig. Für ungefähr hundert Euro die Nacht bekommt man hier ein gut ausgestattetes Zimmer mit Doppelbett und großem Bad. Dass der Abfluss etwas müffelt, haben die Bewertungen schon nahegelegt. Chinesischer Pragmatismus ist, einfach rund um die Uhr den Lüfter laufen zu lassen. So tragisch war es nicht und da ich im Frühjahr zu Besuch war, konnte man auch die Fenster immer leicht geöffnet lassen.

2015 peking (183) ji house badezimmer

Das „Hotel“ besteht aus mehreren kleinen Häuschen von denen jedes ein eigenes Gästezimmer darstellt. Mehr als 5 oder 6 sind es nicht und sie umgeben gemeinsam den zentralen kleinen Innenhof. Damit wäre das „Courtyard“ im Namen auch geklärt. „Ji“ heißt wohl Schilf, wovon es hier aber keines mehr gibt. Das Hotel liegt im Bereich der Altstadt von Peking, vielleicht drei Kilometer vom Platz des Himmlischen Friedens entfernt in nördlicher Richtung. In dieser Gegend nennt man die kleinen Gassen „Hutong“. Und so liegt mein Hotel im Shaluo Hutong. Die Sträßchen sind so eng, dass man dort kaum mit dem Auto durchkommt und am besten Fahrrad fährt (siehe mein Artikel) oder einfach läuft. Eigentlich ist es wie in Deutschen Altstädten auch: eng und gemütlich und hier findet man die interessantesten Läden. Es ist eine kleine Welt für sich, abseits der großen verstopften Straßen. Hier gibt es Imbissbuden, Wäschereien, Fahrradreparateure, Restaurants… kurz, es gibt hier alles, was es im glänzenden Großstadt-Peking auch gibt. Nur eben eine Nummer kleiner.

2015 peking (185) shaluo hutong ji house

Das Frühstück bei den Li’s ist einfach, aber gut. Da ich in fremden Ländern immer die lokale Küche bevorzuge, habe ich mich auch hier für das chinesische Frühstück entschieden. Man kann wohl auch ein Europäisches haben, ist dann aber selbst schuld, wenn es nicht schmeckt (schon mal in einem deutschen Gasthof ein chinesisches Frühstück bekommen?!). Immer dabei ist das heilige Triumvirat aus warmer Suppe, Dumplings und Eierspeise. Im Detail kann es dann eine Art Müslisuppe mit Früchten und weichen Nüssen sein (Laba Reisbrei). Oder eine Congee-ähnliche Reissuppe mit Mais. Und immer ist eine Tasse Sojamilch mit dabei. Die Dumplings sind helle, weiche, gedämpfte Klößchen mit Fleischfüllung. Und Ei-mäßig gibt es fast immer ein luftiges Omelette und ein gekochtes oder gebackenes Ei. Nicht zu vergessen die salzig deftigen Mixed Pickles, die man sich ins Brötchen oder die Suppe streuen kann. Hinterher ist man echt fit für eine lange Tour durch die Stadt!

2015 peking (111) ji house frühstück

Betrieben wird das Gästehaus wie schon erwähnt von Herr Li und seiner Frau. Sein Neffe Tony („speak english driver“) hatte mich vom Flughafen abgeholt und dabei non-stop von Germany geschwärmt. Ein angestelltes Mädel spricht sehr gut Englisch und ist auch die meiste Zeit anwesend. Alles Wichtige sollte man mit ihr besprechen, da die Li’s leider kein Englisch können. Ich halte das Ji House Guesthouse für eine ideale Unterkunft, um Peking zu erkunden. Von hier ist es nicht weit bis zum Drum Tower, dem Lama Tempel oder dem Tempel von Konfuzius. Selbst wenn man abends völlig erschlagen zurückkommt, findet man nicht weit an der nächsten größeren Straße eine große Auswahl an Restaurants. Ein Fahrrad bekommt man gratis geliehen, damit lässt sich hervorragend die Stadt erkunden. Ebenso organisieren sie den Flughafentransfer oder einen Ausflug zu Großen Mauer (siehe mein Artikel).

