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Segeln auf der Ostsee 6: Boote besichtigen und schließlich eine Unterschrift

Mit einem Wochenende im Frühjahr plus zwei Urlaubstagen Ende März lässt sich schon mal eine Menge anfangen. Schließlich musste ich rauf an die Ostsee und Boote zwischen Flensburg und Lübeck besichtigen. Ich hatte schon relativ früh im Januar angefangen zu suchen, was dazu führte, dass einige Boote schon längst den Besitzer gewechselt hatten, als meine Reiseplanung fertig war. Früher als zwei Wochen vor Anreise und Besichtigung lohnt es sich daher nicht, den Verkäufer anzuschreiben. Und auch dann sollte man besonders bei Händlern kurz vorher nochmal anfragen, denn diese lassen auch schon lange verkaufte Boote gerne in ihrer aktuellen Verkaufsliste stehen…

Sechs Boote standen mit Besichtigungstermin auf meiner Liste: zwei Albin Vega, zwei Bianca 27, eine Janneau Aquila und eine Friendship 28. Alles Boote, die auf Fotos und im Exposé einen guten Eindruck gemacht haben. Letztendlich war der Maßstab für alle Boote doch gleich die erste Albin Vega, welche ich in Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal besichtigt habe. Es handelte sich um ein wirklich sehr liebevoll gepflegtes Schiffchen, bei welchem mir so gut wie keine nennenswerten Mängel auffielen. Dazu waren die Besitzer äusserst nett und konnten sich gut in meine Lage versetzen. Denn vor wenigen Jahren waren sie selbst als Anfänger mit dieser Vega unterwegs gewesen, bis es sie jetzt zu einem größeren Modell gezogen hat. So ist der Lauf der Dinge, deswegen ist der Markt der Gebrauchtboote auch proppenvoll mit kleinen Booten in dieser Größe.

Alle folgenden Schiffe hatten also von vornherein das Problem, sich mit diesem Idealkandidaten zu messen. Erstaunlicherweise war die andere Albin Vega, die wir am folgenden Tag besichtigt haben, ebenfalls in einem guten Zustand. Ganz im Gegensatz zu den übrigen Booten meiner Liste. Sie unterschied sich allerdings beim Motor stark von der ersten Vega, denn es war ein alter Motor und auch noch der Originalpropeller mit Wendegetriebe war installiert. Auch der generelle Pflegezustand war eher mäßig, da es sich um das Familienboot eines alten Mannes gehandelt hat. Das schlug sich auch auf den Preis nieder. Für 9.000 Euro hätte ich es haben können, was ein wirklich günstiger Einstieg ins Segeln bedeutet hätte. Sicherlich würde es sich auch beim Probeschlag gut Segeln, kein Thema, und sogar die Verkäufer waren sehr nett. Im direkten Vergleich mit der anderen Vega stellte sich eigentlich nur die Frage: lieber ein günstiger Einstieg mit einem nicht so schönen Boot oder ein teurer Einstieg mit einem besser erhaltenen Boot?

Vor dieser Entscheidung standen aber noch die beiden Bianca 27. Leider haben sich beide Eigner nicht sehr um die Pflege ihrer Boote gekümmert. Man merkte in jedem Detail, dass hier „eigentlich was getan werden müsste“, wie die Verkäufer schon selbst zugaben. Einer meinte noch, dass mit zwei Tagen Schleifen, Schrubben und Polieren alles wieder wie neu wäre. Da frage ich mich doch, warum er dass nicht mal eben an einem freien Wochenende selbst gemacht hat… Wie er das abblätternde Antifouling, das rissige GFK und alle gesplitterten Holzteile in dieser Zeit wieder auf Vordermann hätte bringen wollen, das bleibt wohl sein Geheimnis. Das Boot lag im Freien unter einer Plastikplane, die lediglich über dem Cockpit zur Seite geräumt war. Als ich den Verkäufer fragte, ob er denn nicht mal die gesamte Plane wegräumen könne, damit ich das Boot vollständig sehe, meinte er nur: „Ja, wenn es ernst wird…“. Hm, glaubte er ernsthaft, er würde mich noch ein zweites Mal sehen? Den Spruch mit dem ersten Eindruck, der zählt, war ihm wohl unbekannt.

Schließlich kam es, wie es kommen musste: die zuerst besichtigte Albin Vega wurde gekauft. Die Mischung stimmte, sowohl das Boot als auch die Verkäufer machten einen ehrlichen Eindruck und so sind wir uns schnell handelseinig geworden.

Jetzt konnte das Abenteuer losgehen. Über die Ostsee. Auf eigene Faust. Im eigenen Boot!

Segeln auf der Ostsee 5: Verkaufsanzeigen wälzen

Wo findet man nun ein Boot, wenn man zentral in der Mitte Deutschlands wohnt und der nächste Yachthafen 500 Km entfernt ist? Hier hilft nur sorgfältige Planung, denn einfach mal die Marinas abklappern is nich. Gebrauchtboote findet man heute zum Glück sehr leicht über folgende Quellen:

Die Vielfalt ist erschlagend und die Detailsuche daher sehr zu empfehlen. In meinem Fall filtere ich alles heraus, was nicht in die folgenden Kategorien passt:

  • Länge: 7 bis 9 Meter
  • Preis: 8.000 bis 20.000 Euro
  • Liegeplatz: Deutsche Ostsee

Übrig bleiben immer noch um die 60 Boote je Börse. Im Folgenden wird nach dem Alter und Zustand des Motors, dem allgemeinen Zustand (Refit, Lackierung wann?) und dem Alter der Ausrüstung (Segel, Toilette, Batterie, Polster, etc.) sortiert. Erst ganz am Ende kommt das Zubehör wie GPS, Kocher, Zusatzanker, etc. Entscheidend ist das Zubehör allerdings nicht, es ist eher als nette Dreingabe zu sehen. Wichtig ist, dass das Equipment zum Segeln vollständig und einsatzbereit ist.

Nachdem der Besitzer angeschrieben oder angerufen wurde, kommt der spannende Moment: wie ist der drauf? Schon nach kurzem Telefonieren oder Email-Kontakt weiss man, wen man vor sich hat. Nette Segler, die ihr Boot lieben und von dem guten Stück ehrlich schwärmen? Oder reine Zweckverkäufer, wobei man dem Besitzer jedes Detail aus der Nase ziehen muss? Manche Verkäufer begreifen nicht, dass der Wechsel eines Boots vom alten auf den neuen Besitzer auch ein gutes Stück mit Vertrauen zu tun hat. Es gibt schließlich keinen Boots-TÜV, auf dessen Plakette man bauen könnte. Einen Gutachter würde man bei einem Boot dieser Preisklasse wohl eher nicht einschalten und auch dieser kann nicht vorhersehen, was sich vielleicht nach einigen Jahren dem zukünftigen Besitzer offenbaren wird. Auch der Transfer des Kaufbetrags und schließlich des Bootsschlüssels sind Vertrauenssache. Denn mal ehrlich – wo läuft es denn schon so lehrbuchmäßig ab, dass Stück für Stück das Objekt bzw. das Geld den Besitzer wechselt? Meistens tritt einer von beiden in Vorleistung, auch wenn es nur die Anzahlung des Kaufpreises einen Tag vor der Übergabe ist. Allein schon um späterem Ärger ein wenig die Luft zu nehmen, ist es daher besser, wenn man sich zwischen Verkäufer und Käufer grün ist.

