Archiv der Kategorie: Mumbai

Wuselbilder

Wenn ich aus dem Fenster meines Hotels schaue, während die Sonne langsam untergeht, komme ich mir vor wie der Betrachter eines Wuselbildes:

  • Taxifahrer lehnen entspannt an ihren Autos oder schnarchen auf zurückgeklappten Sitzen.
  • Eine silberne Touri-Pferdekutsche mit grellen Lichterketten trabt durch das Verkehrs-Chaos.
  • Reiche Inderinnnen in wallenden Gewändern tragen ihre Einkäufe aus den Luxusboutiquen nach hause.
  • Raben fliegen über die Dächer und jagen die ebenso zahlreichen Tauben.
  • Menschen stehen am Telefon-Kiosk und palavern mit der Verwandtschaft.
  • Weit draußen im Hafen schwimmt ein Kriegsschiff der indischen Marine und bläst gerade schwarzen Qualm aus seinen Schloten.
  • Davor kämpfen die Boote der Hafenrundfahrt um ihren Platz am Steg.
  • Um das Gateway of India wogt die Menschenmenge, manche Familien campieren auf dem Boden und essen ihr mitgebrachtes Essen oder kaufen geröstete Kichererbsen.
  • Auf dem Dach des Nachbarhotels halten die Bauarbeiter gerade Mittagsschlaf.
  • Eine Großfamilie kämpft sich mutig und Hand-in-Hand als Menschenkette über die Straße.
  • Total ineinander verkeilte Automassen können sich weder vor noch zurück bewegen und werden laut hupend angefeuert, etwas dagegen zu unternehmen.

 

Die Aufzählung ließe sich ewig fortführen…

One Night in Bombay

Diese Menschenmassen! Sonntagabends strömen sie zum „Gateway of India“, dem Wahrzeichen der Stadt. Man kommt sich vor wie im Vatikan: der gesamte Vorplatz ist abgesperrt, man kommt nur links hinein und hinaus. Dann läuft man einmal um das monströse Tor herum und quetscht sich wieder raus. Direkt davor steht das Taj Mahal Palace Hotel. Hier sieht man, dass aufgrund der Lage direkt an der Strasse jederzeit wieder eine Bombe hochgehen könnte. Beides, das Gateway und das Taj, sehen jedenfalls sehr hübsch aus, wenn die Sonne untergeht.

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Kulinarisch gesehen gab es abends leckere Lamm-Rippchen in rotem Curry auf der heißen Platte („sizzling“) sowie gebratene Auberginen. Letzteres hatte ich selbst schon einige Male gekocht und war daher überrascht, wie nah ich dem ganzen zu Hause schon gekommen bin. Hierfür benötigt man die kleinen Mini-Auberginen, die von sämtlichen Indern im Frankfurter Bahnhofsviertel angeboten werden. Man muss daran denken, sie einzuschneiden, dann garen sie beim Braten gleichmäßiger. Wenn man sie dann noch im rohen Zustand kurz blanchiert, zieht das die Bitterkeit aus der Frucht.

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Als kleine Finesse hatte dieses Bratauberginencurry (es gibt nix ohne Curry-Sauce) ein intensives Knoblauch- und Röstaroma. Als Beilage noch das übliche Chapati und Roti. Diesmal habe ich in weiser Voraussicht ein Kingfisher Beer in Stufe „mild“ gewählt. Es hat die „korrekten“ 5%. Übrigens, falls man beim Bestellen von Getränken nach der Wunschtemperatur gefragt wird, immer sagen: freezing! Warm wird’s von alleine, und zwar noch vor dem Hauptgang.

Temperaturmäßig legt Mumbai im Vergleich zu Pune noch einen ordentlichen Zahn zu. Irgendwo zwischen 35 und 40 Grad pendelt sich das Thermometer ein. Zumindest jetzt, zur Frühlingszeit bzw. im Frühsommer. Hinzu kommt die hohe Luftfeuchtigkeit. Es entsteht dann dieser charakteristische gärende, dampfende, süße, organische Mief, der auch in Jakarta vorherrschend war. Will gar nicht wissen, wie das zur Regenzeit ist.

