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Frankfurter Mispelchen, das Kultgetränk

Als „Mispelchen“ wird ein Getränk aus Calvados, garniert mit einer eingelegten Mispel aus der Dose bezeichnet. Aber was zum Geier ist eigentlich eine Mispel?!

Als jemand, der in und um Frankfurt lebt und aufgewachsen ist, glaubt man ja, eigentlich schon alles über die hiesigen Kultgetränke zu wissen. Als ich aber neulich mit Freunden in einer sachsenhausener Apfelweinwirtschaft saß, musste ich mich von Eingeplackten mit Hemd und Kravatte belehren lassen, was ein „Mispelchen“ ist. Normalerweise kümmert mich das Kluggescheiße von irgendwelchen Bankern und selbsternannten Gordon Gecko’s herzlich wenig. Aber diesmal hatten sie Recht: es gibt seit geschätzten 15 Jahren eine frankfurter Spezialität, die an mir vorbeigegangen ist. Vielleicht stand sie auch schon immer auf der Getränkekarte und wurde von mir bloß als Modegetränk abgetan. Aber das würde dem Mispelchen Unrecht tun. Denn es hat eine Eigenschaft, die sie für immer im frankfurter Kosmos verankern wird: Äpfel!

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Ok, nur die eine Hälfte ist aus Apfel, nämlich der Calvados. Und der stammt aus Frankreich. Ist aber auch kein Problem, denn schließlich sind vor langer Zeit genügend Hugenotten hier eingewandert und es waren sicherlich sie, die den Calvados im Ledersäckel hatten und hier einführten. Dazu kommt die andere Hälfte des Getränks, nämlich die Mispel. Wieder so ein urtümliches Gewächs, das vor langer Zeit einmal einen festen Platz in Europa hatte aber mittlerweile größtenteils verschwunden ist. An manchen Plätzen wächst der Baum aber noch, man muss nur aufmerksam hinschauen. Im Saarland nennen sie die aprikosenartige Frucht übrigens „Hundsärsch“, da sie vom Pol aus betrachtet ein wenig an die Poperze eines Köters erinnert. Sie machen Schnaps daraus, was sonst.

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Der Mispelbaum fällt nicht besonders auf mit seinem strauchartigen, leicht krüppelig wirkenden Geäst. Das Obst, also die Mispel, wird erst im Spätherbst reif und hängt von nun an im dürren Gezweig des Bäumchens und warten auf jemanden, der sie erntet. Frost tut der Frucht gut, denn ansonsten ist sie steinhart und ähnlich ungenießbar wie die Quitte. Lässt man die Mispel also ein paar Wochen im Obstkorb vor sich hin reifen, dann kann man es schon wagen, einmal hinein zu beißen. Genug der Theorie, wo findet man schon Mispelbäume (z.B. am kelkheimer Rettershof…)? Es ist doch wesentlich einfacher, sich eine Dose mit der eingelegten Frucht zu kaufen.

Aber woher nehmen, wenn man sie nicht selbst eingedost hat? Im Supermarkt findet man in der Büchsenabteilung zwar eine Menge Obst von der Williams Christ Birne über die Hotelfrühstückobstgarnitur bis hin zur Lychee. Aber die Mispel gibt es nur in sehr wenigen Märkten. Gute Chancen hat man außerhalb des frankfurter Raums, denn die „Mispelchen“-Grenze verläuft recht genau am Rande des franfurter Postleitzahlenbereichs entlang. Und innerhalb dieses Bereichs sind die seltenen Lieferungen schnell ausverkauft. Wer aber einen Asia-Supermarkt um die Ecke hat oder einen dieser arabischen Läden mit einem Sortiment zwischen Souk und Toom-Baumarkt, der kann es auch hier versuchen. Unter der Bezeichnung „Loquat“ wird man manchmal fündig. Ob das jetzt ganz exakt die gleiche Sorte ist, das kann sicher der Botaniker klären (oder man liest die drei Zeilen in Wikipedia). Schmecken tut sie jedenfalls ziemlich ähnlich und auch preislich ist diese Variante sehr attraktiv.

A propos Preis. Man kann ohne weiteres 14 Euro pro Dose mit vielleicht 10 Früchten ausgeben (Amazon). Es geht aber auch billiger, z.B. beim Gourmet Versand für unter 5 Euro oder bei der Metro für 3 Euro. Die frische Mispel dagegen kostet das Kilo etwa 5 Euro, manchmal auch weniger.

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Wie man das Mispelchen jetzt zubereitet, ist schnell erklärt: Calvados ins Cognac-Gläschen geben, eine Mispel dazu und „Kopp in‘ Nacken“, wie der Norddeutsche zu sagen pflegt. Ob man jetzt noch einen Schuss Dosensirup zum Calva gibt oder nicht, die Mispel auf einen Zahnstocher spießt oder nicht, das ist wirklich Geschmacksache. Auch erhitzt und genossen wie ein warmer Sliwowitz macht sich das Mispelchen gut.

Ob sie eines Tages der gleiche kulturelle Ausverkauf wie Pfläumchen, Willi & Co. ereilt, die auf Österreichs Party-Skipisten rund um das Epizentrum von Ischgl und St. Anton gereicht werden, weiss ich nicht.
Aber verkehrt wär’s sischer aach net.

Ein Tag auf der Galopprennbahn in Frankfurt

Die frankfurter Galopprennbahn gibt es seit 1864. Jetzt hat die Stadt sie an den Deutschen Fußball Bund verhökert und ihr letztes Stündlein hat geschlagen. Wir waren dabei, als das (wahrscheinlich) letzte Rennen lief.

Obwohl vertraglich zwischen der Stadt Frankfurt und dem DFB soweit alles unter Dach und Fach war, wurden auf der Rennbahn weiterhin fleißig Rennen veranstaltet, so als ob nichts wäre. Und auch so, als ob es keine festgelegten Termine für die Räumung des Geländes gäbe. Dem Schicksal ins Gesicht spuckend, pochte der Frankfurter Rennclub auf bestehende Verträge und veranstaltete einfach weiter ein Rennen nach dem anderen. Das letzte war am 15. November und man kann es nicht anders beschreiben als einen prallen Event für die ganze Familie, das Unmengen von Zuschauern anzog.

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Im Gegensatz zu gängigen Vorurteilen ist das Reiten selbst zwar ein teurer Sport. Das Zugucken an der Rennbahn ist dagegen billiger als ein Kinobesuch und man kann den halben Tag dort verbringen. Die Imbiss-Stände verkaufen ihre Bratwurst, den Espresso, die Crêpes und den Piccolo zu anständigen Preisen. Es ist billiger als auf jedem Bauernmarkt. Das Publikum ist bunt gemischt und es werden vereinzelt sogar ein paar elegante Hutträgerinnen gesichtet. Hier und dort ein Dandy mit Tweedjacke und Knickerbockern… da kommt Flair auf! Die meisten laufen allerdings rum wie immer und schenken dem eigentlichen Rennen auch nicht mehr Beachtung als es verdient hat.

Wie läuft das ab, so ein Galopprennen? Zunächst mal das Wichtigste: man ist ständig auf Achse. Als erstes deckt man sich mit Wett-Zetteln ein. Hier drauf werden die Tipps notiert. Bevor man aber auf ein Pferd setzt, sollte man es sich zunächst einmal im Führring anschauen. Wirkt es unruhig und tänzelt auf und ab? Könnte heißen, dass es kaum zu bändigen ist und eine Spitzenzeit hinlegt! Könnte aber auch heißen, dass ihm die Nerven durchgehen und es keinen einzigen Platz gutmacht.

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Jetzt wirft man einen Blick auf die große LED-Leinwand. Hier werden kontinuierlich die Quoten für jedes teilnehmende Pferd angezeigt. Je höher, desto schlechter das Pferd. Je niedriger, desto bessere Chancen werden dem Gaul eingeräumt. Die Quoten sind ständig in Bewegung, je nachdem wie viele Leute noch am Tipp-Abgeben sind.

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Jetzt wird der Wett-Zettel ausgefüllt. Zuerst die Nummer des Rennens. Das können locker acht Stück sein. Dann den Einsatz: 50 Cent, 1 Euro, 2 Euro, etc. Dann die Art der Wette: auf Sieg (Gaul ist erster), auf Platz (Gaul kommt unter die ersten drei Plätze) oder auf Einlauf (mehrere Gäule laufen in bestimmter Reihenfolge ins Ziel ein). Und schließlich die Nummer des Pferdes. Mit dem Zettel läuft man nun zum Wettschalter, bezahlt und gibt ihn ab.

Jetzt läuft man rüber zur Tribüne oder einfach an den Rand der Rennbahn und wartet auf den Start. Nach ein paar Minuten ist das Rennen vorbei und man ist entweder reich geworden oder hat, was wahrscheinlicher ist, „äusserst knapp“ sein Haus und Hof verzockt.

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Hilft aber alles nichts… schnell einen leeren Wettschein gezückt, rüber zum Führring gegangen und auf das nächste Rennen gesetzt. Die ganze Prozedur beschreibt auch der Frankfurter Rennclub sehr schön auf seiner Webseite: Das erste Mal auf der Rennbahn.

