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Abenteuergeschichten mit Zelda – jetzt im Buchhandel

Endlich hatte ich genug Zeit und Lust, um sämtliche Blogartikel zu den Kroatienreisen mit meinem Segelboot „Zelda“ in Buchform zu gießen. Das Resultat heißt „Abenteuergeschichten mit Zelda“ und ist 224 Seiten dick. Bevor geunkt wird: nein, ich habe nicht Schriftgröße 14 verwendet! Natürlich enthält es auch Bilder, denn ich wollte ein ähnliches Lesegefühl erzeugen, wie wenn man den Blog liest und da gehören Bilder nun einmal dazu. Leider konnte ich sie aus Kostengründen nicht alle bunt drucken lassen. Es fühlt sich also ein wenig so an wie die frühen „Lustigen Taschenbücher“, in denen nur jede zweite Seite bunt war. Dem Lesespaß tut das hoffentlich keinen Abbruch. Ansonsten gibt es auch noch die Variante als „E-Book“, das mit 8 Euro sehr günstig ist und durch und durch bunt daher kommt.

Zu kaufen ist das Buch überall dort, wo es Bücher gibt. Am liebsten wäre es mir natürlich, ihr unterstützt den lokalen Buchhandel und schwärmt dem Verkäufer vor, wie toll das Buch ist und ob er sich nicht vielleicht ein Exemplar davon in die Auslage legen könnte… aber man kann es natürlich auch bei Amazon bestellen oder im Webshop von Books on Demand.

Leider musste ich aus rechtlichen Gründen die auch im Buch vorkommenden Beiträge von meinem Blog deaktivieren. Aber nun gibt es ja das Buch, also bitte fleißig kaufen. Für mich selbst springt dabei übrigens nur weniger als ein Euro pro Exemplar heraus. So konnte ich trotz besserer Druckqualität einen Preis von unter 16 Euro schaffen. Jedenfalls, reich werden geht anders. Mir ging es vor allem um das Gefühl, ein Buch geschrieben zu haben. Das wäre hiermit geschafft.

Gruß an alle von Capt’n Mo

 

Ab in den Einkaufswagen

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Segeln mit dem Katamaran durch die Karibik

Die Karibik, das waren für mich immer Piraten, Goldschätze, Rum und Kanonenfregatten. Heute gibt es dort nur noch den Rum. Das Piratenflair findet man auch noch, aber bloß in Form von Hollywood-Kulissen, die nach dem Dreh von „Piraten der Karibik“ übrig geblieben sind. Im Winter 2008 bin ich auf einem Charter-Katamaran mitgesegelt und habe einen der schönsten Urlaube in der karibischen Inselwelt erlebt.

Auf nach Takatuka-Land

Bevor ich mich einige Jahre später dazu entschied, lieber selber ein Boot zu führen als irgendwo mitzusegeln, bin ich damals doch ziemlich häufig irgendwo mitgesegelt. Eigentlich nicht „irgendwo“, sondern bei einem der vielen Anbieter von Charter-Segeltörns in der Karibik. Nur im Sommer in Kroatien mit Freunden herumzuschippern, das langte mir nicht. Ich wollte dort hin, wo bis jetzt nur meine Phantasie unterwegs war.

Es gibt dieses eine Hörspiel von Pippi Langstrumpf, dass ich als Kind auf heavy-rotation gehört habe. Darin wird das Schicksal ihres Vaters beleuchtet. Er vegetierte in einem karibischen Gefängnis vor sich hin, bis Pippi höchstpersönlich dort hinreiste und ihm ein Eisbein per Flaschenzug in seine Zelle schickte. Die Piraten knallten sich derweil in ihrer Höhle mit Rum und Grog den Kopf zu und so gelang es Pippi, ihren Vater schlußendlich zu befreien.
Kurz und gut: da wollte ich auch hin!

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Doch bevor ich diesen zweiwöchigen Urlaubstörn antrat, habe ich mir zunächst einmal die Ausgangs-Insel näher angesehen. Das war Martinique, eine Insel genau in der Mitte der wie auf einer Perlenkette aufgereihten Inseln „über dem Winde„. Sie ist Teil Frankreichs und damit der EU. Man zahlt in Euro und das allgemeine Feeling ist das eines sehr südlichen französischen Departments. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel.

 

Mit dem Seesack zum Steg

Schließlich habe ich meinen Mietwagen in Le Marin abgegeben, meinen Seesack geschultert, den Gitarrenkoffer gepackt und mich auf den Weg zum Steg unseres Katamarans gemacht. Ich hatte tatsächlich einen Seesack, zumindest die moderne Variante, sehr beständig und wasserdicht, wenn man alle Verriegelungsmechanismen korrekt bedient hat. Dazu allerdings den klapprigen Koffer mit der Slide-Gitarre in der Hand. Der hatte mir schon bei der Einreise einige Aufmerksamkeit beim Zoll beschert. Klar, da passt ne Menge Dope rein. Hätte ich auch mal genauer reingeschaut an denen ihrer Stelle. Mehr als dass der Halsstab ziemlich schief eingeleimt ist habe ich aber trotz Röntgen nicht erfahren.

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Kaum näherte ich mich dem Steg, begrüßte mich Hans der Skipper und sagte, ich solle meinen Kram doch einfach schon mal im Kat deponieren. Samstags werden die Charterboote immer gründlich gereinigt. In diesem Fall war Svend Age, seines Zeichens Chef der Agentur, noch im Boot und organisierte die Verteilung der letzten Spaghettireste der Vorgängergruppe an die nächste Crew. Sobald er von Bord war, übernahm Hans das Kommando und leitete erstmal eine Chlorifizierung der Toiletten ein. Danach eilten wir im Mietwagen mit- und gegen den Straßenverkehr („In der Türkei ist der Verkehr noch viel schlimmer“ – später dachte ich noch öfter an diesen Ausspruch) durch Le Marin und organisierten unsere Einkäufe. Hans besaß ein Gulet (großes Holzboot) in der Türkei und machte den Job des Karibikskippers im Winter, weil in dieser Zeit niemand mit ihm im Mittelmeer herumfährt.

