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Frankfurter Grüne Sauce – im Bier und im Kräuter Gin

Im April beginnt in Hessen und Umgebung die Grüne-Saucen-Zeit. Wer möchte, kann sie nun auch im Bier oder als Kräuter Gin zu sich nehmen. Die Brauerei Glaabsbräu aus Seligenstadt und die Brennerei Henrich aus Kriftel verkrauten erfolgreich ihre Getränke.

Triggerwarnung an alle woken Schneeflöckchen: in diesem Artikel geht es um Alkohol. Viel Spaß!

Kaum taut der letzte Schnee, schon giert der Frankfurter nach dem ersten Kräuterpäckchen für Grüne Sauce auf dem Wochenmarkt. Und da es heutzutage keine ungestillten Bedürfnisse mehr geben darf, wird man dort auch schnell fündig: dicke, pralle Packungen mit Kräutern für die Grüne Sauce und das schon Ende März oder Anfang April, wie es die Tradition befiehlt. Vor langer Zeit habe ich einmal gelernt, dass unter einer Durchschnittstemperatur von 11°C nichts wächst, aber sei’s drum.  Irgendwann liest die erste Hausfrau das Kleingedruckte und echauffiert sich darüber, dass die „echte Grie Soß“ zusammengestellt wurde mit Kräutern aus Italien, Spanien, Marokko oder sonstwoher. Ei Muddi, wo soll des Zeusch um die Zeit auch sonst wachse…? In Hesse sischerlisch net, noch netmal im Gewächshaus!

Woher kommt das Kraut?

Aber kurz darauf ist es dann soweit und es finden sich die ersten „biodeutschen“ Kräuter in den Packungen, was en Glick. Dass die auch jetzt nicht alle aus Oberrad stammen können ist eh klar, denn so verrückt wie der Frankforter auf sein Sößchen ist, reichen die hier produzierten Mengen bei weitem nicht aus. Was en Zerkus um die ollen Kräuter!

 

Überhaupt die Kräuter, welche müssen denn nun offiziell rein in die original Frankfurter Grie Soß? Die Oberräder Kräutergärtner haben hier klare Regeln (bloß kein Dill!) und über ihren „Verein zum Schutz der Frankfurter Grünen Soße e.V.“ haben sie es sogar geschafft, sich die Herkunftsbezeichnung schützen zu lassen. Da steht sie nun zwischen Nürnberger Rostbratwürstchen und Abensberger Spargel und freut sich über ihren geschützten Namen. Die genaue Zusammensetzung wird dort übrigens nicht erwähnt. Und wer das „Frankfurter“ weglässt, kann soviel Grüne Sauce produzieren, wie er will. Das ganze wirkt schon ziemlich ideologisch aufgeblasen, was man auch daran erkennt, dass sich die Wikipedia Gemeinde nicht auf einen gemeinsamen Eintrag für die Grüne Sauce einigen kann (hier vs. hier).

Jetzt aber zum eigentlich Anlass dieses Artikels, der sich in etwa so umreißen lässt: Grüne Sauce und Alkohol! Schon seit ein paar Jahren destilliert die Krifteler Brennerei Henrich einen wohlschmeckenden Kräuter Gin  (offiziell ist es ein Dry Gin) namens „Gin Sieben„. Auf deren Webseite erfährt man alles Wissenswerte, so dass ich es hier nicht wiederkäuen muss.

So schmeckt der Kräuter Gin

Prinzipiell kann man in den Kräuter Gin an „Botanicals“ fast hineinwerfen, was man möchte. Wichtig ist aber die Unterscheidung zwischen „Dry Gin“ und anderen Gin-Arten, denn Dry Gin ist aufwändiger in der Herstellung. Hierbei muss der Alkohol mitsamt den Botanicals versetzt werden und wird erst danach gebrannt. Im Gegensatz dazu steht der mehr einem Aufgesetzten ähnelnde „Bathtub“ Gin, bei welchem der bereits gebrannte Alkohol erst nachträglich mit den Botanicals versetzt wird. Wer es genauer wissen will, wird hier fündig. Der Gin Sieben schmeckt trocken und nach den Kräutern der Grünen Sauce, aber nie aufdringlich. Am liebsten trinke ich ihn mit Tonic, dort verbindet sich das Grüne mit dem leicht Bitteren. Sehr lecker. Kaufen kann man ihn im Hessen-Shop, wo es auch weiteres sinnvolles Zubehör für Grüne-Saucen-Fanatiker gibt, z.B. Schalen und Teller mit Motiven der sieben Kräuter. Oder natürlich über meinen Amazon-Einkaufswagen weiter unten.