Es ist übrigens keine Schande, auch mal ein Rennen auszulassen und bei Bier und Bratwurst dem Getümmel zuzuschauen. So hat man auch die Muße, der Siegerehrung beizuwohnen, die reichlich unemotional geschätzte 90 Sekunden dauert. Oder im Programmheft zu blättern und nach der Verwandschaft der rennenden Gäule zu schauen. Vielleicht ist ja ein berühmter Papa oder eine schnelle Mama dabei und diese Information sollte natürlich ausgewertet werden und in das nächste Rennen mit einfließen…

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Die Kokerei Hansa in Dortmund – eine Führung

Schon mal darüber nachgedacht, woher Stahl kommt? Wo das Erz gefördert wird? Wie man Koks zur Metallgewinnung erhält? Und woher die Kohle zur Koksgewinnung stammt? Eine Führung im Ruhrgebiet schafft Klarheit.

Ich sehe mich noch heute, in mittelalterliche Kleidung gewandet, mit Lederstiefeln an den Füßen und einem Schwert auf dem Rücken durch den winterlichen Taunus stiefeln… zumindest in meiner Phantasie, während ich aus dem Kinderzimmerfenster schaute und von den Hausaufgaben abschweifte. Doch wie eigentlich in J.R.R. Tolkiens Welt der Stahl hergestellt wird, ist mir auch nach drei Filmen noch nicht klar. Aber es gab einmal eine Zeit, da wollte ich das unbedingt selbst tun: Dinge aus Metall herstellen.

Jahre später war ich dann IT-Student im praktischen Semester. Und der Gedanke trieb mich um, wie cool es doch wäre, mit den eigenen zwei Händen etwas schmieden zu können. Das Praktikum in der IT-Branche langweilte mich, so dass ich mir eifrig die Inhalte diverser Internetforen zum Thema „Schmieden“ reinzog. Klar war, dass ich eine Esse brauchte. Eine alte Feldschmiede mit Fußantrieb war auf Ebay schnell gefunden und für’n Appel und’n Ei gehörte sie mir. Sie war schon von Rost zerfressen und an den meisten Ecken mit Stahlplatten notdürftig ausgebessert. Der alte Bauer, von dem ich die Schmiede abholte, hatte damit jahrzehntelang Hufeisen für seine Pferde hergestellt und repariert. Sein Sohn kauft sowas heutzutage sicherlich bei Amazon und so musste das Teil die Scheune verlassen.

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Mit dabei war ein dicker Sack mit Kohle, so dachte ich zumindest. Aber eigentlich war das meine erste Begegnung mit Koks. Erst, nachdem ich das Zeug nicht zum Brennen bekam, ging mir ein Licht auf: ich brauche erstmal ein normales Kohlefeuer, bis das rockt! Und so begriff ich den Unterschied zwischen normaler Kohle (entzündet sich relativ schnell, brennt aber mit niedriger Temperatur) und Koks (brennt heiß und bringt Metall zum Glühen, geht aber ohne Sauerstoffzufuhr von selbst aus).
Relativ schnell war klar, dass das ein dreckiges Geschäft ist. Die Nase voll mit Staub, die Hände verbrannt und Muskelkater im Bein wegen dem Tretgebläse… Ausserdem bekam ich noch eine ordentliche Erkältung, weil im Winter natürlich kein Mensch ne Jacke trägt, wenn einem vom Schmieden doch schon warm genug ist. Die Schmiederomantik jedenfalls war verflogen und außer ein paar verbogenen Nägeln hatte ich nichts zustande gebracht. Ein frankfurter Sozialarbeiter hat mir die Esse schließlich dankenswerterweise abgekauft und beschäftigt damit jetzt seine Problemkinder.

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Aber zurück in die Gegenwart. Da hält man irgendetwas aus Edelstahl in der Hand, zum Beispiel einen Schraubendreher. Und doch hat man im Prinzip keinen blassen Schimmer, wie lange es gedauert hat, bis aus diversen Grundstoffen dieses superstabile Werkzeug entstanden ist. Wer es genau wissen will, besucht einfach eine der Führungen im Ruhrgebiet, wo einem die Zechenlandschaft näher gebracht wird. Ich nahm Teil an einer Führung in der Kokerei Hansa in Dortmund Huckarde (auf der verlinkten Seite findet man auch die Öffnungszeiten, Preise, etc.).

Die Kette lautet im Prinzip folgendermaßen: Bergwerk – Kokerei – Hütte

  • In den Zechen (Bergwerken, Minen) wird Kohle und Erz gefördert.
  • Die Kohle wird in der Kokerei von diversen unerwünschten Inhaltsstoffen befreit und zu Koks verarbeitet.
  • Der Koks wird zur Metallgewinnung aus Erz im Hochofen genutzt.
  • Das Metall wird unter Hinzufügung verschiedener Stoffe zu Edelstahl und irgendjemand fertigt daraus die Klinge des Schraubendrehers.

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Ob in dieser Gruppe von Teilnehmern der Führung nur Industrieromantiker waren oder auch Angehörige ehemaliger Kumpel – ich weiß es nicht. Jedenfalls war diese Führung durch die Kokerei Hansa in Dortmund gut besucht. Nachdem es in letzter Zeit ein paar Umbauarbeiten gab, ist der Weg der Kohle bis zur Kokswerdung jetzt ganz einfach für Jedermann begehbar. Los geht es beim Förderband, das früher zu einem guten Teil mit der Steinkohle der benachbarten Zeche bestückt wurde. Die hier verarbeitet Kohle stammt aus verschiedenen Bergwerken und ist daher nicht immer gleich. Das Koks für die Hütten muss allerdings schon von gleichbleibender Zusammensetzung sein. Deshalb wird die Kohle gemischt und hat am Ende eine gleichbleibende Zusammensetzung.

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Was einem Stadtkind vielleicht im ersten Moment genauso fremd ist wie die Kuh auf der grünen Wiese, das ist hier die monumentale Bauweise der Anlage. Es ist nicht ganz falsch, wenn man von Kathedralen und Palästen spricht, die hier für die Kohle gebaut wurden. Was ein wenig fehlt, ist dekorative Inneneinrichtung. Stattdessen werden die gigantischen Räume eben mit Kohle gefüllt. Nachdem sie zerkleinert, gemischt und gesiebt wurde, wird sie auf die über 300 Öfen verteilt. Die Anzahl erscheint viel, aber der Grund ist simpel: jeder Ofen ist weniger als einen halben Meter breit. Dafür aber 12 Meter lang und in der Lage, etwa 16 Tonnen Kohle unter Sauerstoffabschluss zu Koks zu verarbeiten.

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Während der Erhitzung der Steinkohle entweichen alle möglichen Stoffe, die als Gas über Rohrleitungen abgeführt und auf der anderen Seite der Anlage herausgefiltert werden. Teer, Schwefel, Benzol – hier sammelt sich das Sahnehäubchen der Koksgewinnung. Alles Stoffe, die sich gewinnbringend an andere Industriezweige verkaufen lassen. Wie auch in anderen Branchen profitieren eng beinander liegende Industrien schwer davon, wenn sie ihre „Abfallstoffe“ an den Nachbarn verkaufen können. Für diesen ist es möglicherweise der Grundstoff für ein völlig anderes Produkt.

Am Ende der Tour landen wir in der riesigen Halle der Kompressoren. Hier wurden die Gase mit Hilfe großer, dampfgetriebener Kompressoraggregate verdichtet und schließlich an wen-auch-immer weitergeleitet.

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Und weil es unmöglich ist, einen Artikel über Koks ohne Zweideutigkeiten zu beenden, sei hier noch erwähnt, dass mir Koks in seiner weißen Form bisher noch nicht untergekommen ist. Ein Gagschreiber könnte daraus vielleicht was machen – aber mir fällt dazu bloß ein, dass es das Koks heutzutage quasi aus der Schwerindustrie direkt in die Dienstleistungsgesellschaft geschafft hat.

Ok, der war wirklich schwach.

Eine Stadtführung durchs Frankfurter Gallus

Die Firma Frankfurter Stadtevents bietet rein gefühlsmäßig tausend-und-eine Stadtführung zu so ziemlich jedem Thema an. Eines davon ist die Führung durch das Frankfurter Gallusviertel, wo früher die „arme Leut“ erst am Galgen gehenkt und dann verscharrt wurden. Die Stammesältesten kennen es noch unter dem inoffiziellen Namen „Kamerun“, mittlerweile heißt es schlicht und einfach „Gallus“. Auch das neue und gerade sehr gehypte Europaviertel ist übrigens noch ein Teil des Gallus. Soll das später dann auch einfach nur „Europa“ heißen…?

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Unser Führer des Abends heißt jedenfalls eindeutig Sascha Ruehlow und ist eigentlich nicht zu übersehen, wenn man ihn kennt. Da ich ihn jedoch nicht kannte und der Treffpunkt am Hauptbahnhof nicht unbedingt menschenleer war, musste ich eine Weile Kreise ziehen. Ein Schild oder so eine dämliche rote Fahne wären nicht ganz schlecht gewesen.

