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Essen im serbischen Subotica

Die Stadt Subotica liegt weit im Norden von Serbien, an den Grenzen zu Ungarn und Kroatien. Wie man hier kulinarisch über die Runden kommt und wie man zu Hause in Deutschland das original serbische Grillaroma erreicht, darum geht es in diesem Artikel.

Mehr als „über die Runden kommen“ kann man das tatsächlich nicht nennen, denn kulinarisch ist Serbien ein echtes Niemandsland. Was fällt einem zu Serbien ein, außer Krieg und Bohnensuppe? Wenig, das ist es eben. Natürlich gibt es auch hier sämtliche Balkanspezialitäten wie im weitaus bekannteren Kroatien. Aber ein richtiges „Trademark“-Gericht, das gibt es nicht. Ich war beruflich für ein paar Tage in Subotica (spricht man aus wie „Subotiza“) und habe dort nach einigen Fehlschlägen schließlich doch noch eine gute Essensquelle gefunden.

Die Stadt selbst ist eine wilde Mischung aus allen Kulturen oder Nationen, die hier einmal drüber gerutscht sind. Sie hat im Laufe der Geschichte x-Mal ihren Namen geändert, um es dem jeweiligen Herrscher Recht zu machen. Egal ob das jetzt die Österreicher, Ungarn oder Türken waren. Sie alle haben ihre Spuren hinterlassen. Leider nur sehr wenige beim Essen, das ist mir unerklärlich. Hier im Norden des Landes merkt man von der Nähe zu Ungarn herzlich wenig. Weder Paprikagerichte noch Gulasch & Co. tauchen hier auf. Im Süden soll es wohl etwas türkisch zugehen, aber wenn damit das allgegenwärtige Burek gemeint ist, dann gibt es das auch sonst überall auf dem Balkan.

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Das Hotel „Galleria“

Subotica ist zwar für serbische Verhältnisse groß, hat aber trotzdem nur wenige gute Hotels. Eines davon ist das „Galleria Hotel“, das einen ganzen Straßenblock in der Innenstadt einnimmt und sehr gut ausgeschildert ist. Da das Navi hier im Land nicht richtig funktioniert, fährt man ab der Ortseinfahrt einfach den Schildern nach. Alles Wichtige ist nicht nur in kyrillischen sondern auch in lateinischen Buchstaben ausgeschrieben. Im Hotel hat es einen Wellnessbereich, der gut ausgestattet ist. Er entspricht etwa einer mittleren Saunalandschaft in Deutschland, es soll in Serbien aber angeblich nichts besseres geben. Frühstück, Service etc. ist mittlerer Standard. Hierzulande vergibt man sich dafür schon mal selbst 4 Sterne. Das Niveau in Serbien ist generell sehr niedrig. Ich weiß immer noch nicht, ob man das Land offiziell als Schwellenland bezeichnen darf. An seine Nachbarn reicht es jedenfalls bei weitem nicht heran. Wie auch immer, im Hotel gibt es ein bayerisches Restaurant, bzw. Bar namens „München“, wo Paulaner gezapft wird. Ansonsten serviert man dort morgens frisch gebratene und abends dann in der Mikrowelle erwärmte Würstchen als original deutsche Spezialität. Hier sollte man besser fernbleiben.

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Das Restaurant „Boss“

Nachdem ich einen ganzen Abend lang in der Innenstadt herumgeirrt bin, ohne ein Restaurant zu finden, habe ich später dann zum Glück das „Boss“ in einer Nebenstraße des Hotels gefunden. Unter demselben Namen befinden sich in direkter Nähe noch zwei Cafés, eine Pizzeria und eine Vinothek. Mir wurde gesagt, der deutsche Besitzer hat hier in der Stadt viele Eisen im Feuer. Ihm gehört auch ein großer Teil des örtlichen Industriegebiets, in dem gerade wie blöde expandiert wird. Da Polen und Tschechien nicht mehr zu den billigen Standorten für produzierende Firmen gehört, geht der Stab jetzt an Serbien. Für die nächsten 10 Jahre ist hier also auf der grünen Wiese richtig Cash zu machen. Wo die hier arbeitende Bevölkerung ihren Mittagsimbiss holt, steht weiter unten.