So schmeckt das Kräuter Bier

Etwas jüngeren Datums ist das „Grie Soß“ Bier der Seligenstädter Brauerei „Glaabsbräu“. Genaugenommen darf man hier nur von einem „Biermischgetränk“ sprechen, weil die Bayern bei der Erfindung des Deutschen Reinheitsgebots für Bier vor 100 Jahren offenbar vergessen haben, die berühmten sieben Kräuter mit aufzunehmen. Beworben wird es zwar als „wenig hopfig“, für meinen Geschmack geht es aber immer noch stark in die Richtung norddeutscher Biere, die mir ganz einfach zu bitter sind. Das Aroma der Kräuter ist mild und anregend. Nach dem dritten Schluck merkt man es kaum noch, also kein Vergleich mit zum Beispiel Rauchbieren, die einen auch beim letzten Schluck noch denken lassen, man säße mitten in der Räucherkammer. Sowohl die Seligenstädter als auch die Krifteler merken zu ihren Grüne Saucen Produkten an, dass sie den Anteil des Schnittlauchs in der Kräutermischung stark reduziert haben. Es wäre doch mal interessant zu wissen, wie zwiebelig und intensiv ein Schnittlauch-Bier oder -Gin schmecken würde…

In diesem Sinne: Hopfen und Malz, Gott erhalt’s, aber vergiss net die sieben Kräuter dazu!

Ab in den Einkaufswagen

Wer die hier erwähnten Produkte kaufen möchte, kann das über folgende Links tun (das Glaabsbräu mit Grie Soß ist leider nur saisonal verfügbar):

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Frankfurter Mispelchen, das Kultgetränk

Als „Mispelchen“ wird ein Getränk aus Calvados, garniert mit einer eingelegten Mispel aus der Dose bezeichnet. Aber was zum Geier ist eigentlich eine Mispel?!

Man nehme: Mispel und Apfel

Als jemand, der in und um Frankfurt lebt und aufgewachsen ist, glaubt man ja, eigentlich schon alles über die hiesigen Kultgetränke zu wissen. Als ich aber neulich mit Freunden in einer sachsenhausener Apfelweinwirtschaft saß, musste ich mich von Eingeplackten mit Hemd und Krawatte belehren lassen, was ein „Mispelchen“ ist. Normalerweise kümmert mich das Kluggescheiße von irgendwelchen Bankern und selbsternannten Gordon Gecko’s herzlich wenig. Aber diesmal hatten sie Recht: es gibt seit geschätzten 15 Jahren eine frankfurter Spezialität, die an mir vorbeigegangen ist. Vielleicht stand sie auch schon immer auf der Getränkekarte und wurde von mir bloß als Modegetränk abgetan. Aber das würde dem Mispelchen Unrecht tun. Denn es hat eine Eigenschaft, die sie für immer im frankfurter Kosmos verankern wird: Äpfel!

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Ok, nur die eine Hälfte ist aus Apfel, nämlich der Calvados. Und der stammt aus Frankreich. Ist aber auch kein Problem, denn schließlich sind vor langer Zeit genügend Hugenotten hier eingewandert und es waren sicherlich sie, die den Calvados im Ledersäckel hatten und hier einführten.

