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Segeln auf der Ostsee 16: Zurück in Rendsburg

„Hier nun die letzte Rundmail zu meiner Ostseereise. Wo war ich letztes Mal stehen geblieben – in Middelfart. Da war Sandro noch an Bord und wir sind wieder in Richtung heimische Gewässer gefahren. Zunächst waren wir auf der Insel Aarö, danach in Sonderborg. Dort hatten wir einen schönen Platz direkt an der großen Pier im Stadthafen.

An diesem Tag war auch ordentlich Wind, die Zelda lag bis zu den Relingstützen im Wasser. Am folgenden Tag war eigentlich auch wieder Wind angesagt, der kam nicht, stattdessen Flaute. So sind wir per Motor nach Damp durchgefahren, obwohl wir zunächst Kappeln geplant hatten.

Diese Unsicherheit, was das Wetter betrifft hat sich über meinen ganzen Törn gezogen: es war fast nie wie vorhergesagt. Da hilft nur, morgens den Kopf aus der Luke zu strecken und selber zu schnüffeln, ob der Wind nun kommt oder nicht. Das dumme ist nur, dass alle Mitsegler irgendwann wieder an einem bestimmten Ort sein müssen, um Heim zu fahren. Und so kommt es, dass man einen angeblichen Starkwindtag im Hafen verplempert, wenn ganz normaler Wind ist. Und dann im Gegenzug rausfährt und eins auf die Mütze bekommt, obwohl nur wenig Wind angesagt ist.

Sandro ist dann vorletzten Samstag heimgefahren, nachdem wir sein Auto aus Nyborg geholt hatten und noch zusammen nach Kiel/Schilksee gesegelt (motort) sind. Schon lustig, wie schnell man ohne Boot unterwegs sein kann.
Danach kamen meine Eltern mit ihrem Wohnwagen nach Schilksee. Wir waren auf der Kieler Förde segeln und sind dann zusammen durch den Nord Ostsee Kanal nach Rendsburg gefahren. Hier liege ich nun auf der Rader Insel und warte auf meinen Krantermin am kommenden Mittwoch. Bis dahin rödel ich noch am Boot herum und bringe es auf Hochglanz.

Zum Abschluss noch einige Gedanken zu allen Mitseglern der letzten Wochen :-)

  • Jürgen: Wir haben zusammen die größte Strecke zurückgelegt. Von Damp nach Skanör. Und ich habe von ihm viele Tipps zum Segeln bekommen, danke dafür!
  • Tristan: Ein schöner Landausflug ins Kriegsmuseum bei Rödvig, ansonsten entspanntes Segeln. Leider nur eine knappe Woche an Bord gewesen.
  • Ulli: Steht morgens zum Brötchenholen schon um halb sieben vorm Supermarkt, bevor der öffnet. Zwei Tage gegen Wind und Welle motort und trotzdem hat er immer sein Mittagsschläfchen bekommen.
  • Sandro: Hat in seinen zwei Wochen fast nur Sonne gehabt und somit 90% der Sonnenzeit meines gesamten Törns abgesahnt. Dafür keinen Fisch geangelt, sondern Miesmuscheln, Tang und einen Seestern.
  • Meine Eltern: Wissen jetzt, wie das so ist in einem kleinen Segelboot: es schaukelt.

Ein großes Dankeschön an alle, die mich begleitet haben!“

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Dem ist nichts hinzuzufügen. Mal selber sehen, wie das bald weitergeht.

Segeln auf der Ostsee 15: Halbrund um Fünen (Nyborg bis Middelfart)

„Heute sind wir in Middelfart, das liegt am westlichsten Zipfel von Fünen.
Da das Wetter die ersten vier Wochen sehr durchwachsen war, scheint es jetzt so, als ob es zum Ausgleich nur noch Sonne gibt! Seit dem Ulli/Sandro Wechsel letzten Samstag ist das Wetter brutal gut. Fast nur Sonne und „netter“ Wind von 2-4, manchmal 5. Gut, einen Tag Regen hatten wir auch, das haben wir dann auf der Insel Lyö an uns vorbeiziehen lassen. Ich habe gelesen, im Rest von Deutschland steigt das Thermometer gerade auf über 30 Grad… das bedeutet auch für uns: tagsüber wird endlich die 20 Grad Marke geknackt, yes!

