Segeln auf der Adria 36: Seekrankheiten

Auf See, da wird man seekrank, das weiß doch jedes Kind! Dass man Seekrankheit mit diversen Mitteln lindern oder vermeiden kann, ist auch bekannt. Dass sie Verstopfung auslösen können dagegen eher nicht.

Natürlich ist es nicht so einfach, das ist klar. Und schon gar nicht trifft es jeden. Und erst recht nicht bei jedem Wetter und bei jedem Wellengang. Aber besonders dann, wenn man Mitsegler an Bord hat, die keine Segelerfahrung haben, sollte man ein Auge auf erste Anzeichen von Seekrankheit werfen. Oft fängt es damit an, dass betroffene Menschen zunehmend ruhiger werden. Auch dann, wenn das Wasser nur sehr wenige Wellen aufweist, die Sonne lacht und die Temperaturen angenehm sind. Angst kann in diesem Fall also nicht der Auslöser sein. Es ist wohl eher das ungewohnte Schaukeln, das Rollen und Gieren des Boots.

Das ist für erfahrene Segler beim „Schönwettersegeln“ zwar kaum noch zu spüren, aber natürlich sind diese Bewegungen trotzdem vorhanden. Besonders auf einem kleinen Boot wie meinem. Und wer es nicht gewohnt ist, sie intuitiv auszugleichen, der hat seine Probleme damit. In Phase zwei äussert sich der Betroffene meistens von selbst, schließlich geht es nicht darum, aufkeimende Übelkeit zu verheimlichen. Und so fängt das Programm der Gegenmaßnahmen an:

Beschäftigungstherapie. Der Kranke muss an die Pinne und soll Steuern. Oder er soll den Horizont nach irgendetwas absuchen. Oder man spielt ein Ratespiel, etc. pp., Hauptsache die Ablenkung ist da. Wirkt nur bei sehr leichtem Unwohlsein, das man leider nicht immer rechtzeitig mitbekommt.

seekrank_steuern

Dann Ingwer kauen. Ich habe immer frischen Ingwer an Bord, muss aber zugeben, dass das nicht wirkt. Außerdem ist das Zeug ganz schön scharf! Zitrone und Vitamin C helfen auch nicht spontan, man müsste schon lange vor Abfahrt seinen Vitaminpegel in die Höhe treiben, um überhaupt in die Reichweite eines möglichen Effekts zu kommen. Wer hat da schon Lust zu. Und von Armbändchen zur Stimulierung von irgendwelchen homöopathischen Druckpunkten halte ich überhaupt nichts.

seekrank ingwer zitrone vitamin c

Sich hinlegen. Das wirkt meistens sehr gut, selbst wenn man schon kurz vorm Übeln ist. Der Betroffene ist zwar damit außer Gefecht gesetzt und kann nicht mehr mit anpacken, dafür ist er unter Deck (oder auf der langen Cockpitbank) in Sicherheit und braucht kaum Aufmerksamkeit. Auf dem Bild (unten) das bin ich selber, kurz vor der Kotz-Schwelle. Eine lange Dünung hatte den meisten Mitseglern schon den Rest gegeben. Auch der Alkohol vom Vorabend hat seinen Teil beigetragen. Eisern den Horizont im Blick halten, das hat hier jedenfalls geholfen.

seekrank_sitzen

Wie gerade angesprochen, sollte man Alkohol vor der Abfahrt möglichst vermeiden. Auch eiweißreiche Lebensmittel wie Fleisch, Wurst und Käse, welche die Histaminproduktion in die Höhe treiben, sollte man nicht essen. Ziemlich spaßlose Angelegenheit leider.

Jetzt kommen die Mittelchen, die helfen: Medikamente gegen Reiseübelkeit schlucken oder kauen. Es gibt sie als Kaugummis oder Tabletten. Die Marke „Superpep“ ist in Deutschland weit verbreitet (oder „Dramina“ in Kroatien) und hilft bei ersten Anzeichen von Übelkeit. Diese Anzeichen muss man natürlich rechtzeitig an sich selbst erkennen, sonst kann auch Superpep nichts mehr reißen. Bei richtig schwerer Seekrankheit helfen diese Kaugummis allerdings nicht mehr. Nur um hier mal die Relationen zu verdeutlichen: wem übel ist, der kotzt halt. Wer ernsthaft seekrank ist, der möchte sterben. Und würde lieber über Bord gehen, als den Rest einer längeren Seepassage noch durchzustehen.