Segeln auf der Ostsee 4: Wie sieht es aus, das richtige Boot?

Das Wichtigste überhaupt, das ist die Frage nach dem Boot. Da ich mich für einen Zeitraum von 2 Monaten entschlossen habe, kämen grundsätzlich zwei Möglichkeiten in Frage, um an ein Boot zu kommen. Einmal das Chartern, sprich Mieten eines Boots für diesen Zeitraum. Vorteil ist, dass man aufs Schiff steigt und einfach ablegt. Nachteil ist, dass mir kein Vercharterer sein Bootchen aushändigt, ohne vorher meinen Sportküstenschifferschein (SKS) gesehen zu haben. Den habe ich dummerweise nicht und damit fällt diese Möglichkeit auch schon gleich ins Wasser. Denn um den SKS zu erhalten, ist ein Praxistörn von mindestens einer Woche (wobei gern geschummelt wird) sowie natürlich die üblichen Berge an Theorie nötig. Diese Zeit habe ich jetzt nicht, denn es soll ja schon in der kommenden Saison losgehen.

Bleibt also das Kaufen, und zwar auf dem Gebrauchtbootmarkt. Und hier geht der Spass erst richtig los, denn Bootskauf ist wie Autokauf (oder „…wie eine Schachtel Pralinen“): man weiss nie, was man kriegt. Zur Vorbereitung habe ich mir einiges an Literatur beschafft, wobei es eigentlich um zwei Dinge geht. Nämlich einmal um das grundsätzliche Verständnis, was an einem Boot von Wichtigkeit ist und daher unbedingt intakt sein muss. Und zweitens das Zusammenstellen einer ellenlangen Checkliste mit zu prüfenden Punkten. Diese Liste kann man sich leicht durch ein wenig Googeln selbst erstellen, denn viele Webseiten bieten Vorlagen an. Fündig wird man zum Beispiel bei Gebrauchtboot-Börsen, Segelmagazinen, Versicherungen und natürlich in Foren.

Das Boot meiner Träume hat folgende Eigenschaften.

  • Maximaler Preis: 15.000 Euro
  • Liegeplatz: Deutsche Ostsee
  • Länge über alles: ca. 8 bis maximal 9 Meter
  • Langkieler
  • Einbaumotor nicht älter als 15 Jahre
  • Sitzgelegenheiten bzw. Kojen in Längsrichtung
  • Wenig Technik (z.B. kein Kühlschrank oder Kartenplotter)
  • Segelfertiger Zustand

Dieses Boot könnte zum Beispiel eine Albin Vega 27 oder eine Friendship 26 sein, welche von ihren Vorbesitzern aus Altersgründen abgegeben wird. Solche Boote sind trotz ihres hohen Alters von mehr als 30 Jahren oft in einem sehr guten Zustand, da sie gehegt und gepflegt wurden und quasi startklar sind. Dazu kommt, dass diese alten Schiffchen aus Glasfaserkunststoff damals sehr robust gebaut wurden. Die Wandstärke ist wesentlich größer als im Vergleich zu heutigen GFK-Yachten. Wird so ein Boot in Schuss gehalten, gibt es (abgesehen vom Motor) nichts Grundlegendes, was ausgetauscht werden müsste. Es ist erstaunlich zu sehen, dass diese Boote nach einer Generalüberholung wieder wie neu aussehen.

Ich bin bereit, ein paar Euro mehr auszugeben, wenn ich dafür weniger Arbeit in die Ausrüstung und Sicherheit des Bootes stecken muss. Handwerklich ungeschickt bin ich zwar nicht, allerdings würde jegliche größere Reparatur den vorhandenen Zeitrahmen sprengen.

Anmerkung: Da ich diesen Artikel vor meinem Segelurlaub geschrieben habe, möchte ich hier nachträglich etwas zu den oben aufgeführten Eigenschaften schreiben, die mir damals wichtig waren. Ich würde heute eine andere Priorität setzen, nämlich auf leichte Bedienbarkeit und Manövrierbarkeit. Es ist schon sehr praktisch, wenn alle Leinen ins Cockpit geführt sind und das Segel einfach in einen Lazy Bag fällt. Auch ist eine moderne Rumpfform mit optimal angeströmtem Ruder wesentlich leichter zu manövrieren als ein Langkieler. Den Rest würde ich aber wieder genau so unterschreiben.

Noch spätere Anmerkung (das Weichei schlägt durch): Da ich mittlerweile auch viele Motorbootfahrer in der Adria an mir vorbeirauschen gesehen habe, frage ich mich, wie es wohl mit solch einem Motorrenner aussähe… Man könnte sich zum Beispiel so ein Sea Ray Teil kaufen (zur Seite), wo man zwar nicht viel Freude an Duschkabinen und Rundsitzgruppen hat, dafür ist man aber in drei Stunden von Italien nach Kroatien gedüst, kann sich dort eine Grillplatte reinpfeifen und ist am nächsten Mittag wieder zurück am Strand von Bari. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Der Wind kann einem schnurz sein und falls sich das Wetter verschlechtert, ist man in Null Komma nix im nächsten Hafen. Wer sich so ein Sportboot kaufen will, kann sich mal auf der Seite im angegebenen Link informieren. Dort gibt es auch Gebrauchtboote.

Segeln auf der Ostsee 3: Das Scheinesammeln

Wenn man nicht gerade mit einem winzigen und nahezu unmotorisierten Boot unterwegs ist, benötigt man in Deutschland zum Befahren der Seeschiffahrtsstraßen eine Bescheinigung. Man sagt, die Amerikaner haben das Internet erfunden, die Deutschen haben es daraufhin reglementiert. So ähnlich ist das beim Segeln auch. Dem deutschen Bürger traut es sein eigener Staat nicht zu, dass er freiwillig Vorbereitungskurse besucht, bevor er sich auf See begibt. Daher gibt es eine Scheinpflicht und das Produkt nennt sich „Sportbootführerschein See (SBF See)“. Liegt ein Fluss auf dem Weg zum Meer, wie das zum Beispiel bei den Berlinern der Fall ist, wird zusätzlich der „Sportbootführerschein Binnen“ benötigt. Hat man auch noch ein einfaches UKW-Funkgerät an Bord, ist mindestens das „Short Range Certificate (SRC)“, wenn nicht gar das „Long Range Certificate (LRC)“ fällig. Je nach eingebauter Funkanlage. Oh, und auch hier gibt es natürlich separate Scheine für Seefunk und Binnenfunk, ist doch klar. Möchte man sich das Boot nicht gleich kaufen, sondern lieber erstmal mieten, dann möchte der Vercharterer obendrein noch den „Sportküstenschifferschein (SKS)“ sehen.

