Im Dschungel von Sumatra

Ich erinnere mich daran, als kleiner Junge früher im Fernsehen einen Werbespot für ein bestimmtes Parfum gesehen zu haben. Es hieß „Sumatra Rain“ und wie ich gerade gegoogelt habe, gibt es das immer noch. Die Werbung bestand hauptsächlich aus einem langen Flug über den tiefgrünen, dampfenden Dschungel von Sumatra. Oder vielleicht war es auch nur der Bayerische Wald, so genau sieht man das von oben schließlich nicht. In meiner Phantasie tobte unter dem Blätterdach jedenfalls das pralle Leben und die vielen Affen, Papageien und Säbelzahntiger warteten nur darauf, von mir entdeckt zu werden. Außerdem war ich großer Fan des Marsupilamis. Und wer das kennt, der weiß, dass der Urwald voller Abenteuer ist und man an jeder Ecke vollreife Früchte pflücken kann. Soweit mein Kopfkino.

20 Jahre später. Nachdem ich die letzten beiden Jahre beruflich häufiger in Indonesien unterwegs war, formte sich der Entschluss, auch unbedingt einmal den Urwald zu besuchen. Was weiß man schon groß über Sumatra? Dass es eine riesige Insel ist, die zu Indonesien gehört. Dass dort Orang-Utans leben. Und wer ein bisschen die Nachrichten verfolgt hat, dem wird vor allem die nördliche Provinz Aceh aus zwei Gründen etwas sagen. Zum einen hausen dort die islamistischen Fundamentalisten, die gelegentlich mit der Machete für Gottesfurcht sorgen. Zum anderen schlug hier der Tsunami von 2004 ein.

Nach einiger Recherche im Netz habe ich mich entschieden, ausgehend von Ketambe eine geführte Tour zu buchen. Man muss ein wenig aufpassen, worauf man sich einlässt. Es wird in dieser Region leider auch viel Schindluder mit Touristen und Affen betrieben. Man karrt sie haufenweise zu Aufzuchtstationen für ausgewilderte Orang-Utans, wo diese regelmäßig gefüttert werden. Die Affen. Wie „natürlich“ das ist, wenn ein paar Affen um einen Berg mit Bananen streiten, während sie von Touristen fotografiert und begrapscht werden, das sei einmal dahingestellt. Aber zumindest haben diese Affen ein wie auch immer geartetes Leben, während ihre freien Artgenossen langsam aber sicher dezimiert werden.

Im Dorf Ketambe ist das anders. Hier gibt es das „Friendship Guesthouse & Restaurant“, welches durch tatkräftiges Engagement des Deutschen Uwe Richter aufgebaut wurde. Betrieben wird es von Ahmad, der dort als Concierge, Koch und Organisator tätig ist. Das Dorf liegt am Rande des Gunung Leuser Nationalparks mitten auf Sumatra. In etwa dort, wo im Werbespot das Flugzeug drüber geflogen ist, da bin ich mir sicher. Die Anreise erfolgte in meinem Fall zunächst über Singapur, wo sowieso alle Langstreckenflüge runterkommen und nach einem kleinen Hoppser mit einer lokalen Fluggesellschaft ist man dann schon in Medan. Diese Stadt ist – wie die meisten indonesischen Städte – ein Millionendorf. Riesig und hässlich. Als nächstes bucht man sich einen Platz im Sammeltaxi und schon ist man nach einem Tag schaukeliger Autofahrt in Ketambe. Ein Tipp an alle Nachmacher: bringt euch eine Musikkassette mit eigener Musik mit! Der Fahrer hat möglicherweise nur eine einzige, von der möglicherweise auch nur eine Seite funktioniert und möglicherweise gefällt es nicht jedem, 8 Stunden lang Sumatra-Techno zu hören.