Was bleibt: stärkere Mittel gehen Reiseübelkeit anwenden. Hier wird es eng auf dem deutschen Markt. Früher gab es „Scopoderm“ zu kaufen, das als kleines Pflasterchen hinters Ohr geklebt wurde. Das Mittel ist in Deutschland nicht mehr erhältlich, aber in Frankreich immer noch zu beziehen. Nur leider ist es sehr teuer. Eine Packung enthält vier Pflaster und kostet ca. 40 Euro. Jedes Pflaster wirkt für mindestens drei Tage, danach lässt der Effekt nach. Da sich das Mittel über 12 Stunden im Körper anreichert und damit seine Wirkung aufbaut, soll man das Pflaster am Vorabend der Abfahrt anlegen. Genauso langsam baut es sich auch wieder ab. Die Wirkung lässt also nicht aprupt nach drei Tagen nach, sondern reduziert sich langsam. Somit kann man getrost von vier Tagen Wirksamkeit ausgehen. Macht 2,50 Euro pro Tag, das ist zu verschmerzen.

seekrank scopoderm dramina

Scopoderm wirkt dummerweise auch beruhigend, um nicht zu sagen sedierend. Manche Skipper lehnen das Mittel daher ab. Mir ist das unverständlich, denn wenn man wirklich seekrank ist, dann ist man komplett außer Funktion gesetzt und nicht mehr dazu in der Lage, sein Boot zu führen. Das Mittel gehört daher meiner Meinung nach in jede Skipper-Apotheke. Dass es wirkt, konnte ich an meiner Freundin feststellen, die es nach ein paar Tagen des Leidens genommen hat. Ich wollte sie gerade fragen, was der Magen macht. Da sah ich sie in aller Seelenruhe im Cockpit ein Buch lesen, während draußen Wellen unterwegs waren, die sie kurz vorher noch schachmatt gesetzt hätten. Da hatte ich dann keine Fragen mehr. Eine sedierende Wirkung konnte ich an ihr kaum feststellen. Jedenfalls nicht so dramatisch, wie es gerne zur Abschreckung unter Seglern erzählt wird. Soweit so gut. Aber eigentlich soll es hier ja um die Verdauung gehen.

Leider haben sowohl Superpep als auch Scopoderm eine weitere Nebenwirkung, die im Beipackzettel lediglich unter „ferner liefen…“ aufgeführt wird: Darmträgheit. Alles rund um die Darmfunktionen ist ja leider ein Tabuthema, selbst in Zeiten von Büchern wie „Charme mit Darm“. Fakt ist, dass einem das Nichtkönnen trotz Wollen ganz schön zusetzen kann. Das betrifft nicht nur Frauen, sondern durchaus auch Männer aus meinem Bekanntenkreis. Und wenn es einmal eine Person an Bord betrifft, dann leidet die ganze Crew. Nicht sehr hilfreich ist, dass es an Bord eines Segelbootes (und besonders eines sehr kleinen) bloß eine winzige Toilette gibt. Diese ist mit etwas Glück in einem abgetrennten Raum untergebracht, manchmal auch nicht. Dazu kommt, dass die kleinen Auslass-Schläuche nicht mit Toilettenpapier klarkommen. Dieses muss separat in einer Tüte entsorgt werden. Segler wissen das. Bei Neulingen führt alleine schon der Gedanke daran gerne einmal zu Verstopfung…

seekrank tannacomp dulcolax

Kommt jetzt noch eine durch Medikamente verursachte Darmträgheit hinzu, dann kann es sehr gut sein, dass rein gar nichts mehr geht. Auch an Land auf einem Porzellan-Thron nicht mehr. Auch nicht nach „Kippen und Kaffee“. Auch nicht nach dem Verzehr von Chilies und pervers scharfen Saucen, die der Skipper aus nicht nachvollziehbaren Gründen durchs Mittelmeer schippert.

Da dieses heiße Thema natürlich alles andere überschattet, begibt man sich nun besser schnellstens zur nächsten Apotheke und sucht nach Abführmitteln. Erst die milden (z.B. Dulcolax), dann die härteren. Es ist doch die reine Freude, was Medikamente und Psyche zusammen für Auswirkungen haben und wie sie die Törnplanung beeinflussen können!

Mein Fazit für die Bordapotheke ist jedenfalls, sowohl leichte wie auch starke Mittel gegen Seekrankheit als auch leichte sowie starke Abführmittel dabei zu haben. Glück hat der, der das alles nicht braucht. Ist es aber mal soweit, können einem diese Mittelchen doch  sehr den Urlaub und die Törnplanung erleichtern.

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