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Hier am Bahnhof ging es dann auch gleich los, denn das Gallus beginnt genau hier. Das Bahnhofsviertel mit Nidda-, Taunus- und Weserstraße beginnt nördlicher, dort wo man über die mehrspurige Straße geht. Unser Guide kennt zig Geschichten zu jeder Straße und jedem Wohnblock. Die alle nachzuerzählen spare ich mir, lieber sollten Interessenten einfach diese preiswerte Tour buchen. Mit 10 Euro für 2 Stunden ist der Preis mehr als fair. Zumal man mit Sascha Ruehlow einen Guide hat, der – einmal angestochen – nicht mehr aufhört, interessante Stories zu erzählen. Er führt noch andere Touren, wobei mich die „Trinkhallentour“ vorbei an den Frankfurter Wasserhäuschen besonders reizt. Hatte eh schonmal die Idee, mit einem Kumpel eine solche spät abendliche Tour zu unternehmen. Am besten im Bademantel, ganz Dittschemäßig.

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Apropos Trinkhalle, schließlich standen wir vor der Galluswarte (mit ihren beiden verfeindeten Kiosken) und die Tour näherte sich leider schon ihrem Ende. Da alle Teilnehmer, inklusive dem Guide, hier im Umkreis von wenigen Minuten wohnten, ging nun jeder seines Weges. Irgendwie sind wir ja doch alle Nachbarn, hier im Kamerun.

ISAF Sicherheitstraining – Überleben auf See

Wie kann ich Brände an Bord bekämpfen? Wie funktioniert eine Wiederbelebung? Löst meine Rettungsweste aus und wie schaffe ich es in eine Rettungsinsel? Wer es genau wissen will, nimmt teil an einem Sicherheitstraining.

Mönchengladbach ist nicht der offene Atlantik und die Kothausener Feuerwehr versprüht einen etwas anderen Charme als das New York Fire Department. Aber man kann in diesem zweitägigen Kurs der Firma „Sailing Island“ dennoch hervorragend üben, was einem auf See im Ernstfall passieren kann. Sei es das Löschen eines Feuers in der Pantry, die Wiederbelebung eines über Bord gefallenen Mitseglers oder das Besteigen einer Rettungsinsel. „Überleben auf See“ heißt dieser von der ISAF zertifizierte Kurs. Nur wenige der hier im Raum sitzenden Teilnehmer brauchen die Bescheinigung wirklich. Sie ist beispielsweise zur Teilnahme an größeren Regatten vorgeschrieben, wie der „Atlantic Ralley for Cruisers“. Zwei Männer aus dem Kreis der Teilnehmer haben eine solche Atlantiküberfahrt bei „Sailing Island“ gebucht (geht auch woanders), andere sind einfach neugierig oder wollen ihre Kenntnisse wieder auffrischen. Mich selbst hat es hierhin eher durch Zufall verschlagen. Eigentlich sollte es diesen Herbst noch ein Schwerwettertraining werden. Diese Fahrten sind leider schnell ausgebucht und so wendete ich mich dem thematisch recht nahe stehenden Thema „Überleben auf See/Survival at Sea“ zu.

Der Kurs wird vom Leiter der Segelschule – Markus Seebich – und anderen Dozenten gehalten. Ein Großteil der Inhalte besteht natürlich aus grauer Theorie, die uns über dafür um so buntere Powerpoint Folien ins Kleinhirn gehämmert wird. In so einem Fall bin ich immer wieder froh, wenn die Dozenten schon im gesetzteren Alter sind und auf viele Segeljahre zurückblicken können: sie erzählen einfach die spannendsten Stories! Bei nahezu jedem Thema folgt eine Anekdote und das lockert die Theorie doch ordentlich auf. Das gefiel mir schon damals beim Kurs für den SBF See in Kühlungsborn.

Warum ich hergekommen bin, ist aber die Praxis! Ein Bestandteil des Kurses ist die Übung zur Wiederbelebung von Menschen mit Herzstillstand. Dann wird auch der Umgang mit dem Feuerlöscher geübt und schließlich, ganz am Ende, kommt der Blockbuster, weswegen wir eigentlich alle hier sind: die Übung im Wasser, das Training zum Besteigen und Handhaben von Rettungsinseln, während man selbst in voller Montur baden geht. Hier die Übungen im Einzelnen.

Wiederbelebung bei Herzstillstand
Ein Mitarbeiter vom Deutschen Roten Kreuz baut zwei Personen-Dummies auf und jeder Teilnehmer darf mal ran. 30 mal aufs Brustbein drücken, dann 2 Mal Mund-zu-Mund Beatmung. Das Pressen, also die Herzdruckmassage, sollte etwas schneller als einmal pro Sekunde erfolgen, etwa 100 Mal pro Minute. Beim Beatmen kräftig reinpusten in den Menschen, der hält das aus. Wer im Detail nachlesen möchte, wie eine Herz-Lungen-Wiederbelebung funktioniert, kann das hier tun.

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Handhabung eines Feuerlöschers
Feuerlöscher sind nützlich, wenn man sie hat und regelmäßig warten lässt. Nachdem der Dozent einen Stoß aus einem Pulverlöscher ablässt und damit halb Kothausen vernebelt, ist uns allen klar, dass wir so ein Teil nicht an Bord haben wollen. Das unheimlich feine Pulver würde sich im ganzen Boot absetzen und schon ein kleiner Brand wäre wirtschaftlich gesehen ruinös. Geübt wird hier mit den teuren CO2 Löschern. Die Fauchen zwar kräftig, hinterlassen aber keinerlei Spuren. Mit einem Schaumlöscher geht es auch, den werde ich mir wohl demnächst anschaffen und das kleine 1 Kg Pulverspielzeug ausmisten. Ein so kleiner Feuerlöscher würde nur für wenige Sekunden reichen. Selbst die 2 Kg Geräte waren schon nach 20 Sekunden leer.

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Hier noch eine Fettexplosion, so wie sie die Kamera sieht. Will man auch nicht in der Kombüse haben.

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Düsseldorf ist um die Ecke, da kommen die Toten Hosen her. Und was macht der Campino gerne? Richtig, Bengalos anzünden. Unter Seglern nennt man so eine Handfackel „Seenotsignal„, macht aber genauso Laune.

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Rettungsweste, Rettungsinsel & Co.
Das Training im Wasser findet im Düsseldorfer Hallenbad statt, gleich neben der Messe. Im Januar ist hier wieder die boot angesagt, wo man nagelneue Yachten besichtigen kann, die weniger für Sicherheit auf See als auf Wohnkomfort im Hafen ausgelegt sind. Ich bin jetzt vor allem auf eines gespannt, nämlich ob und wie meine Rettungsweste auslösen wird. Im Gegensatz zu dem armen Tropf, dessen Weste nach einem kurzen „plopp“ gleich wieder in sich zusammenfiel, blieb meine stabil und ich konnte wie ein aufgeblasenes Ballonmännchen durch das Becken treiben.

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Da ich Brillenträger bin, musste für diese Übung eine alte Brille herhalten. Aber zusammen mit diesen kleinen Gummierweiterungen an den Bügeln und einer schützenden Hand vor dem Gesicht überstand sie den Sprung vom 3 Meter Sprungbrett unbeschadet. Gut zu wissen. Diese „Brillenbügel Endgummis“ zum Aufstecken bekommt man beim Optiker für wenige Cent. Im Gegensatz zu einer Kordel oder einem Brillenband kann sich hier nichts verfangen und es hält wirklich bombig.

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Das Tragen einer aufgeblasenen Weste im Wasser ist ziemlich unangenehm. Man sieht auch nicht sehr viel, da einem die Lufttaschen die Sicht versperren. Damit zu Schwimmen geht ebenso schlecht und sobald man versucht, die Rettungsinsel zu entern, versperren einem die Schwimmkörper den Weg. Es ist also sinnvoll, über das Ventil einiges an Luft abzulassen. Auf dem selben Weg kann man auch leicht wieder Luft hineinblasen, die Gaspatrone ist also nur für das erste automatische Aufblasen notwendig. Das ist besonders dann wichtig, wenn man ohnmächtig über Bord geht, was nach einem Schlag mit dem Großbaum schnell vorkommen kann. Rettungswesten gibt es in verschiedenen Größen mit unterschiedlichem Auftrieb. Ich kann nur jedem davon abraten, sich eine zu große Weste zu kaufen, nur weil dort „Hochseetauglich“ draufsteht. Die Weste muss den Menschen selbständig in die Rückenlage drehen können, falls dieser ohnmächtig ist. Nicht mehr und nicht weniger. Selbst ein großer und schwerer (nicht dicker!) Teilnehmer des Trainings, ein Mann mit sicherlich über 100 Kg Lebendgewicht wurde aber von den riesigen Schwimmkörpern seiner 275N Weste eher erdrückt und behindert, als dass sie ihm genützt haben. Für mich mit meinen knappen 70 Kg inklusive Schwerwetterkleidung reicht eine Weste mit 150N Auftrieb locker aus. Schon mit einer 220N Weste würde ich wahrscheinlich wie ein Heißluftballon vom Winde verweht werden…
Auch ein Schrittgurt wäre hilfreich gewesen, der leider bei fast keiner Weste mehr angebracht ist. Zwar dauert das Anlegen länger, aber dafür sitzt man besser festgeschnallt im Wasser und kann auch leichter abgeborgen oder in die Rettungsinsel gezogen werden.

