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„Bütt!“ Zur Weinlese in Mainz-Laubenheim

Wenn es „Büüütt“ durch den Wingert schallt, ist wieder ein Eimer bereit zur Abholung durch die „Bütt“, also den großen Sammelkorb des Winzers. Wir waren einen Tag dabei zur Weinlese in Mainz-Laubenheim.

Je nach Region heißt dieser Behälter natürlich unterschiedlich: mal ist es offiziell die „Trage-Bütte„, dann nur die „Bütt“ und bei uns auch mal die „Butz“. Ganz einig ist man sich in Rheinhessen wohl nicht. Vielleicht habe ich das auch falsch verstanden, aber gemeint ist immer das selbe korbartige Behältnis zum Tragen der Trauben auf dem Rücken. Doch was hat uns eigentlich in den Weinberg verschlagen…?

Die goldene Herbsteszeit

Ein Freund von uns, Christopher Dellee, hat zusammen mit seinem Freund Oliver Grimm irgendwann in grauer Vorzeit beschlossen, eigene Weine zu keltern. Christopher ist Geschäftsführer von Asbach und Oliver betreibt die Goldene Ente in Laubenheim. Mit Essen und vor allem Trinken kennen sich die beiden somit aus und man kann sie wohl als echte Laubenheimer Gewächse bezeichnen. Hin und wieder tranken wir also einen Wein der Dellee & Grimm Weinkellerei und kamen uns durch diese Connection schon fast selbst wie echte Winzer vor… Man muss dazu sagen, dass man ihren Wein außerhalb von Laubenheim eher nicht kaufen kann, aber innerhalb des Dorfes ist er omnipräsent.

Nun standen wir neulich auf einem der größten herbstlichen Weinfeste von Mainz, dem Mainzer Weinmarkt, zusammen und tranken Wein, da fiel es Christopher plötzlich ein, dass am nächsten Wochenende schon der erste Weinberg abgeerntet werden soll. „Berg“ ist dabei nicht ganz wörtlich zu nehmen, es handelt sich in diesem Fall genaugenommen um eine gute Hand voll Reihen mit Rebstöcken, die er für die gemeinsame Weinkellerei bewirtschaften lässt. Davon gibt es mehrere mit unterschiedlichen Traubensorten in unterschiedlichen Lagen. Die jetzt zur Lese fälligen Reben trugen jedenfalls den grünen Silvaner. Da ich weder Getränketechniker, Winzer, Weinprinz noch sonst wie mit diesem Gewerbe verbandelt bin, verzeihe man mir die eventuell nicht ganz korrekten Bezeichnungen einiger Zusammenhänge.

Rein in die Trauben

Die Silvaner Traube ergibt einen leicht grünlich schimmernden Weißwein „mit feiner Säure und zarter Blume“, wie Wikipedia es beschreibt. Fakt ist, dass er zu den am besten gehenden Weinen der Weinkellerei gehört. Außerdem liefert er gute Erträge, die Traube „ist selten geschultert, mittelgroß und mittel dichtbeerig bis kompakt. Die rundlichen Beeren sind mittelgroß und von grünlicher Farbe“. Das können wir so unterschreiben, wie man gleich sehen wird.

Für den Tag der Weinlese Mitte September war reichlich Regen angesagt worden. Nach fast zwei Monaten Trockenheit und hohen Temperaturen fiel das Lesedatum diesmal wohl etwas früher als üblich aus. Letztendlich hielt sich der Regen in Grenzen und man kann behaupten, einen goldenen Herbsttag mit milden Temperaturen erlebt zu haben. Am Weinberg tröpfelten nach und nach die Lesehelfer ein, bis wir ungefähr ein Dutzend waren. Mitgerechnet schon den harten Kern, denn nicht nur Christopher und Oliver packten mit an, sondern auch noch weitere junge Enthusiasten, die sich auch etwas tiefer mit der Materie auskannten. Wie gesagt, nicht alle Zusammenhänge waren mir geläufig.