Irgendwann ist aber auch dieser Höllenritt über verkraterte Sandpisten vorbei und man hat nach zwei Reifenpannen und einer Mittagspause Ketambe erreicht. Ausgehend von hier finden die Touren mit einem einheimischen Guide statt. Ich hatte das große Glück, mit John F. Kanedi reisen zu dürfen. Am Namen kann man in etwa sein Alter abschätzen, denn wen seine Eltern bewunderten, ist wohl klar. Mit ihm bin ich drei Tage mit Zelt und Rucksack bergauf und bergab durch den Regenwald gelaufen.

Gleich neben dem Dorf führt ein Weg in Richtung Wald. Bevor wir einsteigen ist erst noch ein kleiner Bakschisch an die irgendwo herumlungernden Parkwächter zu zahlen. Eigentlich ist das schon im Preis mit drin, aber die Praxis sieht nun einmal anders aus. Momentan ist hier aber alles ruhig, wie John meint. Früher, während der Terroraktionen der Islamisten ist er jedoch aus Angst um sein Leben lieber geflüchtet. Die Logik der mordenden Banden war bestechend: er habe mit weißen Touristen zu tun, folglich ist er steinreich und solle gefälligst zahlen, sonst Arm ab.

Länger als eine Viertelstunde haben wir die T-Shirts nicht anbehalten. Es ist heiß, es ist feucht, wir krabbeln über Stock und Stein und der Schweiß fließt in Strömen. Ich habe noch heute als Souvenir meine durch den Schweiß verfärbte und zersetzte Trekkinghose im Schrank liegen. Die Geräuschkulisse ist einmalig. Man betritt den Urwald fast so, wie man eine Kirche betritt: viele laute Geräusche werden gedämpft, die leisen werden jetzt erst hörbar. Sonnenstrahlen, die zwischen den Urwaldriesen den Boden erreichen, verdeutlichen den enormen Temperaturunterschied zwischen Licht und Schatten. Wir folgen dem Trampelpfad hinein ins Grüne.

Um Affen zu finden, gibt es zwei Möglichkeiten: man folgt den lauten Rufen, die durch ihr Echo verstärkt über weite Entfernungen zu hören sind. Oder man folgt ihren Exkrementen. Gerade Orang-Utans haben einen durchdringenden Geruch, der von ihren verdauten Früchten ausgeht. Ein kurzer Blick nach oben, und schon sieht man den peinlich ertappten Affen. John ist ja ein braver Guide mit Respekt vor den Tieren. Er hört auf zu rauchen, wenn wir in ihre Nähe kommen und bedeutet mir, ruhig zu sein. Andere Guides würden mit Ästen gegen die Bäume schlagen, um die Affen aus der Reserve zu locken, sagt er. Die Touris sollen ja was geboten kriegen, und wenn es nur ein flüchtender Orang-Utan ist.

Wir haben nur zweimal das Glück, einen Menschenaffen zu sehen. Und eine der Begegnungen verläuft etwas stressig, da es sich um eine Orang-Utan Mutti mit Baby handelt. Und diese hatte wohl in der Vergangenheit schon schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, so dass sie jetzt einen Höllenradau veranstaltet. Schließlich schwingt sie sich hoch über unsere Köpfe, reißt einen armdicken Ast ab und wirft ihn nach uns. Diese Tiere haben eine schier unvorstellbare Kraft.

Unser Lager schlagen wir am Flussufer auf. Da wir nur zu zweit sind, reicht ein Kuppelzelt und draußen eine Decke als Wohnzimmer. Ruck zuck haben wir ein Feuer entzündet und John fängt an, das Flusswasser abzukochen. Ich habe dieses leicht rauchig schmeckende Wasser und den daraus zubereiteten Tee drei Tage lang getrunken und hatte keinerlei Probleme. Das Essen wird im Wok über dem offenen Feuer zubereitet und John macht eine Nudelpfanne oder Dschungel-Pancakes. Es ist erstaunlich – der Tag ist mit den wenigen Aktivitäten vollkommen ausgefüllt. Wir genießen die Ruhe, beziehungsweise die sich langsam ändernde Geräuschkulisse des Waldes bei Einbruch der Nacht und hauen uns dann aufs Ohr.