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Unsere Crew bestand aus einer Gruppe aus Franken, einer Krankenschwester, einer Schweizerin und mir. Im Nachhinein kann ich sagen, dass diese Konstellation kaum zu toppen war. Aber zu Beginn hatte ich doch so meine Zweifel. Wir kauften die üblichen irrsinnigen Vorräte an Alkohol und beluden das Boot damit. Nur – das Wetter meinte es nicht gut mit uns. Stürmische Winde sorgten für eine ordentliche Welle aus dem Osten und verzögerten unseren Aufbruch. Tja, was macht man bei 30° Celsius im Salon eines Boots, wenn die Alkoholvorräte aufgefüllt sind?
Man verbraucht sie! Und so klimperte ich auf meiner schönen Slide-Gitarre vor mich hin, während die Gruppe einen Gin/Vodka/Rum/Tonic nach dem anderen abschüttete. Ich malte mir Schreckliches aus, wie sollten die nächsten Tage werden? Hätte ich gewusst, dass mich Sandra, die Schweizerin, vier Jahre später auf dem eigenen Boot begleiten sollte, wäre ich wohl optimistischer gestimmt gewesen.

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Immer Wind von Backbord

Schließlich legten wir ab. Hans wusste, dass es immer noch sehr kabbelig war. Resultat war dann, dass die großen Wellen zwischen den Inseln unseren Katamaran in regelmäßigen Abständen anhoben und damit für ein ziemlich flaues Gefühl in der Magengrube sorgten. Ich will nicht lange drumherumreden, es soll zwar Dinge geben wie Vitamin C, gesunde Ernährung, wenig Alkohol und eine disziplinierte Betrachtung des Horizonts. Aber daran hat sich natürlich niemand gehalten und schließlich haben die meisten Mitsegler leeseitig die Fische gefüttert. Auch mir lief schon vor Vorfreude das Wasser im Munde zusammen, doch zum Glück erreichten wir rechtzeitig die Lee-Seite der nächsten Insel: St. Lucia.

 

Eine Freundin verbrachte dort vor einiger Zeit zusammen mit Bekannten den Karneval und konnte berichten, dass Karneval in der Karibik eine nette Umschreibung für Sex in der Öffentlichkeit ist.
Sobald man die Gewässer der Insel befährt, scharen sich schnell einige Motorboote um die eigene Yacht und belatschern den Skipper, doch bitte an der eigenen Boje anzulegen. Man nennt sie die „Boat Boys“.

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Sie verbreiten ein weltmännisches Flair, da sie angeblich schon die eine oder andere Engländerin beglückt haben, die es dann leider doch aus unpässlichen Gründen versäumt hat, sie mit nach Hause zu nehmen. Als Reisender aus einem reichen Land darf man hier nie eine simple Wahrheit vergessen: alle, die einen ansprechen, sind arme Schlucker und wollen etwas von einem. Das ist absolut legitim, nur sollte man es korrekt einzuordnen wissen. Wir legen an der Boje des Boat-Boys  an und wenig später spratzelt schon der Grill. Irgendeine Pfeife lässt den Grill-Rost ins Wasser fallen… auch emsiges Tauchen bringt ihn nicht wieder ans Tageslicht. Aber unser Boat-Boy leistet uns dafür noch ein wenig Gesellschaft.

Wir sind unschuldige Touristen, kredenzen Cocktails mit Kokosmilch und Rum und da soll unser Boy ruhig auch was von abbekommen. Er erzählt uns von seinem Leben, das im Wesentlichen aus Doperauchen und Ziegenhüten besteht. Und er wird es nicht müde zu erwähnen, dass er als Lover von so einigen Engländerinnen wirklich hoch im Kurs stehe. Wie soll man sich verhalten, als unendlich reicher Europäer, wenn einem so ein Kerl davon erzählt, wie er den Zipfel des Reichtums zu fassen bekommt und es doch niemals schaffen wird, davon wirklich etwas zu greifen? Da hilft auch Reggae Musik von Bob Marley nicht weiter. Für mich war es aber die Nacht, in der Bob Marley Gesicht und Gefühl bekam. Heute sitze ich in meiner frankfurter Wohnung und schaue mit einem merkwürdigen Gefühl zurück auf diese Szene, in der sich die reiche und die arme Welt auf dem Kunststoffdeck eines Boots begegneten. Auch später in anderen Teilen dieser Welt sollte es mir so gehen… dieser Gegensatz ist nicht aufzulösen, damit muss man leben. Oder nicht in diese Länder reisen. Seitdem ist meine Einstellung zu allen „Extragebühren“, abzockerischen Obstverkäufern und Gaunern am Straßenrand die folgende: gib ihnen was ab von deinem Reichtum. Es ist letztendlich Entwicklungshilfe, nur sehr direkt an den Mann gebracht. Ohne eine deutsche Hilfsorganisation dazwischen, die etwa die Hälfte der Spendengelder für organisatorische Zwecke abzweigt.

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Bord-Psychologie

Am nächsten Morgen war Sightseeing angesagt. Dampfende Vulkankrater und Fledermaushöhlen wollten besichtigt werden. Ein einheimischer Führer lotste uns (so wie hunderte andere Touristengruppen vorher) durch das Unterholz zu einer heißen Quelle mit Wasserfall. Auch eine Kakaofrucht direkt vom Baum holte er uns herunter. Das weiße Fruchtfleisch um die Kakaobohnen herum schmeckte süß und aromatisch lecker. Ein netter Ausflug und außerdem so ziemlich das einzige, womit wir Touristen die Inselwirtschaft rund um das Städtchen Soufriere ankurbeln konnten. Wir blieben noch auf ein „Piton“-Bier in einer der Kaschemmen in Ufernähe. Die kaputten Holzhäuser mit der abblätternden Farbe wirkten auf uns doch sehr romantisch. In Wahrheit aber war der Verfall der Ortschaft und auch der Menschen hier unübersehbar.