Zurück zum Restaurant-Café „Boss“. Serviert wird eine ungewöhnliche Mischung aus Pizza, Pasta, Balkanküche und: chinesisch! Auf diese Kombination muss man erstmal kommen. Aber es funktioniert. Die Pizza ist zwar etwas weich und labberig, aber lecker. Die gefüllten serbischen Kroketten knusprig und vor allem ist das chinesische Essen erstaunlich gut. Hier muss ein „richtiger“ Chinese in der Küche stehen, denn es schmeckt wesentlich besser als in jedem deutschen Chinarestaurant. Das Bier vom Fass perlt und die Bedienung ist aufmerksam, was will man mehr. Preislich kostet das Essen hier etwa die Hälfte in Vergleich zu Deutschland. Auch bei einem Cappuccino für unter 1 Euro kann man nicht meckern.

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Snack, Imbiss und Grill: „The Best“ und andere

Dieser und andere Grills umgeben das Hotel und füllen im Prinzip die gesamte Innenstadt auf. Da es kaum noch normale Geschäfte gibt, bleiben so manche Lücken in den Häuserreihen leer. Ebenso ist die Dichte von Glücksspiel-Spelunken, Bars und Cafés schon im Bereich der absoluten Sättigung angekommen. Für einen Grill oder Snackbetrieb ist aber immer noch ein Plätzchen frei. Auch ganz normale Restaurants gibt es kaum, aber Pljeskavica & Co. sind an jeder Ecke anzutreffen. Für 2 bis 3 Euro bekommt man eine ordentliche Portion mit Beilage.

Dass die herkömmlichen Geschäfte ausgestorben sind, läge an dem Flohmarkt Komplex, der im Südwesten der Stadt gleich neben dem Industriegebiet aus dem Boden gestampft wurde, sagten mir die Einheimischen. Hierbei handelt es sich im Prinzip um einen Dauerflohmarkt, der jeden Tag von morgens bis mittags öffnet und wo man von Bratpfannen bis zu Wintermänteln alles bekommt. Die Folge war, dass die meisten innerstädtischen Geschäfte dicht machen mussten. Eigentlich genau wie in Frankreich, nur dass hier statt Mega-Hyper-Super Marchées ein einfacher Flohmarkt das Sterben eingeleitet hat.

Da auf dem Markt der Teufel los ist und auch die arbeitende Bevölkerung aus dem Industriegebiet mittags was zwischen die Rippen braucht, hat es in den dort ansässigen Imbissbuden Hochbetrieb. Hier wird gegrillt und gebacken, was das Zeug hält und die Qualität ist überzeugend. Tatsächlich habe ich das beste Pljeskavica genau hier in einem serbischen Grill/Bäckerei/Imbiss gegessen! Das Geheimnis des guten Fleischgeschmacks läge im Räuchern, sagte man mir. Man nimmt das rohe Fleisch und hält es für einige Zeit in die qualmende Holzkohle. Dadurch nimmt es den rauchigen Geschmack an und kann anschließend über dem Feuer gegrillt werden. Wichtig ist, dass die Kohle nur qualmt und nicht brennt. Denn sonst wird es zu heiß. Falls das Feuer doch mal auflodert, kann man es mit einer Handvoll Salz wieder bändigen. Wieder was gelernt. Wenn ich mich recht entsinne, sind mir schon in Kroatien die vielen qualmenden Grills aufgefallen. Und ich habe mich immer gefragt, wozu das gut sein soll. Möglicherweise bekommt man zu dem Aroma auch gleich noch Krebs mitgeliefert. Denn uns Deutschen wird ja seit Ewigkeiten schon eingetrichtert, dass so ziemlich alles zwischen Himmel und Erde und insbesondere die im Rauch enthaltenen Schadstoffe krebserzeugend sein sollen. Und deswegen schmeckt unser Grillgut auch irgendwie kastriert. Muss jeder selbst entscheiden. Geschmacklich ist der Krebs jedenfalls bombastisch.