Rechnet man all diese Anforderungen zusammen, so kommt man im ungünstigsten Fall auf 6 Bescheinigungen, die man sowohl zeitlich als auch finanziell unter einen Hut bekommen muss. Ganz abgesehen vom umfangreichen Prüfungsstoff, der irgendwie verdaut und wiedergekäut werden muss. Da ich selbst vor habe, mir ein eigenes Boot zu kaufen, sind lediglich der SBF See und das SRC notwendig – sofern mein Boot denn eine Funke haben wird. Zwei Scheine also, das ist zu schaffen. Wie und wo ich den SBF See gemacht habe, beschreibe ich im Artikel „Sportbootführerschein See in Kühlungsborn“.

Segeln auf der Ostsee 2: Segeln, aber für wie lange?

Das Gefühl, wenn man im Bugkorb sitzt und nichts anderes als das Rauschen des Wassers hört und den wehenden Wind spürt – das ist einfach unbeschreiblich schön. Das ist eine erste Vorstellung von Freiheit. Klar, wenn ich alle unsere gemeinsamen Segel-Urlaube und auch meine eigenen Unternehmungen zusammen zähle, dann werde ich bis heute auf kaum mehr als zwei bis drei Monate reines Segeln kommen. Aber immerhin, für berufstätige Menschen schon mal nicht schlecht. Nur, wirklich weit kommt man mit dem normalerweise zur Verfügung stehenden Jahresurlaub nicht. Zieht man von den insgesamt 30 Tagen noch ein paar ab für Weihnachten, Herbst und Frühjahr, so bleiben vielleicht 20 übrig. Je nach Revier können diese 20 Tage bei schlechtem Wetter und somit Zwangspause leicht auf 10 bis 15 Tage reines Segeln schrumpfen. Das langt mir nicht.

Zunächst muss also geklärt werden, welche Möglichkeiten es gibt, um Job und Segelwunsch unter einen Hut zu bekommen.

Die große Lösung: gar nicht erst versuchen, Job und Segeln unter einen Hut zu bekommen, sondern direkt kündigen und ab ins Blaue. Klingt prima, ist aber nur möglich, wenn die Finanzen stimmen und man auch die weiteren Konsequenzen zu tragen bereit ist:

  • Wohnung untervermieten oder auflösen
  • Haushalt verkaufen oder einlagern
  • Kein regelmäßiges Einkommen mehr, dafür teure Versicherungen, etc.

Der unbestreitbare Vorteil ist natürlich, dass anschließend zu 100% Segeln angesagt ist, keine halben Sachen.

Die etwas kleinere Version: ein Sabbatical. Also den Job für einen vordefinierten Zeitraum von einem halben bis zu einem ganzen Jahr unterbrechen. Hierbei kann das häusliche Leben weitestgehend stillgelegt werden, man kann aber noch jederzeit zurück ins gemachte Nest. Und vor allem muss man sich keine Sorgen über den Wiedereintritt ins Berufsleben machen.

Bei laufendem Job gibt es die beiden folgenden Möglichkeiten: Teilzeit arbeiten oder unbezahlten Urlaub nehmen.

Teilzeit arbeiten. Das heißt, man arbeitet natürlich Vollzeit, kann sich die angesparte Teilzeit aber anschließend am Stück gönnen. Vorteil ist, dass der Arbeitgeber den Wunsch nach Teilzeit nicht verweigern darf. Bei einer halben Stelle könnte man also ein halbes Jahr Segeln gehen. Nachteil ist, dass kein Arbeitgeber verpflichtet ist, den erfahrenen Matrosen ein Jahr später wieder in Vollzeit statt in Teilzeit einzustellen. Es sei denn, dies wurde vertraglich vereinbart.

Unbezahlten Urlaub nehmen. Um bei den oben genannten Zahlen zu bleiben, würde das bedeuten, 20 Tage bezahlten und 20 Tage unbezahlten Urlaub zu nehmen. Damit wäre man 2 Monate unterwegs, hätte noch ein paar Urlaubstage für andere Zwecke übrig und hätte außerdem kaum Gehaltseinbußen. Nachteil: kein Arbeitgeber der Welt kann gezwungen werden, unbezahlten Urlaub zu genehmigen. Ausserdem verfällt bei unbezahltem Urlaub von mehr als einem Monat die Verpflichtung der Firma, weiterhin Sozialabgaben und Krankenversicherung zu zahlen. Sofern man jedoch einen guten Draht zu seinem Chef hat und die Urlaubszeit nach Absprache in einen günstigen Zeitraum legt, erscheint mir dieser Weg als der beste.

Allerdings haben alle Wege (aber vor allem die beiden Letztgenannten) für Berufstätige einen gemeinsamen, gewaltigen Nachteil: sie können beim Arbeitgeber leicht den Eindruck erwecken, dass einem die persönliche Freizeit und Abenteuerlust wichtiger ist als der Job. Ich würde sogar behaupten, dass es aus Karrieregesichtspunkten in vielen Berufen das Todesurteil ist, Teilzeit zu beantragen. So muss also jeder für sich selbst entscheiden, welche Version für ihn am besten ist.

Ich bin den Weg „unbezahlter Urlaub“ gegangen. In meinem Fall hielten sich sowohl die Karriereaussichten als auch die aktuelle Firmenkonjunktur schwer in Grenzen, daher war mein Chef sogar grundsätzlich angetan von der Idee des unbezahlten Urlaubs. Denn in manchen Branchen schwankt die Auftragslage einer Firma doch sehr stark und da kommt eine vorübergehende Einsparung in Form eines Monatsgehalts doch sehr gelegen.

Segeln auf der Ostsee 1: Warum DAS denn jetzt?

Eines Tages, irgendwann im letzten Jahr, beschloss ich zur See zu fahren.

So ganz aus heiterem Himmel kam dieser Gedanke nicht. Irgendwie bin ich schon seit  Jahren immer tiefer in das Thema hineingerutscht. Wie ich damals als Student auf die Idee kam, den Schein für das Binnensegeln zu machen, weiss ich heute nicht mehr. Jedenfalls ist dadurch eine Freundschaft mit einem anderen Kursteilnehmer entstanden, die aus dieser Zeit stammt. Wir sind später in wechselnder Begleitung durch das Mittelmeer getingelt, natürlich mit einer Charter-Yacht und immer nur für eine Woche. Mein Kumpel hat weiter fleißig Scheine gesammelt und konnte somit eine Yacht mieten. Mit einer jungen und tatkräftigen Crew war es auch für uns als Anfänger kein Problem, ein solches Dickschiff zu bedienen. Diese Urlaube waren unglaublich spannend und entspannend zugleich. Die mediterrane Kultur, das warme Wasser und das Gefühl, mit dem eigenen Boot hinfahren zu können, wo man will… davon wollte ich mehr. Zwar würde ich nicht im Mittelmeer anfangen, sondern auf der Ostsee. Aber schließlich sollte ja auch das selbständige Segeln gelernt werden. Um dafür eignet sich dieses Revier vor der Haustür, so ganz ohne Tiden, ganz hervorragend. Ausserdem bin ich zwar schon recht weit in der Welt herumgereist, aber unsere Nachbarn Dänemark und Schweden waren mir immer noch unbekannt.