Zum ersten Mal Erntehelfer

Voller Spannung gingen wir also zum ersten Mal auf Weinlese und bekamen gleich die nötige Ausrüstung mitgegeben, nämlich einen schwarzen Eimer und eine spitze Schere. „Lesen“ im klassischen Sinne bedeutet „Auswählen“ der Trauben. Wir Anfänger bekamen zum Glück die Anweisung, einfach alle Trauben zu ernten. Ansonsten könnte man mit entsprechend Ahnung und Geduld auch versuchen, nur die reifsten Trauben zu ernten und den Rest noch eine Weile hängen zu lassen. Wie auch immer, die Handlese hat den Vorteil, die Beeren größtenteils unverletzt zu lassen und deshalb gilt diese Art der Ernte als besonders schonend.

Am selben Tag fuhr nicht weit von uns ein bestellter Vollernter über einige andere Reihen und brachte so innerhalb kürzester Zeit durch Rütteln und Schütteln sämtliche Trauben ein. Ich habe es im Eifer des Gefechts noch nicht einmal mitbekommen, so schnell ging das! Durch die verwendete Technik ist der Vollernter zwar schneller und auch die Traubenstängel bleiben an der Rebe und landen nicht in der Maische. Dafür sehen die Beeren hinterher doch ziemlich derangiert aus und der Winzer muss sich beeilen, seine Lese in den Weinkeller zu bringen, bevor hier die spontane Vergärung beginnt.

Für uns hieß es nun: wo sind die Trauben und wie bekommt man sie abgeschnitten?! Das klingt banal, aber einige Trauben hingen so dermaßen eng umschlungen an ihren Reben, dem Draht oder gar den Metallpfosten, dass kein Anfang zu erkennen war. In diesem Fall war uns aber sanfte Gewalt erlaubt worden. Die Blätter konnte man ohne Bedenken abrupfen, falls sie im Weg waren und die Sicht behindern sollten. Und bei den Trauben darf man zur Not auch mal rabiat zu Werke gehen. Wenn sie sich nicht fügen wollen, wozu hat man die spitze Schere? Mittenrein in die Trauben und irgendwo findet sich schon eine Stelle zum Spalten.

Unser größter Anfängerfehler war nämlich, immer den obersten Trieb finden zu wollen. Hat man den durchgeschnitten, fällt einem das Traubenbündel elegant in die Hand oder sogar gleich in den Korb. Nur leider ist das selten der Fall und man tastet sich schrittweise zur Quelle vor. Oder verschwendet Zeit mit der Suche nach der optimalen Stelle zum Abschneiden.

Kinderarbeit macht Spaß

Irgendwann hat es dann auch der zärtlichste Erntehelfer geschafft, seinen Eimer zu füllen. Und spätestens jetzt sollte er lautstark nach der „Bütt“ rufen. Daraufhin kommt ein fleißiger Helfer mit der Bütt auf dem Rücken und man schüttet ihm die geernteten Trauben in sein Behältnis. Er wiederum leert seine Bütt in den großen Hänger und dann beginnt alles wieder von vorn.

Hat man an solch einem Erntetag auch Familien mit Kindern dabei, so eigenen sich kleine „Kinder-Bütt“ hervorragend dazu, die lieben Kleinen zu beschäftigen. Ansonsten fangen sie nach kurzer Zeit nämlich an, das Unterfangen der Weinlese subtil zu boykottieren: keine Lust mehr auf Traubenschneiden, hier ein Loch im Finger, Hunger, Pipi etc. Die Kinder-Bütt löst dieses Problem auf elegante Weise, denn hiermit können die Zwerge sich nicht nur wichtig fühlen, sie sind es auch! Ein eingespieltes Team aus erwachsenem Erntehelfer und freiwillig versklavtem Bütten-Kind ist einfach unschlagbar. Nächstes Mal lassen wir uns bezahlen, und zwar im Akkord!

Nach ein paar Stunden ist auch die längste Reihe abgeerntet und die Erntehelfer merken plötzlich, dass sie auch noch über einen knurrenden Magen verfügen. Als naive Neu-Erntehelfer kramten wir sofort den morgens frisch gebackenen Quetschekuchen hervor. Aber ach, der Plan lautete leider anders. Am wichtigsten sind nunmal die frisch geernteten Trauben und diese müssen nun so schnell wie möglich ins Weingut gebracht werden. Die größten Freunde und gleichzeitig die größten Angstgegner des Winzers sind nämlich Enzyme und Hefen! Die stecken nicht nur im Hefeteig, sondern fliegen auch sonst so überall herum und daher ist nach der Ernte Eile geboten, um eine spontane Vergärung zu vermeiden.

