Ein SKS-Segeltörn auf den Kanaren bleibt scheinlos

Dank ausreichend Zeit gegen Ende des Jahres kam mir spontan die Idee, den Praxistörn für den SKS-Schein zu absolvieren. Es ist zwar nicht sehr sinnvoll, zunächst die Praxis auf dem Boot und erst danach den Theoriekurs zu machen, aber möglich. Innerhalb von zwei Jahren muss man die Theorieprüfung ablegen, dann erhält man den „Sportküstenschifferschein“, kurz „SKS“ genannt. Mit ihm darf man Yachten charten, was der eigentliche Grund für die meisten Segler ist, diesen Schein zu machen.

Im Dezember ist es fast überall kalt, sogar im Mittelmeer. Daher verlagern viele Anbieter von Segelkursen, wie die Firma Well-Sailing, über die ich gebucht habe, ihr Angebot auf die warmen Kanarischen Inseln. Hier scheint die Sonne und man hat konstanten Wind. So ist es jedenfalls fast immer, nur nicht in der einen Woche, als ich dort war.

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Die Voraussetzungen
Erhofft hatte ich mir genau dieses Standardwetter aus milden Temperaturen um die 20 Grad, Sonnenschein und kein Regen. Dazu Passatwind aus Nordost, so dass die Südseite von Gran Canaria im Windschatten liegt und sowohl Wind als auch Welle etwas abgeschwächt werden. Die ideale Umgebung, um mit einem Boot Manöver für die Prüfung zu üben.
Was wir erhalten sollten, war das genaue Gegenteil: stürmisches Wetter aus südlichen Richtungen mit 5 bis 7 Beaufort Windstärke und den daraus resultierenden hohen Atlantikwellen. Außerdem noch Regen. Der Kanare auf seinem staubtrockenen Felsen freut sich darüber, der Urlauber knirscht mit den Zähnen.

Das Boot war eine ältere „Dynamique 50„, eine stattliche Lady von fast 15 Metern Länge mit einem genialen Deckssalon. Sie verfügt zwar über die übliche moderne Ausrüstung wie Kartenplotter, Radar, etc. aber segeltechnisch wird sie vollständig von Hand bedient. Beide Segel werden auf herkömmliche Weise gesetzt, also am Mast oder Vorstag eingeklinkt und dann hochgezogen. Über Rollvorrichtungen verfügt sie nicht. Für einen Wechsel des Vorsegels müssen ca. 70 qm heruntergezogen, auf dem Vordeck zusammengelegt und in die Backskiste am Heck gepackt werden. Von dort holt man auch das neue Segel, schleppt es nach vorne, packt es aus und bändselt es zunächst an die Reling. Danach kann es gesetzt werden, hierzu benötigt man zwei Personen.

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Die Crew bestand aus dem Ausbilder, einer Co-Skipperin, mir selbst und einem Segelfreund sowie einem dritten Teilnehmer, der nur zum Mitsegeln dabei war und keine Prüfung ablegen wollte. Er sollte sich später noch als ein großes Problem herausstellen, denn obwohl Ende 50, hatte er keinerlei realistische Selbsteinschätzung seiner Fähigkeiten und hat uns bei fast allen Arbeiten mehr behindert als geholfen. In der Konsequenz wurde er vom Ausbilder ins Cockpit verbannt und durfte nicht mehr auf das Vordeck. Auch hier war Jens, so will ich ihn mal nennen, leider keine große Hilfe, da er während eines Manövers nicht wusste, was zu tun war und es sogar schaffte, eine einfache Wende derart zu behindern, dass sie abgebrochen werden musste. Während man selbst als Prüfling am Steuer schon aufgeregt genug ist und jede Hilfe gebrauchen kann, musste man also noch ein drittes Auge auf diesen Mann werfen, um zu verhindern, dass er sich selbst oder das Boot gefährdet.

Der Ausbilder
„In der Törnbeschreibung steht, wir werden hier viel Spaß haben.“ Kurzes trockenes Lachen. „Spaß werden wir hier sicher keinen haben, höchstens ganz am Ende der Ausbildung, wenn alles gelaufen ist!“ Damit waren die Weichen gestellt.