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In dieser Nacht sollte mein Kojennachbar aufstehen und im Suff den Motor des Boots starten. Während wir allerdings noch fest an der Boje lagen! Er wollte weg, fühlte sich von den Klippen in der Nähe bedroht. Skipper Hans hat es zum Glück bemerkt und verbrachte den Rest der Nacht mit Erklärungen und Beschwichtigungen. Bei anderen Skippern hätte mein Kojennachbar wohl im nächsten Hafen von Bord gemusst. Bei Skipper Hans nicht, und das ist ihm hoch anzurechnen. Er konnte Konflikte auf eine nette Art lösen, das ist sehr selten unter diesen Touristen-Kommandanten. Besonders, da ich mittlerweile die leidvolle Erfahrung mit anderen Skipper-Admirälen machen durfte (siehe Ein SKS-Törn auf den Kanaren bleibt scheinlos).

 

Leider ist Hans mittlerweile tot. Er verunglückte wenige Jahre später auf dem Weg zu einem Boot in der Türkei. Abgerutscht mit dem Auto oder dem Mopped, ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass seine ultra-obszessive türkische Freundin ihn auf Schritt-und-Tritt überwacht hat, soweit es die damalige Handy-Technologie eben zuließ. Jetzt überwacht er uns von oben und freut sich bestimmt, dass sein damaliger Mitsegler mittlerweile selbst zum Skipper geworden ist.

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Der Wind riecht nach… Gras

Wir lösten uns von der Boje. Wir wollten weiter in Richtung Süden. Normalerweise lautet der Plan auf einem solchen Segeltörn, schnell in Richtung Süden zu fahren, um dann gemächlich wieder in den Norden zu kommen. So ist man flexibel, was Wind und Wetter angeht und so hielten wir es auch. Saint Vincent war unser nächstes Ziel. Dank konstantem Passatwind besteht das Segeln im Wesentlichen aus dem Setzen der Segel. Danach wird solange man möchte auf halbem Wind gesegelt und irgendwann holt man die Segelgarnitur wieder ein, um sich ein ruhiges Plätzchen in Lee der Inseln zum Übernachten zu suchen. Wenden oder Kreuzen braucht man nicht. Halsen auch nicht. Solange man stabiles Wetter hat, fährt man einfach seinen Kurs und folgt den reihenweise auftauchenden Inseln.

In welcher Bucht wir genau übernachtet haben weiß ich nicht mehr. Nur, dass nachts plötzlich Taschenlampen im Dickicht zu leuchten begannen. Als verweichlichter Europäer malt man sich in so einem Fall die grausigsten Gründe dafür aus: von karibischen Kannibalen, die es auf weißes Frischfleisch abgesehen haben bis zu korrupten Polizisten, die einem ans Leder wollen… Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass wir vor einem aufgegebenen Hotelkomplex geankert hatten. Die kleinen Gästehütten lagen verstreut am Hang und wie es aussah, gab es noch eine Handvoll Wachmänner, die das Gebiet kontrolliert haben. Tja, es sah ganz so aus, als ob wir selber die Eindringlinge gewesen sind.

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Und weiter ging es mit dem Wind! Der nächste Halt war die kleine Insel Bequia mit seiner „Hauptstadt“ Port Elisabeth. Eine große Bucht mit türkisfarbenem Wasser empfing uns. Die verrücktesten Bootskonstruktionen näherten sich uns Neuankömmlingen und boten ihre Dienste an: Verkauf von Frischwasser, Absaugung von Abwasser, Diesel, Wäscheservice und natürlich die allgegenwärtigen Obst- und Gemüseverkäufer. Wir verbrachten den Abend an Land im ziemlich edlen „Devil’s Table – Food and Barrels of Rum“ und anschließend in einer klapprigen Raggae-Bar mit einem unglaublich zugedröhnten DJ – es war wunderbar.

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Der Wind blies uns weiter, und zwar nach Mustique. Die Insel der Reichen und der Adligen, der Stars aus Rock und Pop! Und weil man in diesen Kreisen gerne unter sich bleibt, kostet das Ankern vor Mustique auch eine unverschämt hohe Gebühr, die nur von solch großen Touristengruppen wie uns überhaupt noch berappt wird. Ganz ähnlich wie im kroatischen Briuni Nationalpark vor Istrien. Andererseits – in „Basil’s Bar“, so sagt man, kommt hin und wieder Keith Richards vorbei, trinkt seine vier Finger hoch Rum und spielt ein Liedchen auf seiner Klampfe. Und genau das hatte ich ebenfalls vor! Was ich wieder mal verdrängt hatte: keiner der Superstars ist länger als ein paar Wochen pro Jahr in seinem Feriendomizil auf Mustique anzutreffen. Die Chance also, hier auf Bryan Adams, Mick Jagger, Paul McCartney oder Johnny Depp zu treffen ist mehr als bescheiden. Die einzigen Menschen, die hier wirklich leben, das sind die guten Geister in Form von Gärtnern, Hausmädchen und anderen Angestellten, die die Insel am Laufen halten. Und die sie in einen riesigen sterilen Golfplatz verwandelt haben. Sie malen sogar die Kokosnüsse an den Palmen zu Weihnachten silbern an. Nichts wie weg hier.

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Soggy Dollars gegen Cocktails tauschen

Bevor wir ablegten, besorgten wir uns noch etwas Fisch bei den herumsitzenden Fischern der Insel. Sie spielen den ganzen Tag Domino. So sieht es jedenfalls aus. Was den Chinesen ihr Mahjong, ist den Kariben ihr Domino. Die Fische waren jedenfalls rot und ziemlich grätig. Auch wenn hier Berge von Gehäusen von Conch-Schnecken herumlagen und wir uns gerne ein schönes Exemplar für zu Hause mitgenommen hätten: lieber nicht, sowas wird vom Zoll einkassiert und man darf dazu noch ordentlich Strafe zahlen.

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Wir segelten weiter. Union Island war das nächste Ziel und diese Insel ist eigentlich einen eigenen Artikel wert. Korallen als Wellenbrecher, Lambi’s Bar mit Steel Drum Band und Conch-Schnecken-Ragout. Die Künstler Kolonie. Soggy Dollar „Happy“-Bar (nicht die auf den British Virgin Islands). Beinah abgebrochener Außenborder dank Korallen im Dunkeln. Party mit Carib-Beer. Party mit minderjährigen Nutten, die nach Eheringen suchen. Krankenschwestern, die einen retten. Skipper, die nachts mit Klamotten auf dem Kopf zurück zum Boot schwimmen. Kanonen, die auf Kreuzfahrtschiffe zeigen. Auf dieser Insel gibt es alles. Die Karibik im Kleinen.

