Segeln auf der Adria 14: Über das Ankern

Die schönsten Buchten sind die, wo niemand sonst ist. Außer mir. Das heißt, dort ist kein Hafen, kein Bojenfeld, kein noch so winziges Dorf mit überdimensionierter Anlegestelle für die Schnellfähre – einfach nur ein schöner Platz zum Verweilen. Und genau hier kommt der eigene Anker zum Einsatz! Im Unterschied zu den Segelrevieren in nördlichen Gefilden gehört das Ankern im Mittelmeer zur normalsten Sache der Welt. Es eröffnet einem nicht nur ruhige Buchten und mehr Rückzugsmöglichkeiten bei schlechtem Wetter, es ist auch schlicht und ergreifend kostenlos, sofern man sich von Bojenfeldern fern hält.

vor_anker_sonnenuntergang

Was braucht man jetzt, um mit ruhigem Gewissen vor Anker liegen zu können, auch wenn der Wind einmal auffrischt? Einen guten Anker natürlich. Und zwar nicht so Dinger, wie man sie von früher her kennt, sogenannte Stock- oder Admiralitätsanker, von der Sorte, wie Matrosen sie als Tätowierung tragen. Sie halten zwar auch gut, aber sie müssen unheimlich schwer sein, um ihre Vorteile ausspielen zu können. 80 Kg und aufwärts, damit sie sich in wirklich jeden Untergrund hineinkrallen können. Es gibt tatsächlich noch Segler, die solche Teile spazieren fahren, erst neulich wieder auf einem winzigen 24 Fuß Boot gesehen: Vadder beschließt, den Zweitanker wegen viel Wind auszubringen. Und was kommt zum Zug? Der nutzlose Stockanker im Miniaturformat. Aber gut, bei leichten Booten würde es zur Not auch eine ausrangierte Kloschüssel tun (viel zitiertes Gerücht über ankernde Schweden…). Abgesehen von Leuten, die sich nicht von altem Krempel trennen können, gibt es auch noch die wirklich harten Jungs, die solche Anker in extremen Revieren, wie z.B. der Arktis verwenden. Dort macht das wohl Sinn, ist aber für den Otto-Normal-Segler mal eher irrelevant.

Für normale Sportboot-Skipper kommen solche Ankermodelle also nicht in Frage und sie sind auch nicht nötig. Clevere Ingenieure haben sich schon längst etwas Neues einfallen lassen. Ich überspringe jetzt mal elegant 60 Jahre Ankerentwicklung, damit das hier nicht ausartet. Wer will, der kann das bei Wikipedia ausführlicher nachlesen. Am aktuellen Ende der Entwicklung stehen jedenfalls Anker, die aufgrund ihrer ausgefuchsten Bauform greifen und halten. Je nach Konzept graben sie sich wie ein Pflug oder wie ein konkaver Spatel in den Boden ein. Der Pflugscharanker ist mittlerweile auch schon wieder überholt, denn er pflügt bei viel Wind und Zuglast über den Boden, was man ja eigentlich verhindern möchte. So bleiben nur noch die Spatelförmigen Anker übrig, wenn wir von Allroundankern sprechen und nicht von solchen, die z.B. nur auf Sand gut halten wie der Plattenanker. Hier hat sich der Deutsche Rolf Kaczirek hervorgetan, der schon vor 20 Jahren den mittlerweile weltbekannten „German Bügel Anker“ erfunden hat. Über ihn wird viel Positives aber auch Negatives berichtet. Letztendlich lieferte er jedoch die Steilvorlage für den tatsächlich außergewöhnlich gut haltenden Rocna Anker. Dank des Überrollbügels fällt dieser Anker am Meeresboden von selbst in die beste Position, so dass er sich mit seinem spitzen Spatel sofort eingraben kann. Das Eingraben passiert bei Zug umgehend, in weichem Grund aber auch von allein. Der vorhandene Winddruck reicht oft aus, damit er sich nach einer Weile gesetzt hat. Die Hälfte der Yachten im Mittelmeer fährt so einen Bügelanker spazieren und diejenigen mit Rocna oder Spade Version (hat keinen Überrollbügel, funktioniert aber ähnlich) werden mehr und mehr. Der Rocna Anker unterscheidet sich in sofern vom Bügelanker, als dass er eine größere Schaufelfläche hat und außerdem konkav geformt ist. So setzt er auf Zug dem Boden mehr Widerstand entgegen als der relativ schmal gebaute Bügelanker. Das und ein paar weitere kaum sichtbare Unterschiede sorgen dafür, dass dieser Anker genau dort greift, wo er fallen gelassen wurde. Ich kann das nach vielen Wochen des Einsatzes nur bestätigen. Weiter als vielleicht 2 Meter schleift er nicht über den Grund, es ist beim Abtauchen schlicht keine Schleifspur zu sehen. Er greift und hält, fertig aus. Wie es bei Sturm ist kann ich nicht beurteilen, aber Böen bis zu Stärke 7 Beaufort bei seitlicher Belastung hat mein Anker problemlos ausgehalten. Ich muss dazu sagen, dass er überdimensioniert ist. Für mein 27 Fuß 3 Tonnen Boot habe ich mich für die gerade noch per Hand zu bedienende Version mit 15 Kg entschieden. Reichen würde der nächst kleinere Anker mit 11 Kilogramm, da bin ich mir mittlerweile sicher. Ihn mitsamt Kette und Dreckbatzen dran raufzuholen grenzt oft an einen Kraftakt, da habe ich mal gut und gerne 30 Kg am Haken (15 Kg Anker + 8 Kg 10 m Kette + X Kilo Dreck). Hängt dann noch ein altes Fischnetz dran, fehlt nicht mehr viel und man muss ihn liegen lassen… Da ich keine elektrische Ankerwinsch habe, müssen es die Armmuckis alleine reißen. Und denen sind eben auch Grenzen gesetzt.