Trockene Schnecken, fiese Eier-Congee und Hong Kong Gans

Bei manchen Hong Konger Geschäften steht man als Langnase etwas ratlos davor und fragt sich, ob das nun ein Lebensmittelgeschäft oder eine Apotheke ist. Beides trifft wohl zu, wenn man das Sortiment betrachtet. Die sagenumwobenen Schwalbennester und die ebenfalls extrem teuren Abalone-Schnecken befinden sich sogar noch innerhalb meines Horizonts, da man sie in gehobenen Restaurants ebenfalls angeboten bekommt. Bei getrockneten Riesenraupen, Seegurken, Seepferdchen und anderem Gekreuch und Gefleuch greift zum Glück die automatische Hirnblockade – das möchte ich mir nicht mal gekocht vorstellen…

So genau konnte es mir keiner sagen, da die Inhaber dieser Läden sehr traditionell erscheinen und kein Englisch sprechen, aber ich vermute mal, dass all dieses Zeug bevorzugt zerrieben und in den Tee gerührt wird.

Anstatt mir potenzfördernde Wundermittel reinzuziehen, habe ich heute morgen zunächst ein klassisches Congee gegessen, das Lieblingsfrühstück der Hong Kong Chinesen.

Es besteht aus zerkochtem, dünnem Reisbrei, der mit allerlei Zutaten aufgepeppt wird. Ich konnte es mir nicht verkneifen und habe die Variante „Schwein und Tausendjährige Eier“ bestellt. Schwein schmeckt wie Schwein, die Tausendjährigen Eier scheinen dagegen das Produkt der Chinesischen Gier nach immer neuen Geschmacks-Stimulationen zu sein. Es ist einfach eklig. Allein die Konsistenz erinnert an grün-schwarzen Pudding, welcher eine geschmackliche Partnerschaft mit Schwefel eingegangen ist.

Ein weiterer Klassiker, den man aber bedenkenlos empfehlen kann, ist Dim Sum. Das sind kleine gedämpfte Teiglinge mit verschiedener Füllung, wozu gern Tee gereicht wird. Die Verzehrzeiten von Dim Sum richten sich in etwa nach den Regeln des Deutschen Weißwurst-Gesetzes, also bis maximal 11 Uhr vormittags. Im Laufe des Tages kam ich an einem Teehaus vorbei, welches in einem großen Park lag. Dort habe ich mir dann einige Dim Sum und natürlich Tee bestellt. Lecker, erfrischend und belebend. Die chinesische Variante des englischen 5 o’clock tea (denn so genau nimmt man es hier mit den Zeiten nicht).

Auf der Inselseite von Hong Kong fahren in kurzen Abständen Straßenbahnen von der Ost- zur Westseite der Insel und wieder zurück. Man steigt einfach hinten ein, fährt so lange mit, wie man möchte, und steigt vorne beim Fahrer wieder aus, wo man auch gleich bezahlt. Jede Fahrt kostet 2,30 HK Dollar, was unglaublichen 20 Eurocent entspricht. Deswegen eigenen sich die Metallbehälter für den Münzeinwurf hervorragend, um Schwermetall loszuwerden.

Die Fahrt in diesen Doppelstöckigen Trams ist alleine schon wegen dem Fahrtwind äußerst angenehm. Man lässt sich so lange herumfahren, bis einem die Gegend wieder vielversprechend aussieht und sich ein Bummel zu Fuß anbietet. Während des gebummels kommt man ganz automatisch an diversen Imbissständen vorbei. Anstatt Nierenspießen und Nackenkoteletts gibt es hier folgendes:

Fischbällchen am Spieß, ziemlich schwammig und fischig. Aber nicht das „Käpt’n-Iglo-fischig“, sondern eher das „seit-vielen-Tagen-tot-fischig“.
Ausserdem gab es noch:

Hautfetzen am Spieß. Das sah recht lecker aus, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als der Spieß in heißes Wasser statt in Öl getaucht wurde. Es war also ein labberiges Vergnügen, dank der Chili-Erdnuss-Sauce aber deftig scharf.

In Hong Kong wird übrigens viel Gans gegessen, so als wäre jeden Monat Sankt Martin. Ein Traum. Dass man sie traditionell lauwarm isst, erklärte mir der befrackte Ober des „Yung Kee Restaurant“ in der Wellington Street. Ich bestand auf Mikrowelle. Gans muss heiß sein.

Nach diesem leckeren Abschluss-Essen ging es dann abends zurück zum Hotel. Schnell die verschwitzten Klamotten umgezogen und dann per Airport Express ab zum Flughafen. Der Nachgeschmack der Gans lag mir noch vollmundig auf der Zunge, als ich schon lange wieder im Flieger saß und der unvermeidliche Airline-Pamp auf meinem Tablett landete…

Fazit: Hong Kong macht Laune und ist einfach zu bedienen.