 

Dazu kommt die andere Hälfte des Getränks, nämlich die Mispel. Wieder so ein urtümliches Gewächs, das vor langer Zeit einmal einen festen Platz in Europa hatte aber mittlerweile größtenteils verschwunden ist. An manchen Plätzen wächst der Baum aber noch, man muss nur aufmerksam hinschauen. Im Saarland nennen sie die aprikosenartige Frucht übrigens „Hundsärsch“, da sie vom Pol aus betrachtet ein wenig an die Poperze eines Köters erinnert. Sie machen Schnaps daraus, was sonst.

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Mispel vom Baum oder aus der Dose?

Der Mispelbaum fällt nicht besonders auf mit seinem strauchartigen, leicht krüppelig wirkenden Geäst. Das Obst, also die Mispel, wird erst im Spätherbst reif und hängt von nun an im dürren Gezweig des Bäumchens und warten auf jemanden, der sie erntet. Frost tut der Frucht gut, denn ansonsten ist sie steinhart und ähnlich ungenießbar wie die Quitte. Lässt man die Mispel also ein paar Wochen im Obstkorb vor sich hin reifen, dann kann man es schon wagen, einmal hinein zu beißen. Genug der Theorie, wo findet man schon Mispelbäume (z.B. am Kelkheimer Rettershof…)? Es ist doch wesentlich einfacher, sich eine Dose mit der eingelegten Frucht zu kaufen.

Aber woher nehmen, wenn man sie nicht selbst eingedost hat? Im Supermarkt findet man in der Büchsenabteilung zwar eine Menge Obst von der Williams Christ Birne über die Hotelfrühstückobstgarnitur bis hin zur Lychee. Aber die Mispel gibt es nur in sehr wenigen Märkten. Gute Chancen hat man außerhalb des Frankfurter Raums, denn die „Mispelchen“-Grenze verläuft recht genau am Rande des Frankfurter Postleitzahlenbereichs entlang. Und innerhalb dieses Bereichs sind die seltenen Lieferungen schnell ausverkauft. Wer aber einen Asia-Supermarkt um die Ecke hat oder einen dieser arabischen Läden mit einem Sortiment zwischen Souk und Toom-Baumarkt, der kann es auch hier versuchen. Unter der Bezeichnung „Loquat“ wird man manchmal fündig. Ob das jetzt ganz exakt die gleiche Sorte ist, das kann sicher der Botaniker klären (oder man liest die drei Zeilen in Wikipedia). Schmecken tut sie jedenfalls ziemlich ähnlich und auch preislich ist diese Variante sehr attraktiv.

A propos Preis. Man kann ohne weiteres 8 Euro pro Dose mit vielleicht 10 Früchten ausgeben („Mispeln aus der Wetterau“). Es geht aber auch billiger, z.B. beim Gourmet Versand für unter 5 Euro oder bei der Metro für 3 Euro. Die frische Mispel dagegen kostet das Kilo etwa 5 Euro, manchmal auch weniger.

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Trinken bitte mit Genuss

Wie man das Mispelchen jetzt zubereitet, ist schnell erklärt: Calvados ins Cognac-Gläschen geben, eine Mispel dazu und „Kopp in‘ Nacken“, wie der Norddeutsche zu sagen pflegt. Ob man jetzt noch einen Schuss Dosensirup zum Calva gibt oder nicht, die Mispel auf einen Zahnstocher spießt oder nicht, das ist wirklich Geschmacksache. Auch erhitzt und genossen wie ein warmer Sliwowitz macht sich das Mispelchen gut. Ob sie eines Tages der gleiche kulturelle Ausverkauf wie Pfläumchen, Willi & Co. ereilt, die auf Österreichs Party-Skipisten rund um das Epizentrum von Ischgl und St. Anton gereicht werden, weiß ich nicht. Aber verkehrt wär’s sischer aach net.

Ab in den Einkaufswagen

Rund um das „Mispelchen“ ist mittlerweile eine kleine Industrie entstanden. Man kann es sich fertig gemischt bei verschiedenen Anbietern als Shot kaufen. Oder man macht es einfach selbst mit günstigen Loquats und Calvados.

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Ein Tag auf der Galopprennbahn in Frankfurt

Die frankfurter Galopprennbahn gibt es seit 1864. Jetzt hat die Stadt sie an den Deutschen Fußball Bund verhökert und ihr letztes Stündlein hat geschlagen. Wir waren dabei, als das (wahrscheinlich) letzte Rennen lief.