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Wenn man dann schließlich zu acht in dieser Rettungsinsel mehr oder weniger übereinander gestapelt drinsitzt, wird einem bewusst, dass das „in echt“ kein Spaß wäre. Es ist eng, man sitzt in einem Wasserbecken, das im Ernstfall eiskalt wäre. Man bekommt schlecht Luft und sobald einer kotzen muss oder andere Körperfunktionen sich bemerkbar machen, ist es eh vorbei. Man möchte es sich nicht vorstellen.

Fazit dieses Überlebenstrainings: es ist nicht ganz billig, aber sehr sinnvoll. Man erhält einen Rundumschlag an sicherheitsrelevanten Themen. Wobei die Wiederbelebung bei Herzstillstand und das Handling eines Feuerlöschers auch im Leben abseits des Segelbootes relevant ist. Und Spaß macht das ganze natürlich auch. Es ist vielleicht wie bei einem Fahrsicherheitstraining für das Auto: hinterher hat man einfach mehr Vertrauen in die eigene Ausrüstung und das eigene Können.

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Skyline Plaza in Frankfurt. Sie nannten es Food Court.

Reist man ein wenig in der aktuellen Weltgeschichte herum, so dienen einem die Shopping Center in den Großstädten in erster Linie zur Abkühlung, da sie klimatisiert sind. Und zum anderen gibt es dort eine unheimliche Auswahl an Fressständen. Sie nennen es „Food Court“, meistens ist es die mittlere Etage des Gebäudes. Um den Begriff zu erklären, könnte man auch sagen: viele Imbissbuden scharen sich um einen zentralen Bereich mit Tischen und Stühlen. Weiß das der Deutsche? Mir ist der Begriff „Food Court“ hierzulande jedenfalls noch nicht untergekommen, aber er wird sich schon noch einbürgern. Wozu werden Marketing Fachleute bezahlt?

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Die Imbissmöglichkeiten sind schnell aufgezählt, es gibt asiatisch, indisch, orientalisch und deutsches zu kaufen. Klingt erstmal toll, leider erschöpfen sich die Angebote im üblichen Einheitsbrei aus beliebigen Nudel- und Reispfannen sowie Burger & Co. Das ist traurig, aber der Deutsche will es scheinbar so. Vereinzelt kann man „Kreatives“ sichten, wie z.B. gefüllte Aubergine oder Sushivariationen. Auch der Inder ist nicht schlecht. Alles in allem wird die Hauptkundschaft wohl aus Anzugträgern aus den benachbarten Bürotürmen bestehen. Die sind nicht wählerisch, dafür umso liquider. Zu dieser Klientel passt dann auch das Preisniveau: kaum eine Speise ist unter 7 Euro zu haben. Mit etwas Glück findet man eine halbe Portion zu 4 Euro aus der Pappschachtel. Ordentliches Besteck wird einem in diesem Fall verweigert. Auch die Tiefgaragen kosten mit 32 € Tagessatz ab der sechsten Stunde soviel, dass man dort unten sicherlich bald Champignons züchten kann – kein vernünftiger Mensch wird dort zweimal parken.

Wer glaubt, in einer modernen Shopping Mall mit ausladender Restaurantmeile muss es doch auch ansprechende Toiletten geben, der irrt. Nachdem man durch das halbe Treppenhaus gestolpert ist, das Stockwerk gewechselt und schließlich den richtigen Gang mit der richtigen Tür gefunden hat, steht man schließlich vor den bundesweit verhassten Sanifair-Schranken. Die Center Manager hatten doch tatsächlich die Dreistheit, die Sanitäranlagen zu verpachten. Dort muss man wie gehabt seine 50 Cent Eintritt zahlen und bekommt dafür einen Gutschein. Dieser ist nicht etwa automatisch in allen Restaurants einzulösen, sondern nur in einigen wenigen. Der Kunde wird also konsequent weitergeschröpft, auch nachdem er sein Geld in teuren Boutiquen und teuren Imbisslokalen gelassen hat. Das kann man nur noch unverschämt nennen. Wäre ich gehbehindert, würde ich den Betreibern ernsthaften Ärger machen, denn die Behinderten-WCs sind geschlossen. Ob die beworbenen Wickelräume geöffnet sind, wage ich ebenfalls zu bezweifeln. Ist aber auch egal, da man die nach oben führenden Rolltreppen mit Kinderwagen eh nicht benutzen kann. In dieser Hinsicht ist jede asiatische Drecks-Mall diesem jämmerlichen deutschen Abklatsch überlegen: es gibt dort frei zugängliche, geleckte WCs an jeder Ecke und das in ausreichender Anzahl. Das ist ein Service, der von den Controllern der Betreiberfirma „ECE Projektmanagement“ augenscheinlich dem Rotstift geopfert wurde. Kein Problem hatten diese Controller dann aber mit der Planung eines Dachgartens mit Himalaya-Birken, Bowlingbahn und Weinberg(!). Überflüssiger Luxus statt Befriedigung der grundlegendsten Bedürfnisse. Das ist die richtige mittelalterliche Einstellung: sollen die Kunden in ihrer glitzernden Burg doch in die Ecken pinkeln. Man möchte weinen.

Abschließend eine Foto-Lovestory zum Auffinden des WCs:

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Und hier noch ein herrlich unkritischer Artikel der FR mit dafür umso gesalzeneren Kommentaren. Man sieht, dieses Einkaufszentrum ist so kurz nach der Eröffnung schon in den Herzen der Bevölkerung angekommen…

Frankfurt kulinarisch: Mit Laura Di Salvo durchs Nordend

Das Konzept der Tour
Die Firma Eat-The-World bietet für 30 Euro pro Person geführte Touren in mehreren Deutschen Großstädten an, seit Neuestem auch in Frankfurt. Innerhalb von 3 Stunden klappert man dabei 7 Stationen ab, wo einem kleine Köstlichkeiten gereicht werden. Nebenbei erfährt man noch etwas über das jeweilige Stadtviertel, wobei der Schwerpunkt nicht auf Geschichte oder Architektur liegt sondern eher auf „Stadt und Leute“. Schließlich werden die Touren nicht von studierten Historikern geleitet, sondern von engagierten Menschen, die die Gegend kennen und eine Faible für das Speisen haben.

Die angebotenen Touren richten sich an wirklich jeden, vom Einheimischen bis zum Eingeplackten. Ich selber liege irgendwo dazwischen, da ich mich selbst nicht ernsthaft als einen „Frankfurter“ bezeichnen würde. Wie heißt es doch so schön: entweder, man ist hier geboren und mindestens ein Elternteil ist „echter“ Frankfurter. Oder man wohnt hier schon seit mindestens 25 Jahren. Beides trifft nicht vollständig zu. Als Taunus-Boy bin ich erst nach dem Studium hierher gezogen. Kann allerdings nicht ohne Stolz behaupten, in einem Haus zu wohnen, das schon seit bald 100 Jahren im Besitz der Familie ist.

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Interessanterweise wird der Frankfurt-Ableger von Laura Di Salvo geleitet, die man als echter Hesse natürlich vom Hessischen Rundfunk kennt, wo sie als Wetterfee zu sehen ist. Dort wirkt sie vor der Wetterkarte allergoldigst – alleine wegen ihr schalte ich die Glotze immer schon 2 Minuten vor der Tagesschau an. Trifft man sie dann „in echt“, so ist sie einfach eine charmante und lebhafte Frau, der man es nicht anmerkt, dass die heutige Tour ihre allererste ist.

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Am Friedberger Platz war der Treffpunkt für die 16 Teilnehmer. Von der Leiterin Di Salvo war dank der vielen aufgespannten Regenschirme nicht mehr viel zu sehen, denn Petrus hatte unserer Wetterfee zum Einstieg leider keinen Sonnenschein geschickt, sondern fiesen Dauerregen. So stiefelten wir dann durch das nasse Frankfurt, schnabulierten hier und dort einen Snack und lauschten den Ausführungen unserer Fee. Hier die Stationen im Einzelnen.

Die Stationen
Bäckerei „Kronberger“ mit einem Zitronenkuchen. Der Kuchen war lecker, leider hat sich niemand blicken lassen, um uns den Rest des Sortiments schmackhaft zu machen. Angeblich gäbe es hier die besten Baguettes östlich von Paris. Netter Artikel in der FR.

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Café „Familienbetrieb“ mit einer Knusperrolle, gefüllt mit Frischkäse und Schinken. Auch hier hat sich die Ladenbesitzerin nicht gezeigt. Dabei gibt es eine an das Café angeschlossene Boutique. Über diese ungewöhnliche Kombination hätte sie uns gerne etwas erzählen können.