Auf dem Gipfel gibt es Shrimps

Die richtige Restaurantplanung für eine unbekannte Stadt ist schwierig. Selbst wenn man sich vorher schlau gemacht hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass genau dann, wenn der kleine Hunger kommt, keine dieser Lokalitäten in Reichweite ist. Wer sich dann noch gern durch die Stadt treiben lässt, und es dem Zufall überlässt, wo er mittags oder abends gerade ist, der muss sich eben anderweitig behelfen. Also lautet mein erstes Motto: nicht gleich am nächstbesten Stand vollstopfen, sondern immer eine Magenecke freilassen. Man weiß ja nie, was noch kommt! Und das zweite lautet: keine Gelegenheit auslassen. Denn ein zweites Mal kommt man bestimmt nicht mehr vorbei.

Auf das Restaurant, welches ich nachmittags als nächstes besucht habe, trifft ebenfalls ein Motto zu, beziehungsweise ein Filmzitat. Es ist ja so, dass man bei vielen Restaurants von außen versucht zu beurteilen, wie das Essen drinnen wohl schmecken mag. „Das Leben ist wie eine Praline, man weiß nie, was man bekommt“, wusste schon Forrest Gump…
So war ich essen bei „Bubba Gump Shrimp Co“.


Seit 1999 stelle ich mir die Frage, ob diese Kette tatsächlich existiert oder nur wegen dem Film erschaffen wurde. Es ist wohl eher letzteres. Das Ambiente ist klasse, überall Zitate aus dem Film und ein Schild an jedem Tisch: „Run, Forrest, Run“ bzw. „Stop, Forrest, Stop“ um die Bedienung herzubeordern. Ich habe mir eine Mischung von diversen Shrimps mit Saucen bestellt. Wer den Geschmack frischer Shrimps – oder Crevetten, oder Gambas – unauslöschbar im Kleinhirn hat, wird von den hier gebotenen enttäuscht sein. Sie schmecken nach nichts, mehr lässt sich dazu nicht sagen, selbst Surimi hat mehr Geschmack.
„Ich bin vielleicht nicht schlau, aber ich weiß, wie Shrimps schmecken“, möchte ich an dieser Stelle Herrn Gump noch einmal frei zitieren.

Grandios ist jedenfalls ohne Einschränkung der Blick auf die Stadt Hong Kong und ihre Bucht, wenn man vom „Victoria Peak“ einen Blick ins Tal wirft. Das sind immerhin 550 Höhenmeter, man möchte es kaum glauben. Stünde der höchste Wolkenkratzer Hong Kongs (das International Commerce Center, 484 m, links hinten Bild) nicht auf der anderen Seite der Bucht, könnte man den Bewohnern des obersten Stockwerks in die Küche schauen.

Ähnlich wie Anno dazumal im indonesischen Bandung haben sich auch hier oben in luftiger Höhe des Berges bevorzugt die Kolonialherren breit gemacht, da das hiesige Klima einfach besser für den Teint war. Statt den Gouverneuren Ihrer Majestät regiert auf dem Berg heute der Geldadel. Die Grundstücke sind so ziemlich das Teuerste, was man sich weltweit kaufen kann.

Runter ging es für einen Euro mit dem Bus und dann wieder rüber aufs Festland mit der Star Ferry für 30 Cent. Der Nahverkehr ist hier unschlagbar günstig. Selbst die hochmoderne Metro (MTR) kostet unter einem Euro für eine mittlere Strecke. Abends ging es wieder zur Temple Street. Diesmal recht unspektakulär: Auberginen mit Hackfleisch und Knobi sowie Muscheln in dicker Sauce. An diesem Punkt erkennt man, dass Chinesen und Deutsche wenigstens die Vorliebe für dicke, kräftige Saucen teilen. Und für Fleisch. Und für Bier. Das könnte der Anfang einer langen Freundschaft werden. Wenn sich die Chinesen das Schmatzen abgewöhnen. Und wir Deutschen die Vorzüge von Quallensalat entdecken.

In den Schluchten der Stadt

Wer ohne Frühstück vormittags vor die Tür tritt, der wird erst einmal vom Klima kräftig zurückgetreten. Nach wenigen Augenblicken schon klebt das Shirt am Bauch und die Haare im Nacken. Jedenfalls im August ist das so; im Winter sollen hier angeblich Menschen mit Jacken herumlaufen.

