Segeln auf der Adria 22: 34 ab Mitternacht

In Trogir habe ich endlich einen Friseur gefunden, der mir die Wolle stutzt. Mittlerweile sah ich aus wie ein Waldschrat, oder eher Seeschrat. So richtig bändigen ließen sich die Locken auch nicht mehr, selbst im nassen Zustand wollten die immer irgendwohin fluppen. Heute um Mitternacht werde ich 34. Und morgen kommt auch noch Damenbesuch vom Flughafen, also mehrere Gründe, sich wieder zivilisiert zu geben.

haare_baby

Da sitze ich nun in der Nähe von Split auf meinem Bootchen, das Wetter ist durchwachsen, die nassen Wolken wabern den Berghang herunter und feiere alleine in meinen Geburtstag hinein. Wie kam es eigentlich dazu? Im Gegensatz zur Ostseereise letztes Jahr habe ich diesmal die Adria Blogeinträge direkt starten lassen, ohne Vorgeplänkel mit weshalb und weswegen. Vielleicht ist das jetzt die richtige Stelle, um einmal zurück zu schauen.

Ein Ding ergab das andere. Im Job war ein mehr oder weniger toter Punkt erreicht. Das Management hat es nach wie vor nicht hinbekommen, eine gewisse Kontinuität und Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit der Firma zu schaffen. Die Mitarbeiterfluktuation war hoch und ich nur einer von vielen, die sich für einen Abgang entschieden. Obwohl der Laden klein ist, schien es niemanden ernsthaft zu stören, langjährige Mitarbeiter mit dem mühsam erarbeiteten Spezialwissen zu verlieren, ganz gleich aus welcher Abteilung. Ein kurzer Händedruck, ein wenig Herumgeplänkel, warum und vor allem wohin man denn nun so plötzlich gehen wolle, das war’s. Es war traurig mitanzusehen, dass die Firma keine starke Führung besaß, die Wert auf Mitarbeiterentwicklung legt und einem attraktive Wege zeigen kann. Es war also die richtige Entscheidung, die Kündigung einzureichen. Obwohl ich es dort unter anderen Umständen durchaus noch eine ganze Weile ausgehalten hätte. Bevor ich aber weiterziehe war mir klar, dass das jetzt der richtige Zeitpunkt ist, die Segelleidenschaft wieder einmal auszuleben.

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Ist es eigentlich eine Leidenschaft fürs Segeln? Eigentlich nicht. Genauso gut könnte ich mit einem Mini-Van durch Neuseeland fahren, mit einem Motorrad durch den Amerikanischen Kontinent knattern oder mit Pferden durch die Mongolei wandern. Aber das Boot ist nun einmal vorhanden, die Freiheit auf See unheimlich anziehend und die Planung eigentlich mental schon halb abgeschlossen. Ich wusste, dass Segeln im warmen Mittelmeer eine ganz andere Welt sein würde, als auf nordischen kalten Gewässern im Hafen auf besseres Wetter zu warten. Ein Bootstransport wird sich schon finden lassen und ließ sich schließlich auch finden. Der Einstieg musste auf EU Boden stattfinden, und so wurde meine Zelda also ins Slowenische Portoroz gebracht. Und hier beginnt der erste Blogeintrag.

Und hinterher? Kontakte sind geknüpft, potentielle Arbeitgeber in Reichweite, ich war ja nicht untätig vor meiner Abreise. Aber eines ist klar: einen festen Job, in den ich mich fallen lassen kann, den gibt es nicht. Finanzielle Reserven sind dazu da, um irgendwann zum Einsatz zu kommen. Und da ich mich vor einer Weile gegen den Kauf einer Frankfurter Eigentumswohnung entschieden habe, bleibt mir zumindest die dafür vorhandene Anzahlung, um die Zeit bis zum neuen Job zu überbrücken. Es ist bemerkenswert, dass mich alle Bekannten und Freunde in diesem Vorhaben unterstützen. Aber wie viele von ihnen würde selbst so eine Aktion starten? Niemand würde es tun. Es ist ja nicht so, dass ich für vier Jahre um die Welt segele und alle Brücken abbreche. Aber selbst so ein kleiner sommerlicher Ausflug von drei Monaten scheint in unserer heutigen Arbeitsgesellschaft mit einem selbst auferlegten Tabu beschädigt zu sein. Alles für die Karriere, alles für den Job. Null Risiko, jedenfalls nicht jetzt. Vielleicht versteckt man sich auch nur hinter der Jobplanung, denn so ein durchgepampertes Leben ist schließlich auch nicht zu verachten.

Wie kurzgedacht dieses Verschieben auf Morgen ist, das merken die Menschen erst dann, wenn sie mit 60 in Frührente gehen und sich all die Vorhaben verwirklichen wollen, die sie als 30-jährige in irgend einem Winkel ihres Gehirns vergraben haben. Bloß, dass diese dreißig Jahre nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen sein werden, das ignorieren sie gern. Natürlich können sie sich später mit viel Geld ein größeres Boot kaufen als in jungen Jahren. Mit allem technischen Schnickschnack, den es dann geben wird. Aber was ist, wenn sie mal zur Schraube tauchen müssen, weil die Muring drin hängt? Oder wenn der Anker per Hand heraufgeholt werden muss, weil die Winsch gerade streikt? Wenn ein Gewitter so viel Stress verursacht, dass panisch der nächste Hafen angelaufen werden muss? Wenn sich beim Anlegemanöver mit viel Wind in der Marina die Brust verengt, weil man seine teure Yacht nicht auf die Kaimauer setzen möchte? Dann merken sie schnell, dass sie jetzt ein anderes Leben führen mit Einschränkungen, an die sie als junge Menschen nicht gedacht haben.

Ich bin mir sicher, genau jetzt das richtige zu tun. Um die Welt Segeln brauche ich nicht. Regattasegeln brauche ich nicht. Reisestress brauche ich nicht. Und ein großes Boot brauche ich auch nicht. Aber ab und zu Freiheit atmen, in egal welcher Form… das brauche ich.
Und jetzt prasselt doch ein ganz ordentlicher Regen auf mein GFK Dach, begleitet von einigen Donnerschlägen. Das macht den Geburtstagsabend nur umso gemütlicher. Denn wenn mein Bootchen eines abkann, dann Wasser aus jeder Richtung!

adria_regen

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