Obwohl vertraglich zwischen der Stadt Frankfurt und dem DFB soweit alles unter Dach und Fach war, wurden auf der Rennbahn weiterhin fleißig Rennen veranstaltet, so als ob nichts wäre. Und auch so, als ob es keine festgelegten Termine für die Räumung des Geländes gäbe. Dem Schicksal ins Gesicht spuckend, pochte der Frankfurter Rennclub auf bestehende Verträge und veranstaltete einfach weiter ein Rennen nach dem anderen. Das letzte war am 15. November und man kann es nicht anders beschreiben als einen prallen Event für die ganze Familie, das Unmengen von Zuschauern anzog.

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Im Gegensatz zu gängigen Vorurteilen ist das Reiten selbst zwar ein teurer Sport. Das Zugucken an der Rennbahn ist dagegen billiger als ein Kinobesuch und man kann den halben Tag dort verbringen. Die Imbiss-Stände verkaufen ihre Bratwurst, den Espresso, die Crêpes und den Piccolo zu anständigen Preisen. Es ist billiger als auf jedem Bauernmarkt. Das Publikum ist bunt gemischt und es werden vereinzelt sogar ein paar elegante Hutträgerinnen gesichtet. Hier und dort ein Dandy mit Tweedjacke und Knickerbockern… da kommt Flair auf! Die meisten laufen allerdings rum wie immer und schenken dem eigentlichen Rennen auch nicht mehr Beachtung als es verdient hat.

 

Wie läuft das ab, so ein Galopprennen? Zunächst mal das Wichtigste: man ist ständig auf Achse. Als erstes deckt man sich mit Wett-Zetteln ein. Hier drauf werden die Tipps notiert. Bevor man aber auf ein Pferd setzt, sollte man es sich zunächst einmal im Führring anschauen. Wirkt es unruhig und tänzelt auf und ab? Könnte heißen, dass es kaum zu bändigen ist und eine Spitzenzeit hinlegt! Könnte aber auch heißen, dass ihm die Nerven durchgehen und es keinen einzigen Platz gutmacht.

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Jetzt wirft man einen Blick auf die große LED-Leinwand. Hier werden kontinuierlich die Quoten für jedes teilnehmende Pferd angezeigt. Je höher, desto schlechter das Pferd. Je niedriger, desto bessere Chancen werden dem Gaul eingeräumt. Die Quoten sind ständig in Bewegung, je nachdem wie viele Leute noch am Tipp-Abgeben sind.

galopprennbahn_frankfurt (4) LED Leinwand

Jetzt wird der Wett-Zettel ausgefüllt. Zuerst die Nummer des Rennens. Das können locker acht Stück sein. Dann den Einsatz: 50 Cent, 1 Euro, 2 Euro, etc. Dann die Art der Wette: auf Sieg (Gaul ist erster), auf Platz (Gaul kommt unter die ersten drei Plätze) oder auf Einlauf (mehrere Gäule laufen in bestimmter Reihenfolge ins Ziel ein). Und schließlich die Nummer des Pferdes. Mit dem Zettel läuft man nun zum Wettschalter, bezahlt und gibt ihn ab.

Jetzt läuft man rüber zur Tribüne oder einfach an den Rand der Rennbahn und wartet auf den Start. Nach ein paar Minuten ist das Rennen vorbei und man ist entweder reich geworden oder hat, was wahrscheinlicher ist, „äusserst knapp“ sein Haus und Hof verzockt.

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Hilft aber alles nichts… schnell einen leeren Wettschein gezückt, rüber zum Führring gegangen und auf das nächste Rennen gesetzt. Die ganze Prozedur beschreibt auch der Frankfurter Rennclub sehr schön auf seiner Webseite: Das erste Mal auf der Rennbahn.