Wer auf solch ein versautes Grillerlebnis steht und in Frankfurt wohnt, dem sei der „Balkan Grill“ im Gallus an der Mainzer Landstraße wärmstens empfohlen! Hier werden kaum zu schaffende Fleischberge serviert, leider ist die Atmosphäre ein wenig Bahnhofshallenartig. Wer es genauer wissen will, lese die Kritiken auf Yelp. Als Vegetarier oder Biofundamentalist sollte man aber vielleicht woanders hingehen…

Lakefleisch [‚lackefleisch oder ‚laggefleisch]

Anhand meiner frei erfundenen Überschrift in Pseudo-Lautschrift erkennt man schnell: Lakefleisch ist was Regionales! Das Rezept wie man’s macht und alles drumherum erkläre ich hier von α bis Ω.

Neulich bei einer unserer Touren durch Frankfurt meinte Ulli so gegen 2 Uhr morgens zu mir: „Laggefleisch, das wär’s doch jetzt!“
„?!?“
Wenige Minuten später konnte ich mir zusammenreimen, was „Laggefleisch“ wohl auf Hochdeutsch ist: Lakefleisch! Manchmal auch „Surfleisch“ genannt. Das Fleisch ist dabei eigentlich nur der Vorwand für eine zünftige herbstliche Veranstaltung an der frischen Luft. Hauptgrund ist das gesellige Beisammensein, während ein monströses Feuer brennt und man während der Wartezeit alle Alkoholika aufbraucht, die das Jahr über im Schnappsschrank angehäuft wurden. Aber jetzt mal ganz von vorne.

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Also, ganz und total von vorne wäre jetzt erst mal ein kurzer Ausflug in die mitteleuropäische Geschichte angesagt: die Italiener haben ihre Spaghetti alla carbonara, wir Deutschen haben dafür das Lakefleisch. Beide Male waren es die Waldarbeiter, beziehungsweise die Köhler, die uns diese Spezialität beschert haben. Während die italienischen Köhler bei Speck und Sahne auf ihre Kohle gewartet haben, musste es für die Deutschen schon gleich eine halbe Sau im Feuer sein. Und so hat man die eh schon vorhandene Masse an Holzkohleglut genutzt, um darin gleich noch ein paar Kilo Fleisch zu garen.

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Auch Kartoffeln wurden gern reingeworfen, das nennt sich heute noch „Krombernbrate“ und findet wie das Laggefleisch im Nord-Bayerischen statt. Die Elsässer waren in der Resteverwertung ihrer Ofenglut ebenfalls sehr erfinderisch und haben damals den Flammkuchen erfunden. Aber typisch deutsch ist halt die pure Masse an Schwein, die wir in die Glut gepackt haben. Deshalb zieht es uns noch heute zum Sonderangebot von 2,99 pro Kilo Sau in die Supermärkte. Ohne dass wir dabei auch nur einen einzigen Gedanken an Lackefleisch verschwendet hätten. Sollten wir aber!

Jetzt also zum Eingemachten (ha, ha!). Die Zubereitung des Lakefleischs besteht aus drei Phasen:

1. Fleisch Laken
Wir nehmen Schweinefleisch in Scheiben vom Kamm oder Nacken, also nicht zu mager. Fleisch kann man generell durch Salz haltbar machen. Das geht trocken, indem man es mit dem Salz einreibt und in seinem Elend liegen lässt. Daraus wird dann irgendwann Schinken. Oder man wirft es gleich in eine Wasser-Salz-Lösung.  Dann zieht wegen der Osmose die salzige Lösung in das Fleisch hinein und sorgt erstens für Salz im Fleisch und zweitens für weniger Bakterienwachstum.

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Zum Laken fertigt man am besten eine etwa 8%ige Salzlösung an und legt darin das Fleisch ein. Gibt man noch Nitrat hinzu, wird das Fleisch auch noch rötlich gefärbt (gepökelt). Es ändert den Geschmack ein wenig in Richtung „Geselchtes“ (wenn ich das auf Wikipedia so nachlese, fällt mir auf, dass wir den Begriff eigentlich nie für „Geräuchertes“ verwendet haben) wie z.B. bei einer Haxe auf Sauerkraut. Da unser Schwein in Scheiben vorliegt und die Lake etwa 1 cm pro Tag ins Fleisch zieht, reichen 2-3 Tage im Keller völlig aus. Wer will, kocht vorher noch eine Mischung aus Lorbeer, Wacholder, Zwiebeln und Knoblauch auf und gibt das in die Lake. Zieht lecker ins Fleisch und gibt Taste!