Und dann diese Häuserschluchten – das sah abends nicht so riesig aus. Wem Frankfurter Straßenschluchten schon imponieren, der sollte besser nicht nach Hong Kong reisen. Diese Enge und diese schiere Masse an Beton und Klimaanlagen, das habe ich so weder in Singapur noch in Mumbai erlebt. Möglicherweise sehen die Straßen von Manhattan auch so aus, aber von New York einmal abgesehen sucht dieses Panorama seinesgleichen.
Es herrscht tagsüber ein unwirkliches Dämmerlicht in den Gassen, da man sich im Prinzip auf dem Boden einer Schlucht bewegt, die kaum ein direkter Lichtstrahl trifft…
Tja, Taunus-Boy meets Großstadt-Dschungel.

Die Straßen sind verhältnismäßig klein und schmal, außer Taxis sind kaum andere Autos unterwegs und diese fahren diszipliniert. Es gibt funktionierende (und beachtete) Fußgängerampeln und jede Menge überdachte Fußgängerbrücken. Diese durchziehen die halbe Stadt, so dass man weder einen Sonnenbrand bekommt, noch zur Regenzeit nass wird. Die praktischste Einrichtung ist sicherlich die Riesen-Rolltreppe. Hier machte man gleich Nägel mit Köpfen und zog diese Rolltreppe vom untersten Stadtteil stracks hinauf, bis auf halbe Höhe des Hausbergs. Morgens fährt sie abwärts, den Rest des Tages dann immer aufwärts. Sehr praktisch für alle Anwohner, denn die Steigungen sind hier enorm.

Es gibt noch eine andere klassische Fortbewegungsart, um hochzukommen. Das ist die Peak-Tram – eine der erste Straßenbahnen der Welt  – welche nahezu in Falllinie den Hang hinauf zum höchsten Punkt des Hausberges fährt. Sie frisst eine Steigung weg, dagegen sehen die Cable Cars in San Francisco aus wie Spielzeugeisenbahnen.

Mein erster Frühstücks-Stopp, da war es leider schon 11 Uhr, führte unter genau einer dieser erwähnten Rolltreppen in ein, wie könnte es anders sein, winziges Restaurant. Wie so oft habe ich auch hier nicht die Spezialität des Hauses bei Bestellen erwischt, sondern mich für Dim Sum entschieden. Dass man etwas Ungewöhnliches bestellt hat, das scheinbar nicht die Stärke des Kochs ist, merkt man immer dann, wenn das Essen so lange auf sich warten lässt, dass später gekommene Gäste in der Zwischenzeit schon beim zweiten Gang sind. Die zwei Dim Sums waren trotzdem gut, beide mit einer Variation von Shrimps. Dazu ein erfrischender Grüner Tee mit Lime und Eis.

Ein Wort zu Klimaanlagen. Es ist schwer zu beschreiben, aber vielleicht hilft folgendes Bild: Wenn ich in den Bergen nach dem Skifahren eine Hütte betrete, dann beschlagen die Brillengläser. Wenn ich in Hong Kong wieder auf die Straße trete, passiert das selbe. Die Stärke der Klimageräte ist immens. In dem oben genannten Restaurant war sie so groß, dass ich die Tür von außen kaum nach innen öffnen konnte, wegen dem Überdruck auf der anderen Seite.

Knurpsige Zungen in der Temple Street

Das Hotel „Imperial“ habe ich wieder einmal – ähnlich wie in Mumbai – in einer etwas zwielichtigen Gegend gebucht. Könnte auch am Preis liegen, dass das immer so ist, fällt mir gerade ein. Schlappe hundert Euro kostet hier die Nacht im winzigen Einzelzimmer, von billig kann hier eigentlich keine Rede sein. Für Hong Konger Verhältnisse leider schon. Es ist so klein, dass ich nirgends den Koffer vollständig aufklappen kann. Dafür besitzt es ein Fenster, dachte ich zumindest im ersten Moment hocherfreut. Aber hinter dem Vorhang was nur ein halbhohes Milchglasfenster, das nicht aufging. Ansonsten hätte ich hier vom 17. Stock eine prächtige Aussicht gehabt: auf die nächste Häuserwand, voll mit Klimageräten.

