Tee auf der Straße von Malakkar

Eigentlich: Tee „über“ der Straße von Malakkar. Denn das ist der Zeitpunkt, an dem die hübschen Flugbegleiterinnen von der Singapore Airline aus ihrer Starre erwachen und den gnadenlosen Service beginnen.

Noch vor dem Abheben hatte ich auf dem Flughafen Changi glücklicherweise einen kulinarisch wertvollen Imbissstand („Bee Cheng Hiang„) entdeckt. Nachdem ich letztes Jahr während meines zweitägigen Aufenthalts in Singapur nämlich einen chinesischen Laden gefunden hatte, der BBQ-Pork verkaufte, hatte ich genau dieses Zeug am Terminal 3 des Flughafens wiederentdeckt.

Verkauft wird sehr dünnes, vielleicht 4 mm dickes Fleisch, welches in süß-saurer Marinade eingelegt wurde, bevor es für wenige Sekunden auf den Holzkohlegrill darf. Das Resultat ist ein saucengetränktes, mürbes, gerade noch bissfestes Fleisch mit einem Geschmack und einer Konsistenz, die ihresgleichen sucht. Dank dieses Schokoladenfleischs blieb mir also ein Großteil des Flugzeugessens erspart. Das bei der Singapore Airlines allerdings noch zu den guten gehört.

Ein paar Wochen später wollte ich dieses Super-Pork mal selbst grillen. Aber aussichtslos. Obwohl ich es mit dem Fleischhammer in seine molekularen Bestandteile aufgelöst und dann mariniert habe, ist das Ergebnis lediglich ein von aussen saftiges Schwein gewesen. Wie schaffen es die Chinesen, dass das Fleisch komplett von der Marinade durchdrungen wird? So wie Gunther von Hagens seine Leichen plastiniert, so müsste man doch auch ein Schweinesteak mit BBQ-Sauce plastinieren können…

Anders als beim Hinflug, als ich noch die Dreistigkeit meines Gangnachbarn bewundert hatte, der sich angeblich die komplette mittlere 4er Reihe „reserviert“ hatte, kam ich diesmal selbst in den Genuss einer 3er Reihe. Allerdings ohne Unverschämtheiten, sondern dank glücklicher Fügung. Der Flieger war wieder nur halb voll und so konnte ich ganz business-class-mäßig die Beine lang machen. Lediglich einen nicht ganz überzeugenden Falschsitzer („Ach, das hier ist gar nicht – äh – 33G?“) musste ich mit dem amtlichen Boardingpass verscheuchen. Das geht bei Deutschen ja immer schnell, solange man etwas dabei hat, was wie ein Berechtigungsschein aussieht. Jeder andere wäre in dieser leeren Reihe sitzen geblieben.

Ich frage mich immer, wenn ich so aus dem Fenster auf die Tragflächen gucke und die leichten Ausgleichsbewegungen sehe, welche die Luftklappen macht, ob diese vom Piloten kommen oder von der Automatik. Einige Kritiker der neuen High-Tech Flugzeuge behaupten ja, die Technik würde den Kapitänen so viel Arbeit abnehmen, dass sie im Notfall nicht mehr schnell genug und auch nicht richtig genug reagieren würden. Ein paar Abstürze der letzten Jahre wurde aufgezählt, bei denen eigentlich kein triftiger Grund gefunden werden konnte.
Möglicherweise sind die beiden Piloten ja noch im Tiefkühlschlaf, bis sie wieder zur Landung benötigt werden. Jedenfalls fliegen wir schon seit Stunden durch eine Wolkendecke, was Piloten sonst eigentlich zu vermeiden versuchen.
Will’s gar net wisse.

Asien auf dem Grunde meines Cocktails

Während ich so im Flieger der Singapore Airlines sitze und meinen Cocktail trinke (Singapore Sling, was sonst, die bessere Variante von Sex on the Beach), kommen mir Gedanken zu einem Artikel in der FAZ, der die aktuelle Situation von Asien, Europa und Amerika beleuchtet. Die FAZ ist alles andere als handlich und im Flieger eigentlich nur dann lesbar, wenn man das Glück hatte, keinen Sitznachbar zu haben. Die Frankfurter Rundschau ist da in ihrem halben Format schon praktischer, aber leider inhaltlich keine wirkliche Alternative. Außerdem lohnt es sich nicht, auf ein sterbendes Pferd zu setzen.

In diesem Artikel der FAZ von einem Herrn Frankenberger ging es um die Beziehung der Regionen untereinander, und das ist eher selten. Normalerweise werden entweder die aufstrebenden Tigerstaaten (schon länger her) oder China, Indonesien etc. separat beleuchtet. In diesem Fall hat der Autor aber einige Punkte aufgeführt, die alle Regionen betreffen und die ich direkt mal unterstreichen könnte. Als Angestellter einer deutschen Firma mit indischem Chef, indischer Muttergesellschaft und Kunden in Indonesien kamen mir beim Lesen ähnliche Gedanken wie dem Autor.