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Wenn das Fleisch fertig ist, holt man es aus der Lake und kann es noch ein paar Stunden trocken durchziehen lassen. So verteilt sich das Salz im Fleisch („Durchbrennen“). Schließlich wird es portionsweise in Alufolie eingewickelt, das sind etwa 2 Scheiben pro Päckchen. Es kommt etwa eine gehobelte Zwiebel auf ein Päckchen Lackefleisch. Das Fleisch soll ja saftig bleiben, und dafür sind Zwiebeln einfach optimal. Außerdem geben sie Geschmack. Da das Fleisch schon salzig genug ist, muss es bloß noch etwas gepfeffert werden. Auch Paprikapulver oder eine Scheibe Bacon dazwischen schaden nicht wirklich! Mehr Ideen gibt’s hier. Die Alu-Päckchen fest einwickeln und bereithalten für die Höllenglut.

2. Holzfeuer machen
Wer mit dem Selberpökeln fertig ist oder einfach die Abkürzung über den nächsten Metzger genommen hat, kann weitermachen. Denn jetzt kommt die Stelle für die Jungs! Wir brauchen Holz, am besten frisch geschlagenes Buchenholz. Frisch deshalb, damit es später nicht so schnell verbrennt und die Glut länger hält. Und da man Laggefleisch nicht nur für 4 Leutchen macht, sondern eher für 20, braucht es auch richtig viel Holz. Zwei Ster (Kubikmeter) sollten für eine Gruppe von 20 Personen reichen. Man schichtet das Holz so auf, dass es gut Feuer fängt und später von alleine in sich zusammenfällt. Große Stücke holt man nachher, wenn reichlich Glut vorhanden ist,  aus der Asche, denn sie steuern nichts bei, außer dass sie die Hitze blockieren und Luft in den Gluthaufen reinlassen. Also nochmal für Bürohengste: 2 echte Kubikmeter frisches(!) Holz müssen beschafft und aufgeschichtet werden! Das ist ein Hänger voller Holzscheite und es ergibt einen Scheiterhaufen, auf dem meine Oma ohne Weiteres hätte in die ewigen Jagdgründe mitreisen können.

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So wie man auch ein Auto anzünden kann, wird auch dieser Holzstapel angezündet: einige Grillanzünder machen den Job. Im Innern auf einem separaten Starterfeuer verteilen und schon schlagen die Flammen lichterloh. Wenn man das Feuer um 10 Uhr vormittags startet, braucht es etwa 4 Stunden, bis man eine amtliche Menge Glut beisammen hat. Optimalerweise besteht sie aus schön gleichmäßig kleinen Glutstücken. Hilfreich beim Handling sind feuerfeste Klamotten und Handschuhe, wie sie die Feuerwehr hat. Große Schaufeln mit langen Holzstielen helfen beim Verteilen und Umschichten der Asche. Und der Boden sollte die Hitze auch aushalten können…

3. Fleisch backen
Um 14 Uhr sollte das Feuer soweit abgebrannt sein, dass sich ein stattlicher Glutberg gebildet hat. Natürlich könnte man jetzt die Glut einfach ein wenig zur Seite schieben und die Lackefleisch-Päckchen direkt reinwerfen. Dann müsste man sie aber auch wieder mit der Schaufel herausfriemeln und würde beim Herumstochern die Alufolie aufritzen. Dann entweicht der Saft und das Lackefleisch wird trocken. Sinnvoller ist es daher, alles in einen Metallkorb zu legen und den gesamten Korb in die Glut zu stellen. So bekommt man alles leicht wieder herausgehoben und vergisst auch kein Päckchen in der Fleischhölle. Praktisch sind dabei lange Metallstangen, damit sich der Grillmeister nicht selber grillt bei der Aktion. Der Knackpunkt am Backen des Laggefleischs ist, dass die Glut den Korb komplett bedeckt. Alles was rauskuckt, verbrennt wegen dem Sauerstoff und der Mörderhitze. Innendrin kommt kein Sauerstoff an die Fleischpäckchen, nur Hitze. Und so soll es sein. Also immer fleißig die Glut beobachten, regelmäßig die Asche festklopfen, um entstandene Hohlräume zu schließen und zur Erholung zwischendrin ein Schnäppschen trinken. Ok, es geht auch ohne Schnapps. Aber man verbringt schon den halben Tag am Feuer, und da ist Wasser auch nur die halbe Miete…