Das ist der „technische“ Hintergrund, die Fakten. Es gibt aber auch noch andere Beweggründe, ausgerechnet jetzt das zu tun, was mir am Wichtigsten ist. Da gibt es zum Beispiel seit einiger Zeit immer häufiger diese schlechten Nachrichten von Menschen, die man recht gut oder manchmal auch etwas weniger gut kannte. Sie starben an den abscheulichsten Krankheiten oder fielen einfach sofort tot um, weil irgendjemand da oben beschlossen hatte, dass jetzt Schluss sei. Ich bin gerade Anfang 30 und dennoch häufen sich seit ein paar Jahren diese Geschichten. Eine zweite Welle wird später, in vielleicht 20 Jahren wiederum ein paar mehr Bekannte und Freunde dahinraffen. Wer kennt das nicht aus seiner Elterngeneration – links und rechts beginnen die Schicksalsschläge häufiger zu werden. Selbst wenn es einen nicht gleich erwischt, es kann ja auch schleichend gehen. Soll ich vielleicht bis 65 warten, wenn die Gesundheit schwächelt aber dafür das Bankkonto voll ist? Nein, es muss jetzt los gehen.

Trüffel mit Ralf Bos in der Frankfurter Genussakademie

Es war ein verregneter, winterlicher Abend vor einigen Jahren in Frankfurt auf der Fressgass. Trüffelzeit bedeutet ja meistens „schlechtes Wetter“, da die Hochsaison genau in die Matschsaison von Herbst und Winter fällt. Jedenfalls wurde bei der Frankfurter Genussakademie zu dieser Zeit ein Kurs zum Thema Trüffel angeboten.

Die Trüffel und ich, wir haben uns erst recht spät kennengelernt. Nämlich in einem wunderbaren italienischen Restaurant namens „La Strada“ in Kelkheim. Es wird klein und familiär geführt: der Mann steht in der Küche, die Frau bedient. Mein Lieblingsgericht dort heißt ganz simpel „Tagliatelle mit Trüffeln“. Es handelt sich hierbei um eine Sauce, die eine perfekte Mischung aus Butter, Sahne, Knoblauch und Trüffeln ist und einem förmlich im Mund explodiert. Wahrscheinlich enthält sie auch Trüffel-Öl und andere Dinge, die ich nicht herausschmecken kann. Ein Nachkochen war jedoch sinnlos und auch auf Nachfrage wollte mir Roberto sein Geheimnis nicht verraten. Recht hat er.

Jedenfalls, die Leidenschaft war geweckt. Nachdem mich ein italienischer Händler in der teuren Kleinmarkthalle einmal so richtig übers Ohr gehauen hatte, indem er mir geschmacksneutralen China-Trüffel für teuer Geld verkaufte, schwor ich mir, zukünftig besser Bescheid zu wissen. Da kam der Trüffelkurs in der Genussakademie gerade recht. Ralf Bos ist Besitzer eines Geschäfts für luxuriöse Nahrungsmittel und außerdem Autor eines Buches über Trüffel und gilt somit als Experte. Das merkte man auch, er hat uns Teilnehmern auf sehr unterhaltsame Weise den Trüffel näher gebracht. Auch einige Knollen brachte er mit – es ist schon ein tolles Gefühl, diesen super teuren weißen Trüffel einmal selbst in der Hand zu halten. Und daran zu riechen! Alleine schon zum Kennenlernen der gigantischen Unterschiede im Aroma zwischen den Trüffelsorten war diese Veranstaltung ein Volltreffer. Seitdem schaue ich genauer auf die Inhaltsangaben an diesen kleinen Gläschen mit eingelegtem Trüffel: meistens handelt es sich um den billigen und schwach riechenden Sommertrüffel oder über minderwertige chinesische Trüffelsorten, die sich zwar prächtig und massenweise züchten lassen. Ihr Geschmack ist jedoch unterirdisch und durch den langen Transport von der Ernte bis nach Deutschland verfliegt dann schließlich auch das letzte Aroma. Man kann es sich leicht auf folgende Weise merken: nur schwarzer oder weißer Wintertrüffel lohnt das Geld. Und man braucht natürlich einen Dealer seines Vertrauens. Und das sollte nicht der Obst- und Gemüsehändler ums Eck sein, auch nicht, wenn er in der edlen Kleinmarkthalle residiert.

Was in diesem Kochkurs allerdings nicht passierte, das war aktives Kochen. Wirklich gekocht hat nur der „Resident“-Koch der Akademie, wahrscheinlich hat man uns Laien den Umgang mit dem teuren Trüffel nicht zugetraut. Einerseits schade, andererseits konnte uns Herr Bos auf diese Weise sein Wissen mitteilen, während im anderen Bereich der Küche fleißig ein Gang nach dem anderen zubereitet wurde. Das Essen war wirklich hervorragend und jeder Gang zeigte eine spannende Alternative, wie Trüffel zubereitet werden kann. Herr Bos hat sich nach jedem Gang an einen anderen Tisch gesetzt und so konnten wir ihn ausfragen, beziehungsweise einfach erzählen lassen, denn der Mann ist nicht zu bremsen.

Lediglich seine Einstellung bezüglich Online-Shopping fand ich doch etwas arg misstrauisch: beim Bestellvorgang werden unnötige Daten wie zum Beispiel das Geburtsdatum des Kunden abgefragt. Wer diese Felder nicht ausfüllt, landet intern sogleich in der Kategorie „uffgebasst, Kunde macht evtl. Probleme, vorzugsweise per Vorkasse zahlen lassen“. Dass ich das als Kunde schlecht finde, wollte er leider nicht einsehen. Aber mal ehrlich, was geht einen Ladenbesitzer mein Alter an?! Ich kann mich nicht erinnern, wann mich der Tankwart das letzte Mal danach gefragt hat. Und dort lasse ich regelmäßig weit mehr Kohle als in jedem Online-Shop.

Später habe ich trotzdem bei ihm bestellt. Natürlich ohne Altersangabe. Fazit dieses Kurses: sehr lohnenswert, viel Know-How, leckeres Essen. Ein Muss für jeden Gourmet.

Kleine Anmerkung noch zu dem einzigen verwendeten Foto in diesem Artikel: normalerweise stammen hier alle Bilder aus meiner eigenen Kamera, allein schon aus lizenzrechtlichen Gründen. Dieses Bild stammt jedoch von der Webseite der Frankfurter Kleinmarkthalle, wo man mich ja wie weiter oben beschrieben, so gründlich über den Tisch gezogen hat. Deswegen fallen hier auch alle Hemmungen, ausnahmsweise mal ein Bild von einer fremden Quelle zu Klauen. Hihi.