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Mit nur unwesentlichem Kater im Kopp ging es am nächsten Tag weiter in die Tobago Cays hinein. Das sind schon wieder kleine Inseln, nur diesmal geschützt von einem vorgelagerten Korallenriff. Draußen blasen 5-6 Beaufort Wind und schleudern eine ordentliche Welle an das Riff. Drinnen ist es spiegelglatt und nur der Wind heult – surreal. Hier darf man keinen Pups lassen, keine Fische angeln und auch nicht Ankern, ohne dass gleich ein Parkwächter ankommt und einem nen fetten Strafzettel verpasst. Außer man ist Einheimischer. Dann wartet man ab, bis der Touri an der Boje liegt und verkauft ihm dann den eben frisch harpunierten Fisch. Ich glaube, man nennt es Ambivalenz.

 

Wer es wollte, konnte hier am Riff und auch dahinter Schnorcheln gehen. Für mich als Brillenträger relativ uninteressant, da ich nichts sehe. Dazu kommt die recht heftige Strömung, die einen in null komma nix weggetrieben hat. Nichts für Landratten. Aber wir konnten mit Wasserschildkröten um die Wette schwimmen. Es wimmelte hier nur so von denen und kam man ihnen zu nahe, schnappten sie nach einem. Habe ich mir später von Dritten erzählen lassen…

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Den Wind ab jetzt von Steuerbord

Und dann waren wir auch schon wieder auf dem Rückweg, in Richtung Norden, nach Martinique. Eine Nacht sind wir durchgefahren, unter Motor gegen die Wellen. Es war ein denkwürdiges Gefühl, in der eigenen Koje wie in einem Trampolin zu liegen. Jede Welle führte zu einem kurzen Moment der Schwerelosigkeit. Wenn ich heute daran zurück denke, wie komfortabel es doch alles in allem auf diesem Katamaran war, dann will ich mir wirklich nicht vorstellen, wie sich diese Reise mit meinem kleinen 27 Fuß Bootchen angefühlt hätte. Man kann das aber nachlesen, denn Thomas Langer hatte vor ein paar Jahren mit seiner Albin Vega „Frigga“ diese Route genommen. Und hat dann mitten auf dem Atlantik festgestellt, dass ihn das ewige Geschaukel um den Verstand bringt. Auch ein Argument für mich, erst mal im Küstenbereich des Mittelmeers zu bleiben.

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Irgendwie habe ich die Insel Mayreau vergessen. Hier haben wir auch gestoppt, irgendwo zwischen Union Island und den Tobago Cays… – Ich muss kurz über Kreuzfahrtschiffe sprechen. Die haben ja eigentlich alles an Bord, was man jemals brauchen könnte. Nur eines haben sie (noch) nicht: einen eigenen Sandstrand! Und weil es uncool ist, ein Barbecue woanders als an einem karibischen Sandstrand zu halten, mietet man eben mal schnell eine halbe Insel und baut ein Grillbuffet für 3000 Passagiere auf. Das sah dann für uns so aus, dass wir am Vorabend noch mutterseelenallein in einer schönen Bucht vor Mayreau lagen. Während am frühen Morgen ein Kreuzfahrtriese draußen seinen Anker warf und die Beiboote im Morgengrauen damit begannen, den Strand vorzubereiten. Liegen, Tische, Grills und eine zünftige Cocktailbar müssen schon stehen, wenn um 9 Uhr die ersten Gäste eintrudeln. Und ehe wir es uns versahen, lagen wir „im Weg“. Schon merkwürdig, wenn einen nach dem Aufstehen ein paar hundert Touristen-Augen anstarren…

Hey, das war mal unser Strand! Wir sind hier gestern Abend im Schweiße unseres Angesichts die steile Dorfstraße aufgestiegen. Wir waren das, die gestern in Robert’s Bar eingekehrt sind und dort die letzten Biervorräte geleert haben! Wir waren das, die zu Reggae aus einem Subwoofer aus Kanalröhren getanzt haben! Ihr habt währenddessen in eurer Kajüte gelegen und euch zur nächsten nichtssagenden Insel fahren lassen, für die ihr widerwillig die klimatisierte Kabine verlassen müsst, wenn ihr sie besichtigen wollt!

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Der alte Robert war korrekt. Mit seinem Joint in der Rechten und der Mundharmonika in der Linken hat er den Laden im Griff gehabt. Nachdem ich mit seinen Jungs ein wenig getrommelt habe und er irgendwann kein Bier mehr hatte, ist er zusammen mit uns in seine Lieblingskneipe gezogen und hat uns dort einen ausgegeben. Das war ein kalt gekachelter Laden, in dem sich die Einheimischen vergnügt haben. Irgendwie hatten sie alle was mit den Touristen zu tun: die Boat Boys, die Barbesitzer, die Charter Skipper wie unser Hans, die örtlichen Nutten (die waren wirklich überall)… es war ein Spaß! Und ich glaube, hier muss ich mich berichtigen: es war hier, wo unser Skipper kein Ende fand und sich erst am frühen Morgen mit den Klamotten auf dem Kopf schwimmend auf den Weg zu unserem Kat machte.

Die Crew wuchs zusammen

Eigentlich war es das. Wir waren noch in den Restekulissen von „Piraten der Karibik“ und haben uns verkleidet und mit Säbeln attackiert. Was anderes blieb uns auch nicht übrig, um die Zeit herumzukriegen: Hans hatte uns schon ausklariert für den Grenzübertritt und wir lagen trotzdem noch in der Bucht dieser Insel. Das ist eigentlich kein Weltuntergang – außer, draußen patrouilliert seit Stunden die Küstenwache. Und da dachten wir uns so, vielleicht sollten wir lieber noch ein wenig klatschnass hier in der Bar sitzen bleiben, bis die Polente wieder weg ist. Alle haben es überlebt. Hinterher gab es gebratene Chillis und spätestens dann war es uns wieder warm!