Der Ausbilder ist ein norddeutscher Seebär, der am Ende seines eigentlichen Berufslebens beschlossen hat, als Profiskipper weiterzumachen. Auf diesem Boot sind wir seine erste SKS-Ausbildungscrew. Auch Wind und Wetter ist in dieser Woche zum ersten Mal so richtig übel, das sollte auch ihn an seine Grenzen bringen. Er hat unheimlich viel Segelerfahrung und falls man einen Skipper sucht, der ein Boot sicher von A nach B bringen kann, ist er bestimmt der richtige dafür. Ob er auch als Ausbilder taugt, darüber kann man geteilter Meinung sein. Zwar finde ich es in Ordnung, während des Segelns direkt und lautstark auf gemachte Fehler hingewiesen zu werden. Wenn sich diese Manöverkritik aber in jeden einzelnen Aspekt des Bordalltags hineinzieht, dann kippt die Stimmung schnell. So war es für ihn üblich, den Morgen damit zu beginnen, einen auserwählten Schüler mal so richtig zusammenzustauchen. Auslöser konnte mangelnde Aufmerksamkeit sein, eine kleine Fahrlässigkeit oder eben irgendein anderer Fehler, den man auf einem Boot macht, das man nicht kennt. Darauf folgte ein 20 Minütiger Vortrag über die Gefahren auf See, das allgemeine Versagen der Crew im Ganzen und das des Verursachers im Speziellen. Nach so einer Frühstücksansprache noch motiviert den Hafen zu verlassen war dann nicht mehr möglich. Wir haben seine Fähigkeit, auch noch kleinste Fehler aufzudecken, anfangs noch sehr geschätzt. Aber während des Segelns wurde der psychische Druck derart hoch gehalten, dass es einen irgendwann zermürbt hat. Der nächste Fehler, die nächste Falle war immer nur einen Wimpernschlag entfernt. Auch den Punkt, ab dem ein erschöpfter Schüler nichts mehr lernt, hat er nicht erkannt.

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Man könnte jetzt noch lange den Charakter dieses Menschen beschreiben, der durchaus auch seine positiven Seiten hat. Aber ausschlaggebend für meine vernichtende Bewertung ist, dass er es als Ausbilder nicht geschafft hat, uns nach der Kritik wieder durch Motivation aufzubauen und anzuspornen. Unser Ziel war das Schaffen der Prüfung, wir wollten kein Kapitänspatent machen! Meine eigene Motivation bestand schließlich daraus, das tolle Gefühl zu genießen, mit dem Schiff bei viel Wind und Welle unter Segeln über den Atlantik zu fahren. Alleine dafür hat es sich gelohnt.

Das Segeln
Dass wir überhaupt zum Segeln die Marina verlassen haben, stand jeden Morgen auf des Messers Schneide. Von den Chartercrews in Puerto Mogan ist in dieser Woche keine einzige ausgelaufen. Das Leben fand im Hafen statt. Auch andere Ausbildungscrews blieben liegen, während wir rausfuhren. Unser Segelalltag war weit von dem Schönwettersegeln entfernt, so wie ich das bisher kannte. Auf meinen eigenen Törns kann ich Dank Wettervorhersage gut einschätzen, ob ein Auslaufen sinnvoll ist oder nicht. Und da ich als Einhandsegler sehr vorsichtig bin, bleibe ich bei schlechtem Wetter lieber einen Tag länger im Hafen als umgekehrt (die Fotos in diesem Artikel stammen allesamt aus den kurzen Schönwetterperioden der Woche).

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Auf Gran Canaria sind wir nur am ersten Tag mit normalen Klamotten ausgelaufen. Schon nach einer Stunde war mir klar, dass hier das ganze Paket her muss: die komplette Regenmontur und natürlich Rettungsweste mit Lifebelt, worauf der Ausbilder von vornherein bestand. Regen gab es zunächst keinen, dafür kam das Wasser aber von unten. Eingepickt in die Lifeline gingen wir auf das Vordeck, um dort die Segel zu setzen. Es war für mich eine neue Erfahrung, bei solch einem Wind ein Segel von der Größe einer 3-Zimmerwohnung am Bug zu setzen, während man wie in einem Fahrstuhl durch die Wellen pflügt und dabei von Meerwasser umspült wird. Beeindruckend. Das Steuern der Yacht in der langen Atlantikdünung, ab und zu ein Brecher von der Seite und dazu ordentlich Wind – deswegen war ich hier! Mein Segelfreund verbrachte den Vormittag dagegen mit dem Kopf über der Reling. Plötzlich kam die Seekrankheit, so dass wir ihn Mittags in der Marina absetzten. Jens, der dritte im Bunde, war nur noch ein graues Bündel Elend und fiel damit auch aus. So wurde das Boot am Ende nur noch vom Ausbilder, seiner Co-Skipperin und mir bedient.