Maritimes Frankfurt

Auswärtige denken bei Frankfurt immer nur an Banken, Bonzen und Banditen. Aber nicht ohne Grund heißt es Frankfurt „am Main“, da fließt also auch ein mittelgroßes Bächlein hindurch, welches das Thema des heutigen Eintrages ist.

Der Main hat allein schon deswegen eine Existenzberechtigung, um „Hibbdebach“ von „Dribbdebach“ zu trennen. Also Frankfurt von Sachsenhausen. Dribbdebach liegt ausserdem noch Offenbach, und alleine schon deswegen ist diese Trennlinie von Bedeutung.

Seit das Mainufer vor einigen Jahren recht schön hergerichtet wurde, gibt es dort sogar Grasflächen und wenn man relaxt in der Sonne badet und dabei die Augen schließt, kann man sich fast wie an einem Mittelmeerstrand fühlen.

Das kommt zum einen daher, dass die Binnenschiffer eine ordentliche Welle verursachen, die idyllisch gegen die Uferbefestigung klatscht. Und zum anderen verströmt Meral’s Imbiss Boot mediterranes Flair. Er bedient übrigens sowohl die Festlandseite als auch die Fluss-Seite, falls man mit dem eigenen Boot längsseits kommt. Mittlerweile hat er ein neues Döner-Boot, die Geschäfte scheinen also zu laufen. Er ist auch der einzige Türke, der das in Istanbul so beliebte Fladenbrot mit gebratenen Sardellen anbietet. Meinetwegen könnte die Stadt Frankfurt noch viel mehr solcher Boote erlauben. In Bremen an der Schlachte funktioniert das schließlich auch.

Im Sommer sollte man es sich nicht entgehen lassen, einmal entspannt mit dem Fahrrad zur Griesheimer Schleuse im Westen oder zur Staustufe Ost zu radeln. Unterwegs überholt man die Ausflugsdampfer (die drehen hier um) und Binnenschiffer (fahren zurück nach Holland).

Für die Jungs von den Frankfurter Rudervereinen stellen diese Schleusen zunächst einmal das Ende der befahrbaren Welt dar.

Apropos Rudern. Auf dem Main macht das richtig Spass, denn der Fluß strömt weitaus langsamer als der Rhein und es kann sich auch keine besonders große Welle aufbauen, mangels Breite der Wasserfläche. Der Nachteil ist leider, dass die großen Pötte ziemlich nah am Boot vorbeifahren und es wird einem doch etwas anders, wenn man in so einem schaukeligen 8er sitzt und sich nebenan eine schwarze Wand vorbei schiebt…

Wer sich fürs Rudern interessiert, dem kann ich den Verein Rheno Franconia wärmstens empfehlen. Nette Leute, die sich über jedes neue Gesicht freuen. Und obwohl sie eigentlich eine Verbindung sind, ist das ein normaler Verein, der mit den deutschtümelnden Studententraditionen anderer Verbindungen nichts zu tun hat.

Auch in einem Boot und ebenfalls mit Rudern bewaffnet sind die Jungs mit den Drachenbooten. Ok, dafür würden mich die Ruderer jetzt steinigen: sie benutzen natürlich „Riemen“ oder „Skulls„, während die Drachenbootruderer „Paddel“ verwenden. Soviel Ordnung muss sein. Einmal im Jahr treten verschiedene Drachenboot-Teams gegeneinander an und fahren um die Wette. Wer zuerst die Glocke unter der Brücke zum Leuten bringt, hat gewonnen.

Schaut man einmal in die andere Richtung, nämlich flussaufwärts, so landet man am  Osthafen an der zweiten Schleuse, der Staustufe Ost, die Frankfurt vom Rest des Mains abgrenzt. Man könnte sich zum Beispiel an die Gerbermühle setzen und den Schippern beim Schippern zusehen. Dumm nur, dass der Wind die meiste Zeit dem Flussverlauf durch die Stadt folgt und somit entweder von hinten oder von vorne kommt. Da hilft nur: Rauftuckern und dann mit dem Wind wieder genüssliche abwärts schaukeln.

Warum sich der Osthafen noch eine eigene Wasserfeuerwehr leistet, weiss ich nicht. Aber sie ist nett anzuschauen.

Der Panamakanal hatte aufgrund seiner Abmessungen zur Folge, dass Schiffe weltweit nur noch so breit gebaut wurden, dass sie dort hindurch passten. Das fiel mir ein, als vor einer Weile eines dieser Schweizer Hotelschiffe mitten auf dem Fluss drehte. Wie man sieht, passt das exakt.

Hin und wieder probt das THW die Benutzung seiner kuriosen Boote. Pardon, „Mehrzweckponton“ heissen die, sagt Google. Da es sich im Prinzip um zwei eigenständige Boote handelt, die verbunden sind, müssen sie irgendwie koordiniert werden. Genau dafür steht in der Mitte ein Mensch und gibt mit den Armen Signale. Jeder Arm ist einem Boot zugeordnet. So kann er beide gleichzeitig lenken und Kurven koordinieren etc.

Im Rahmen dieser Übung mussten einige Ausflugsdampfer von ihren angestammten Liegeplätzen am Eisernen Steg weichen. Einer war nicht ganz manövrierfähig, und so kam ich in den Genuss, am kleinen Main sogar einmal einen Schlepper im Einsatz zu sehen. Vor langer Zeit musste ich im Rahmen des Sportboot Führerschein Binnen die Lichter und Tagzeichen dieser mysteriösen geschleppten Zugverbände und noch viele andere absonderliche Dinge lernen. Jetzt steht fest: es gibt sie also wirklich.

Fast hätte ich es vergessen, aber Frankfurt hat sogar eine Segelschule und einen Segel-Shop. Nämlich am Westhafen, gleich neben dem idyllischen Kohlekraftwerk. Durch das warme Kühlwasser friert man beim Reinfallen nicht so, das ist ein echter Vorteil. Aber Spass beiseite: das ehemalige Hafenbecken langt allemal, um die praktische Prüfung für den SBF-See und -Binnen abzulegen.

Heute hat dieser Hafen keine Funktion mehr, sämtliche Liegestellen für Boote gehören zu den extremst teuren Neubau-Penthäusern und nahezu alle liegen brach. Wer nämlich das nötige Kleingeld für solch eine Luxuswohnung aufbringt, der arbeitet in der Regel von morgens bis abends und hat definitiv nichts mehr für ein Boot übrig. Leben am Wasser, ja bitte. Aber für die nötige Atmosphäre mögen dann andere sorgen. Einfach nur eine Schande.

Jedenfalls, sämtliche Theoriekurse werden im Segel-Center durchgeführt und dafür braucht man wirklich kein Gezeitengewässer. Der Besitzer des Ladens ist nett, die Leiterin meines letzten Kurses zum Thema Funken war es auch und ausserdem noch sehr erfahren und kompetent, was will man mehr.

Also, ich muss sagen: Frankfurt ist schon ganz schön maritim.