Auch ich denke, dass sämtliche asiatischen Staaten mit Handkuss die Vorteile der freien Marktwirtschaft genießen. Was täten wir ohne thailändischer T-Shirts, indischen Jeans, chinesischen iPads und indonesischen Möbeln? Allein um einen kontinuierlichen Absatz dieser Waren zu sichern, sind diese Länder an einem stabilen Europa ohne Finanzkrise interessiert. Und wir Europäer fragen ja auch nicht, woher unser Konsumzeug kommt. Ab und zu wird vielleicht ein Containerschiff von halb verhungerten Afrikanern geklaut. Aber das tangiert uns lediglich peripher und ist in den Preis des iPhones längst einkalkuliert.

Auf der anderen Seite sind diese asiatischen Länder im Inneren lange nicht so vorwärtsgewandt, wie man vielleicht meinen möchte. Das Wirtschaftswachstum steht im krassen Gegensatz zum moralischen Wachstum. Entweder ist die Korruption irrsinnig hoch (Indonesien, siehe meine Erlebnisse mit der Polisi). Oder die Regierung regelt solange nichts, bis eigene politische Interessen betroffen sind (China). Oder man ist willen- und machtlos gegenüber Terrorgruppierungen, welche die Regierung erpressen (eigentlich alle). Zwar redet die Welt über China und seine kriminellen Unterdrückermethoden. Dass aber auch die indonesische Regierung ihr Volk ausbeutet und dass Singapur lediglich an der Oberfläche demokratisch ist, das juckt eigentlich niemanden.

Solange der Rubel rollt, brauchen wir uns also wirklich keine Sorgen zu machen. Was passiert, wenn er nicht mehr rollt, steht auf der anderen Seite des Curryblatts.

Business Lounge (II) und ungarische Filippinos

Es gibt schon Unterschiede, so ist das nicht. Die Business Lounge im Bereich der Abflug-Gates für Kurzstreckenflüge ist spartanischer ausgestattet als die für Langstreckenflüge. Die Vodka-Martini-Bier-Bar ist zwar gleich gut bestückt, die Auswahl an Speisen ist aber in Langstreckenbusinesslounges eindeutig besser.

Ansonsten ist noch auffällig, dass hier besonders viele Menschen einen an der Klatsche haben. Eine dunkelhäutige Dame beispielsweise setzt sich mir gegenüber und bittet darum, zu einer bestimmten Uhrzeit geweckt zu werden.
Na, selbstverständlich mache ich das. Falls ich dann noch hier bin. Ein anderer Reisender ist damit beschäftigt, mit dem Zeigefinger die Reste des Milchschaums aus seiner Kaffeetasse zu pulen. Ein dritter wiederum – Österreicher, wie nicht zu überhören ist – nutzt den Ruheraum dafür, endlich ungestört lautstark telefonieren zu können, während seine kleine Tochter die Lounge tyrannisiert. Basst scho. Ein älteres britisches Paar ist dagegen vollkommen relaxt und nutzt die Zeit für eine Partie Scrabble.

Auch nach dem Einsteigen in den Jumbo dominieren die Bekloppten. Einer behauptet steif und fest, die vier Sitze in der Mitte „reserviert“ zu haben. Reserviert, vier Sitze? Dann hätte er sich ja gleich und für weniger Geld ein First-Class Ticket kaufen können. Egal, die Stewardessen spielen mit und so darf er ungehindert andere Passiere verscheuchen, die sich verständlicherweise einen angenehmeren Sitzplatz sichern möchten. Vielleicht ist der Typ auch schwer krank und kann nur liegend fliegen… Reine Spekulation, man versucht eben, eine sozialverträgliche Begründung zu finden. Oder er ist einfach ein gewiefter fauler Sack, was möglicherweise die traurige Wahrheit ist.

Eines Tages muss ich das Alkoholexperiment endlich durchziehen. Erst in der Lounge mit Vodka abfüllen und dann volltrunken im Flieger weiter fleißig Wein und Schnäpse ordern. Ein starkes Stück, dass die Fluggesellschaften das Betrunkensein von Passagieren tatkräftig fördern. Nicht nur, das Besoffene gern mal auf dumme Ideen kommen, so wie mein damaliger Kojen-Nachbar auf dem Segelboot, der nachts die grandiose Idee hatte, den Motor unserer ankernden Segelyacht zu starten. Nein, sie schnarchen auch einfach sehr laut…

Einen Vorteil hat es natürlich, von alkoholisierten Sitznachbarn umgeben zu sein: die Kommunikation ist exzellent. Zu meiner linken saß diesmal ein ungarisch-deutscher Rentner, der gerade auf dem Weg zu seiner Frau auf den Filippinen war. Seit 25 Jahren führen die beiden eine Halbjahresfernbeziehung. Sobald es in Deutschland anfängt, schmuddelig zu werden – also spätestens ab Oktober – setzt sich der Rentner ins Flugzeug und fliegt zu seiner Lebensgefährtin in die Tropen. Wenn nur die hohe Luftfeuchtigkeit nicht wäre, meint er. Aber dafür schmeckt das Obst dort gut, was die lange Anreise definitiv rechtfertigt.
Wenn diese Beziehung mal nicht „csípős“ ist, dann weiß ich es auch nicht.