Konzertbericht: „The Black Crows“ in der Jahrhunderthalle Frankfurt-Höchst

Am 07.10.2022 spielten die Black Crows in der Frankfurter Jahrhunderthalle. Hier der Konzertbericht!

Der Background

Die Black Crows hatte ich zum ersten Mal irgendwann um die 00er Jahre herum gehört. Vor langer Zeit sind sie mal als Beifang aus dem Studinetzwerk auf meinem Rechner gelandet und irgendwann später liefen sie auf heavy-rotation. Nur falls gemeckert wird, ich wäre damals schuld am Untergang der Musikindustrie gewesen: später kaufte ich mir noch sehr viele Platten im Nachhinein und rannte auf die entsprechenden Konzerte… sogar den Napster-Hassern von Metallica würde ich über die Jahre gesehen noch ein paar Hundert Flocken für gute Konzerte überweisen. Aber zurück zu den Crows. Als 1990 ihr erstes Album „Shake your money maker“ herauskam, lief auf dem Kassettenrekorder in meinem Kinderzimmer noch die brave „Übergangsmusik“ wie z.B. Chris de Burgh zwischen Kindermärchen und dem, was später für Teenager so angesagt war. Folglich mussten die Robinson Brüder (damals in den Zwanzigern) schon ein wenig älter als ich sein, um ein solches Meisterwerk vorzulegen.

 

Beim Betrachten des Publikums fiel es mir dann später wie Schuppen von den Augen: mit Anfang 40 gehört man hier zu den Youngstern, die meisten Fans waren zwischen 50, 60 und aufwärts. Hört man seine Lieblingsband vor allem zu Hause im stillen Kämmerlein, kommt der Gedanke nach dem Alter der Band oder ihrer Mitglieder gar nicht erst auf. Schon gar nicht beim Hören von zeitloser Musik. Und schon gar nicht beim Gekrächze von Chris Robinson! Sie hätten das Album auch zwanzig Jahre später aufnehmen können, es würde für mich keinen Unterschied machen. Ich kaufte mir also alle Alben, die es bis dato gab und schwelgte im Sound der Black Crows. Ohne jemals einen Gedanken daran zu verschwenden, ob diese dysfunktionale Band jemals ihren Weg nach Europa finden würde.

Die Tournee

Als ich vor einem halben Jahr dann von der Verschiebung des Konzerts in der Frankfurter Jahrhunderthalle auf den 7.10. gehört habe, musste ich zuschlagen. Triple Glück gehabt: die Brüder haben sich vor kurzem wieder vereint. Sie sind auf Europa-Tour. Und sie kommen ins Rhein-Main Gebiet! Zwar nur in die „Wohlstandspocke“ von Frankfurt-Höchst, wie die Jahrhunderthalle liebevoll genannt wird („schwangere Auster“ war schon vergeben). Aber die Festhalle ist wohl eine Spur zu groß und in die neue Batschkapp will auch kein Mensch, seit sie am Ende der Welt liegt (am alten Standort in Eschersheim steht heute ein Rewe, man könnte heulen). Die Halle ist per Bus oder über die S-Bahn-Station Farbwerke-Hoechst zu erreichen. Irgendwo zwischen den Pharmafirmen im Industriepark sowie den von Frankfurt einverleibten Gemeinden Zeilsheim und Unterliederbach steigt man aus der Bahn und ist im Nirgendwo gelandet. Nicht mal ne Currywurstbude gibt es hier draußen mehr, man müsste sich schon eine Dosis Insulin von Sanofi gegen den Hunger ausborgen.

Die Jahrhunderthalle

Die Jahrhunderthalle sieht immer noch sehr schmuck aus, obwohl sie aus den 60er Jahren stammt. Und erstaunlicherweise hat sie eine sehr gute Akustik. Und die hatte sie schon zu Zeiten, als die Tontechnik noch nicht so ausgefuchst war wie heute, wo man sogar der Festhalle einen akzeptablen Sound abringen kann. Im Inneren wird man von einer zentralen, gut geführten Bar flott mit Bier versorgt. Und es gibt sogar eine kleine Kantine mit Imbiss-Essen, wer hätte das gedacht. Also entspannte Wohlfühl-Atmosphäre und das Publikum wie schon erwähnt im gesetzteren Alter. Zu jung, um Hippie zu sein und zu alt für den Moshpit, so mag ich das.

Das Konzept

Der Vorhang ging auf, bisschen Gerödel noch und alle konnten sich am Design der Tourbühne erfreuen: linkerseits war eine Bar inklusive lebendem Barkeeper aufgebaut. Eine Jukebox sollte als Intro das Lied „Shake your money maker“ im Original von Elmore James spielen, denn nach diesem Lied wurde das erste Album benannt. Rechts durften die zwei Damen für den Backgroundgesang unter einer Südstaaten Veranda stehen. Da Motto und Idee der Tour wie der Name ihres ersten Albums lautete, würden somit alle Lieder in genau der Reihenfolge wie auf dem Tonträger gespielt werden. So richtig neu ist die Idee nicht, viele Bands besinnen sich irgendwann auf frühere Zeiten und rocken ihre ersten Alben am Stück herunter. Metallica machen das manchmal oder auch Jimi Eat World. Die hatte ich damals in der alten Kapp gesehen und sie hatten gleich zwei ihrer besten Alben runtergerissen, es war ein Traum. Ebenfalls klasse waren „The Analogues“, die die Musik der späten Beatles Platten live aufgeführt hatten, was die Beatles selbst ja nie gemacht haben. Aber ich schweife ab.