Frankfurter Tatort im Gallus – Episode 2

Heute ging der Tatort weiter. Bin abends auf der Parkplatzsuche wieder fast in Herrn Król gefahren, als er sich aus seinem warmen Wohnwagen ans Set begeben hat. Die beiden Hauptdarsteller haben eigens eine Dienerin, welche ihnen den Mantel bzw. die blaue Fleecejacke reicht, sobald es frisch wird. Soll ja keiner behaupten, der HR hätte kein Geld.

So ein Filmset besteht aus vielen rätselhaften Dingen, die dem Amateur komisch vorkommen. Ich wüsste z.B. gern, warum sie mit einem Scheinwerfer auf einem Kran in die Wohnung des Nachbarhauses gestrahlt haben.

Oder warum sie meinen Hinterhof mit Flutlicht erhellen… ist vielleicht eine Tagszene, die abends gedreht wird. Bis 2 Uhr nachts durfte ich im Licht der Suchscheinwerfer schlafen – so muss sich ein Bomberpilot beim Anflug auf Frankfurt gefühlt haben. Merkwürdig nur, warum die Szene mit dem ankommenden Auto dann im Dunklen spielt. Während der 45 Minuten, die ich mich zum Gucken dazugestellt hatte, haben sie immerhin einen Probedurchgang und 6 Klappen (Wiederholungen) der Ankomm-Szene gedreht.

Frau Kunzendorf fährt schon einen scharfen Zahn, davon können die Felgen und der Bordsteinrand ein Lied singen. Der Regisseur war trotzdem nie zufrieden, immer kommt ihm was dazwischen: Fußgänger tauchen auf („…Alder, is wohl Kino, hä?!“), Autos wollen durch, Herr Król läuft zu schnell, Herr Król läuft zu langsam, der Ton läuft nicht… Schließlich ist die Szene dann im Kasten.

Wenn man das so betrachtet, dann sind Schauspieler wirklich nicht zu beneiden. Die meiste Zeit müssen sie auf irgendwas oder irgendjemanden warten. Dann ein paar Sekunden Einsatz, zwei bis drei Sätze aufsagen und schon ist wieder Kaffeepause. Die gesamte Szene dauerte vielleicht 30 Sekunden: Auto parken, aussteigen, an Tür klingeln, aufsagen „Hier ist nochmal die Kripo wir hätten da noch ein paar Fragen dürfen wir reinkommen“. Feddich.

Zwei Tage später, am Samstag, ist mir Herr Król dann schon wieder begegnet und beinahe ins Fahrrad gelaufen. Da war er aber privat und undercover unterwegs beim Shopping auf der Zeil. Mit grauem Stoppelbart und langem Mantel, hab ihn aber trotzdem erkannt. Zwischen uns muss ein unsichtbares Band bestehen, soviel ist sicher. Herr Król, fühlen Sie das auch?

Also dann: Klappe, und… BITTE!

Frankfurter Tatort im Gallus – Episode 1

Seit ein paar Tagen werden vor meiner Haustür die meisten Parkplätze durch Parkverbot-Schilder gesperrt. Bei den genannten abstrusen Zeiten (5:30 bis 19:00 Uhr) hatte ich schon überlegt, wozu das gut sein soll. Gestern morgen aber standen sie dann alle da: die blauen Einsatzwagen der Flotte vom Hessischen Rundfunk. Als verlässliche Informationsquelle darüber was denn hier so abgeht, diente mir die Inhaberin des 24/7 Kiosks an der Ecke Hellerhofstrasse/Kölner Strasse: „Ei, Dadort! Des geht de ganze Dach.“.

Schon letztes Jahr wurde hier (also: wirklich exakt hier) irgendein Studentenfilm gedreht. Mit Action-Szenen, von Treppen runter rollen und so weiter. Jetzt also ein Tatort mit den beiden neuen Kommissaren Joachim Król und Nina Kunzendorf. Scheinbar sind diese flachen Werkstattdächer in meinem Hinterhof prima dazu geeignet, Verfolgungsjagden zu drehen. Ein afrikanischer Autoschieberhandel ist dort auch ansässig, vielleicht spielt die Handlung ja in diesem Milliö. Jetzt ist der Tatort jedenfalls schon wieder hier und sorgt dafür, dass die Hälfte sämtlicher Anwohnerparkplätze belegt ist. Schließlich braucht ja jedes Popelsternchen seinen eigenen Wohnwagen, um in den Drehpausen zu relaxen. Obwohl ich selbst auf dem Rückweg vom Kiosk (wo ich regelmäßig DHL-Lieferungen abhole) mit stolz geschwellter Brust an den abends noch anwesenden Fernsehleuten vorbei ging, wurde ich nicht für eine Nebenrolle gecastet.

15 Minuten Ruhm hatte ich zum Glück schon damals in der Sendung Late Lounge mit Roberto Cappelluti gehabt, als der HR noch die Eier hatte, eine gute Nachtsendung zu produzieren. Gemeinsam mit einer Kommilitonin gehörte ich zum „internationalen Spitzenpublikum“ von 15 Personen und durfte sogar gegen Tarek Al-Wazir (Grünen Politiker) mit verbundenen Augen Bälle werfen. Glorioser Auftritt also. Die Sendung „Late Lounge“ („preisgünstigste Sendung im Deutschen Fernsehen“) wurde dann aus kostengründen(!) vom HR eingestampft. Was Dauergast Michi Herl dazu sagt („so ein Schnarchsender“), steht hier. Er hat vollkommen Recht, denn den HR kann man heutzutage nur noch als Freund der Volksmusik genießen, es ist eine Schande. Herl wurde dann auch gleich dafür vom Hässlichen Rundfunk gefeuert. Irgendwann ist er mal in der frankfurter Innenstadt auf dem Fahrrad an mir vorbei geeiert, hat mich aber komischerweise nicht mehr erkannt.

Zurück an den Tatort. Infos zur Sendung gibt’s in diesem Blog. Wer allerdings die „echten“ frankfurter Tatorte der Vergangenheit besichtigen will, kann hier eine Führung mitmachen.

In diesem Sinne mache ich jetzt Schluss… war spät gestern.

Die „Gute Stute“ im Gallus

Jetzt wohne ich doch schon seit ein paar Jährchen hier im frankfurter Gallusviertel, war aber noch nie in der „Guten Stute“ gewesen. Die Stute ist ein klassisches Bierlokal, Raucherkneipe, Pils-Stube oder wie man das eben nennt, wenn es nichts anderes als Bier gibt (stimmt nicht ganz, aber Cocktails schlürfen sollte man woanders). Eine Karte gibt’s deswegen auch gleich keine. Nachdem man sich ein Plätzchen im überschaubaren Inneren des Ladens gesucht hat, bietet einem der Ivo gleich seine hausmacher Spezialität an: frisch gezapftes Bier mit optimaler Schaumkrone! Dazu Erdnuss-Flipps für umsonst und schon kann der Abend gemütlich werden.