Wir fuhren wieder hinaus und die Dinge nahmen ihren Lauf. Der mittlerweile noch stärker gewordene Wind zerrte schon beim Hochziehen des Vorsegels unheimlich an den Lieken, den Rändern des Segels. Kurz darauf riss das Achterliek auf etwa ein Viertel der Länge. Dieses Segel hat eine Reffmöglichkeit und so verkleinerten der Ausbilder und ich die Segelfläche bis über den Riss, was nicht gerade leicht war. Das Vordeck bewegte sich jetzt endgültig wie ein Amok laufender Fahrstuhl in pendelnden Bewegungen in alle Richtungen, während ich gemeinsam mit dem Ausbilder unter konstanter Beschimpfung das Segel reffte. Gleich als wir fertig waren, riss es erneut: diesmal an der Reffkausch vertikal nach unten. Unter übelsten Beschimpfungen etc. pp. bargen wir das zerrupfte Segel und stopften es durch die Vorluke ins Schiffsinnere. An diesem Tag lief außer Kurshalten und ein paar Wenden also nicht sehr viel. Action war trotzdem mehr als genug. Erst im Hafen merkten wir, dass auch das Achterliek des dreifach gerefften Großsegels gerissen war.

Durch den Einsatz von Superpep Kaugummis war mein Segelkumpel am nächsten Tag wieder mit dabei. Dieser Dienstag war rückblickend der einzige Segeltag in dieser Woche, an dem wir sinnvolles Manövertraining abhalten konnten. Trotz 6-7 Beaufort und Sturmbeseglung war es ein produktiver Tag und wir konnten uns auf unsere Wenden und Halsen konzentrieren. Mein Wunsch nach Schwerwettersegeln war zusätzlich in Erfüllung gegangen, und so konnte dieses Hochgefühl weder von einem verdrehten Knie, einer geprellten Rippe, unzähligen blauen Flecken, noch von einem dauerbrüllenden Ausbilder gedämpft werden. Dass meine geliebte Kappe (und die der Co-Skipperin) jetzt auf dem Meeresgrund vor Gran Canaria liegen, war dafür nur ein fairer Preis.

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Mittwoch blieben wir wegen Dauerregen im Hafen. Donnerstag und Freitagmorgen sollten wir dann noch Gelegenheit zum Üben haben, so war der Plan. Doch es sollte anders kommen. Nach dem üblichen Morgenanschiss fuhren wir hinaus und setzten das Vorsegel. Kaum war es oben, frischte der Wind schnell weiter auf und bei etwa 6 Beaufort musste das Segel wieder runter. Wie sich herausstellte, hatte uns der Ausbilder versehentlich die viel zu große Genua anschlagen lassen. Also wieder runter damit und zusammenlegen auf dem Vordeck. Alle Arbeiten wurden von mir und meinem Segelkumpel ausgeführt. Jens durfte das Cockpit nicht verlassen und der Co-Skipperin war es untersagt, uns zu helfen. So langsam dämmerte es uns, was es bedeutete, auf einem Boot dieser Größe die Segel ohne Rollvorrichtung zu handeln. Der körperliche Einsatz ist immens. Nachdem das 70 qm Segel, das locker seine 40 Kg wog, in der Backskiste verstaut war, sollte die zweite noch intakte Fock gesetzt werden. Diese hat mit ca. 50 qm zwar nur noch die Größe einer 2-Zimmerwohnung, ist dafür aber aus dickerem Tuch genäht. Kaum ist der Sack nach vorne gewuchtet, mache ich zwei Fehler: zunächst fällt mir auf, dass ich beim Abschlagen des alten Segels den großen Schäkel vergessen habe. Der liegt jetzt irgendwo zwischen 70 qm Segeltuch in der Backskiste und ohne ihn kann das neue Segel nicht gesetzt werden. Nachdem ich ihn dort herausgefleddert habe, mache ich den zweiten Fehler und klipse manche der Stagreiter des Vorsegels verkehrt herum an das Vorstag. Also wieder runter damit und unter dem Gezeter des Ausbilders etc. pp. wieder korrekt neu angeschlagen. Als es schließlich oben ist, fährt der Ausbilder ein paar Manöver, Boje über Bord mit Q-Wende, aber keines gelingt. Teilweise wegen ihm, teilweise wegen uns. Wir beide sind erschöpft, unser Timing an den Schotwinschen ist schlecht, die Kommandos drehen sich im Kopf und als ob das noch nicht reicht, pfuscht uns Jens dazwischen und trennt sich dabei fast einen seiner Finger ab, mit denen er ziellos an der Winsch herumfummelt. Wir sind körperlich am Ende, arbeiten seit Stunden hart und trauen uns dabei noch nicht einmal, etwas zu trinken. Zu groß ist die Anspannung. Mit aufgesprungen Lippen lauschen wir also andächtig der erniedrigenden Ansprache unseres Ausbilders und fahren schließlich zurück in die Marina.