Die Vorband

Vorband waren die mir unbekannten „De Wolff“, eine Art junge Ausgabe der Black Crows und nur zu dritt. Aber nicht in der klassischen Kombination Gitarre, Bass, Drums. Sondern statt Bass mit Orgel. Das kam gut, denn natürlich kann ein fitter Organist den Bass übernehmen. Klassischerweise mit den Füßen, aber hier wohl eher mit der linken Hand, während die Rechte die Melodien runternudelt. Und das nudelt schon ziemlich heftig, wenn das wuchtige Leslie Cabinet erstmal auf Umdrehungen gekommen ist! Jedenfalls, sehr sympathische Jungs, die nicht nur gut im Umgang mit ihren Instrumenten sind, sondern auch mit dem Publikum Kontakt aufnehmen. Dass sie Niederländer sind, hat sich erst nach und nach herausgestellt. Als der Sänger immer mehr Deutsch sprach, um das Publikum zu animieren, war klar, dass sie nicht aus Georgia kommen können (sondern aus Geleen, nahe der deutschen Grenze).

Der Hauptact

Und dann betraten die Black Crows die Bühne. Ein kurzes Hallo und los ging’s mit der Setlist, die ja nun keine Überraschung mehr war. Vom Sound her umwerfend, sie haben sich selbst perfekt reproduziert. Wer hier Ausflüge in spontane Jams erwartete, hatte falsche Hoffnungen. Man hätte auch die CD einlegen können. Aber gut, so war es angekündigt und so zogen sie es durch. Einerseits geil, man kann jede Note mitsingen. Andererseits halt ohne Überraschung. Das Album hat 10 Tracks und nach 45 Minuten war es vorbei. Statt einfach ihr zweites Album dranzuhängen, kamen dann noch ein paar Extras wie „Remedy“ (vom Nachfolger) und als Zugabe „Good Morning Captain“ (von „Warpaint“). Auf der seitlichen Bühne gut sichtbar hing eine blaue Digitaluhr im Rack und um Punkt 22:30 Uhr war die Show vorbei. Eject.

 

Mein Eindruck von dem Konzert ist sehr geteilt. Toll war der Sound und der Wiedererkennungswert. Der Aufwand für Rich Robinson, zu jedem Song die passend gestimmte Klampfe zu verwenden. Er wechselte sie gefühlt so oft wie Lady Gaga ihre Kleider. Was bei ihm aber wohl mehr an den offenen Stimmungen lag, die er gerne verwendet. Dann sein Stepptanz auf dem riesigen Pedalboard, alle paar Sekunden tritt er in dieser Matrix aus zig Fußschaltern irgendwo drauf. Nicht immer hört man einen Unterschied. Alles vermutlich digital irgendwo gespeichert, hier könnte Gitarre&Bass mal seine Leute hinschicken, um herauszufinden, ob hier noch irgendwo ein Röhrenverstärker im Spiel ist oder ob wir schon im Metaversum unterwegs sind. Ist aber auch wurscht, was zählt is auf der Bühne und das hat überzeugt.

Nicht so sehr überzeugt hat mich die Teilnahmslosigkeit, mit der die Brüder Robinson und ihre Begleitband (es sind nicht mehr die originalen Mitglieder) performt haben. Der einzige mit kindlichem Bewegungsdrang war der Sänger. Kann man gut finden oder nicht, mir ging sein Gehampel schon nach kurzer Zeit auf den Geist. Manche vergleichen das mit Mick Jagger oder Rod Stuart. Die beiden sind auf ihre Art coole Socken, aber das kann man von Robinson dem Älteren nicht behaupten.

Immerhin war er der einzige auf der großen Bühne, der überhaupt mal mehr als den Mundwinkel bewegt hat. Alle anderen standen nur passiv herum und machten ihren Job. Mastermind Rich hat so emotionslos gespielt, wie ich es bei noch keinem Gitarristen gesehen habe. Wozu tragen viele Bands heutzutage Masken, das wär doch eigentlich was für ihn. Soll er sich doch einen Panda oder eine Krähe anfertigen lassen, dann kann er sich dahinter verstecken. Oder sich parallel zur Bühne einen geschlossenen Studioraum bauen lassen, aus dem er zugeschaltet wird. Oder gleich wie Abba als Avatar auftreten. Also ehrlich, falls der schon immer so war, dann meinetwegen. Ansonsten habe ich dafür kein Verständnis. Schließlich sind er und sein Bruder das Herz der Krähen, da kann man wenigstens versuchen, mit dem Publikum irgendeine Art von Kontakt herzustellen.

Das Fazit

Es ist natürlich toll zu hören, wie eine Band mit super Sound ihre Songs spielt. Aber wann fing es eigentlich an, dass sowohl die Haupt- als auch die Vorbands nur noch zur Wasserflasche greifen? Man muss ja nicht wie Lemmy gleich einen Humpen mit Whisky-Cola neben sich stehen haben, aber ein Bier zum dran Nippen muss doch noch erlaubt sein. Wozu hatten die eigentlich einen Barkeeper, wenn der nichts ausschenken darf? Wann ist es ein Zuviel an Professionalität geworden? Und seit wann kosten T-Shirts der Bands mindestens 40 Euro? Das sind fast zwei Drittel vom Ticketpreis, hier stimmt das Verhältnis doch nicht mehr. Kurz und gut: die Black Crows waren hoch professionell, dagegen kann man nichts sagen. Aber trotzdem fehlt mir was, wenn ich nur wüsste, was es ist!


Nachtrag:

In der FAZ klang die Kritik des Konzerts im Vergleich zu meiner recht positiv, hier der Link zum Artikel, leider hinter der Paywall. So ist das mit dem persönlichen Eindruck, er ist halt subjektiv. Im wenige Tage darauf erschienen Leserbrief beklagt sich ein Leser aber ziemlich genau über die selben Punkte, die ich auch genannt habe. Ich bleibe bei meinem Fazit: so net, ihr Bube!

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