Segeln auf der Adria 21: Antizipation, now!

Manchmal hat man ja nichts anderes zu tun, als sich Gedanken zu machen. Damit meine ich Bedenken und Sorgen, die das Boot betreffen. Besonders dann, wenn es nicht optimal liegt. Neulich war da so eine Situation. Ich kam nachmittags bei Flaute in einen kleinen Seitenarm der Luka Tiha Bucht hineingefahren. Es bot sich aufgrund der Enge an, mit Landleine vor Anker zu liegen. Hierfür suche ich mir die Leeseite der Bucht aus, werfe den Anker und nähere mich dann behutsam dem Ufer. Das ganze Manöver habe ich woanders schonmal ausführlich beschrieben. In Kürze: ich schwimme mit der Leine rüber zum Ufer, und wenn der Wind nicht dreht – wie in diesem Fall leider geschehen – reicht die Leine auch bis zum Land. Wenn nicht, ist hektisches Schwimmen angesagt. Meine Zelda mit ihren 3 Tonnen lässt sich gerade noch durch Schwimmen ziehen, falls wenig Wind ist. Kaum hatte ich den Fuß auf Grund gesetzt, konnte ich richtig ziehen und mein Böötchen in Postition bringen.

Jetzt war es nur leider so, dass in dieser Nacht ein größeres Gewitter im Raum Split angesagt war. Meistens kommen die Gewitter nicht weit über das Festland hinaus und auch in dieser Nacht blieb es auf der Insel Hvar, wo die Bucht liegt, bis auf ein paar Tropfen trocken. Das Leuchten der Blitze vom Festland ließ sich aber gut verfolgen. Gegen Wind aus nördlichen und südlichen Richtungen lag ich jetzt gut, direkter Westen und Osten würden mir aber eine volle Breitseite geben. Dummerweise lenkte das Ufer den Nordwest-Wind genau auf Westen. Das machte meinen schönen Liegeplatz etwas suboptimal. In gewissen Grenzen kann ich zwar über die beiden Leinen steuern, wie ich liege, aber 90 Grad wie ich es jetzt bräuchte oder auch nur 45 sind leider nicht möglich. Mein Boot konfrontierte den Wind also mit seiner gesamten seitlichen Angriffsfläche. Was tun… einige Optionen gingen mir durch den Kopf: Die Landleine lösen oder verlängern? Eine weitere Landleine ausbringen? Komplett den Anker einholen oder im Gegenteil die Leine verlängern? Was ist, wenn der Wind dreht, komme ich dann nicht dem Ufer zu nahe? Einen zweiten Anker ausbringen? Oder einfach abwarten was passiert?

cumulus_wolke

Schließlich dachte ich mir, anstatt hier nur herumzusitzen und nachzugrübeln, könnte ich ja mal anfangen, irgendwas zu tun. Also brachte ich zunächst eine zweite Landleine aus und verteilte den Zug auf beiden gleichmäßig. Später sollte ich mir noch ein Stück 3 m Kette kaufen und diese Schlinge über den Stein ziehen, dann rubbelt sich das Seil auch nicht auf. Anschließend dachte ich mir: gut, vorne hält schon mal bombig. Aber was ist mit dem Anker? Also kletterte ich ins Schlauchboot und nahm den uralten 11 Kg Anker mit, den ich seit letztem Jahr spazieren fahre, der hat wenigstens noch eine Kette dran. Rudern bei 6 Beaufort Wind ist schwierig, also hangelte ich mich zunächst an der Landleine entlang an Land, lief dort 20 m mit dem Dinghy im Schlepp und stieß mich dann vom Ufer ab. Das Einschätzen von Entfernungen ist schwierig… die Ankerleine hatte ich ja an Bord befestigt, so dass ich mich nicht weiter entfernen konnte, als sie lang ist. Trotzdem fiel der Anker viel zu spät. Beim Einholen der Leine stellte ich schnell fest, dass für so ein Manöver nächstes Mal wesentlich mehr Leine nötig ist. Schließlich holt man eine ganze Menge Leine ein, bis der Anker greift, zumindest dieses Modell aus Großvaters Zeiten. Ok, der Anker lag jedenfalls auf dem Grund, was aus psychologischer Sicht ein Pluspunkt war. Wirklich die Lage verbessert hat er, so im Nachhinein betrachtet, nicht. Der 15 Kg Rocna hielt mich auf der Stelle, mit knapp 40 m Leine draußen sollte das auch so sein.

Naja. Letztendlich hätte ich auch einfach abwarten können, was passiert. Denn falls die Landleine gerissen wäre, hätte ich ja immer noch am Anker gehangen. Und hätte der nicht gehalten, würde sich das langsam bemerkbar machen und nicht plötzlich. Zeit genug, die Landleine loszuwerfen und den Anker raufzuholen. Aber Übung macht den Meister. Und sowas mal bei Tageslicht unter blauem Himmel zu machen und nicht gleich mit schlotternden Knien bei Regen im Dunklen stärkt das Selbstvertrauen, dass man es auch unter schwierigeren Bedingungen hinbekommen würde.

Jedenfalls, mit „sich Gedanken machen“ und „Antizipieren“ meine ich genau das Durchspielen solcher Situationen. Es schadet nicht, sich haarklein vorzustellen, welche Handlungen nötig sind, falls dieses oder jenes Ereignis eintritt. Nur – verrückt machen darf man sich nicht. Sonst sollte man nicht ankern, sondern sich lieber ins nächste Bojenfeld verfügen. Andererseits, wie soll man jemals die Grenzen seiner Ausrüstung kennen lernen, wenn man immer gleich flüchtet? Bojen halten schließlich auch nicht immer, Vertrauen in das eigenen Ankergeschirr muss also vorhanden sein. Jetzt kann ich jedenfalls zumindest bis 6 Bft Wind beruhigt sein, dass der Anker sicher halten wird. Wie es bei mehr Wind aussieht? Hält wahrscheinlich auch, nur ausprobieren muss ich das erstmal nicht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.