rocna_anker

Jedenfalls, bei klarem Wasser kann man sich einen schönen sandigen Fleck aussuchen und den Anker punktgenau darauf landen lassen. Man kann darauf vertrauen, dass er später genau dort im Sand eingebuddelt zu finden ist. Es ist wirklich faszinierend zu beobachten, besonders wenn ich an die Ankerorgien damals auf Charterbooten mit schlechten Ankern zurück denke. Ich finde, die Charterfirmen würden sich selbst und auch ihren Kunden das Leben erheblich leichter machen, wenn sie in ordentliche, moderne Anker investieren würden. Und damit meine ich konkret Rocna, Spade oder eben wenigstens Bügel. Delta oder Kobra wäre auch Ok, alles besser als die immer noch oft zu sehenden Pflugschar und Bruce Anker.

klares_wasser

Natürlich spielt auch das Gewicht des Ankers eine Rolle. Aber es ist vor allem die Form der Fläche, die den Zug aushalten soll, wenn der Anker erst einmal eingegraben ist. Das Gewicht macht sich dagegen beim Eingrabevorgang bemerkbar. Ein schwerer Anker beißt sich noch durch Seegras hindurch, wo ein leichter Anker einfach drüber hinweg rutscht. Aus diesem Grund habe ich mich auch für das überdimensionierte 15 Kg Modell entschieden. Ich habe einfach keine Lust, nachts um halb 3 bei auffrischendem Wind zu spekulieren, ob der Anker jetzt wirklich gegriffen hat, oder ob er „nur so tut als ob“. Es schläft sich einfach besser mit mehr Kilos unter dem Kiel.

Alles, was ich hier so über den Rocna Anker schreibe, trifft sicherlich auch auf den Spade Anker zu. Er ist allerdings so abartig teuer, dass er bei mir leider durchs Raster fiel. Reichere Segler als ich haben aber netterweise das Testen übernommen und kommen zu dem Schluss, dass sie nichts anderes mehr brauchen. Siehe hier die Seite Morgans’s Cloud, die auch ansonsten sehr lesenswert ist. Alleine die Kommentare zu den Artikeln sind eine Fundgrube für sich, da allesamt von erfahrenen Seglern geschrieben und proppevoll mit Know How.
(Nachtrag: die Inhalte auf der genannten Seite sind jetzt leider kostenpflichtig geworden)

Außer einem Anker benötigt man noch Kette und/oder Leine, um das Boot mit ihm zu verbinden. In älteren Lehrbüchern (und erschreckenderweise auch in aktuellen!) findet man die Aussage, dass eine Länge der Kette von der 3-fachen Wassertiefe ausreichend sei. Nach aktuellem Wissen ist das jedoch viel zu wenig. Man sollte das 5-fache und bei ordentlichen Winden auch gerne das 7 bis x-fache stecken. Je länger das Seil/die Kette, desto flacher der Zugwinkel auf den Anker. Und das ist es, was ihn entweder immer tiefer eingräbt oder ausbrechen lässt. Leider haben viele Skipper von diesen Regeln noch nie etwas gehört. Sie lassen einfach einen unkontrolliert ausgerauschten Kettenberg auf den Meeresgrund herab, reißen sich dann die Klamotten vom Leib und springen ins Wasser. Argh! So jemand neben mir und der Abend ist gelaufen. Was passiert wohl beim nächsten kräftigen Winddreher? Er liegt weit entfernt von seinem genialen Ankermanöver und treibt fröhlich im Schwojkreis diverser anderer Yachten herum. Nur dass er von meinen 3 Tonnen nachts noch nichtmal geweckt werden würde, wenn er ein Charterdickschiff von um die 50 Fuß fährt, wie es mittlerweile gang und gäbe ist.