Volle Bütt, voller Hänger: ab in die Kelter

Alsdann, rauf auf den Trecker, den Unimog gestartet und ab geht es in die nahe gelegene Weinkellerei am Marienhof. Diesen Hof kann man nicht nur für Feiern mieten, er ist im Kern vor allem ein Weingut mit allem, was der Winzer zur Herstellung seiner guten Tropfen benötigt. Und hier werden die Trauben nun aus dem Hänger direkt in die Presse gepumpt. Hierbei kommen die Vorzüge eines Unimogs zum Tragen, denn über eine separate Antriebswelle am Motor kann die Transportschraube im Hänger betrieben werden. Alle Trauben, mitsamt Stil und Stengel, werden also mit sanfter Gewalt durch einen Schlauch in die Presse gepumpt. Dabei werden sie auch gleich zerkleinert, so dass die Pressmaschine weniger Arbeit hat. Das Resultat ist die Maische.

Bei der Pressmaschine handelt es sich um eine Neuanschaffung, auch wenn sie eigentlich aus den 80ern stammt. Von Raketentechnik kann man hier zwar nicht sprechen, aber sie holt mit Hilfe von ein paar Tricks auch noch den letzten Tropfen Traubensaft aus der Maische heraus. Das Ergebnis heißt ab jetzt „Most“ und schmeckt fantastisch, denn im Rohzustand enthält der frisch gepresste Most noch sämtliche Aromen und Geschmacksdetails, die dem filtrierten und abgekochten Traubensaft später fehlen.

Die Pressmaschine besteht aus einer großen drehbaren Trommel, die an verschiedenen Auslässen den Most nach unten in eine Wanne laufen lässt. Am Anfang geht das schnell und leicht, aber später muss der Kompressor ran. Über den Wechsel von Druck und Entspannung kann im Inneren der Trommel eine stabile Folie um die Ernte gepresst werden. Dieser Vorgang aus Pressen und Entspannen findet nun mehr oder weniger automatisch gesteuert statt, so dass man lediglich die Saftwanne im Auge behalten muss. Sobald sich hier genügend Saft gesammelt hat, sollte man die Pumpe anwerfen, um den Most in einen der Edelstahltanks zu pumpen.

Taufe der neuen alten Pressmaschine

Die meiste Arbeit ist jedenfalls das Ernten. Was danach kommt, ist im Wesentlichen ein Verbinden von Schläuchen mit Behältern und Abwarten, dass etwas passiert. Ab jetzt ist Know-How gefragt statt Muskelschmalz, der Winzer übernimmt. Langweilig wird es trotzdem nicht, denn der interessierte Laie kann sich endlich einmal alles genau erklären lassen. Und zum Glück wird heute nicht der erste Jahrgang gekeltert und deshalb steht immer ein Schoppen Silvaner des Vorjahres zur Verfügung und will verköstigt werden.
Auch der Riesling des Vorjahres ist zu empfehlen.
Oder auch – hicks – der Grauburgunder.
Oer ers recht der -%&§ – Pottegiser Weiserbst…

Die neue Presse musste natürlich getauft werden, nur an den Namen konnte ich mich seltsamerweise nicht mehr erinnern. Und irgendwann, wenn die Herbstsonne schon lange hinter dem Horizont verschwunden und der eigene Magen mit Weck, Worscht und Wein gesättigt ist, dann entscheidet der Winzer: is‘ gut für heute! Der Tank ist gefüllt, die Geräte werden penibel gesäubert und wer von den Helfern immer noch da ist und noch immer keinen sitzen hat, der sollte zum Abschluss des Tages wirklich einmal die letzte Ernte probieren.

Frankfurter Grüne Sauce – im Bier und im Kräuter Gin

Im April beginnt in Hessen und Umgebung die Grüne-Saucen-Zeit. Wer möchte, kann sie nun auch im Bier oder als Kräuter Gin zu sich nehmen. Die Brauerei Glaabsbräu aus Seligenstadt und die Brennerei Henrich aus Kriftel verkrauten erfolgreich ihre Getränke.