Karibik 704 schwimmweste bier

Was soll ich sagen. Dieser Urlaub war genial und es kamen viele glückliche Umstände zusammen. Und er ist sicherlich so nicht wiederholbar. Aber wer Interesse an solch einem Segeltörn hat, dem würde ich jederzeit empfehlen: mach es! Man sollte sich nicht von alten Karibikhasen beeindrucken lassen, die behaupten, früher wäre dort alles besser gewesen. Fahrt hin und schaut euch die Gegend an. Obwohl tausendfach stärker besucht als früher, ist es dort immer noch ursprünglicher als in den meisten Touristengebieten Europas. Hingeflogen bin ich damals mit Air France, die heute billigflüge anbieten, wie so viele andere Fluggesellschaften auch.

Zum Ausklang noch ein paar Bilder, die ich einfach loswerden möchte…

Karibik 502 palme klettern

karibik boot verkäufer

Karibik 044 katamaran vorsegel

karibik limbo dance

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Ein SKS-Segeltörn auf den Kanaren bleibt scheinlos

Dank ausreichend Zeit gegen Ende des Jahres kam mir spontan die Idee, den Praxistörn für den SKS-Schein zu absolvieren. Es ist zwar nicht sehr sinnvoll, zunächst die Praxis auf dem Boot und erst danach den Theoriekurs zu machen, aber möglich. Innerhalb von zwei Jahren muss man die Theorieprüfung ablegen, dann erhält man den „Sportküstenschifferschein“, kurz „SKS“ genannt. Mit ihm darf man Yachten charten, was der eigentliche Grund für die meisten Segler ist, diesen Schein zu machen.

 

Im Dezember ist es fast überall kalt, sogar im Mittelmeer. Daher verlagern viele Anbieter von Segelkursen, wie die Firma Well-Sailing, über die ich gebucht habe, ihr Angebot auf die warmen Kanarischen Inseln. Hier scheint die Sonne und man hat konstanten Wind. So ist es jedenfalls fast immer, nur nicht in der einen Woche, als ich dort war.

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Die Voraussetzungen
Erhofft hatte ich mir genau dieses Standardwetter aus milden Temperaturen um die 20 Grad, Sonnenschein und kein Regen. Dazu Passatwind aus Nordost, so dass die Südseite von Gran Canaria im Windschatten liegt und sowohl Wind als auch Welle etwas abgeschwächt werden. Die ideale Umgebung, um mit einem Boot Manöver für die Prüfung zu üben.
Was wir erhalten sollten, war das genaue Gegenteil: stürmisches Wetter aus südlichen Richtungen mit 5 bis 7 Beaufort Windstärke und den daraus resultierenden hohen Atlantikwellen. Außerdem noch Regen. Der Kanare auf seinem staubtrockenen Felsen freut sich darüber, der Urlauber knirscht mit den Zähnen.

Das Boot war eine ältere „Dynamique 50„, eine stattliche Lady von fast 15 Metern Länge mit einem genialen Deckssalon. Sie verfügt zwar über die übliche moderne Ausrüstung wie Kartenplotter, Radar, etc. aber segeltechnisch wird sie vollständig von Hand bedient. Beide Segel werden auf herkömmliche Weise gesetzt, also am Mast oder Vorstag eingeklinkt und dann hochgezogen. Über Rollvorrichtungen verfügt sie nicht. Für einen Wechsel des Vorsegels müssen ca. 70 qm heruntergezogen, auf dem Vordeck zusammengelegt und in die Backskiste am Heck gepackt werden. Von dort holt man auch das neue Segel, schleppt es nach vorne, packt es aus und bändselt es zunächst an die Reling. Danach kann es gesetzt werden, hierzu benötigt man zwei Personen.

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Die Crew bestand aus dem Ausbilder, einer Co-Skipperin, mir selbst und einem Segelfreund sowie einem dritten Teilnehmer, der nur zum Mitsegeln dabei war und keine Prüfung ablegen wollte. Er sollte sich später noch als ein großes Problem herausstellen, denn obwohl Ende 50, hatte er keinerlei realistische Selbsteinschätzung seiner Fähigkeiten und hat uns bei fast allen Arbeiten mehr behindert als geholfen. In der Konsequenz wurde er vom Ausbilder ins Cockpit verbannt und durfte nicht mehr auf das Vordeck. Auch hier war Jens, so will ich ihn mal nennen, leider keine große Hilfe, da er während eines Manövers nicht wusste, was zu tun war und es sogar schaffte, eine einfache Wende derart zu behindern, dass sie abgebrochen werden musste. Während man selbst als Prüfling am Steuer schon aufgeregt genug ist und jede Hilfe gebrauchen kann, musste man also noch ein drittes Auge auf diesen Mann werfen, um zu verhindern, dass er sich selbst oder das Boot gefährdet.

Der Ausbilder
„In der Törnbeschreibung steht, wir werden hier viel Spaß haben.“ Kurzes trockenes Lachen. „Spaß werden wir hier sicher keinen haben, höchstens ganz am Ende der Ausbildung, wenn alles gelaufen ist!“ Damit waren die Weichen gestellt.

Der Ausbilder ist ein norddeutscher Seebär, der am Ende seines eigentlichen Berufslebens beschlossen hat, als Profiskipper weiterzumachen. Auf diesem Boot sind wir seine erste SKS-Ausbildungscrew. Auch Wind und Wetter ist in dieser Woche zum ersten Mal so richtig übel, das sollte auch ihn an seine Grenzen bringen. Er hat unheimlich viel Segelerfahrung und falls man einen Skipper sucht, der ein Boot sicher von A nach B bringen kann, ist er bestimmt der richtige dafür. Ob er auch als Ausbilder taugt, darüber kann man geteilter Meinung sein. Zwar finde ich es in Ordnung, während des Segelns direkt und lautstark auf gemachte Fehler hingewiesen zu werden. Wenn sich diese Manöverkritik aber in jeden einzelnen Aspekt des Bordalltags hineinzieht, dann kippt die Stimmung schnell. So war es für ihn üblich, den Morgen damit zu beginnen, einen auserwählten Schüler mal so richtig zusammenzustauchen. Auslöser konnte mangelnde Aufmerksamkeit sein, eine kleine Fahrlässigkeit oder eben irgendein anderer Fehler, den man auf einem Boot macht, das man nicht kennt. Darauf folgte ein 20 Minütiger Vortrag über die Gefahren auf See, das allgemeine Versagen der Crew im Ganzen und das des Verursachers im Speziellen. Nach so einer Frühstücksansprache noch motiviert den Hafen zu verlassen war dann nicht mehr möglich. Wir haben seine Fähigkeit, auch noch kleinste Fehler aufzudecken, anfangs noch sehr geschätzt. Aber während des Segelns wurde der psychische Druck derart hoch gehalten, dass es einen irgendwann zermürbt hat. Der nächste Fehler, die nächste Falle war immer nur einen Wimpernschlag entfernt. Auch den Punkt, ab dem ein erschöpfter Schüler nichts mehr lernt, hat er nicht erkannt.