Hin und wieder gibt es laut Programm auch Musik von einem DJ. Wo der dann stehen soll ist mir zwar rätselhaft, aber es wird sich schon irgendwo eine Ecke für ihn finden. Ungefähr ein Drittel des knappen Raums wird übrigens von einem lebensgroßen ausgestopften Pferd belegt, das einen wiehernd begrüßt sobald man zur Tür herein kommt.
In klassischer Balkantradition gibt es nach dem Zahlen noch ein Slivovitz auf’s Haus und schon kann man die 100 Meter nach Hause wie auf Wolken zurücklegen.

In diesem Sinne: „Habt ihr kein Zu Hause?!“

Gute Stute
Kölner Str. 42
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Maggi Kochstudio und Shop in Frankfurt

Wenn es einen Tempel für die Anbeter von Tütensuppe gibt, dann liegt dieser in Frankfurt, gleich neben der Zeil. Tatsächlich scheint es Jünger zu geben, die so dermaßen unwissend und mit geschlossenen Augen durch die Welt rennen, dass sie auf dem Weg zum Maggi Kochstudio sämtliche Leckereien links liegen lassen. Als da wären: die Kleinmarkthalle (gleich gegenüber), den Metzger Heininger mit der besten Bratwurst der Stadt (5 Meter links), Brezel Benno (nochmal 50 Meter links) und selbst Burger King (alle 100 Meter überall).

Prinzipiell kann man es als den Gipfel der Frechheit ansehen, aber Maggi verfährt genau so: im Shop kann man sich das Tütengericht seiner Wahl aussuchen und hat wenige Sekunden später – solange wie der Wasserkocher eben braucht – eine schmackhafte Mahlzeit auf dem Teller. Die Menschen an den Tischen wirken gar nicht mal so unzufrieden, in den Gesichtern kann man erkennen, dass ihnen ein heißer Aufguss aus Salz und Geschmacksverstärker als Mittagessen vollkommen ausreicht. Statt 0,49 Euro pro Tüte legen sie dann auch gut und gerne das Zehnfache auf den Tisch, denn mal ehrlich: wer hat schon Zeit und Lust, sich zu Hause eine aufwändige Tütenmahlzeit zuzubereiten? Natürlich niemand, und daher empfinden es diese Menschen auch als legitim, wenn ihnen für ein paar Löffel heißem Hefeextrakt der Preis für zwei Currywürste abgeknöpft wird.

Doch was ist das?! Bevor mich der Brechreiz übermannte und ich den Laden überstürzt verlassen musste, fiel mir noch ein marketingtechnisch vor dem Ausgang äußerst geschickt platziertes Fläschchen mit einem zauberhaften Extrakt ins Auge: Maggi Sauce… aber mit Chilli. Es führte kein Weg vorbei, auch ich musste meinem inneren Schweinehund die Flosse reichen und mir eingestehen, dass sich dieser schwarze Zaubertrunk hervorragend auf hart gekochten Eiern machen würde. Und da gekochte Eier meine Leib und Magen Speise sind und ich sie für gewöhnlich mit diversen scharfen Saucen als Mitternachtssnack verspeise, traf dieses Produkt genau meinen Nerv.

Der Geschmackstest in aller Kürze: salzig, umami, leicht scharf. Etwas weniger scharf als Tabasco. Von mir aus dürfte es noch schärfer sein, denn um die gewünschte Schärfe mit dieser Sauce zu spüren, müsste man zunächst mal den Salz-Schock überleben. Von daher ist Überschärfen ausgeschlossen.

Ach ja: passt auch gut auf Spiegelei. Und Omelette.

Was die Nordlichter so essen

Wenn der Segelkurs in Kühlungsborn abends endlich rum ist, steht die wichtigste Entscheidung des Tages an: in welches Restaurant gehe ich heute? Zur Auswahl stehen diverse Fischkneipen und Segler-Kaschemmen – genau was ich brauche.

Zum Harten Törn
Hier hab ich lecker Labskaus und Grünkohl mit Schweinebauch gegessen. Beim Labskaus handelt es sich um eine Pampe aus Kartoffelbrei mit Corned Beef und Roter Beete sowie anbei einem Matjes mit Zwiebeln. Oben drauf noch ein gebackenes Ei und schon ist Surf ’n Turf à la Ostsee fertig. Ich mag ja Kontraste. Bei anderen dürfte das latenten Brechreiz auslösen.

Grünkohl mit Schwein ist soweit nichts Besonderes, das gibt es in Variationen auch in Hessen bis runter nach Bayern. Bei uns heißt das halt „Haspel“ mit Sauerkraut und bei den Bayern ist es ne „Hax’n“ mit Kraut, alles das gleiche. Schlachtplatte eben. Nur der Grünkohl wird hier oben doch häufiger gegessen, das hatte ich schon während meiner Bremer Zeit entdeckt. Im Original gehört dazu natürlich „Pinkel“, was nichts Unanständiges ist, sondern eine Mettwurst mit geschrotetem Hafer, den man als Grütze auch an den Kohl gibt, um die Flüssigkeit zu binden.

Fisch Hus
Dieser Pavillion-artige Laden ist spezialisiert auf Fisch und es war tatsächlich jedes Mal lecker. Großartige Varianten darf man allerdings nicht erwarten. Der Fisch wird halt in die Pann gehauen, in Butter gebraten und dazu gibt es dann Bratkartoffeln. Meine Buttermakrele war prima, nur der orangefarbene Dünnpfiff vom vielen Fett am nächsten Tag war doch aussergewöhnlich unangenehm.

Café unterm Leuchtturm
Genaugenommen Valetins Café, wie es richtig heißt. Da der Leuchtturm nur 10 Minuten von meiner Pension entfernt lag, bin ich dort auch bei horizontalem Regen und Sturm noch hingetigert, um einen Sanddorn Grog zu trinken. Vom Tisch aus hat man einen prima Blick auf die Ostsee, welche an dieser Stelle in die Wismarer Bucht einbiegt. Genau dort fanden auch einige der Kartenaufgaben zum Sportbootführerschein See statt. Dass der Leuchtturm eine Kennung mit Blinklicht (2,1 Sekunden), Gruppe 4 mit den Farben weiß und rot hat, spielt an dieser Stelle allerdings überhaupt keine Rolle und sei bloß erwähnt, um unnützes gelerntes Wissen wieder loszuwerden…

Sportbootführerschein See in Kühlungsborn

Zu Studentenzeiten hatte ich einmal den Sportbootführerschein Binnen gemacht. Wer mit einem einigermaßen motorisierten Boot in deutsche Küstengewässer will, braucht aber den SBF-See. Und um diesen zu machen, bin ich Mitte Dezember für eine Woche nach Meck-Pomm an die kalte Ostsee nach Kühlungsborn gefahren. Oder „K-born“, wie die Einheimischen sagen. Für mich als F-furter zwar ein gutes Stück weit weg, aber außer der hier ansässigen Segelschule gibt es nicht viele Anbieter eines einwöchigen Kurses. Einquartiert hatte ich mich in der Pension Zum Leuchtturm, welche gleich nebenan in Bastorf liegt. Ein sehr sympathischer Laden mit großen Zimmern, gutem Frühstück und einer freundlichen Besitzerin.

