Musikmesse Frankfurt: der Wert der Dinge

„Beute, Beute, sagt der Dieb zu seiner Frau
und erhebt den Becher zum Sieg“
– Molli

Heute war Musikmesse angesagt. Länger nicht mehr da gewesen und gleich ein Online Ticket gekauft. Man ist ja nicht blöd und kauft für 30 Euro an der Kasse, sondern lieber für 20 Euro im Vorverkauf. Was man ebenfalls gleich online abgibt, ist das Recht auf Selbstbestimmung. Selbstbewusst wie die Messegesellschaft ist, zwingt sie einen gleich, sämtliche Persönlichkeitsrechte direkt am Eingang abzugeben. Sprich, wer nicht damit einverstanden ist, dass die eigenen Kontaktdaten an sämtliche Firmen, mit denen die Messegesellschaft zu tun hat, weitergegeben wird, kann seine Karte gefälligst vor Ort kaufen. Für 50% Aufschlag versteht sich. Man kann den Erpressern natürlich ein Schnippchen schlagen und eine Phantasieadresse angeben, das tut nicht weh.

musikmesse_2013_ (31)_kuddel

Wenn man schon ein paar mal auf der Musikmesse war, hält sich der Drang, neue Dinge zu entdecken doch schwer in Grenzen. Die Branche ist Erzkonservativ, hier tut sich seit Jahren nichts mehr, man kann also ebensogut den Typ vom Kiosk unterstützen und ihm das eine oder andere Beck’s-Bier abkaufen. In diesem Stil arbeitet man sich voran, um von einer Autogrammstunde zur nächsten zu fallen. Dieses Jahr waren Kuddel (bei Gibson) und Vom (bei Paiste) von den Toten Hosen vor Ort. Mangels zu unterschreibender Schallplatten oder anderer Fanartikel habe ich den beiden einfach mal meinen nackten Bauch hingehalten. Bis der Edding abgeht, bin ich nominell doch ziemlich wertvoll, aber zu Geld machen lässt sich der vollgekritzelte Wanst natürlich nicht. Und seit der alte Herr Marshall (Autokennzeichen: JCM-800) nicht mehr unter uns weilt, hat meine Motivation, irgendwelche Autogramme abzugreifen, doch sehr nachgelassen. Es ist einfach keiner der alten bedeutenden Recken mehr am Leben. Also können sie mir ruhig auf den Speck krakeln.

autogramm_bauch

Was doch ziemlich erschreckend ist, das sind die vielen asiatischen Firmen mit ihren Kopien von etablierten westlichen Marken. Im Kopieren sind das Reich der Sonne und das der Großen Mauer immer noch ungeschlagen. Und da sich die Technik der Gitarrenbranche irgendwo zwischen Steinzeit und Dampfmaschine befindet, bereitet es den Chinesen auch kein wirkliches Problem, so etwas Simples wie eine E-Gitarre oder einen Röhrenverstärker eins zu eins abzukupfern und nebenbei noch zu verbessern. Das führt uns Wessis vor Augen, was für vorsintflutliche Technik wir uns eigentlich für ein Heidengeld aufschwatzen lassen.

Jedenfalls, der Tag neigt sich dem Ende zu, und da kann es schon einmal passieren, dass dem einen oder anderen Besucher ein Effektpedal oder zwei unbeabsichtigt in den Rucksack fallen. Gerade dann, wenn man sich mit dem Standpersonal gut versteht und das eine oder andere Freibier oder -kaffee fließt, ergeben sich unvorhergesehene Geschäfte (Peavey T-Shirt: 10 Euro). Spätestens, wenn die Teppiche um 18 Uhr eingerollt werden (und das werden sie wortwörtlich), locken einen die Koreaner und Chinesen mit schier unwiderstehlichen Argumenten an ihre Stände. Ein Effektgerät für 20 Euro? Kein Thema. Man deutet auf ein Audio-Interface, einen Mini-Amp, ein Multieffektgerät…  je 10 Euro. Dürfen es noch 5 Doppelklinkenstecker sein? Alles für nen 10er, dem symbolischen Preis um diese Zeit. Kein Aussteller möchte am letzten Messetag noch palettenweise Material wieder mit nach Hause schleppen. Und so wird rausgehauen, was geht.