Die Entscheidung
Meine Entscheidung war schon etwa um die Mittagszeit herum gefallen. Nach einem kurzen Kriegsrat mit meinem Segelfreund abends am Steg waren wir uns einig: unter diesen Bedingungen werden wir morgen nicht zur Prüfung antreten. Und so wurde es dann auch gemacht. Die Kombination aus zu wenig Übung, einem schwer zu bedienenden Boot und zuwenig helfender Crew waren für uns ausschlaggebend, dem sinnlosen Treiben hier ein Ende zu setzen. Am folgenden Tag gingen wir zum örtlichen Prüfungsausschuss und erklärten unser Verhalten, was auf vollstes Verständnis stieß.
Und so kam es, dass wir bei diesem Segeltörn sicherlich viel mehr gelernt haben, als es während eines sommerlichen Törns im Mittelmeer auf einem modernen Boot mit motivierten Mitseglern möglich gewesen wäre. Nur den Schein, den haben wir buchstäblich in den Wind geschossen.

7 Gedanken zu „Ein SKS-Segeltörn auf den Kanaren bleibt scheinlos“

  1. Hi Dippegucker,

    da hast Du in Gran Canaria ja leider nicht so gute Erfahrungen gesammelt. Ich habe vor ca. 8 Jahren meinen SKS (Praxis und Theorie) bei Sail & Surf in Puerto Mogan gemacht, eine Woche über Ostern und eine Woche im Juni und fertig. Das war ganz entspannt und von den „Lehr-Skippern“ Lorenz und Helmut konnte man vor allem auch viel lernen.

    Gruß
    Benny

  2. Oh Mann, habe auch eine Woche mit dem wohl gemeinten Skipper S….d hinter mir. Er ist kein Lehrer und sagt ganz offen, dass er keinen Bock auf den Job hat. Aber er braucht das Geld… zum Glück hab ich in der SKS Woche einen anderen sehr guten Skipper, der zuhause in Hamburg auch Segellehrer ist.

  3. Na klar, man lernt ja zum Glück immer was! Und die Haupterkenntnis: nie wieder Arkadia. Mit der Firma hatten wir zusätzlich noch Probleme. Finger weg! LG, coNi

  4. Danke für den informativen Bericht. Ich habe meinen SKS in Slowenien bei ruhigen Bedingungen gemacht. Ich kenne Puerto Mogan und es liegt halt auf einer Hochseeinsel, was zu ganz anderen Bedingungen als etwa im Mittelmeer führt. Ich habe beim Segeln total coole und nette Leute kennengelernt. Leuten, die das machen, weil sie das Geld brauchen und zudem die Leute vergraulen und anschei*en, sollte man nahelegen, dass sie sich einen anderen Job suchen. Das regelt oft der Markt.

  5. Danke! Starker Bericht, interessant und zum Lachen – wenn man nicht dabei war. ;)
    War bestimmt ne harte Woche, hoffe inzwischen hast Du Deinen Schein und ein paar Schönwettertörns hinter Dir.
    vG
    Siggy

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