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Ich habe etwas von drei Phasen gefaselt, die wären hiermit erklärt. Was jetzt passiert, könnte auch in jedem x-beliebigen Backofen stattfinden, jedenfalls fast: das Fleisch gart vor sich hin. Unter der Glut muss es ziemlich heiß sein. Sicherlich heißer, als es ein Backofen könnte. Man lässt die Fleischpäckchen etwa 1 bis 2 Stunden drin und testet dann mal eines. Das Schwein ist relativ schnell gar. Aber erst nach der vollen Garzeit des Lakefleischs, also gegen 16 Uhr, wird es so mürbe, dass es locker mit dem amerikanischen pulled pork mithalten kann. Dabei zersetzt sich sämtliches Kollagen und die Fleischfasern wissen einfach nicht mehr, wohin sie sollen, und fliegen einem fast von alleine in den Mund! Jetzt mal plastisch dargestellt. Aber anstatt 10 Stunden vor dem amerikanischen Smoker Grill zu warten, schaffen wir das beim Lackefleisch schon nach 6! Ok, die Marinierzeit müsste man auch noch berechnen, aber wer will da schon kleinlich sein.

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Und weil man währenddessen und später auch diverse Outdoor-Spiele spielen kann, wie zum Beispiel Nägel in Holzstämme schlagen oder, äh, noch mehr Nägel in Holz schlagen, vergeht die Zeit wie im Fluge und schon ist es dunkel. Und irgendwo war doch noch so ein Päckchen Lackefleisch… es geht doch nix über einen deftigen Mitternachts-Snack!

Fazit: wer auch nur einen Funken Sinn für urtümliche Rituale im Freien hat, der wird das Laggefleisch-Essen lieben. Jedes Jahr auf’s Neue. Einfach den Rauchsignalen folgen.

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Segeln auf der Adria 17: Der Cobb Grill im Einsatz

Es gibt ja Menschen, die alles Neue zunächst einmal niedermachen, bevor sie den Nutzen erkennen. Das ist so bei jeder neuen Generation von Ankern (Stockanker zu CQR, CQR zu Bügel, Bügel zu Rocna/Spade, usw.) und sogar bei einem simplen Grill verhält es sich so. Der mittlerweile in Seglerkreisen recht bekannte Hamburger Stephan mit seinem Boot „Digger“ ist so ein Mensch, der in dieses Schema passt. Neulich hat er einen sehr amüsant zu lesenden, aber doch etwas cobblosen Beitrag darüber geschrieben, wie unsinnig der vor einer Weile auf den Markt gekommene Grill der Firma Cobb ist. Da ich selber einen habe, muss ich hier mal eine inoffizielle Gegendarstellung schreiben, für die ich leider nicht bezahlt werde.

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Kurz zum Grill: es handelt sich im Prinzip um ein Schale-in-Schale System. Nur die innere Schale mit dem Brikett und dem Grillgut wird heiß. Außenrum wird es höchstens handwarm, da hier ein Drahtgeflecht und genügend Abstand zur Grillkammer keine hohen Temperaturen aufkommen lässt. Auch untenrum wird nichts warm, man kann den Grill also herumtragen, während er noch glüht. Lediglich nach oben weg wird es heiß, logisch. Auch an der Abdeckglocke kann man sich verbrennen. Aber das soll ja so sein, kalt grillen geht halt nicht. Für mich war vor allem ein Argument ausschlaggebend: ich will auf dem Boot grillen können! Und dafür brauche ich einen sicheren Grill, von dem keine Gefahr für mein Plastikbootchen ausgeht. Zugegeben, ein Cobb Grill ist schweineteuer. Aber wer das einmal mit den Preisen für einen Weber Grill vergleicht, die in meinen Augen viel einfacher gestrickt ist, wird sehen, dass der auch nicht billiger ist. Natürlich möchte die Firma Cobb noch diverses mehr oder weniger sinnvolle Zubehör an den Mann bringen. Aber das sei ihnen gegönnt, muss man ja nicht kaufen. Der Standardgrill tut es absolut.