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Man könnte jetzt noch lange den Charakter dieses Menschen beschreiben, der durchaus auch seine positiven Seiten hat. Aber ausschlaggebend für meine vernichtende Bewertung ist, dass er es als Ausbilder nicht geschafft hat, uns nach der Kritik wieder durch Motivation aufzubauen und anzuspornen. Unser Ziel war das Schaffen der Prüfung, wir wollten kein Kapitänspatent machen! Meine eigene Motivation bestand schließlich daraus, das tolle Gefühl zu genießen, mit dem Schiff bei viel Wind und Welle unter Segeln über den Atlantik zu fahren. Alleine dafür hat es sich gelohnt.

Das Segeln
Dass wir überhaupt zum Segeln die Marina verlassen haben, stand jeden Morgen auf des Messers Schneide. Von den Chartercrews in Puerto Mogan ist in dieser Woche keine einzige ausgelaufen. Das Leben fand im Hafen statt. Auch andere Ausbildungscrews blieben liegen, während wir rausfuhren. Unser Segelalltag war weit von dem Schönwettersegeln entfernt, so wie ich das bisher kannte. Auf meinen eigenen Törns kann ich Dank Wettervorhersage gut einschätzen, ob ein Auslaufen sinnvoll ist oder nicht. Und da ich als Einhandsegler sehr vorsichtig bin, bleibe ich bei schlechtem Wetter lieber einen Tag länger im Hafen als umgekehrt (die Fotos in diesem Artikel stammen allesamt aus den kurzen Schönwetterperioden der Woche).

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Auf Gran Canaria sind wir nur am ersten Tag mit normalen Klamotten ausgelaufen. Schon nach einer Stunde war mir klar, dass hier das ganze Paket her muss: die komplette Regenmontur und natürlich Rettungsweste mit Lifebelt, worauf der Ausbilder von vornherein bestand. Regen gab es zunächst keinen, dafür kam das Wasser aber von unten. Eingepickt in die Lifeline gingen wir auf das Vordeck, um dort die Segel zu setzen. Es war für mich eine neue Erfahrung, bei solch einem Wind ein Segel von der Größe einer 3-Zimmerwohnung am Bug zu setzen, während man wie in einem Fahrstuhl durch die Wellen pflügt und dabei von Meerwasser umspült wird. Beeindruckend. Das Steuern der Yacht in der langen Atlantikdünung, ab und zu ein Brecher von der Seite und dazu ordentlich Wind – deswegen war ich hier! Mein Segelfreund verbrachte den Vormittag dagegen mit dem Kopf über der Reling. Plötzlich kam die Seekrankheit, so dass wir ihn Mittags in der Marina absetzten. Jens, der dritte im Bunde, war nur noch ein graues Bündel Elend und fiel damit auch aus. So wurde das Boot am Ende nur noch vom Ausbilder, seiner Co-Skipperin und mir bedient.

Wir fuhren wieder hinaus und die Dinge nahmen ihren Lauf. Der mittlerweile noch stärker gewordene Wind zerrte schon beim Hochziehen des Vorsegels unheimlich an den Lieken, den Rändern des Segels. Kurz darauf riss das Achterliek auf etwa ein Viertel der Länge. Dieses Segel hat eine Reffmöglichkeit und so verkleinerten der Ausbilder und ich die Segelfläche bis über den Riss, was nicht gerade leicht war. Das Vordeck bewegte sich jetzt endgültig wie ein Amok laufender Fahrstuhl in pendelnden Bewegungen in alle Richtungen, während ich gemeinsam mit dem Ausbilder unter konstanter Beschimpfung das Segel reffte. Gleich als wir fertig waren, riss es erneut: diesmal an der Reffkausch vertikal nach unten. Unter übelsten Beschimpfungen etc. pp. bargen wir das zerrupfte Segel und stopften es durch die Vorluke ins Schiffsinnere. An diesem Tag lief außer Kurshalten und ein paar Wenden also nicht sehr viel. Action war trotzdem mehr als genug. Erst im Hafen merkten wir, dass auch das Achterliek des dreifach gerefften Großsegels gerissen war.

Durch den Einsatz von Superpep Kaugummis war mein Segelkumpel am nächsten Tag wieder mit dabei. Dieser Dienstag war rückblickend der einzige Segeltag in dieser Woche, an dem wir sinnvolles Manövertraining abhalten konnten. Trotz 6-7 Beaufort und Sturmbeseglung war es ein produktiver Tag und wir konnten uns auf unsere Wenden und Halsen konzentrieren. Mein Wunsch nach Schwerwettersegeln war zusätzlich in Erfüllung gegangen, und so konnte dieses Hochgefühl weder von einem verdrehten Knie, einer geprellten Rippe, unzähligen blauen Flecken, noch von einem dauerbrüllenden Ausbilder gedämpft werden. Dass meine geliebte Kappe (und die der Co-Skipperin) jetzt auf dem Meeresgrund vor Gran Canaria liegen, war dafür nur ein fairer Preis.