Auf dem Rückweg zu meinem Hotel („Suba Palace„) – man kann übrigens prima auf Bürgersteigen laufen – bin ich durch eine Shoppingstraße gegangen. Hier gibt es alles Zeuch und Krempel, was man sich nur wünschen kann. Leider ist mein Koffer schon am Limit. Platz im Magen hatte ich dagegen noch für eine kleine spezielle Süßigkeit vom Straßenrand. Ähnlich dem früher schon beschriebenen „Paan“ handelte es sich ebenfalls um eine in ein Blatt gewickelte Gewürzmischung. War wohl Bombay-Paan. Nachdem mir der Verkäufer den Preis von 10 Rp nannte, war ich erstmal skeptisch… man weiß ja nie, will der mich über den Tisch ziehen? Aber fairerweise muss ich sagen, dass es bis heute noch kein Inder versucht hat, mich auszunehmen. Jedenfalls keine Geschäftsleute. Die sich häufig anbiedernden und meist etwas schäbig aussehenden Gesellen hier einmal ausgenommen, die haben natürlich nur Dollars in den Augen: „What’s your name, where are you from, I am hungry…“.
Vielleicht sollte ich beim Einkaufen nicht so misstrauisch sein.

Wer noch nicht ausgelastet ist, hat unterwegs immer wieder die Möglichkeit, Haschisch oder „nice ladies“ zu kaufen bzw. zu besteigen. Das erinnert mich sehr an karibische Verhältnisse. Falls man auf die Frage „Do you like Bob Marley?“ mit „Yes“ geantwortet hat, war das ein klares Signal an den Verkäufer, seine Ganja-Vorräte zu präsentieren.

Von Lonavla nach Mumbai

Mit dem selben Fahrer, mit dem ich sonntags zuvor Pune unsicher gemacht habe, bin ich an diesem Tag nach Mumbai gefahren. Sein forscher Fahrstil wurde immer zögerlicher, je näher wir der Großstadt gekommen sind. Schließlich hat er sogar kaum noch gehupt, und das will etwas heißen. A propos Hupen – jemand hat einmal geschrieben, dass Inder sich im Straßenverkehr wie Fledermäuse zurechtfinden: durch reine Akustik. Da scheint etwas dran zu sein. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sie konstant weiterhupen, auch wenn offensichtlich gerade Stau ist und Hupen rein gar nichts bringt.

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Im Innenbereich von Mumbai dürfen keine Moppeds und Rickshaws fahren. Daher gibt es hier nur die knubbeligen schwarz-gelben Cabs, die einem Trabbi verdammt ähnlich sehen. Lustigerweise haben sie den selben Taxameterkasten wie die Rikschas, nur außen anstelle des Rückspiegels an der Beifahrerseite montiert. Klimaanlage is nich, mehr als einen Motor, eine Hupe und vier Räder hat man diesen Gefährten nicht gegönnt. Angeblich werden sie nahezu unverändert seit ca. 1940 gebaut. Mehr Infos zum Mumbaier Nahverkehr.

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Die Mumbaier Außenbezirke sehen genauso aus wie die von Jakarta: hohe graue Betonburgen sind der letzte Schrei. In großen Werbekampagnen wird versucht, der neuen Mittelklasse das Leben in solchen Plattenbauten schmackhaft zu machen. Man wäre dort unter sich, die böse Welt bleibt draußen und so. Wie das in 30 Jahren aussieht, dafür bräuchten die indischen Städteplaner bloß mal nach Deutschland zu fahren. Die Straßenpenner der Zukunft werden jedenfalls reichlich Gebäude zum „Platte machen“ finden… falls sie reinkommen.

Auf der anderen Seite müssen diese Unmassen an Menschen in Indien ja auch irgendwo untergebracht werden. Es können und wollen ja nicht alle im Slum leben. „Slum“ ist auch ein ziemlicher wischiwaschi-Begriff. Manche Slum-Häuser sind richtig gemauert und es gibt auch Straßen. Aber dennoch ist es natürlich nicht unbedingt wünschenswert, dort zu wohnen.

Touristen wurden in diesen Gegenden früher angeblich nach dem Ausrauben nackt ausgezogen und dann ohne alles wieder in der Stadt abgesetzt. Soviel zu den seit „Slumdog Millionaire“ und auch davor schon angebotenen Touristen-Touren durch ebendiese Slums. Wie mir später der Taxifahrer auf dem Weg zum Flughafen erzählt hat, führt er selbst diese Touren durch Dharavi (wie der Slum offiziell heißt) seit zehn Jahren durch und alles wäre prima…
Das soll mal jemand anders ausprobieren.

P.S.: im Laufe der Zeit musste ich einige Links in diesem Artikel entfernen, da es die Seiten dahinter nicht mehr gibt. Besonders auf neon.de gab es einen exquisiten Artikel, den ein Praktikant im Lande geschrieben hat. Heute findet man auf den Webseiten des Schundblatts „Neon“ bloß noch oberflächliche 5-Zeiler von Leuten, die kaum mehr als einen Kurzurlaub in Indien verbracht haben. Es kotzt an, das zu sehen. Das Land hat mehr zu bieten als 4-jährige Prostituierte und geschockte Backpacker, so hart das jetzt klingen mag.