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Man kann den Grill mit ganz normaler Holzkohle befeuern, die allerdings wenig Platz im Brennraum findet. Daher wird empfohlen, entweder standard Pressbriketts zu verwenden oder gleich das hauseigene Brikett mit integriertem Anzünder zu nehmen. Die Cobb-Bricketts sind – natürlich – sauteuer aber ungemein praktisch. Man zündet den Klumpen an einer Stelle mit dem Feuerzeug an oder legt bei viel Wind einen Grillanzünder darunter. Daraufhin startet im Brikett eine sonnenfusionsähnliche Kettenreaktion und nach viel Gespratzel, Rauch und Feuerwerk glüht der kleine Reaktor für die nächsten 2 Stunden rauchlos vor sich hin. Der Vergleich mit der Atomkraft kommt nicht von ungefähr… ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wie man dieses Teil vorzeitig auskriegen soll. Zum Auseinanderziehen ist da nichts. Meine Lösung lautet: Rohrzange ausgepackt und den Kohlekorb über Bord gekippt, feddich! Das spratzelt dann nochmal so richtig schön im Wasser, aber dann ist wirklich Ende Gelände.

Mit einer Sache war ich nicht zufrieden, und das bemängelt der Stephan zu Recht: das Grillgut wird nur sehr schwer geröstet, also braun, dunkel, meinetwegen auch verbrannt, gegrillt eben. Die mit Teflon beschichtete Edelstahlplatte ist in meinen Augen zu dick und frisst zu viel von der kostbaren Hitze. Zwar ist sie mit vielen kleinen Löchern perforiert, aber das hilft recht wenig, da diese nur am äußersten Rand vorhanden sind. Also habe ich für dieses Jahr einige größere Löcher in die Mitte gebohrt und siehe da: es grillt doch! Jetzt habe ich eine Grillplatte mit zwei Temperaturzonen. In der Mitte böllert die Hitze das Grillgut im Nu kross und an den Rändern kann ich es sanft weiter erhitzen oder warm halten. Direkt um die Kohleschale herum ist eine größere Rinne, in die man Wasser mit Gewürzen, Bier oder sonstwas kippen kann. Da drauf lege ich ein paar halbierte Kartoffeln, Zwiebeln und anderes Gemüse. Das kann schon mal in aller Ruhe garen, während ich mich um die obere Etage mit dem Fleisch kümmere.

Als Fazit kann ich dem Grill persönlich fast nur Bestnoten geben. Aber würde ich ihn nicht auf dem Boot gebrauchen… ich würde mir wohl etwas Billigeres anschaffen. Mer habbet jo nix zu verschenke.

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Wie man ein original Schweizer Käse Raclette macht

Zur Einstimmung erst einmal ein kurzer Auszug aus dem „Appenzellerlied“:

„Myn Vatter ist en Appenzeller
Trüvi düvi düvido
Het weder Moscht no Wy im Cheller

Trüvi düvido
Myn Vatter ist en Appenzeller

Er frißt de Chäs mitsamt em Täller“
 

Fährt man auf dem Weg in den Skiurlaub durch die verschiedenen Regionen der bergigen Schweiz, begegnen einem schon auf der Autobahn diverse Hinweisschilder mit verlockenden Käsenamen: Gruyère, Appenzeller und wie sie alle heißen. Hat man etwas Glück und die Ferienwohnung oder das Chalet ist üppig ausgestattet, so kommt man in den Genuß eines original Schweizer Käse Raclettes. Hiermit ist nicht die etwas langweilige Variante mit den Teflon-Pfännchen gemeint – was bei uns Deutschen so langsam zum Sylvesterabend-Standard zu werden droht – sondern die Prozedur mit einem großen halben Käselaib. Selbst das ist streng genommen noch nicht wirklich original: wer es wie zu Alm-Öhis Zeiten haben will, der muss schon vorher ein richtiges Holzfeuer schüren und den Käse davor legen.