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Mittwoch blieben wir wegen Dauerregen im Hafen. Donnerstag und Freitagmorgen sollten wir dann noch Gelegenheit zum Üben haben, so war der Plan. Doch es sollte anders kommen. Nach dem üblichen Morgenanschiss fuhren wir hinaus und setzten das Vorsegel. Kaum war es oben, frischte der Wind schnell weiter auf und bei etwa 6 Beaufort musste das Segel wieder runter. Wie sich herausstellte, hatte uns der Ausbilder versehentlich die viel zu große Genua anschlagen lassen. Also wieder runter damit und zusammenlegen auf dem Vordeck. Alle Arbeiten wurden von mir und meinem Segelkumpel ausgeführt. Jens durfte das Cockpit nicht verlassen und der Co-Skipperin war es untersagt, uns zu helfen. So langsam dämmerte es uns, was es bedeutete, auf einem Boot dieser Größe die Segel ohne Rollvorrichtung zu handeln. Der körperliche Einsatz ist immens. Nachdem das 70 qm Segel, das locker seine 40 Kg wog, in der Backskiste verstaut war, sollte die zweite noch intakte Fock gesetzt werden. Diese hat mit ca. 50 qm zwar nur noch die Größe einer 2-Zimmerwohnung, ist dafür aber aus dickerem Tuch genäht. Kaum ist der Sack nach vorne gewuchtet, mache ich zwei Fehler: zunächst fällt mir auf, dass ich beim Abschlagen des alten Segels den großen Schäkel vergessen habe. Der liegt jetzt irgendwo zwischen 70 qm Segeltuch in der Backskiste und ohne ihn kann das neue Segel nicht gesetzt werden. Nachdem ich ihn dort herausgefleddert habe, mache ich den zweiten Fehler und klipse manche der Stagreiter des Vorsegels verkehrt herum an das Vorstag. Also wieder runter damit und unter dem Gezeter des Ausbilders etc. pp. wieder korrekt neu angeschlagen. Als es schließlich oben ist, fährt der Ausbilder ein paar Manöver, Boje über Bord mit Q-Wende, aber keines gelingt. Teilweise wegen ihm, teilweise wegen uns. Wir beide sind erschöpft, unser Timing an den Schotwinschen ist schlecht, die Kommandos drehen sich im Kopf und als ob das noch nicht reicht, pfuscht uns Jens dazwischen und trennt sich dabei fast einen seiner Finger ab, mit denen er ziellos an der Winsch herumfummelt. Wir sind körperlich am Ende, arbeiten seit Stunden hart und trauen uns dabei noch nicht einmal, etwas zu trinken. Zu groß ist die Anspannung. Mit aufgesprungen Lippen lauschen wir also andächtig der erniedrigenden Ansprache unseres Ausbilders und fahren schließlich zurück in die Marina.

Die Entscheidung
Meine Entscheidung war schon etwa um die Mittagszeit herum gefallen. Nach einem kurzen Kriegsrat mit meinem Segelfreund abends am Steg waren wir uns einig: unter diesen Bedingungen werden wir morgen nicht zur Prüfung antreten. Und so wurde es dann auch gemacht. Die Kombination aus zu wenig Übung, einem schwer zu bedienenden Boot und zuwenig helfender Crew waren für uns ausschlaggebend, dem sinnlosen Treiben hier ein Ende zu setzen. Am folgenden Tag gingen wir zum örtlichen Prüfungsausschuss und erklärten unser Verhalten, was auf vollstes Verständnis stieß.
Und so kam es, dass wir bei diesem Segeltörn sicherlich viel mehr gelernt haben, als es während eines sommerlichen Törns im Mittelmeer auf einem modernen Boot mit motivierten Mitseglern möglich gewesen wäre. Nur den Schein, den haben wir buchstäblich in den Wind geschossen.

ISAF Sicherheitstraining – Überleben auf See

Wie kann ich Brände an Bord bekämpfen? Wie funktioniert eine Wiederbelebung? Löst meine Rettungsweste aus und wie schaffe ich es in eine Rettungsinsel? Wer es genau wissen will, nimmt teil an einem Sicherheitstraining.

Mönchengladbach ist nicht der offene Atlantik und die Kothausener Feuerwehr versprüht einen etwas anderen Charme als das New York Fire Department. Aber man kann in diesem zweitägigen Kurs der Firma „Sailing Island“ dennoch hervorragend üben, was einem auf See im Ernstfall passieren kann. Sei es das Löschen eines Feuers in der Pantry, die Wiederbelebung eines über Bord gefallenen Mitseglers oder das Besteigen einer Rettungsinsel. „Überleben auf See“ heißt dieser von der ISAF zertifizierte Kurs.

 

Nur wenige der hier im Raum sitzenden Teilnehmer brauchen die Bescheinigung wirklich. Sie ist beispielsweise zur Teilnahme an größeren Regatten vorgeschrieben, wie der „Atlantic Ralley for Cruisers“. Zwei Männer aus dem Kreis der Teilnehmer haben eine solche Atlantiküberfahrt bei „Sailing Island“ gebucht (geht auch woanders), andere sind einfach neugierig oder wollen ihre Kenntnisse wieder auffrischen. Mich selbst hat es hierhin eher durch Zufall verschlagen. Eigentlich sollte es diesen Herbst noch ein Schwerwettertraining werden. Diese Fahrten sind leider schnell ausgebucht und so wendete ich mich dem thematisch recht nahe stehenden Thema „Überleben auf See/Survival at Sea“ zu.

Der Kurs wird vom Leiter der Segelschule – Markus Seebich – und anderen Dozenten gehalten. Ein Großteil der Inhalte besteht natürlich aus grauer Theorie, die uns über dafür um so buntere Powerpoint Folien ins Kleinhirn gehämmert wird. In so einem Fall bin ich immer wieder froh, wenn die Dozenten schon im gesetzteren Alter sind und auf viele Segeljahre zurückblicken können: sie erzählen einfach die spannendsten Stories! Bei nahezu jedem Thema folgt eine Anekdote und das lockert die Theorie doch ordentlich auf. Das gefiel mir schon damals beim Kurs für den SBF See in Kühlungsborn.

Warum ich hergekommen bin, ist aber die Praxis! Ein Bestandteil des Kurses ist die Übung zur Wiederbelebung von Menschen mit Herzstillstand. Dann wird auch der Umgang mit dem Feuerlöscher geübt und schließlich, ganz am Ende, kommt der Blockbuster, weswegen wir eigentlich alle hier sind: die Übung im Wasser, das Training zum Besteigen und Handhaben von Rettungsinseln, während man selbst in voller Montur baden geht. Hier die Übungen im Einzelnen.