Das mit der zwielichtigen Gegend ist so eine Sache. Nicht dass es mich stört, immer wieder auf Haschisch, Copy-Rolex und Ladies angesprochen zu werden. Es ist der Gegensatz, der hier herrscht. Im Stadtteil Kowloon finden sich Hotels von der Backpacker Liga bis zur Deluxe Kategorie. Keinen Steinwurf weit entfernt liegen beispielsweise sowohl das Chungking Mansions als auch das Peninsula Hotel, das in der überobersten Liga spielt. In Mumbai war es dafür das berühmte Taj Mahal Palace, das gleich um die Ecke meiner Bruchbude lag. Und während ich das gerade so schreibe, fällt mir ein, dass auch der Frankfurter Hof am oberen Ende der Kaiserstraße liegt, welche für ihren – äh – „internationalen“ Charakter bekannt ist. Sollte diese unheilige Verbindung etwa gewollt sein…?

Da ich wusste, dass etwas nördlich der Nathan Road, wo mein Hotel war, die Temple Street liegt, habe ich mich gleich nach dem Einrichten des Zimmers auf den Weg dorthin gemacht.

Diese Straße wird abends gesperrt und im Handumdrehen in einen Markt für Krimskrams verwandelt. Der Krimskrams ist austauschbar (verkauft wird das übliche kopierte Zeug), die Imbiss-Stände jedoch nicht. Man sitzt auf diesen kleinen Plastikhockern an Tischen und bestellt sich entweder von der Karte oder man zeigt direkt mit dem Finger auf den noch lebenden Inhalt eines Aquariums. Da die Chinesen verrückt nach Seafood sind, ist die Auswahl entsprechend groß: Muscheln verschiedener Sorte, Schnecken, Krabben, Krebse, was man will. Trotz billiger Anmutung ist das Essen kein bisschen billig. Fünf bis sieben Euro pro Portion muss man rechnen.

In fremden Ländern lautet meine Regel: „Gegessen wird, was noch nicht auf dem Tisch war“. An diesem Abend waren das frittierte Entenzungen und diese länglichen Muscheln mit Rüssel. Beides lecker, aber auch nicht spektakulär. In den Zungen steckte noch ein Knorpel, den man entweder mitessen oder wieder ausspucken musste.

Später am Abend lief ich noch auf dem Rückweg zum Hotel an einem BBQ Restaurant vorbei. Beziehungsweise, versuchte daran vorbeizugehen. Da das unmöglich war, konnte ich noch eine Portion Barbecue Pork als Nachtisch genießen. Es war leider etwas kühl und auch schon nicht mehr so saftig, aber dafür zart und geschmackvoll.

Hong Kong Touchdown

Hong Kong ist wie Frankfurt, hat nur mehr Hochhäuser. Hong Kong ist erst recht wie Jakarta, nur sehr viel sauberer. Oder eigentlich ist Hong Kong wie Singapur, nur wichtiger. Aus dem Flugzeug betrachtet ist der Unterschied jedenfalls schnell zu erkennen: während man in Jakarta das Gefühl hat, auf einem braungrünen, abgelutschten Bolzplatz zu landen, denkt man in Hong Kong, dass der Flieger gleich eine Notlandung auf dem Wasser macht. Man rauscht förmlich ein paar hundert Meter über die Wellen, bevor es kurz ruckelt und die Turbinen auf Umkehrschub schalten. Der alte Hong Konger Flughafen lag mitten im Stadtteil Kowloon, entsprechend gehörte der Anflug zu den schwierigsten der Welt. Jetzt, nachdem neben einer vorgelagerten Insel auf neu gewonnenem Land ein neuer Flughafen gebaut wurde, ist die Sache wesentlich einfacher.

Ebenfalls eine einfache und komfortable Sache ist der Airport Express. Eine Art S-Bahn, deren Fahrplan selbst der größte Depp begreift. Einsteigen und los geht’s, es gibt keine falsche Richtung und alle Stationen werden durch blinkende Punkte und Bildschirminformationen angekündigt. In der Stadt angekommen, steigt man in den Shuttle Bus, der inklusive ist und einen bis fast vors Hotel fährt. Hiervon könnte sich der Frankfurter Flughafen mal was abgucken. Dort steige selbst ich als Einheimischer nach einem langen Flug schon mal in die falsche S-Bahn… Ein Ausländer kommt möglicherweise gar nicht soweit, denn die Gleise sind gut versteckt und die Ticket-Automaten nur mit Germanistik-Studium zu bedienen.