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Feinkostladen „Die Olive“ mit Wurst und Käse aus Italien. Sehr sympathische Besitzerin, die uns über ihre Philosophie aufklärte und das Sortiment kurz vorstellte. Habe ihr gleich ein Stück Salsiccia abgekauft.

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Restaurant „Wiesenlust“ mit… Pommes! Sollten eigentlich aus Süßkartoffeln sein, aber die waren schon aus. Also gab es selbstgemachte Kartoffelpommes stattdessen. Eigentlich steht der Laden für Hamburger. Merkwürdig.

Michis Schokoatelier“ mit Pralinen und anderen Schokoladereien. Leider war auch der „Michi“ schwer beschäftigt, und so musste ich mir selbst die Frage stellen, wie man eigentlich so schöne Pralinen wie auf dem Foto unten herstellen kann oder was man in seinen Kursen so alles lernt.

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Imbiss „Suppengrün“ mit einer Kürbissuppe. Verfeinert mit Ingwer und anderen Gewürzen, sehr lecker. Die Dame des Hauses hat es sich nicht nehmen lassen, uns über die Herstellung zu informieren und gab uns noch diverse Tipps zum Suppekochen mit auf den Weg. So hatte ich mir das vorgestellt. Warum dieser Laden floriert, aber die früher ebenfalls Suppen und Eintöpfe anbietende „Chilli Queen“ dicht gemacht hat, ist mir ein Rätsel.

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Café und Lounge „Dolce & Gusto“ mit einem gefüllten Gebäck aus Italien. Was es genau war, konnte uns der junge Chef leider nicht sagen.

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Fazit
Die Tour war unterhaltsam und bot einige wirklich gute Leckereien. Andererseits aber auch reinen Durchschnitt, wie z.B. die „Pommes“, den Sandkuchen und das etwas dröge Gebäck aus Italien. Nur wenige Ladenbesitzer haben sich Zeit für unsere Gruppe genommen. Die meisten glänzten durch Abwesenheit, und dass obwohl noch nicht einmal immer viel Betrieb herrschte. Dieser Punkt ist wirklich tragisch, denn scheinbar haben sie nicht begriffen, dass hier ein paar nette Worte und einige Hintergrundinformationen auf ein dankbares Publikum treffen würden. Zumindest eine Vorstellung des eigenen Sortiments müsste wohl drin sein. Natürlich soll diese Tour nicht zu einer Teppich-Verkaufsveranstaltung mutieren, aber wenn es einem schmeckt und der Laden einen guten Eindruck macht… wer lässt da nicht noch freiwillig ein paar Euros zusätzlich? Vielleicht dauert es noch eine Weile, bis das Konzept auch bei den Ladenbesitzern angekommen ist. Momentan hat man eher noch nicht das Gefühl, überall willkommen zu sein. Man wird wortwörtlich draußen im Regen stehen gelassen.

Laura Di Salvo hat diese Tour erstmalig auf die Beine gestellt und dafür, dass es das erste Mal war, ist es wirklich gut gelaufen. Ich würde mir wünschen, dass zukünftig noch andere Stationen hinzukommen und vielleicht kann sie die Ladenbesitzer ja auch davon überzeugen, in ihrem eigenen Interesse mehr auf die Kulinariker-Gruppe einzugehen. Denn immerhin sind fast jeden Freitag und Samstag Touren geplant. Wer als Ladenbesitzer keine Lust hat, auf diese Zielgruppe einzugehen, soll eben nicht mitmachen.

Es gibt in Frankfurt noch andere Anbieter von kulinarischen Touren, aber alles in allem könnte hier ruhig noch mehr passieren, denn Frankfurt hat viel zu bieten. Also: hingehen, denn trotz meinem Gemecker sind es drei schöne Stunden!

Boltenhagen zwischen Ost und West

Auf der Webseite von Boltenhagen kann man den Muttis per Webcam zuschauen, wie sie ihre Kinderwägen durch den Kurpark schieben. Während meines Ostseetörns letztes Jahr hatte ich schon einmal über Ostseebäder wie Kühlungsborn und Damp geschrieben. Boltenhagen reiht sich hier nahtlos ein und liegt auf einer Zielgruppenebene wie eben Damp, Eckernförde, Wismar und Warnemünde. Die Insel Poel und Wismar liegen wirklich gleich gegenüber. Für Segler bleibt Wismar gern als der Ausgangspunkt für die nie wirklich angetretene Solo-Weltumseglung von Bernt Lüchtenborg in Erinnerung. Den Ruhm, den er sich flott durch kreative Logbuchführung erschwindeln wollte, haben sich die Küstendörfer mit dem „Seebad-“ vornedran seit der Wende erst mühsam wieder aufbauen müssen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, sowohl bei Kühlungsborn als auch in den ehemals grenznahen Dörfern wie Neustadt, Scharbeutz und wie sie alle heißen. Die Marinas sind blitzblank und auf den glänzenden Uferpromenaden trauen sich noch nicht einmal die Hunde, etwas anderes als Pfotenabdrücke zu hinterlassen.

Boltenhagen bietet hier ähnliches. Es gibt einen Yachthafen (mit relativ flacher Einfahrt, wie man auf Google Maps gut sehen kann), es gibt die obligatorischen Ferienwohnungen (siehe Link Urlaub Boltenhagen) und man kann sich auf die obligatorische Seebrücke begeben, von wo man die Ausflugsdampfer zur Besichtigung der näheren Umgebung besteigen kann.
Blickt man vom Boltenhagener Badestrand am Tarnewitzer Huk abends in Richtung Insel Poel und somit zum nahen Leuchtturm Rerik, so müsste man eigentlich den roten Warnsektor sehen, der auf den felsdurchsetzten Grund der Wismarer Bucht hinweist.

Musikmesse Frankfurt: der Wert der Dinge

„Beute, Beute, sagt der Dieb zu seiner Frau
und erhebt den Becher zum Sieg“
– Molli

Heute war Musikmesse angesagt. Länger nicht mehr da gewesen und gleich ein Online Ticket gekauft. Man ist ja nicht blöd und kauft für 30 Euro an der Kasse, sondern lieber für 20 Euro im Vorverkauf. Was man ebenfalls gleich online abgibt, ist das Recht auf Selbstbestimmung. Selbstbewusst wie die Messegesellschaft ist, zwingt sie einen gleich, sämtliche Persönlichkeitsrechte direkt am Eingang abzugeben. Sprich, wer nicht damit einverstanden ist, dass die eigenen Kontaktdaten an sämtliche Firmen, mit denen die Messegesellschaft zu tun hat, weitergegeben wird, kann seine Karte gefälligst vor Ort kaufen. Für 50% Aufschlag versteht sich. Man kann den Erpressern natürlich ein Schnippchen schlagen und eine Phantasieadresse angeben, das tut nicht weh.

musikmesse_2013_ (31)_kuddel

Wenn man schon ein paar mal auf der Musikmesse war, hält sich der Drang, neue Dinge zu entdecken doch schwer in Grenzen. Die Branche ist Erzkonservativ, hier tut sich seit Jahren nichts mehr, man kann also ebensogut den Typ vom Kiosk unterstützen und ihm das eine oder andere Beck’s-Bier abkaufen. In diesem Stil arbeitet man sich voran, um von einer Autogrammstunde zur nächsten zu fallen. Dieses Jahr waren Kuddel (bei Gibson) und Vom (bei Paiste) von den Toten Hosen vor Ort. Mangels zu unterschreibender Schallplatten oder anderer Fanartikel habe ich den beiden einfach mal meinen nackten Bauch hingehalten. Bis der Edding abgeht, bin ich nominell doch ziemlich wertvoll, aber zu Geld machen lässt sich der vollgekritzelte Wanst natürlich nicht. Und seit der alte Herr Marshall (Autokennzeichen: JCM-800) nicht mehr unter uns weilt, hat meine Motivation, irgendwelche Autogramme abzugreifen, doch sehr nachgelassen. Es ist einfach keiner der alten bedeutenden Recken mehr am Leben. Also können sie mir ruhig auf den Speck krakeln.

autogramm_bauch

Was doch ziemlich erschreckend ist, das sind die vielen asiatischen Firmen mit ihren Kopien von etablierten westlichen Marken. Im Kopieren sind das Reich der Sonne und das der Großen Mauer immer noch ungeschlagen. Und da sich die Technik der Gitarrenbranche irgendwo zwischen Steinzeit und Dampfmaschine befindet, bereitet es den Chinesen auch kein wirkliches Problem, so etwas Simples wie eine E-Gitarre oder einen Röhrenverstärker eins zu eins abzukupfern und nebenbei noch zu verbessern. Das führt uns Wessis vor Augen, was für vorsintflutliche Technik wir uns eigentlich für ein Heidengeld aufschwatzen lassen.