Triggerwarnung an alle woken Schneeflöckchen: in diesem Artikel geht es um Alkohol. Viel Spaß!

Kaum taut der letzte Schnee, schon giert der Frankfurter nach dem ersten Kräuterpäckchen für Grüne Sauce auf dem Wochenmarkt. Und da es heutzutage keine ungestillten Bedürfnisse mehr geben darf, wird man dort auch schnell fündig: dicke, pralle Packungen mit Kräutern für die Grüne Sauce und das schon Ende März oder Anfang April, wie es die Tradition befiehlt. Vor langer Zeit habe ich einmal gelernt, dass unter einer Durchschnittstemperatur von 11°C nichts wächst, aber sei’s drum.  Irgendwann liest die erste Hausfrau das Kleingedruckte und echauffiert sich darüber, dass die „echte Grie Soß“ zusammengestellt wurde mit Kräutern aus Italien, Spanien, Marokko oder sonstwoher. Ei Muddi, wo soll des Zeusch um die Zeit auch sonst wachse…? In Hesse sischerlisch net, noch netmal im Gewächshaus!

Woher kommt das Kraut?

Aber kurz darauf ist es dann soweit und es finden sich die ersten „biodeutschen“ Kräuter in den Packungen, was en Glick. Dass die auch jetzt nicht alle aus Oberrad stammen können ist eh klar, denn so verrückt wie der Frankforter auf sein Sößchen ist, reichen die hier produzierten Mengen bei weitem nicht aus. Was en Zerkus um die ollen Kräuter!

 

Überhaupt die Kräuter, welche müssen denn nun offiziell rein in die original Frankfurter Grie Soß? Die Oberräder Kräutergärtner haben hier klare Regeln (bloß kein Dill!) und über ihren „Verein zum Schutz der Frankfurter Grünen Soße e.V.“ haben sie es sogar geschafft, sich die Herkunftsbezeichnung schützen zu lassen. Da steht sie nun zwischen Nürnberger Rostbratwürstchen und Abensberger Spargel und freut sich über ihren geschützten Namen. Die genaue Zusammensetzung wird dort übrigens nicht erwähnt. Und wer das „Frankfurter“ weglässt, kann soviel Grüne Sauce produzieren, wie er will. Das ganze wirkt schon ziemlich ideologisch aufgeblasen, was man auch daran erkennt, dass sich die Wikipedia Gemeinde nicht auf einen gemeinsamen Eintrag für die Grüne Sauce einigen kann (hier vs. hier).

Jetzt aber zum eigentlich Anlass dieses Artikels, der sich in etwa so umreißen lässt: Grüne Sauce und Alkohol! Schon seit ein paar Jahren destilliert die Krifteler Brennerei Henrich einen wohlschmeckenden Kräuter Gin  (offiziell ist es ein Dry Gin) namens „Gin Sieben„. Auf deren Webseite erfährt man alles Wissenswerte, so dass ich es hier nicht wiederkäuen muss.

So schmeckt der Kräuter Gin

Prinzipiell kann man in den Kräuter Gin an „Botanicals“ fast hineinwerfen, was man möchte. Wichtig ist aber die Unterscheidung zwischen „Dry Gin“ und anderen Gin-Arten, denn Dry Gin ist aufwändiger in der Herstellung. Hierbei muss der Alkohol mitsamt den Botanicals versetzt werden und wird erst danach gebrannt. Im Gegensatz dazu steht der mehr einem Aufgesetzten ähnelnde „Bathtub“ Gin, bei welchem der bereits gebrannte Alkohol erst nachträglich mit den Botanicals versetzt wird. Wer es genauer wissen will, wird hier fündig. Der Gin Sieben schmeckt trocken und nach den Kräutern der Grünen Sauce, aber nie aufdringlich. Am liebsten trinke ich ihn mit Tonic, dort verbindet sich das Grüne mit dem leicht Bitteren. Sehr lecker. Kaufen kann man ihn im Hessen-Shop, wo es auch weiteres sinnvolles Zubehör für Grüne-Saucen-Fanatiker gibt, z.B. Schalen und Teller mit Motiven der sieben Kräuter. Oder natürlich über meinen Amazon-Einkaufswagen weiter unten.