Um auf die Kettenlänge zurück zu kommen: das 3-fache der Wassertiefe wäre bei manchem Skipper schon eine gewaltige Verbesserung der Lage! Aber wie schon gesagt lassen sie oft einfach die Hälfte ihrer Kette (also 20 Meter) auf einen Haufen ausrauschen und harren der Dinge, die da kommen mögen. Ich hoffe dann immer, dass sie der Wind mitsamt ihrem gordischen Kettenknoten weit raus oder zumindest in Richtung der anderen Ankerlieger treibt.

adria_zelda_2013_ (530) ankern rocna

Ich selbst habe eine 6 mm starke Edelstahlkette an den Anker geschäkelt. Dann kommen 45 Meter Polyesterleine in 14 mm Dicke. Habe schon überlegt, eine 8 mm Kette zu verwenden, dort würde auch der schöne große Schäkel durchpassen, den ich liebend gerne mal irgendwo verwenden würde. Mein jetziger 6 mm Schäkel stellt ganz klar den Schwachpunkt des Ankergeschirrs dar. Die Leine verträgt um einiges mehr an Belastung, als es die Kette könnte, ganz zu schweigen vom Schäkel. Zum Thema Kette gibt es hier wieder Unmengen an Infos.

Die Kombination von Kette und Seil ist heute jedenfalls Stand der Technik. Zwar nicht wie bei mir, mit einem relativ kurzen Kettenvorläufer und dann einer langen Leine, sondern eigentlich umgekehrt. Aber so viel Kette möchte ich in meinem kleinen Boot einfach nicht spazieren fahren. Zumal ich das ganze Geraffel von Hand ausbringe und einhole, was mit Kette um einiges schwieriger ist. Viele Skipper sind aber immer noch der Ansicht, dass 100% Kette das einzig Wahre sind. Auch würde sie aufgrund ihres Eigengewichts dämpfend wirken und ein Einrucken des Ankers verhindern. Das ist mittlerweile widerlegt, eine Kette unter Vollast (bei Windstärken, die die wenigsten von uns je erleben) ist fast so steif wie eine Eisenstange. Lediglich bei wenig Wind wirkt sie dämpfend. Aber dann braucht man die Dämpfung auch nicht. Ein modernes Seil behält dagegen seine Elastizität auch unter Vollast. Wieviel Spiel hier möglich ist merkt man schon, wenn man sich einen Meter Leine schnappt und einmal mit aller Kraft daran zieht: es geht einiges. Und diese Federwirkung bewahrt den Anker davor, durch einen kräftigen Ruck aus dem Boden gerissen zu werden.

In einer normal überfüllten Mittelmeerbucht zeigt das Seil dann leider seinen großen Nachteil: der Schwojkreis des Boots ist um einiges größer als der von Yachten mit Kette. Zwar ist es eine Illusion, aus der auch die Ketten-Skipper aufwachen werden, wenn es mehr Wind gibt. Denn spätestens dann werden sie nicht mehr um ihre senkrecht nach unten zeigende Kette schwojen sondern um den Anker und damit Leben ins Ankerfeld bringen. Aber wann gibt es schonmal so viel Wind, dass das passiert? Eben. Das Seil fällt also flacher herab zum Anker als es eine Kette tut, und mehr als einmal fröstelte es mir, als wieder so ein 20 Tonnen Pott knapp an mir vorbeifuhr und mir um ein Haar die Ankerleine mitgenommen hätte.

5 Gedanken zu „Segeln auf der Adria 14: Über das Ankern“

  1. Hallo !

    Kann dir den Jambo-Anker empfehlen, er hat alle Vorzüge + („kaum“ Nachteile)
    welche man sich von einem Anker wünscht.

    Gruss Helmut

  2. Ja, den Jambo Anker habe ich hier in Marinas ab und zu auch an Charterbooten gesehen. Er war recht teuer und im Frühsommer nicht leicht zu beziehen, deshalb habe ich mich gegen ihn entschieden. Ausserdem wurde er in manchen Foren ziemlich „direkt“ beworben, was immer ein Geschmäckle hat. Ich halte ihn für einen guten Anker (vor allem auf Sand) und würde ihn gern mal testen. Aber mein Rocna macht den Job auch ohne zu klagen. Und hat bei ca. 3 mal Ankern pro Woche über einen Zeitraum von 10 Wochen immer gehalten. Fairerweise muss ich sagen, dass selten herausfordernder Wind herrschte. Aber sogar mit um den Anker gewickelter Kette im Kneul hielt er noch einigermaßen, was mich doch überrascht hat. Zu Beginn habe ich ihn immer abgetaucht, später dann nicht mehr. Er lag immer nahezu eingegraben oder zumindest so, dass er es bei mehr Zug tun würde.
    Ciao,
    Mo

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