Es ist übrigens keine Schande, auch mal ein Rennen auszulassen und bei Bier und Bratwurst dem Getümmel zuzuschauen. So hat man auch die Muße, der Siegerehrung beizuwohnen, die reichlich unemotional geschätzte 90 Sekunden dauert. Oder im Programmheft zu blättern und nach der Verwandschaft der rennenden Gäule zu schauen. Vielleicht ist ja ein berühmter Papa oder eine schnelle Mama dabei und diese Information sollte natürlich ausgewertet werden und in das nächste Rennen mit einfließen…

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Die Kokerei Hansa in Dortmund – eine Führung

Schon mal darüber nachgedacht, woher Stahl kommt? Wo das Erz gefördert wird? Wie man Koks zur Metallgewinnung erhält? Und woher die Kohle zur Koksgewinnung stammt? Eine Führung im Ruhrgebiet schafft Klarheit.

Selbst ist der Schmied

Ich sehe mich noch heute, in mittelalterliche Kleidung gewandet, mit Lederstiefeln an den Füßen und einem Schwert auf dem Rücken durch den winterlichen Taunus stiefeln… zumindest in meiner Phantasie, während ich aus dem Kinderzimmerfenster schaute und von den Hausaufgaben abschweifte. Doch wie eigentlich in J.R.R. Tolkiens Welt der Stahl hergestellt wird, ist mir auch nach drei Filmen noch nicht klar. Aber es gab einmal eine Zeit, da wollte ich das unbedingt selbst tun: Dinge aus Metall herstellen.

 

Jahre später war ich dann IT-Student im praktischen Semester. Und der Gedanke trieb mich um, wie cool es doch wäre, mit den eigenen zwei Händen etwas schmieden zu können. Das Praktikum in der IT-Branche langweilte mich, so dass ich mir eifrig die Inhalte diverser Internetforen zum Thema „Schmieden“ reinzog. Klar war, dass ich eine Esse brauchte. Eine alte Feldschmiede mit Fußantrieb war auf Ebay schnell gefunden und für’n Appel und’n Ei gehörte sie mir. Sie war schon von Rost zerfressen und an den meisten Ecken mit Stahlplatten notdürftig ausgebessert. Der alte Bauer, von dem ich die Schmiede abholte, hatte damit jahrzehntelang Hufeisen für seine Pferde hergestellt und repariert. Sein Sohn kauft sowas heutzutage sicherlich bei Amazon und so musste das Teil die Scheune verlassen.

feldschmiede esse koks

Mit dabei war ein dicker Sack mit Kohle, so dachte ich zumindest. Aber eigentlich war das meine erste Begegnung mit Koks. Erst, nachdem ich das Zeug nicht zum Brennen bekam, ging mir ein Licht auf: ich brauche erstmal ein normales Kohlefeuer, bis das rockt! Und so begriff ich den Unterschied zwischen normaler Kohle (entzündet sich relativ schnell, brennt aber mit niedriger Temperatur) und Koks (brennt heiß und bringt Metall zum Glühen, geht aber ohne Sauerstoffzufuhr von selbst aus).
Relativ schnell war klar, dass das ein dreckiges Geschäft ist. Die Nase voll mit Staub, die Hände verbrannt und Muskelkater im Bein wegen dem Tretgebläse… Ausserdem bekam ich noch eine ordentliche Erkältung, weil im Winter natürlich kein Mensch ne Jacke trägt, wenn einem vom Schmieden doch schon warm genug ist. Die Schmiederomantik jedenfalls war verflogen und außer ein paar verbogenen Nägeln hatte ich nichts zustande gebracht. Ein frankfurter Sozialarbeiter hat mir die Esse schließlich dankenswerterweise abgekauft und beschäftigt damit jetzt seine Problemkinder.

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Mit Schweiß zum Edelstahl

Aber zurück in die Gegenwart. Da hält man irgendetwas aus Edelstahl in der Hand, zum Beispiel einen Schraubendreher. Und doch hat man im Prinzip keinen blassen Schimmer, wie lange es gedauert hat, bis aus diversen Grundstoffen dieses superstabile Werkzeug entstanden ist. Wer es genau wissen will, besucht einfach eine der Führungen im Ruhrgebiet, wo einem die Zechenlandschaft näher gebracht wird. Ich nahm Teil an einer Führung in der Kokerei Hansa in Dortmund Huckarde (auf der verlinkten Seite findet man auch die Öffnungszeiten, Preise, etc.).