So schmeckt das Kräuter Bier

Etwas jüngeren Datums ist das „Grie Soß“ Bier der Seligenstädter Brauerei „Glaabsbräu“. Genaugenommen darf man hier nur von einem „Biermischgetränk“ sprechen, weil die Bayern bei der Erfindung des Deutschen Reinheitsgebots für Bier vor 100 Jahren offenbar vergessen haben, die berühmten sieben Kräuter mit aufzunehmen. Beworben wird es zwar als „wenig hopfig“, für meinen Geschmack geht es aber immer noch stark in die Richtung norddeutscher Biere, die mir ganz einfach zu bitter sind. Das Aroma der Kräuter ist mild und anregend. Nach dem dritten Schluck merkt man es kaum noch, also kein Vergleich mit zum Beispiel Rauchbieren, die einen auch beim letzten Schluck noch denken lassen, man säße mitten in der Räucherkammer. Sowohl die Seligenstädter als auch die Krifteler merken zu ihren Grüne Saucen Produkten an, dass sie den Anteil des Schnittlauchs in der Kräutermischung stark reduziert haben. Es wäre doch mal interessant zu wissen, wie zwiebelig und intensiv ein Schnittlauch-Bier oder -Gin schmecken würde…

In diesem Sinne: Hopfen und Malz, Gott erhalt’s, aber vergiss net die sieben Kräuter dazu!

Ab in den Einkaufswagen

Wer die hier erwähnten Produkte kaufen möchte, kann das über folgende Links tun (das Glaabsbräu mit Grie Soß ist leider nur saisonal verfügbar):

Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Käufen.

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Frankfurter Mispelchen, das Kultgetränk

Als „Mispelchen“ wird ein Getränk aus Calvados, garniert mit einer eingelegten Mispel aus der Dose bezeichnet. Aber was zum Geier ist eigentlich eine Mispel?!

Man nehme: Mispel und Apfel

Als jemand, der in und um Frankfurt lebt und in Hessen aufgewachsen ist, glaubt man ja, eigentlich schon alles über die hiesigen Kultgetränke zu wissen. Als ich aber neulich mit Freunden in einer sachsenhausener Apfelweinwirtschaft saß, musste ich mich von Eingeplackten mit Hemd und Krawatte belehren lassen, was ein „Mispelchen“ ist. Normalerweise kümmert mich das Kluggescheiße von irgendwelchen Bankern und selbsternannten Gordon Gecko’s herzlich wenig. Aber diesmal hatten sie Recht: es gibt seit geschätzten 15 Jahren eine Frankfurter Spezialität, die an mir vorbeigegangen ist. Vielleicht stand sie auch schon immer auf der Getränkekarte und wurde von mir bloß als Modegetränk abgetan. Aber das würde dem Mispelchen Unrecht tun. Denn es hat eine Eigenschaft, die sie für immer im Frankfurter Kosmos verankern wird: Äpfel!

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Ok, nur die eine Hälfte ist aus Apfel, nämlich der Calvados, in dem die Mispel schwimmt. Und der stammt aus Frankreich. Ist aber auch kein Problem, denn schließlich sind vor langer Zeit genügend Hugenotten hier eingewandert und es waren sicherlich sie, die den Calvados im Ledersäckel hatten und hier einführten.

 

Dazu kommt die andere Hälfte des Getränks, nämlich die Mispel. Wieder so ein urtümliches Gewächs, das vor langer Zeit einmal einen festen Platz in Europa hatte aber mittlerweile größtenteils verschwunden ist. An manchen Plätzen wächst der Baum aber noch, man muss nur aufmerksam hinschauen. Im Saarland nennen sie die aprikosenartige Frucht übrigens „Hundsärsch“, da sie vom Pol aus betrachtet ein wenig an die Poperze eines Köters erinnert. Sie machen Schnaps daraus, was sonst. Für den Frankfurter Mispel-Drink wird heutzutage in der Regel die Japanische Wollmispel verwendet, siehe meine Bilder.