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Hier aber soll es um die Variante mit dem Tischgrill gehen, unter den man einen halben Käselaib spannt. Was man dafür braucht ist zunächst einmal der Käse. Es sollte ein zum raclette_käse_preisGerät passender Laib sein, also in unserem Fall ein halbierter runder Käse. Ob aus Rohmilch oder pasteurisiert bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen. Rohmilchkäse riecht und schmeckt natürlich kräftiger als die tote Variante. Etwa 2 Kilogramm reichen für 8 Personen, also ungefähr 250 Gramm pro „Mitesser“. Der Käse ist nicht billig (knapp 20 Euro das Kilo, aber auf die Menge gesehen ist das Ok), sollte aber trotzdem vor Ort gekauft werden, damit es später keine Enttäuschung gibt. Die Schweizer verstehen wirklich was vom Käse, das zeigt sich in der Qualität aber eben leider auch im Preis. Ansonsten spricht natürlich nichts dagegen, sämtliche anderen Zutaten wie das sauer eingelegte Gemüse von daheim mitzubringen.

Was man ausserdem braucht, ist natürlich das Grillgerät. Hier gibt es verschiedene Varianten auf dem Markt. Manche sind nur für einen viertel Käselaib geeignet, das sieht schon von weitem so aus, also ob es nichts taugt, da der geschmolzene Käse hier frei herunterlaufen kann. Dann gibt es Geräte für eckige Käseformen und natürlich die für den runden Laib. Obwohl das Ding aus Steinzeittechnik besteht, kostet es im Onlinehandel flockige 240 Euro, ist also eher was für echte Käsefanatiker, die sowas regelmäßig benutzen. Dafür verspricht einem der Händler aber auch folgendes, in bestem Verkäufer-Geschwurbel:

„Der rotglühende Rohrheizkörper des Gerätes vermittelt uns das Schauspiel eines großen Haufens von Holzglut in einer Gegend mit Felsen, Bächen, Wäldern und Weiden. (…) In diesem Mittelpunkt des Geschehens treffen sich die Blicke, in diese Richtung wittern die nach verlockenden Düften lüsternen Nasen. Und da ist der Racleur, meist der Herr des Hauses.“
 

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Bevor die Nüstern flattern können, muss das Teil erstmal an die Steckdose angeschlossen werden, die sich gleich neben der Weide am Bachrand befindet. Die Heizspirale unter der Abdeckung ist schnell auf Temperatur gebracht, also nix wie den Chäs drunter gespannt und das Messer gewetzt. Das Prinzip ist schnell erklärt: der Käse wird so dicht unter dem Grill positioniert, dass die oberste Schicht schmilzt und sich nach kurzer Zeit eine braune Kruste bildet. Vor allem die Käsekruste krustet sehr schön, der Käse selbst braucht da schon etwas mehr Zeit. Nach 3-5 Minuten schwenkt man den Laib unter dem Grill hervor und kann ihn seitlich kippen.

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Mit dem Messer schabt man nun einmal der Länge nach über die geschmolzene Oberfläche und befördert einen duftenden Käsehaufen auf den wartenden Teller. Mit einem zweiten Schnitt fährt man etwa einen halben Zentimeter unter der knusprigen Rinde hindurch und schabt auch diese auf den Teller – ein Hochgenuss!

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Wie man sieht, ist Raclettemachen nicht schwer und eine Gaudi für alle Beteiligten, vor allem natürlich für den „Racleur“. Anstatt mit der Bierflasche neben dem Holzkohlegrill steht man hier eben mit dem Weißweinglas vor der Raclette Station.