Die Kette lautet im Prinzip folgendermaßen: Bergwerk – Kokerei – Hütte

  • In den Zechen (Bergwerken, Minen) wird Kohle und Erz gefördert.
  • Die Kohle wird in der Kokerei von diversen unerwünschten Inhaltsstoffen befreit und zu Koks verarbeitet.
  • Der Koks wird zur Metallgewinnung aus Erz im Hochofen genutzt.
  • Das Metall wird unter Hinzufügung verschiedener Stoffe zu Edelstahl und irgendjemand fertigt daraus die Klinge des Schraubendrehers.

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Ob in dieser Gruppe von Teilnehmern der Führung nur Industrieromantiker waren oder auch Angehörige ehemaliger Kumpel – ich weiß es nicht. Jedenfalls war diese Führung durch die Kokerei Hansa in Dortmund gut besucht. Nachdem es in letzter Zeit ein paar Umbauarbeiten gab, ist der Weg der Kohle bis zur Kokswerdung jetzt ganz einfach für Jedermann begehbar. Los geht es beim Förderband, das früher zu einem guten Teil mit der Steinkohle der benachbarten Zeche bestückt wurde. Die hier verarbeitet Kohle stammt aus verschiedenen Bergwerken und ist daher nicht immer gleich. Das Koks für die Hütten muss allerdings schon von gleichbleibender Zusammensetzung sein. Deshalb wird die Kohle gemischt und hat am Ende eine gleichbleibende Zusammensetzung.

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Kathedralen für die Kohle

Was einem Stadtkind vielleicht im ersten Moment genauso fremd ist wie die Kuh auf der grünen Wiese, das ist hier die monumentale Bauweise der Anlage. Es ist nicht ganz falsch, wenn man von Kathedralen und Palästen spricht, die hier für die Kohle gebaut wurden. Was ein wenig fehlt, ist dekorative Inneneinrichtung. Stattdessen werden die gigantischen Räume eben mit Kohle gefüllt. Nachdem sie zerkleinert, gemischt und gesiebt wurde, wird sie auf die über 300 Öfen verteilt. Die Anzahl erscheint viel, aber der Grund ist simpel: jeder Ofen ist weniger als einen halben Meter breit. Dafür aber 12 Meter lang und in der Lage, etwa 16 Tonnen Kohle unter Sauerstoffabschluss zu Koks zu verarbeiten.

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Während der Erhitzung der Steinkohle entweichen alle möglichen Stoffe, die als Gas über Rohrleitungen abgeführt und auf der anderen Seite der Anlage herausgefiltert werden. Teer, Schwefel, Benzol – hier sammelt sich das Sahnehäubchen der Koksgewinnung. Alles Stoffe, die sich gewinnbringend an andere Industriezweige verkaufen lassen. Wie auch in anderen Branchen profitieren eng beinander liegende Industrien schwer davon, wenn sie ihre „Abfallstoffe“ an den Nachbarn verkaufen können. Für diesen ist es möglicherweise der Grundstoff für ein völlig anderes Produkt.

 

Am Ende der Tour landen wir in der riesigen Halle der Kompressoren. Hier wurden die Gase mit Hilfe großer, dampfgetriebener Kompressoraggregate verdichtet und schließlich an wen-auch-immer weitergeleitet.

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Und weil es unmöglich ist, einen Artikel über Koks ohne Zweideutigkeiten zu beenden, sei hier noch erwähnt, dass mir Koks in seiner weißen Form bisher noch nicht untergekommen ist. Ein Gagschreiber könnte daraus vielleicht was machen – aber mir fällt dazu bloß ein, dass es das Koks heutzutage quasi aus der Schwerindustrie direkt in die Dienstleistungsgesellschaft geschafft hat.

Ok, der war wirklich schwach.