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Mispel vom Baum oder aus der Dose?

Der Mispelbaum fällt nicht besonders auf mit seinem strauchartigen, leicht krüppelig wirkenden Geäst. Das Obst, also die Mispel, wird erst im Spätherbst reif und hängt von nun an im dürren Gezweig des Bäumchens und warten auf jemanden, der sie erntet. Frost tut der Frucht gut, denn ansonsten ist sie steinhart und ähnlich ungenießbar wie die Quitte. Lässt man die Mispel also ein paar Wochen im Obstkorb vor sich hin reifen, dann kann man es schon wagen, einmal hinein zu beißen. Genug der Theorie, wo findet man schon Mispelbäume (z.B. am Kelkheimer Rettershof…)? Es ist doch wesentlich einfacher, sich eine Dose mit der eingelegten Frucht zu kaufen.

Aber woher nehmen, wenn man sie nicht selbst eingedost hat? Im Supermarkt findet man in der Büchsenabteilung zwar eine Menge Obst von der Williams Christ Birne über die Hotelfrühstückobstgarnitur bis hin zur Lychee. Aber die Mispel gibt es nur in sehr wenigen Märkten. Gute Chancen hat man außerhalb des Frankfurter Raums, denn die „Mispelchen“-Grenze verläuft recht genau am Rande des Frankfurter Postleitzahlenbereichs entlang. Und innerhalb dieses Bereichs sind die seltenen Lieferungen schnell ausverkauft. Wer aber einen Asia-Supermarkt um die Ecke hat oder einen dieser arabischen Läden mit einem Sortiment zwischen Souk und Toom-Baumarkt, der kann es auch hier versuchen. Unter der Bezeichnung „Loquat“ wird man manchmal fündig. Ob das jetzt ganz exakt die gleiche Sorte ist, das kann sicher der Botaniker klären (oder man liest die drei Zeilen in Wikipedia, es ist eigentlich die Japanische Wollmispel). Schmecken tut sie jedenfalls ziemlich ähnlich und auch preislich ist diese Variante sehr attraktiv.

A propos Preis. Man kann ohne weiteres 8 Euro pro Dose mit vielleicht 10 Früchten ausgeben („Mispeln aus der Wetterau“). Es geht aber auch billiger, z.B. beim Gourmet Versand für unter 5 Euro oder bei der Metro für 3 Euro. Die frische Mispel dagegen kostet das Kilo etwa 5 Euro, manchmal auch weniger.

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Trinken bitte mit Genuss

Wie man das Mispelchen jetzt zubereitet, ist schnell erklärt: Calvados ins Cognac-Gläschen geben, eine Mispel dazu und „Kopp in‘ Nacken“, wie der Norddeutsche zu sagen pflegt. Ob man jetzt noch einen Schuss Dosensirup zum Calva gibt oder nicht, die Mispel auf einen Zahnstocher spießt oder nicht, das ist wirklich Geschmacksache. Auch erhitzt und genossen wie ein warmer Sliwowitz macht sich das Mispelchen gut. Ob sie eines Tages der gleiche kulturelle Ausverkauf wie Pfläumchen, Willi & Co. ereilt, die auf Österreichs Party-Skipisten rund um das Epizentrum von Ischgl und St. Anton gereicht werden, weiß ich nicht. Aber verkehrt wär’s sischer aach net.

Ab in den Einkaufswagen

Rund um den „Mispelchen Drink“, also den Mispel Schnaps, ist mittlerweile eine kleine Industrie entstanden. Man kann sich das Mispelchen fertig gemischt bei verschiedenen Anbietern als Shot kaufen. Oder man macht es einfach selbst mit günstigen Mispeln aus der Dose (bzw. Loquats) und Calvados.

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Ein Tag auf der Galopprennbahn in Frankfurt

Die frankfurter Galopprennbahn gibt es seit 1864. Jetzt hat die Stadt sie an den Deutschen Fußball Bund verhökert und ihr letztes Stündlein hat geschlagen. Wir waren dabei, als das (wahrscheinlich) letzte Rennen lief.