Außer mir war im Kurs lediglich noch ein schwäbisches Ehepaar dabei, die sich schon ein kleines Bootchen auf der Insel Föhr gekauft hatten und jetzt eben diesen Schein brauchten, um es zu segeln. Kursleiter war „Bubi“, ein Käpt’n-Blaubär-mäßig redender, älterer Herr, der mit diversen Schwänken aus dem Leben eines Seemanns die graue Theorie aufgelockert hat. „Moin Kinnings, dann lass’ uns mal die lütten Tonnen im Fahrwasser bestimmen…!“, so in etwa hat er uns morgens begrüßt. Richtig gut, deswegen bin ich hier. Nur durch einen solchen Kursleiter lernt man Zusammenhänge, wie sie einem der blanke Text nicht vermitteln kann.

Da der zu bewältigende Stoff nicht so ganz wenig ist – ca. 350 Fragen, welche möglichst im Wortlaut in der Prüfung wiederzukäuen sind – hatte ich schon einige Wochen vorher mit dem Lernen angefangen. Das hat sich als sehr sinnvoll herausgestellt. Denn der puren Verzweiflung in den Augen der Schwaben nach zu urteilen, hatten diese beiden hier keine entspannten Abende. Sie wollten möglichst „unbelastet“ in den Kurs gehen, was ja auch funktioniert hat. Nur ist dann eben die Belastung währenddessen größer. Jedem seins. So ganz unschuldig ist daran auch die Segelschule nicht, denn die könnten einem ruhig auch den Hinweis geben, dass hier ne Menge Schiet in die Birne rein muss. Wenigstens einmal vorher das offizielle Begleitbuch durchlesen, das sollte schon mindestens drin sein.

Zu Kühlungsborn selbst ist nicht viel zu sagen – zwischen November und März haben die ganzen Läden mit maritimem Nippes sowieso geschlossen. Und was noch geöffnet hat, schließt schon um 18 Uhr. Nach Kursende war hier also tote Hose angesagt. Was jeder Besucher aber unbedingt ausnutzen sollte, ist das Essen von Fisch und anderen Norddeutschen Spezialitäten in einem der Restaurants. Die Qualität ist gut und die Preise in Ordnung. Das freut die wenigen Rentner, die hier noch herumfallen. Im Sommer dürfte dagegen ordentlich was los sein, da tanzt der Senior auf der Uferpromenade, würde ich mal sagen.

Mit Schietwetter hatte ich gerechnet. Dass hier aber gleich ein dickes Sturmtief über Deutschland zieht und auch noch Springflut ist, während die Motorbootübung stattfindet, das hatte mir natürlich vorher keiner gesagt. Andererseits – bei 25 Grad in Badeshorts die Prüfung machen… das kann ja jeder.

Im Test: Rindswurst von Gref-Völsing

Als Frankfurter stolpert man früher oder später über die legendären Rindswürste von Gref-Völsing. Selbst der schmuddeligste Bild-Zeitung-Kiosk rühmt sich noch mit ihrem Namen auf einem vergilbten Schild. Fakt ist: die Worscht ist hier in der Gegend ein Klassiker.

Nachdem ich neulich mal wieder über die hübsch-hässliche Hanauer Landsstraße gelaufen bin, kam ich am Stammgeschäft der Metzgerei Gref-Völsing vorbei und habe mir dort gleich mal eine Rindswurst genehmigt. Das Ergebnis will ich jetzt noch nicht vorwegnehmen. Einige Wochen später lief ich dann in der Feinkostabteilung vom Rewe an der Hauptwache an einer Pyramide mit eingedosten Würsten dieser Marke vorbei. 4 Stück sind drin, ca. 6,50 Euro kostet der Spaß, also 1,65 Euro pro Wurst. Ein ziemlich selbstbewusster Preis für ne Dosenwurst.
Also wie auch immer, die Dose gleich mitgenommen und am nächsten Tag den Kollegen auf der Arbeit vorgesetzt.

Nachdem mir die Vegetarier-Fraktion und auch die Joghurt-zu-Mittag-Esser verständlicherweise die Teilnahme verweigerten, blieben noch drei Kandidaten übrig: ein Rheinländer, ein Gießener und ich. Der Testaufbau bestand im Wesentlichen aus der korrekt im Wasserbad aufgewärmten Wurst, ein paar Semmeln und Senf.

Hier nun die Urteile, alles natürlich gemittelte Werte.

  • Haut: zu dick und zu zäh, aber knackig
  • Konsistenz: homogen und fein, einfach standard
  • Geschmack: dünn, etwas fad, kaum salzig

Tja, Gesamtnote: nur eine 2- (eigentlich eine 3, aber als Lokalpatriot hat meine Stimme einfach mehr Gewicht…).
Das Schlimme ist, dass diese Dosenwürste immer noch besser waren als das, was ich in der Ur-Metzgerei vorgesetzt bekommen habe. Dort war die Haut geradezu lederig und die Wurst nur lauwarm. Schon traurig, wenn es Gref-Völsing nicht einmal in der eigenen Imbiss-Stube hinbekommt, seine Rindswürste aufzuwärmen. Wie dem auch sei – das größte Manko ist ganz klar der Geschmack. Wie sich diese Wurst ihren Ruf erarbeiten konnte, bleibt wohl ein Rätsel. Sie ist nicht wirklich schlecht… nur eben bei weitem nicht so gut, wie ihr Ruf. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Nachtrag im Oktober 2013
War jetzt doch nochmal dort Essen gewesen, direkt an der Hanauer Landstraße. Jeder verdient eine zweite Chance. Diesmal war alles so, wie es sein soll: die Worscht war heiß und der Kerl hinter der Theke hatte die Pelle schon abgezuppelt, noch bevor ich „bitte denken Sie an die Pe…“ sagen konnte. Es war Mittags und damit Stoßzeit, dann stehen fast mehr Leute hinter der Theke als Kunden davor. Somit kommt man schnell dran, was für mich ein wichtiges Argument ist. Denn z.B. beim Vapiano stelle ich mich nicht mehr an, es dauert zu lange. Ansonsten das übliche Frankfurter Bild zur Mittagszeit: Banker wo man hinschaut. Wenn die neue Burg der EZB demnächst fertig ist, wird das wohl noch schlimmer werden. Die Anzugträger erwidern auch kein „Mahlzeit!“, aber dafür kann Gref Völsing ja nix. Jetzt zum Geschmack. Hm. Ich finde sie immer noch zu lasch. Eine Rindswurst sollte kräftiger schmecken, finde ich. Aber über Geschmack brauche mer net streite.
Vorläufiges Fazit: Entwarnung.
Zum Metzger Dürr in Bad Vilbel fahre ich demnächst auch noch, versprochen.

gref_völsing_rindswurst