Jedenfalls, der Tag neigt sich dem Ende zu, und da kann es schon einmal passieren, dass dem einen oder anderen Besucher ein Effektpedal oder zwei unbeabsichtigt in den Rucksack fallen. Gerade dann, wenn man sich mit dem Standpersonal gut versteht und das eine oder andere Freibier oder -kaffee fließt, ergeben sich unvorhergesehene Geschäfte (Peavey T-Shirt: 10 Euro). Spätestens, wenn die Teppiche um 18 Uhr eingerollt werden (und das werden sie wortwörtlich), locken einen die Koreaner und Chinesen mit schier unwiderstehlichen Argumenten an ihre Stände. Ein Effektgerät für 20 Euro? Kein Thema. Man deutet auf ein Audio-Interface, einen Mini-Amp, ein Multieffektgerät…  je 10 Euro. Dürfen es noch 5 Doppelklinkenstecker sein? Alles für nen 10er, dem symbolischen Preis um diese Zeit. Kein Aussteller möchte am letzten Messetag noch palettenweise Material wieder mit nach Hause schleppen. Und so wird rausgehauen, was geht.

Der Speichel im Mundwinkel hat kaum Zeit, um zäh zu werden, schon lockt das nächste Angebot: eine Akustik-Gitarre. Schnell angespielt am Stand der Great-Wall-Music: so schlecht ist die Klampfe gar nicht. Die Saitenlage etwas hoch, aber korrigierbar. Ansonsten sauber verarbeitet, einige Teile nur geleimt und nicht massiv, aber das ist Branchenstandard. Der Chinese fragt freundlich, ob denn Interesse besteht. Na ja, theoretisch schon, eine Zweitgitarre für auf’s Boot wäre eine Maßnahme. Was sie denn kosten solle?
50.
Für eine fabrikneue Westernklampfe 50 Ocken? Das ist doch mal ne Hausnummer.
Sekunde, der Chef ist noch nicht fertig.
50 Euro für beide Western Gitarren zusammen, die hier rumstehen. Die eine in schwarz, die andere im Tortoise-Style.
Ok. Das sitzt. Spätestens jetzt flackern die Augen wirklich hektisch und der Mundwinkel kann den Sabber nicht mehr halten. Hier kann man leicht in Versuchung geraten.

Die Umhängetaschen der Besucher sind zwar schon zum bersten voll mit Werbematerial, aber die Sirenenstimmen des nächsten Standes nehmen einen gefangen, ich belausche ein Gespräch: ob es noch ein Stimmgerät sein darf? Zum an die Gitarre klemmen, heute für nur 3 Euro?
Na klar darf es eins sein, denkt sich so mancher. Oder doch lieber gleich vier Stück? Kleingeld hat hier keine Bedeutung mehr, es zählen nur noch die 10er-Scheine. Wie beim Hütchenspiel werden im allgemeinen Chaos noch schnell weitere Päckchen in Sicherheit gebracht. Am ehrlichen Lotterie-Drehrad von Musik Meinl hatte ich selbst zuvor schon versagt und leider keinen Preis gewonnen, aber was man hier für niedrigstes Geld kaufen könnte, schlägt jede Lotterie um Längen.

Was hat das jetzt mit Werten zu tun? Ganz einfach, ohne dem planetenumfassenden Transportnetz wäre ein solches Erlebnis wie heute nicht möglich gewesen. Betrachtet man die Textilbranche, läuft es dort genauso extrem: die Kleiderkette Primark verkauft ebenfalls Waren aus Fernost zu lächerlich niedrigen Preisen. Auch hier reden wir von einstelligen Eurobeträgen für ein T-Shirt oder eine Bluse. Hin und wieder krepieren ein paar indische Näherinnen in einer brennenden Fabrik, auf deren Rücken diese Preise zustanden kommen. Aber von solchen Schlagzeilen lassen wir uns nicht davon abbringen, kräftig zuzulangen, wenn der Preis einen dazu verführt.

Davon abgesehen, dass in diesem Fall – also auf der Messe – eigentlich gar nichts hätte verkauft werden dürfen, dürfte es solche Preisgefälle insgesamt eigentlich gar nicht geben. Haben denn manche Gegenstände nicht wenigstens einen minimalen Wert, unter dem sie nicht zu erschaffen sind? Scheinbar nicht, es geht immer noch ein wenig billiger. Die Gitarre, welche ich über 20 Jahre spielte, die durch die Hände mehrerer Familienmitglieder ging, und die aufgrund ihrer Qualität einen Wert verkörpert – wie ist das mit einer gleichwertigen Gitarre aus Fernost zu vereinbaren, die heute nur noch einen winzigen Bruchteil dieses Preises kostet? Die ich, wenn sie kaputt geht, eher wegwerfe anstatt sie reparieren zu lassen, weil das wirtschaftlicher Unsinn ist? Die Arbeitsstunde eines Europäers und die eines Asiaten liegt so unsagbar weit auseinander, dass hier Welten aufeinander prallen. Ob irgend etwas passieren würde, wenn die Jungs in Asien unseren Lebensstandard geniessen würden? Wären dann unsere iPhones und Gitarren um ein vielfaches teurer? Wahrscheinlich. Müssten wir uns mehr anstrengen, um im Wettbewerb zu bestehen? Sicher.
Hätten wir keine bessere Ausbildung und würde nicht unsere Fähigkeit zur Innovation gefördert, könnten wir gleich zumachen. Denn ist ein Ding erstmal erfunden, können es die Chinesen besser.

Segeln auf der Ostsee 16: Zurück in Rendsburg

„Hier nun die letzte Rundmail zu meiner Ostseereise. Wo war ich letztes Mal stehen geblieben – in Middelfart. Da war Sandro noch an Bord und wir sind wieder in Richtung heimische Gewässer gefahren. Zunächst waren wir auf der Insel Aarö, danach in Sonderborg. Dort hatten wir einen schönen Platz direkt an der großen Pier im Stadthafen.

An diesem Tag war auch ordentlich Wind, die Zelda lag bis zu den Relingstützen im Wasser. Am folgenden Tag war eigentlich auch wieder Wind angesagt, der kam nicht, stattdessen Flaute. So sind wir per Motor nach Damp durchgefahren, obwohl wir zunächst Kappeln geplant hatten.

Diese Unsicherheit, was das Wetter betrifft hat sich über meinen ganzen Törn gezogen: es war fast nie wie vorhergesagt. Da hilft nur, morgens den Kopf aus der Luke zu strecken und selber zu schnüffeln, ob der Wind nun kommt oder nicht. Das dumme ist nur, dass alle Mitsegler irgendwann wieder an einem bestimmten Ort sein müssen, um Heim zu fahren. Und so kommt es, dass man einen angeblichen Starkwindtag im Hafen verplempert, wenn ganz normaler Wind ist. Und dann im Gegenzug rausfährt und eins auf die Mütze bekommt, obwohl nur wenig Wind angesagt ist.

Sandro ist dann vorletzten Samstag heimgefahren, nachdem wir sein Auto aus Nyborg geholt hatten und noch zusammen nach Kiel/Schilksee gesegelt (motort) sind. Schon lustig, wie schnell man ohne Boot unterwegs sein kann.
Danach kamen meine Eltern mit ihrem Wohnwagen nach Schilksee. Wir waren auf der Kieler Förde segeln und sind dann zusammen durch den Nord Ostsee Kanal nach Rendsburg gefahren. Hier liege ich nun auf der Rader Insel und warte auf meinen Krantermin am kommenden Mittwoch. Bis dahin rödel ich noch am Boot herum und bringe es auf Hochglanz.

Zum Abschluss noch einige Gedanken zu allen Mitseglern der letzten Wochen :-)

  • Jürgen: Wir haben zusammen die größte Strecke zurückgelegt. Von Damp nach Skanör. Und ich habe von ihm viele Tipps zum Segeln bekommen, danke dafür!
  • Tristan: Ein schöner Landausflug ins Kriegsmuseum bei Rödvig, ansonsten entspanntes Segeln. Leider nur eine knappe Woche an Bord gewesen.
  • Ulli: Steht morgens zum Brötchenholen schon um halb sieben vorm Supermarkt, bevor der öffnet. Zwei Tage gegen Wind und Welle motort und trotzdem hat er immer sein Mittagsschläfchen bekommen.
  • Sandro: Hat in seinen zwei Wochen fast nur Sonne gehabt und somit 90% der Sonnenzeit meines gesamten Törns abgesahnt. Dafür keinen Fisch geangelt, sondern Miesmuscheln, Tang und einen Seestern.
  • Meine Eltern: Wissen jetzt, wie das so ist in einem kleinen Segelboot: es schaukelt.

Ein großes Dankeschön an alle, die mich begleitet haben!“

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Dem ist nichts hinzuzufügen. Mal selber sehen, wie das bald weitergeht.