Obwohl vertraglich zwischen der Stadt Frankfurt und dem DFB soweit alles unter Dach und Fach war, wurden auf der Rennbahn weiterhin fleißig Rennen veranstaltet, so als ob nichts wäre. Und auch so, als ob es keine festgelegten Termine für die Räumung des Geländes gäbe. Dem Schicksal ins Gesicht spuckend, pochte der Frankfurter Rennclub auf bestehende Verträge und veranstaltete einfach weiter ein Rennen nach dem anderen. Das letzte war am 15. November und man kann es nicht anders beschreiben als einen prallen Event für die ganze Familie, das Unmengen von Zuschauern anzog.

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Im Gegensatz zu gängigen Vorurteilen ist das Reiten selbst zwar ein teurer Sport. Das Zugucken an der Rennbahn ist dagegen billiger als ein Kinobesuch und man kann den halben Tag dort verbringen. Die Imbiss-Stände verkaufen ihre Bratwurst, den Espresso, die Crêpes und den Piccolo zu anständigen Preisen. Es ist billiger als auf jedem Bauernmarkt. Das Publikum ist bunt gemischt und es werden vereinzelt sogar ein paar elegante Hutträgerinnen gesichtet. Hier und dort ein Dandy mit Tweedjacke und Knickerbockern… da kommt Flair auf! Die meisten laufen allerdings rum wie immer und schenken dem eigentlichen Rennen auch nicht mehr Beachtung als es verdient hat.

 

Wie läuft das ab, so ein Galopprennen? Zunächst mal das Wichtigste: man ist ständig auf Achse. Als erstes deckt man sich mit Wett-Zetteln ein. Hier drauf werden die Tipps notiert. Bevor man aber auf ein Pferd setzt, sollte man es sich zunächst einmal im Führring anschauen. Wirkt es unruhig und tänzelt auf und ab? Könnte heißen, dass es kaum zu bändigen ist und eine Spitzenzeit hinlegt! Könnte aber auch heißen, dass ihm die Nerven durchgehen und es keinen einzigen Platz gutmacht.

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Jetzt wirft man einen Blick auf die große LED-Leinwand. Hier werden kontinuierlich die Quoten für jedes teilnehmende Pferd angezeigt. Je höher, desto schlechter das Pferd. Je niedriger, desto bessere Chancen werden dem Gaul eingeräumt. Die Quoten sind ständig in Bewegung, je nachdem wie viele Leute noch am Tipp-Abgeben sind.

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Jetzt wird der Wett-Zettel ausgefüllt. Zuerst die Nummer des Rennens. Das können locker acht Stück sein. Dann den Einsatz: 50 Cent, 1 Euro, 2 Euro, etc. Dann die Art der Wette: auf Sieg (Gaul ist erster), auf Platz (Gaul kommt unter die ersten drei Plätze) oder auf Einlauf (mehrere Gäule laufen in bestimmter Reihenfolge ins Ziel ein). Und schließlich die Nummer des Pferdes. Mit dem Zettel läuft man nun zum Wettschalter, bezahlt und gibt ihn ab.

Jetzt läuft man rüber zur Tribüne oder einfach an den Rand der Rennbahn und wartet auf den Start. Nach ein paar Minuten ist das Rennen vorbei und man ist entweder reich geworden oder hat, was wahrscheinlicher ist, „äusserst knapp“ sein Haus und Hof verzockt.

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Hilft aber alles nichts… schnell einen leeren Wettschein gezückt, rüber zum Führring gegangen und auf das nächste Rennen gesetzt. Die ganze Prozedur beschreibt auch der Frankfurter Rennclub sehr schön auf seiner Webseite: Das erste Mal auf der Rennbahn.

Es ist übrigens keine Schande, auch mal ein Rennen auszulassen und bei Bier und Bratwurst dem Getümmel zuzuschauen. So hat man auch die Muße, der Siegerehrung beizuwohnen, die reichlich unemotional geschätzte 90 Sekunden dauert. Oder im Programmheft zu blättern und nach der Verwandschaft der rennenden Gäule zu schauen. Vielleicht ist ja ein berühmter Papa oder eine schnelle Mama dabei und diese Information sollte natürlich ausgewertet werden und in das nächste Rennen mit einfließen…

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