Am nächsten Morgen werden wir unsanft geweckt, das ganze Zelt wackelt und lautes Gekreische umgibt uns. Ich schrecke auf, schaue rüber zu John und denke, er steht draußen am Zelt und erlaubt sich einen Spaß. Leider liegt er auf der anderen Seite und schaut mich genauso entgeistert an. Wir stürmen raus und das Rätsel ist schnell gelöst: hungrige Affen toben im Baum über unserem Zelt und wollen uns von den knackigen Gourmet-Blättern vertreiben, die es hier zu holen gibt. Um das zu unterstreichen, werfen sie alles nach uns, was sie in die Finger bekommen. Und das sind auch abgestorbene, kiloschwere Baumstümpfe, die sie von oben auf uns herunter plumpsen lassen. Kriminelle gewitzte Viecher, unsere nächsten Verwandten.

Das war eindeutig zu viel Aufregung gleich am frühen Morgen. Jetzt erst mal hinein in die heißen Quellen am Fluss, um wieder zu relaxen. Sumatra und eigentlich ganz Indonesien ist vulkanisch heftigst unterwegs. Alle Nase lang bricht irgendwo ein Vulkan aus und so kommt es, dass es hier auch viele heiße Quellen gibt. Wo diese sich mit dem kühlen Flusswasser vereinen, haben Generationen vor uns schon kleine Bassins aus Steinen gebaut, in denen es sich hervorragend kuren lässt. Einmal ist wohl eine Touristin zu nahe an der Quelle ins Wasser gefallen… das sollte man vermeiden.

Auch vermeiden sollte man es, zu lange auf dem selben Fleck Urwaldboden stehen zu bleiben. Denn dort lauern schon die Leeches, die Blutegel. Sie recken sofort gierig ihren Körper in die Höhe, wenn Sie warmes Blut im Umkreis von drei Metern riechen. Auch ohne Augen kriechen sie zielsicher auf einen zu und wetzen schon ihr Mundwerk. Zum Glück tragen wir so eine Art Säcke, welche die Füße bis hinauf zu den Waden bedecken. Dort kommen sie nicht durch. Trotzdem musste ich John einmal von so einem vollgesogenen Ding an seinem Rücken befreien. Wo die nicht alles hineinkriechen, wenn man nicht aufpasst.

An diesem Tag haben wir den Fluß zweimal überquert. Einmal auf einem glitschigen Baumstamm und einmal fast nackt durchs Wasser mit den Klamotten auf dem Kopf. Die Strömung hat es in sich und so müssen wir zwei Leichtgewichte uns ordentlich gegen die Strömung stemmen, um nicht weggespült zu werden. Am anderen Flußufer laufen wir gleich Barfuß weiter und ich merke, warum wir Menschen einst von den Bäumen gestiegen sind: unsere Füße sind perfekt dazu geeignet, um sich auf dem weichen Waldboden fortzubewegen.

Auf einer Lichtung mit Wasserfall machen wir eine Pause. Die Sonne bricht sich einfach zu perfekt in den zerstäubenden Tropfen. Es flirrt und flimmert in der Luft, dass es eine Freude ist. Wäre ich eine Wasserratte, dann würde ich jetzt kopfüber am Fuße des Wasserfalls einfach hineinspringen. Aber im Schatten ist es plötzlich gar nicht mehr so warm und wir entscheiden uns, zurück zum Lager zu gehen.

Kurze Zeit später treffen dort drei merkwürdige Gestalten ein. Es sind ein paar junge Kerle, Vogelfänger aus dem Dorf mit Macheten im Gürtel. John kennt sie, hat aber kein gutes Wort für sie übrig. Wir sind beide froh, als sie wieder abziehen. Als es dunkel wird, fallen ein paar Regentropfen und wir machen ein Feuerchen aus speziellem Holz. John sucht dafür einen ganz bestimmten Baum und bricht einen Zweig ab. Das Holz ist dermaßen mit Harz getränkt, dass es auch im frischen Zustand und sogar bei Regen brennt, erstaunlich.