Der Speichel im Mundwinkel hat kaum Zeit, um zäh zu werden, schon lockt das nächste Angebot: eine Akustik-Gitarre. Schnell angespielt am Stand der Great-Wall-Music: so schlecht ist die Klampfe gar nicht. Die Saitenlage etwas hoch, aber korrigierbar. Ansonsten sauber verarbeitet, einige Teile nur geleimt und nicht massiv, aber das ist Branchenstandard. Der Chinese fragt freundlich, ob denn Interesse besteht. Na ja, theoretisch schon, eine Zweitgitarre für auf’s Boot wäre eine Maßnahme. Was sie denn kosten solle?
50.
Für eine fabrikneue Westernklampfe 50 Ocken? Das ist doch mal ne Hausnummer.
Sekunde, der Chef ist noch nicht fertig.
50 Euro für beide Western Gitarren zusammen, die hier rumstehen. Die eine in schwarz, die andere im Tortoise-Style.
Ok. Das sitzt. Spätestens jetzt flackern die Augen wirklich hektisch und der Mundwinkel kann den Sabber nicht mehr halten. Hier kann man leicht in Versuchung geraten.

Die Umhängetaschen der Besucher sind zwar schon zum bersten voll mit Werbematerial, aber die Sirenenstimmen des nächsten Standes nehmen einen gefangen, ich belausche ein Gespräch: ob es noch ein Stimmgerät sein darf? Zum an die Gitarre klemmen, heute für nur 3 Euro?
Na klar darf es eins sein, denkt sich so mancher. Oder doch lieber gleich vier Stück? Kleingeld hat hier keine Bedeutung mehr, es zählen nur noch die 10er-Scheine. Wie beim Hütchenspiel werden im allgemeinen Chaos noch schnell weitere Päckchen in Sicherheit gebracht. Am ehrlichen Lotterie-Drehrad von Musik Meinl hatte ich selbst zuvor schon versagt und leider keinen Preis gewonnen, aber was man hier für niedrigstes Geld kaufen könnte, schlägt jede Lotterie um Längen.

Was hat das jetzt mit Werten zu tun? Ganz einfach, ohne dem planetenumfassenden Transportnetz wäre ein solches Erlebnis wie heute nicht möglich gewesen. Betrachtet man die Textilbranche, läuft es dort genauso extrem: die Kleiderkette Primark verkauft ebenfalls Waren aus Fernost zu lächerlich niedrigen Preisen. Auch hier reden wir von einstelligen Eurobeträgen für ein T-Shirt oder eine Bluse. Hin und wieder krepieren ein paar indische Näherinnen in einer brennenden Fabrik, auf deren Rücken diese Preise zustanden kommen. Aber von solchen Schlagzeilen lassen wir uns nicht davon abbringen, kräftig zuzulangen, wenn der Preis einen dazu verführt.

Davon abgesehen, dass in diesem Fall – also auf der Messe – eigentlich gar nichts hätte verkauft werden dürfen, dürfte es solche Preisgefälle insgesamt eigentlich gar nicht geben. Haben denn manche Gegenstände nicht wenigstens einen minimalen Wert, unter dem sie nicht zu erschaffen sind? Scheinbar nicht, es geht immer noch ein wenig billiger. Die Gitarre, welche ich über 20 Jahre spielte, die durch die Hände mehrerer Familienmitglieder ging, und die aufgrund ihrer Qualität einen Wert verkörpert – wie ist das mit einer gleichwertigen Gitarre aus Fernost zu vereinbaren, die heute nur noch einen winzigen Bruchteil dieses Preises kostet? Die ich, wenn sie kaputt geht, eher wegwerfe anstatt sie reparieren zu lassen, weil das wirtschaftlicher Unsinn ist? Die Arbeitsstunde eines Europäers und die eines Asiaten liegt so unsagbar weit auseinander, dass hier Welten aufeinander prallen. Ob irgend etwas passieren würde, wenn die Jungs in Asien unseren Lebensstandard geniessen würden? Wären dann unsere iPhones und Gitarren um ein vielfaches teurer? Wahrscheinlich. Müssten wir uns mehr anstrengen, um im Wettbewerb zu bestehen? Sicher.
Hätten wir keine bessere Ausbildung und würde nicht unsere Fähigkeit zur Innovation gefördert, könnten wir gleich zumachen. Denn ist ein Ding erstmal erfunden, können es die Chinesen besser.

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