Damp für Segler und Urlauber

Da ich notgedrungen recht lange in Damp mit meiner Yacht lag, kenne ich den Ort nun zu genüge. Immerhin war dieser Yachthafen nach der Überführung von Rendsburg mein allererster Hafen überhaupt. Nicht, dass es mich emotional beeinflussen würde – aber nach einigen Wochen hat man eben doch ein anderes Gefühl für diesen Platz. Was die Segler angeht, für die ist gut gesorgt: es gibt reichlich Plätze, selbst im inneren Bereich, wo weniger Schwell steht, findet man mit etwas Glück noch einen. Offizielle Gastliegeplätze gibt es zwar reichlich, aber diese sind leider ausserhalb der inneren Hafenmauer und deswegen hat man es dort bei Ostwind auch schön schaukelig.

Die sanitären Anlagen sind groß und sauber, da kann man nicht meckern. Allerdings finden muss man sie erst einmal. Sie liegen unter der riesigen Beton-Pyramide, welche sich „Damp 2000“ nennt und für alle Ostsee-Segler eine prima Peilung darstellt. Hier kann man also urlauben, muss man aber nicht. Besser wäre es, zum Beispiel eines dieser ulkigen, dreieckigen Ferienhäuser zu buchen, die ein wenig versetzt in der zweiten Reihe stehen. Da hat man einen Garten und ausserdem noch seine Ruhe. Denn rund um den Betonklotz ist im Sommer richtig Party angesagt. Für Familien sicher gut, für Teens auch noch, aber für alle anderen fällt diese Art der Bespaßung eher in die Kategorie „jo, Camping Disco…“.

Bevor ich im letzten Juli auf große Fahrt ging, musste meine Zelda leider für zwei Monate im damper Hafen warten. Dafür musste ich auch ganz gut bluten, obwohl der Hafenmeister mir noch einen netten Rabatt gegeben hatte. Aber was soll’s, wer segeln will muss immer mit offener Geldbörse durch die Welt laufen, ist leider so.

Damp ist jedenfalls ein guter Ausgangspunkt für Unternehmungen. Das gilt für Segler genauso wie für alle anderen Touristen. Zur Schlei mit Kappeln, Arnis und Schleswig ist es nicht weit. Das selbe gilt für Eckernförde und Kiel. Als Segler schafft man es von hier mit einem Schlag rüber nach Dänemark, zum Beispiel nach Sönderborg oder Augustenborg. Auch rüber ins dänische Inselreich kommt man schnell, zum Beispiel nach Marstal, Aerösköbing oder Bagenkop.

Kaffee vom Café Wacker in Frankfurt

Neulich hat der Hessische Rundfunk im Abendprogramm doch tatsächlich mal keine Volksmusiksendung gebracht, sondern eine Reportage über Frankfurter Familienbetriebe. Unter anderem ging es um das Café Wacker, wo seit 1914 Kaffee geröstet, gemahlen und verkauft wird. Natürlich wurde der Kaffee in dem Bericht hoch gelobt und ob seiner Einzigartigkeit förmlich auf ein Podest gehoben. So ist das immer, wenn über einen lokalen Betrieb berichtet wird, ist doch klar. Diesen Superkaffee musste ich also am nächsten Samstag gleich ausprobieren gehen.

Das Café Wacker befindet sich gleich gegenüber vom Parkhaus an der Hauptwache, nämlich am Kornmarkt. Von außen betrachtet ist es reichlich unspektakulär. Das einzige, was auffällt, ist die lange Schlange von Menschen, die hier für ihren Kaffee ansteht. Und da sind wir auch schon gleich beim Knackpunkt: die Bedienung hinter der riesigen Espressomaschine arbeitet zwar schnell und effektiv, was ihr hoch anzurechnen ist. Mehr als einen normalen Standard-Espresso erzeugt sie aber leider nicht. Eigentlich hatte ich die Hoffnung, hier einen dieser seltenen Orte zu finden, wo Cafè so wie Italien, also mit einer nussigen Note, extrahiert wird. Tja, leider nicht. Es liegt bestimmt nicht am Kaffee oder an der Maschine. Ich denke einfach, dass hierzulande die Bedienung der Geräte nicht richtig beherrscht wird. Es sind viele Faktoren, die einen guten Kaffee bestimmen und die man als Barista den äußeren Gegebenheiten wie z.B. der Luftfeuchtigkeit angleichen muss. Das weiß ein Bäcker, der Mehl verarbeitet und genauso weiß das ein Barista, der mit Kaffeepulver hantiert. Nur ein normaler Thekenmitarbeiter, den man vor eine solche chromblitzende Espressomaschine stellt, der weiß das nicht.

Wirklich außergewöhnlich ist die Tatsache, dass man hier frisch gemahlenes Kaffeepulver auch in kleinen Portionen à 125 Gramm verkauft. So kann man mehrere Sorten probieren und muss nicht ein halbes Jahr lang von der 500 Gramm Packung zehren, die man sonst üblicherweise aufgeschwatzt bekommt. Ich habe mich für die Sorten „Espresso II“ und „Costa Rica“ entschieden, beides als relativ grob gemahlener Kaffee für den Einsatz in der Mokka-Kanne. Nachdem ich beide Sorten in der Bialetti ausprobiert habe, kann ich hier nur ein Lob loswerden: die beiden Kaffees sind wirklich um Längen besser als der sonst von mir bevorzugte Espresso von Lavazza. Möglicherweise liegt es am Mahlgrad, vielleicht auch an der Frische. Es ist jedenfalls eine Freude, dem sprudelnden Mokka beim Brühen zuzuschauen. Er bildet sogar in der Kanne eine schöne Crema… was will man mehr.

Segeln auf der Ostsee 9: Damp, Lippe, Burgtiefe, Gedser

Von Damp nach Lippe
„Gestern sind wir im Auto von Frankfurt nach Damp hochgefahren. Ziemlich regnerisch war es, und hier oben ist es seit gestern gemischt. Mal Regen, mal Sonne. Für morgen ist das auch so vorhergesagt. Der Wind wird wohl gerade noch Ok sein, also mit 5-6 Beaufort Stärke und dann abnehmend auf 4. Dazu kommt er aus der passenden Richtung, also „von Hinten“ bzw. Halbwind, also Süd bis Südwest. Wir wollen dann Richtung Fehmarn aufbrechen. Jedenfalls, solange die Wettervorhersage so bleibt. Eingekauft haben wir auch ne Menge, das Schiff liegt tief! Ansonsten ist es natürlich schön, wieder auf dem Boot zu sein.“
-o-

Wir hatten es nicht in einem Rutsch von Damp bis nach Burgtiefe auf Fehmarn geschafft. Erst blies noch ordentlich Wind, danach war er weg und es regnete stundenlang. Daher beschloss ich, den winzigen Hafen bei Lippe anzulaufen. Durch den Regen und den Dunst waren die kleinen gelben Tonnen vor dem Hafen kaum auszumachen. Mein Hand-GPS mit digitaler Seekarte war in diesem Gebiet noch nicht zu gebrauchen. Die Karte begann erst ab kurz vor Gedser. Und so mussten wir uns langsam vorantasten und ständig die Position vom GPS manuell in die Karte eintragen. Was wir sonst stündlich gemacht haben, wurde jetzt alle 10 Minuten erledigt. Bis wir uns sicher waren, die richtigen Tonnen gefunden zu haben.

Der Hafen war sehr eng und ich hatte es noch nicht im Gefühl, wie das Boot richtig manövriert wird. Aufgrund seiner ungewöhnlichen Konstruktion ist es nur schwer zu lenken, besonders rückwärts. Das liegt daran, dass bei einer Albin Vega die Schraube oberhalb und zudem noch hinter dem Ruder liegt. Das Ruderblatt wird also nicht direkt von der Schraube angeströmt und das Boot reagiert erst auf die Pinnenlenkung, wenn etwas Fahrt anliegt. Daher kommt es, dass die Vega trotz ihrer mickrigen Länge von 8,25 m einen Wendekreis hat, der größer als der von modernen 12 m Yachten ist.

Ausserdem habe ich schlicht und ergreifend die Pinne beim rückwärts Fahren falsch herum eingeschlagen… Man merkt das leider erst nach einer halben Ewigkeit, wenn das Boot endlich reagiert hat. Doch dann ist es zu spät für eine Korrektur. Und so bin ich im Hafen mal vorwärts gefahren, mal rückwärts. Dann wieder volle Kraft voraus. Dann wieder voll Rückwärts. Und so weiter und so fort, bis mir ein netter Bootsbesitzer am Steg bedeutete, ich solle doch einfach in die große Box neben ihn kommen. Und so ging es dann auch. Am nächsten Tag schafften wir es mit mächtig Wind und Welle im Nacken – die Logge zeigte über 8 Knoten, weit über Rumpfgeschwindigkeit – bis nach Burgtiefe auf Fehmarn. Dort blieben wir dann noch zwei Tage und saßen das schlechte und stürmische Wetter aus.

Von Burgtiefe nach Gedser
„Wir sind seit gestern in Gedser. Hier gibt es unglaubliche Mückenschwärme, so dicht, dass es wie Rauchwolken aussieht. Zum Glück stechen sie nicht… Heute fahren wir dann nach Klintholm, das sind auch wieder ca. 30 Seemeilen und es wird wohl so 8 Stunden dauern.“

Ein paar Tage später dann, in Gedser, klappte das Anlegen schon viel besser. Langsam aber sicher kam irgendwann das Verständnis für das Boot. Obwohl ich auch die nächsten zwei Wochen noch ein zuverlässiger Veranstalter von bestem Hafenkino bleiben sollte!