Diese Nacht verläuft ruhig und so können wir am letzten Tag frisch und erholt losmarschieren. Unterwegs kommen wir an Bäumen und Schlingpflanzen vorbei, deren Struktur so massiv wie die Takelage eines Segelbootes ist. Breite Wurzeln und starke Lianen kämpfen gegeneinander, bis der Baum in der Regel den Kürzeren zieht und stirbt. Auf diese natürliche Art entstehen im Dschungel immer wieder Schneisen im Dickicht durch eingestürzte Baumriesen. Dort haben dann wieder andere Arten eine Chance, das Tageslicht zu nutzen.

Nachdem wir giftige Schlangen, sich häutende Bäume, knospende Stinkblumen und blühende Schimmelpilze hinter uns gelassen haben, öffnet sich der Wald. Wir treten hinaus und ich bin erstmal sprachlos: eben noch dichter Urwald, kurz darauf stehe ich mitten in einer Plantage für Palmöl. Was einem ständig über die Medien gepredigt wird, scheint zu stimmen. Das Abholzen des Waldes für dieses Öl ist eine Tatsache. Den indonesischen Staat interessiert es eher wenig, dass er damit zulässt, dass die einzigartigen Orang-Utans von Sumatra immer weniger Lebensraum finden. Hier zählt nur das schnelle Geld. Wenn der Tourismus stärker wäre, hätten die Umweltschützer ein gutes Argument. Aber die Region ist einfach zu weit ab vom Schuss. Man kann förmlich zusehen, wie diese Dritte-Welt-Länder das Naturerbe der Menschheit vernichten. Da hilft auch das Trinken von ein paar Kästen Krombacher-Pils nichts. Nein, da hilft nur eins: hingehen, bevor es keinen Urwald mehr gibt.

8 Gedanken zu „Im Dschungel von Sumatra“

  1. Ich bin überwältigt! Danke für den tollen Bericht. Ich möchte auch unbedingt mal nach Indonesien reisen. Ich bin ein großer Asien-Fan und war in recht vielen Ländern, aber bis nach Indonesien habe ich es noch nicht geschafft.

  2. Hi,
    nette Tour, gut geschrieben.
    Ich hab so was ähnliches 1985 gemacht, zusammen mit meiner Frau und einem Freund. Ohne Zelt, ohne Guide. Gabs damals noch nicht. Wir durchquerten u.a. zwei Wochen die Gayo-Highlands bis Banda Aceh.
    Das volle Programm: Gorillas u.a. Monkeys, eenen Discher -nee, gefressen hat er uns nicht (er ist geflüchtet), übernachtet bei Einheimischen in Drei-Hütten-Weilern (auf dem Boden), gegessen was der Wald hergab.
    Denkwürdige Begegnungen mitten im Djungel, aber immer auf der sicheren Seite: unser Freund Eddi ist ein Hüne, sah aus wie Rambo und wurde überall höllisch respektiert! Und meine Frau ist Gott-sei-Dank nicht blond. Da blieb viel Ärger erspart. War dennoch ne harte Nummer. Aber wie immer – been there, done it, quit it …what’s next?
    bluesy greedz
    Verne

  3. Ich kann mich auch noch sehr gut an diesen Werbespot erinnern, obwohl ich noch recht jung war, als er ausgestrahlt wurde. Das war faszinierend und seitdem hatte ich den Traum, einmal dorthin zu reisen. Inzwischen war ich vier Mal auf Sumatra und bin jedes Mal wieder aufs Neue begeistert.

  4. richtig, ähh nein, falsch. Keine Gorillas (war ein Witz meiner Frau). Es waren Orang-Utan. Erst in der OU Aufzuchtstation, später dann wilde (ausgewilderte?).
    Schönes Fest und einen guten Übergang ins Neue, wünscht
    Verne

    1. Hi Susanne,
      erzähl doch mal, wie war die Tour? Was waren die Highlights? Ich erinnere mich immer wieder gerne an diesen Ausflug.
      Ciao,
      Mo

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