Wer an der Käsemacherei interessiert ist, dem sei noch der Besuch einer Schaukäserei ans Herzen gelegt. Das geht zum Beispiel bei der Appenzeller Käserei oder auch bei der im Gruyère.

Kochen mit Wok und Aztekenofen

Echte Deutsche Kerle haben das Grillen ja quasi mit der Muttermilch (bzw. dem Vaterbier) aufgesogen. Ist ja nichts einfacher, als ein Feuerchen zu machen, das tote Tier draufzulegen und grillgabelschwingend daneben zu stehen. Dass man mit Feuer auch ganz regulär kochen kann, gerät dabei manchmal in Vergessenheit.

Beim Betrachten des Aztekenofens im Garten kam mir dann der Gedanke, es doch einmal damit zu probieren. Kleine Nürnbürger Würstchen und Marshmallows hatte ich früher schon darauf am Stock gegrillt. Aber diesmal sollte es per Wok funktionieren. Preiswerte Woks gibt es in jedem Asia-Laden für wenige Euro und etwas besseres sollte man auch besser nicht verwenden. Denn im Gegensatz zur sauberen Gasflamme, wie sie im Asia-Imbiss verwendet wird, kocht man hier über dem offenen Feuer. Und das rußt. Wieviel, das sollte ich erst hinterher bemerken, als die dicke schwarze Rußkruste abfiel.

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Also, schnell Feuerchen gemacht und auf ordentlich Hitze gewartet. Geht ja flott bei diesen Öfen aus Ton bzw. Terracotta. Das mit dem „sachte Anheizen“, weil der Ofen sonst zerspringen könnte, halte ich für ein Gerücht. Wenn er nass ist, dampft er solange, bis der Ton alle Feuchtigkeit ausgeschwitzt hat, das war’s dann schon. Alle Zutaten für die Asia-Pfanne kleingeschnitte und nebendran parat gelegt. Und drauf mit dem Wok! doch was ist das?

  • Erstes Problem: der Schornstein-Effekt. Stelle ich den Wok auf dem Schornstein ab, geht das Feuer zurück. Es geht nicht aus, aber es glimmt dann nur noch und der Rauch kann nicht mehr abziehen. Hier würde ein stabiler Untersatz in der Art eines Metallkorbs helfen – der Wok bliebe auf Abstand und der Kamin hätte Durchzug.
  • Zweites Problem: die immense Hitze. Verteufelt wird das heiss! Dabei schlagen die Flammen auch noch neben dem Wok am äusseren Rand hoch und versengen einem schnell den Unterarm. Hier hilft leider nur die Devise „Be quick or be dead“.
  • Drittes Problem: da ich den Wok jetzt nur selten abstellen kann und die meiste Zeit schwingen muss, ermüden die Arme irgendwann.

Aber geil is‘ scho! Und es funktioniert. Die Zutaten kommen der Reihe nach hinein und nach wenigen Minuten hat man eine wohlschmeckende Azteken-Asia-Pfanne gekocht. Mit ein wenig Raucharoma natürlich.

S

Auch andere Kochabenteuer musste dieser Ofen schon über sich ergehen lassen. Als Pizza-Ofen mit hineingelegter Marmorfliese sollte er mir eine knusprige Pizza backen. Sie war dann auch ziemlich knusprig, aber ansonsten ungenießbar, da gleichzeitig heißgeräuchert. An den äusseren Rundungen dachte ich mir, müsste man doch auch Fladenbrot backen können. Kann man auch. Jedenfalls solange, bis es trocken ist und runterfällt. Mit etwas mehr Übung müsste das aber alles zu machen sein.

Lustigerweise liest man mittlerweile des öfteren von Sterne- (und normalen) Rezepten, in denen ganze Hühner und Enten in Öl statt Wasser gegart werden. Ich weiss ja nicht. Schmeckt der Vogel dann hinterher nicht wie das Opfer einer Ölpest? Wer von Feuer, Hitze und Fleisch nicht genug bekommen kann, sollte sich auf alle Fälle mal die Sache mit dem frittierten Truthahn ansehen:

Und was passiert, wenn das Öl in die Flamme gerät, zeigt dieses Video. Wow. Da bleib ich mal lieber beim Aztekenofen.