Die in meiner Email erwähnten Mückenschwärme waren wirklich nicht von dieser Welt. Wir dachten zunächst tatsächlich, dass hinter dem Schilfgras ein Boot mit qualmendem Schornstein reinkommt! Es war aber kein Rauch, sondern bloß undurchsichtige, wabernde Wolken aus Mückenmasse. Auch die Toilettenräume waren mit diesen Viechern bedeckt. Sie wurden dann morgens mit einem Industrie-Staubsauger zu Fliegenbutter verarbeitet. Was für ein widerlicher Geruch. Ich musste an diesen Comic Strip von Calvin und Hobbes denken…

Segeln auf der Ostsee 8: Vorbereitung der Crew und Streckenplanung

„Wollte euch mal informieren, wie der Stand der Dinge bezüglich der Weltumseglung, pardon, Ostseebesegelung ist!

*Terminliches:*
Abfahrt ist wie gehabt am 16.07. in Damp mit Jürgen… (hier Planung diverser Crewwechsel)
Alle Crewwechseltermine +/- 1 Tag oder so, wegen Wetter kann ich leider keinen festen Termin nennen. Oder eben einen alternativen Hafen. Ob ich es bis Stockholm schaffe, ist fraglich. Sicherheit geht vor, und so können schon mal ein paar Tage im Hafen wegen Starkwind draufgehen. Da ich es relaxt angehen lassen will und in erster Linie Erfahrung sammeln möchte, wird es sicher kein Törn zum Meilenfressen werden. Ich peile eher Norrköping oder Nyköping als nördlichsten Punkt an. Von dort dann langsam zurück. Ab Mitte August werde ich dann auch wieder auf dem Rückweg sein. Ab da ist also noch frei und ich würde mich freuen, wenn ihr einen Termin zum Mitsegeln finden würdet.

*Anreise:*
Was die Häfen angeht, so sind diese hier verkehrstechnisch wohl am leichtesten für euch zu erreichen (von West nach Ost):
Ystad, Karlskrona, Kalmar, Oskarshamn, Västervik, (Visby,) Nyköping, Stockholm
An der Küste fahren Busse und verbinden die Orte. Generell:
* http://www.schwedenerleben.com/touristen/reiseplanung/unterwegs-im-land/busverkehr/
*
http://www.swebus.se/SwebusExpress_de/
Und rund um Kalmar:  *
http://www.klt.se/
In Dänemark:  *
http://www.rejseplanen.dk/

Ansonsten ist in Kalmar ein größerer Bahnhof. Nach Nyköping fliegen die Billigflieger und nennen das „Stockholm“, da weiss Ulli jetzt bestimmt mehr. Ansonsten könnte man auch nach Kopenhagen fliegen und von dort per Bus oder Bahn weiterfahren. Per Fähre anreisen lohnt sich nicht, da recht teuer und langwierig.

*Auf dem Boot:*
Seit der Überführung weiss ich, dass es mit mehr als 3 Personen an Bord eng werden kann. Für kurze Zeit gingen auch 4, denn es gibt 4 Schlafplätze. Dann tritt man sich aber schon auf die Füße. Zwei Gäste plus mir selber passt also gut. An Bord sind zwei Rettungswesten plus meine eigene natürlich, alle mit Lifebelt. Was die Klamotten angeht, so ist robustes Zeug wichtig, ist ja kein Ponyhof auf der Ostsee :-) Es kann schon kühl und nass werden, wie ihr teilweise besser wisst als ich. Deswegen müssen die Klamotten warm und trocken sein. Regenjacke, Regenhose und Gummistiefel muss daher jeder haben. Mütze und dünne Handschuhe würde ich auch empfehlen. Aber vor allem wird es ja auch WARM! und deshalb muss auch die Badehose mit, is doch klar. Ich war im Mai schon mal baden und hab eine Angelschnur aus der Schraube geschnitten, das war noch recht frisch. Im August wird es natürlich mörderwarm, so 18 Grad Wassertemperatur sind schon drin… in den Schären kann es aber sogar auf über 20 Grad steigen. Bringt bitte keine sperrigen Taschen mit. Stauraum ist genug, aber faltbar muss es sein.

*Geld:*
An Bord wird es eine Bordkasse geben, aus der Verpflegung, Diesel und Hafengeld bezahlt wird. Jeder inklusive mir zahlt den gleichen Teil. Wieviel weiss ich noch nicht, aber Skandinavien ist eher teuer, was Lebensmittel angeht. Ausserdem wäre es nett, wenn ihr euch mit einem gewissen Betrag pro Woche am Unterhalt für das Boot beteiligt. Wenn ihr Bares mitbringt, dann am besten in Landeswährung, also Dänische Kronen (14 DKK = 2 EUR) oder Schwedische Kronen (9 SEK = 1 EUR). Wie sagte der Vorbesitzer so schön: „Ein Boot ist ein Loch im Wasser, in das man Geld wirft…“. Das merke ich so langsam auch.

*Und sonst noch:*
Anbei ist nocheinmal die Karte mit der krakelig eingezeichneten Route. Ergänzt um grob geplante Ankunftszeiten. Dann hier noch ein eindrucksvolles Video, für wer es noch nicht kennt. Der Crashtest einer Yacht: http://www.youtube.com/watch?v=rvxhQO4pw2E
Lustigerweise lassen sie die Yacht auf die Hafenmole von Damp rauschen, wo mein Boot gerade liegt :-) Meine Zelda ist übrigens noch stabiler gebaut als diese Dehler 31.
Jetzt fällt mir nix mehr ein, also bis denne!“
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Tja, so sah meine Planung des Törns zum damaligen Zeitpunkt aus. Voller Elan plante ich, Kurs auf Stockholm zu nehmen. Dazu mehr oder weniger festgelegte Zeitpunkte für den Crewwechsel. Fehler, die ich jetzt nicht mehr machen würde. Denn dass die Strecke sehr lang, das Boot sehr klein und langsam und ich noch ziemlich unerfahren war, das hatte ich irgendwie verdrängt… Auch das Wetter hatte ich überschätzt. Kann es sein, dass alle Ostsee-Segler nur solche Fotos veröffentlichen, auf denen die Sonne scheint? Daran musste ich später des öfteren denken, insbesondere während der ersten zwei Wochen, als sich das Wasser im Inneren meiner Jackentaschen gestaut hat. Im Regen macht man einfach keine Fotos. Hier mal eine Ausnahme, nur zur Bestätigung der Regel:

Wie gesagt, mit der Distanz hatte ich mich arg verschätzt. Am Ende bin ich doch die meiste Zeit in dänischen Gewässern gefahren, ganz anders als geplant. Doch dazu später mehr.

Segeln auf der Ostsee 7: Die Überführung von Rendsburg nach Damp

„Die Überführung meiner ZELDA ist glatt gelaufen! Das Segeln war super, Wetter klasse und wir hatten ordentlich Wind. Anbei mal einige Bilder. Auf dem Nord Ostsee Kanal ist es schon ein komisches Gefühl, wenige Meter entfernt an den Riesendampfern entlang zu tuckern… Das Anlegen klappt auch schon ganz gut, da muss ich aber noch mehr üben. Es war jedenfalls prima, dass Sandro und Simon mit dabei waren. Der Boden schwankt jetzt noch ein wenig, aber bald bin ich ja wieder aufm Boot.“
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So ging das los: die Pinne zum ersten Mal in der Hand und dann Kurs voraus. Gemeinsam mit dem Verkäufer durch den Nord-Ostsee-Kanal von Rendsburg nach Damp. Das Boot ist zwar eigentlich recht klein, aber es kam mir zu diesem Zeitpunkt doch ziemlich groß vor. Schleusen, Segeln, Manöver fahren, alle Infos vom Verkäufer aufsaugen, Anlegen, 10 Stunden unterwegs sein… mir schwirrte der Kopf. Aber hey – es war jetzt mein Boot!

Und ZELDA sollte sie heißen, ein schöner Frauenname. Und ausserdem der Titel eines alten Nintendo-Games, das ich als Kind bis zum Umfallen gezockt habe, bis die Prinzessin „Zelda“ gerettet war. Da lag sie nun, als kleinstes Schiff am Steg mit lauter anderen Dauerliegern drumherum. Alles weißbärtige Männer oder Frauen (ohne Bart), die teilweise skeptisch, teilweise in Erinnerungen an das eigene erste Boot schwelgend, meine Zelda begutachteten.

Und kalt waren die Nächte noch im Mai. Morgens waren es zwischen 5 und 10 Grad in der Kabine. Dass es nachts auch später im Sommer nicht gerade kuschelig werden würde, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Jedenfalls lag meine kleine Yacht jetzt erstmal für die nächsten 2 Monate auf ihrem Liegeplatz und wartete auf ihren Skipper, der erst im Juli wieder zurück kommen würde.