Charakterstudien

Ekki

Er hat vor ca. 10 Jahren diese Werkstatt von seinen Vorgängern übernommen. Nachdem er selbst zwei Mal als Teilnehmer hier war und schon Erfahrung mit der Holzbearbeitung hatte, wurde ihm angeboten bei Formentera Guitars einzusteigen. Damals waren sie wohl noch zu dritt, jetzt macht er es alleine. Mehr zur Geschichte von Formentera Guitars hier und hier.

Ekki ist Mitte fünfzig und hat einen kleinen Hund namens Kiko. Er kann im Handstand pinkeln. Der Hund. Die Werkstatt ist mit Maschinen „Made in W. Germany“ ausgestattet, was die Arbeit enorm erleichtert. Besonders Schleif- und Hobelarbeiten sind ohne Maschinen sehr zeitraubend. Wenn ich mir vorstelle, dass wir ansonsten alle großen Flächen mit der Hand hätten plan schleifen müssen… kein Spaß. Dort, wo es potentiell gefährlich wird, z.B. beim großen Bandschleifer und der Kreissäge, lässt er keinen ran. Das ist auch gut so, denn schließlich brauchen wir alle unsere Finger noch. Außerdem ist bei der Bedienung dieser Maschinen viel Erfahrung vonnöten, damit man seine Gitarre nicht beim ersten Versuch schon verramscht. Deswegen übernimmt er delikate Arbeiten wie zum Beispiel das Teilen der Hölzer mit der Kreissäge oder das Schleifen des korrekten Radius der Griffbretter.

Mit seinem weißen Zopf und den Schlabberklamotten wirkt er wie ein Gitarren-Gandalf. Was ihm manchmal etwas abgeht, ist das Verständnis für die Wünsche seiner Kursteilnehmer. Gerade Bruno, der mit einem ziemlich speziellen Vorsatz für die Konstruktion seines Basses hierher kam, musste das spüren. Anstatt mit dem Teilnehmer konstruktiv seine Wünsche zu besprechen, werden diese erstmal einigermaßen rüde abgebügelt. Das finde ich etwas unglücklich, denn wir alle hoffen doch, von ihm wertvolle Tipps zu bekommen, wie wir unserem Trauminstrument so nah wie möglich kommen können. Und wenn ein Wunsch unsinnig ist und sich ein Teilnehmer trotzdem dafür entscheidet, dann muss er dennoch mit Ekkis voller Unterstützung rechnen können. Wenn es anders wäre, würde wir am Ende des Workshops alle mit der gleichen Gitarre bzw. Bass aus seiner Werkstatt gelaufen kommen. Viele möchten eben gerade diese Gelegenheit nutzen, um sich ein individuelles und einmaliges Instrument zu fertigen.
Davon abgesehen reichen einige seiner Erklärungen nicht aus, damit man alle auszuführenden Tätigkeiten vollständig versteht. So kam es anfangs häufig vor, dass man einen Arbeitsschritt falsch ausgeführt hat und hinterher dafür zurechtgewiesen wird. Das wurmt natürlich, denn schließlich sind wie alle hier keine Deppen, sondern musikbegeisterte Menschen, die ihre sauer verdiente Kohle in diesen Workshop investieren.
Durch konstantes Nachfragen lässt sich aber in der Regel jede Unklarheit vermeiden, man muss nur sehr penetrant sein.

Sehr positiv zu vermerken ist, dass ihm immer eine Lösung einfällt, wenn einer etwas verbockt hat. Und dafür gibt es Gelegenheit genug. So ein Bohrer oder eine Fräse, die hacken schnell mal eine Menge mehr Holz weg als man eigentlich vorhatte. Da sind rettende Einfälle gefordert, und die hat Ekki genug. Er selbst ist hauptsächlich Bassist, kann aber auch sehr gut Gitarre spielen. Man sollte sich also von seinen Untertreibungen in Sachen „Spielen-Können“ nicht täuschen lassen.

Nachtrag:
Nachdem ich in der Folgewoche einige der oben genannten Themen mit Ekki besprochen habe, ist unsere Teamarbeit richtig gut geworden. Es war wohl etwas Aufwärmzeit nötig. Ekki hat sich später sogar Gedanken gemacht, wie man das Inlay meiner Gitarre am einfachsten umsetzen kann und sogar Brunos Phantasiebass (siehe unten) nimmt mit seiner Unterstützung solide Formen an.