Wiederbelebung bei Herzstillstand
Ein Mitarbeiter vom Deutschen Roten Kreuz baut zwei Personen-Dummies auf und jeder Teilnehmer darf mal ran. 30 mal aufs Brustbein drücken, dann 2 Mal Mund-zu-Mund Beatmung. Das Pressen, also die Herzdruckmassage, sollte etwas schneller als einmal pro Sekunde erfolgen, etwa 100 Mal pro Minute. Beim Beatmen kräftig reinpusten in den Menschen, der hält das aus. Wer im Detail nachlesen möchte, wie eine Herz-Lungen-Wiederbelebung funktioniert, kann das hier tun.

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Handhabung eines Feuerlöschers
Feuerlöscher sind nützlich, wenn man sie hat und regelmäßig warten lässt. Nachdem der Dozent einen Stoß aus einem Pulverlöscher ablässt und damit halb Kothausen vernebelt, ist uns allen klar, dass wir so ein Teil nicht an Bord haben wollen. Das unheimlich feine Pulver würde sich im ganzen Boot absetzen und schon ein kleiner Brand wäre wirtschaftlich gesehen ruinös. Geübt wird hier mit den teuren CO2 Löschern. Die Fauchen zwar kräftig, hinterlassen aber keinerlei Spuren. Mit einem Schaumlöscher geht es auch, den werde ich mir wohl demnächst anschaffen und das kleine 1 Kg Pulverspielzeug ausmisten. Ein so kleiner Feuerlöscher würde nur für wenige Sekunden reichen. Selbst die 2 Kg Geräte waren schon nach 20 Sekunden leer.

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Hier noch eine Fettexplosion, so wie sie die Kamera sieht. Will man auch nicht in der Kombüse haben.

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Düsseldorf ist um die Ecke, da kommen die Toten Hosen her. Und was macht der Campino gerne? Richtig, Bengalos anzünden. Unter Seglern nennt man so eine Handfackel „Seenotsignal„, macht aber genauso Laune.

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Rettungsweste, Rettungsinsel & Co.
Das Training im Wasser findet im Düsseldorfer Hallenbad statt, gleich neben der Messe. Im Januar ist hier wieder die boot angesagt, wo man nagelneue Yachten besichtigen kann, die weniger für Sicherheit auf See als auf Wohnkomfort im Hafen ausgelegt sind. Ich bin jetzt vor allem auf eines gespannt, nämlich ob und wie meine Rettungsweste auslösen wird. Im Gegensatz zu dem armen Tropf, dessen Weste nach einem kurzen „plopp“ gleich wieder in sich zusammenfiel, blieb meine stabil und ich konnte wie ein aufgeblasenes Ballonmännchen durch das Becken treiben.

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Da ich Brillenträger bin, musste für diese Übung eine alte Brille herhalten. Aber zusammen mit diesen kleinen Gummierweiterungen an den Bügeln und einer schützenden Hand vor dem Gesicht überstand sie den Sprung vom 3 Meter Sprungbrett unbeschadet. Gut zu wissen. Diese „Brillenbügel Endgummis“ zum Aufstecken bekommt man beim Optiker für wenige Cent. Im Gegensatz zu einer Kordel oder einem Brillenband kann sich hier nichts verfangen und es hält wirklich bombig.

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Das Tragen einer aufgeblasenen Weste im Wasser ist ziemlich unangenehm. Man sieht auch nicht sehr viel, da einem die Lufttaschen die Sicht versperren. Damit zu Schwimmen geht ebenso schlecht und sobald man versucht, die Rettungsinsel zu entern, versperren einem die Schwimmkörper den Weg. Es ist also sinnvoll, über das Ventil einiges an Luft abzulassen. Auf dem selben Weg kann man auch leicht wieder Luft hineinblasen, die Gaspatrone ist also nur für das erste automatische Aufblasen notwendig. Das ist besonders dann wichtig, wenn man ohnmächtig über Bord geht, was nach einem Schlag mit dem Großbaum schnell vorkommen kann. Rettungswesten gibt es in verschiedenen Größen mit unterschiedlichem Auftrieb. Ich kann nur jedem davon abraten, sich eine zu große Weste zu kaufen, nur weil dort „Hochseetauglich“ draufsteht. Die Weste muss den Menschen selbständig in die Rückenlage drehen können, falls dieser ohnmächtig ist. Nicht mehr und nicht weniger. Selbst ein großer und schwerer (nicht dicker!) Teilnehmer des Trainings, ein Mann mit sicherlich über 100 Kg Lebendgewicht wurde aber von den riesigen Schwimmkörpern seiner 275N Weste eher erdrückt und behindert, als dass sie ihm genützt haben. Für mich mit meinen knappen 70 Kg inklusive Schwerwetterkleidung reicht eine Weste mit 150N Auftrieb locker aus. Schon mit einer 220N Weste würde ich wahrscheinlich wie ein Heißluftballon vom Winde verweht werden…
Auch ein Schrittgurt wäre hilfreich gewesen, der leider bei fast keiner Weste mehr angebracht ist. Zwar dauert das Anlegen länger, aber dafür sitzt man besser festgeschnallt im Wasser und kann auch leichter abgeborgen oder in die Rettungsinsel gezogen werden.

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Wenn man dann schließlich zu acht in dieser Rettungsinsel mehr oder weniger übereinander gestapelt drinsitzt, wird einem bewusst, dass das „in echt“ kein Spaß wäre. Es ist eng, man sitzt in einem Wasserbecken, das im Ernstfall eiskalt wäre. Man bekommt schlecht Luft und sobald einer kotzen muss oder andere Körperfunktionen sich bemerkbar machen, ist es eh vorbei. Man möchte es sich nicht vorstellen.

Fazit dieses Überlebenstrainings: es ist nicht ganz billig, aber sehr sinnvoll. Man erhält einen Rundumschlag an sicherheitsrelevanten Themen. Wobei die Wiederbelebung bei Herzstillstand und das Handling eines Feuerlöschers auch im Leben abseits des Segelbootes relevant ist. Und Spaß macht das ganze natürlich auch. Es ist vielleicht wie bei einem Fahrsicherheitstraining für das Auto: hinterher hat man einfach mehr Vertrauen in die eigene Ausrüstung und das eigene Können.

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