Bruno

Sprich: Brüno. Er ist der feurige Portugiese, zweiunddreißig, Jahre alt und er lebt seit sechs Jahren in England. Damit gehört er zu den wenigen Iberen (Iberiern?) die wirklich gut englisch sprechen können. Er hat generell ein Talent für Sprachen. Die Basics hat er in Englisch, Spanisch, Russisch, Italienisch und Deutsch drauf. Nicht schlecht. Ansonsten ist er ein recht kompakter kleiner Kerl, der vor kurzem noch mit Vollbart und langen Haaren als Schwertkämpfender Statist in einem Mittelalter B-Movie namens „Ironclad“ mitgespielt hat. Im richtigen Leben installiert und supportet er Set Top Boxen für Fernseher. Ach ja, und seine Karriere als Pornostar ist leider gefloppt, weil den Produzenten seine Plautze zu dick war… Allerdings hat er Plautze mit Mucki-Oberkörper, dank ausgiebigem Training in früheren Jahren.

Er ist gern an der frischen Luft und raspelt daher vorzugsweise mit nacktem Oberkörper an seinem Instrument herum. Kaum dass wir in der Mittagspause den Strand erreichen, wirft er in der Regel die Klamotten weg. Alle. Sein Bass ist – wie zuvor schon erwähnt – etwas Besonderes. Da sein Lieblingsmotiv der Vogel Phönix ist, soll dieser die Bassdecke zieren. Der Plan ist also, einen hellen Korpus mit dunkler aufgeleimter Decke zu kombinieren. In diese fast schwarze Decke aus Wenge-Holz möchte er dann den Phönix hineinschnitzen. Hinzu kommt eine mit Phantompower gespeiste Elektronik. Da er Erfahrung mit Elektrokram hat, wird er das sicherlich hinbekommen. Außerdem sollen im Bass noch diverse Signalprozessoren werkeln. Was da genau passieren soll, weiß keiner so recht. Aber er wird’s schon schaukeln.

Er wohnt nicht wie Nadav und ich im Hostal Pepe sondern in einem kleinen Studio (etwas größeres Doppelzimmer mit Mini-Küche) in La Savina, da er im Verlauf der drei Wochen noch Besuch von seiner Freundin und anderen Freunden bekommt.

 

Nadav

Spanischer "Icecoffee" im Rohzustand

Er ist 30 Jahre alt, kommt aus Israel und ist somit der erste Jude in meinem Bekanntenkreis. Das fiel mir neulich erst auf. Er hat mein Bild vom Leben in Israel etwas korrigiert. Zunächst mal kommt er aus einer sehr liberalen Familie, in welcher der Glaube keine Rolle spielt. Er befolgt auch keine Ernährungsregeln, wie sie für Juden typisch sind: kein Schwein, keine getrennte Kühlschränke und so. Das leben in Tel Aviv wäre ziemlich genau so, wie in europäischen Großstädten auch, meint er. Zumindest in Bezug auf Party & Co. Dass er nicht die Meinung seiner Regierung unterschreibt und hardcore Siedler auf den Golan-Höhen schwachsinnig findet (obwohl er sie natürlich in Schutz nimmt), macht ihn sehr sympathisch. Ich glaube dennoch, dass auch solche jungen Leute in meinem Alter irgendwann in den Strudel aus Tradition und Geschichte hineingezogen werden und dann eben für eine Seite Partei ergreifen. Er hat sich vor einiger Zeit für vier Jahre beim Militär verpflichtet, da er sonst keine beruflichen Pläne hatte. Mittlerweile ist er bei einer israelischen Zeitung als Redakteur angestellt und hofft, später einen Artikel über diesen Gitarrenbaukurs veröffentlichen zu können.

Er hat gleich am ersten Tag auf Formentera ein spanisches Mädel kennen gelernt und war die erste Woche entsprechend beschäftigt. Ansonsten baut er eine Gitarre, welche eine Mischung aus Telecaster und Stratocaster ist. Die Form des Korpus entspricht der einer Tele, jedoch aus Erle gefertigt. Pickups und Bridge mit Tremolo werden aber wie bei einer Strat ausgeführt. Dazu kommen noch leichte Variationen bei der Position der Potis und des 5-Wege Switches.

Nadav ist ein hervorragender Jazz-Gitarrist, was ich bei seinem Gastspiel in der Bonkas-Bar feststellen konnte. Ach ja… da ist noch seine Vorliebe für das Fotografieren von toten Vögeln. Muss man nicht verstehen, jedem seins.

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