Es ist unglaublich, die Ostseeküste scheint vom Wetter weiter unten bei euch vollkommen entkoppelt zu sein. Wie dem auch sei, wir lassen es relaxt angehen. Sandro versucht seit Tagen, mit seiner Angel einen Fisch zu fangen. Wenn es der Haken durch die riesigen Quallenwolken bis auf den Grund schafft, dann zieht er leider nur Seegras wieder hoch. Manchmal liegen wir auch einfach ohne Segel im Wind und lassen uns beim Angeln herum treiben. „Beiliegen“, also das Vorsegel back gestellt und dann das Ruder in den Wind, das klappt nicht so gut. Hatten auch schon Jürgen und ich früher festgestellt. Das Boot ist dann immer noch recht flott. Aber einfach ohne Segel liegt es auch sehr stabil. A propos Segel: wir haben den Blister mal ausprobiert. Das ist dieses bunte, bauchige Segel aus leichtem Stoff, das man bei Wind von hinten gut verwenden kann. Es lief auch ganz gut, bis zur dritten Halse. Dann hatte sich das Segel irgendwie verwurstet und wir haben es wieder reingezogen…

Ich rassel jetzt mal die letzten Orte herunter, wo wir Halt gemacht haben: Lundeborg, Svendborg, Aerösköbing, Lyö, Assens und heute Middelfart. Von hier geht es dann wieder zurück in Richtung Damp. Bisher kam der Wind von Hinten (Osten), das passte optimal. Ab morgen soll er dann auf Nord oder West drehen, das passt für den Rückweg auch wieder gut.

Aber jetzt zu etwas komplett anderem. Ich hatte es ja schon meinen Mitseglern erzählt: ich werde die Zelda wieder verkaufen. Das Boot ist gut, daran liegt es nicht. Es gibt aber leider mehr Gründe, sie nicht zu behalten, als sie zu behalten. Mein Plan war ja ursprünglich, sie nächstes Jahr ins Mittelmeer zu bringen. An der Ostsee weiter zu Segeln, kommt nicht in Frage. Dafür ist das Wetter zu unstabil oder simpel gesagt, zu schlecht. Für einen überzeugten Ostsee-Segler ist ein Tag schon zu warm, wenn er seine Jacke ausziehen muss, das spricht für sich. Dazu kommt, dass ich mit der Dänischen Kultur nicht viel anfangen kann. Die Häfen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Es gibt keinen oder nur wenig Fisch. Keine Restaurants, nur Imbiss-Stände und „Frokost“. Die „Städte“ sind winzig und bieten keine echte Abwechslung. Wenn ich das mal mit der mediterranen Kultur vergleiche, dann wird klar was ich will: Mittelmeer! Ansonsten könnte ich natürlich auch wieder mal versuchen, weiter nach Schweden zu segeln. Das ist bestimmt sehr schön. Aber eben auch langwierig zu erreichen.

Also bliebe nur, das Boot ins Mittelmeer zu überführen. Das würde bedeuten, wieder 6 Wochen Urlaub zu investieren (vielleicht auch wieder unbezahlten, wenn das nicht mein einziger Jahresurlaub sein soll), um es über Kanäle z.B. nach Südfrankreich zu fahren. Dann liegt das Boot noch weiter weg als jetzt schon und ich bin natürlich daran gebunden, dort segeln zu gehen. Eigentlich schon eine Alternative, aber ich habe mich dagegen entschieden.
Jetzt werden sich natürlich einige an den Kopf greifen und sagen: hätte er dann nicht erst mal ein Boot chartern können? So einfach ist das aber nicht. Ein Boot hätte ich ohne zusätzlichen Segelschein (SKS) nicht chartern dürfen. Ausserdem hat alleine die Vorbereitung und die Organisation der Reise mit dem eigenen Boot schon richtig Spass gemacht. Es ist einfach etwas anderes, eine Sache „richtig“ zu machen als erstmal nur reinzuschnuppern. Das Boot ist in einem hervorragenden Zustand und daher wird der Verkauf sicherlich nicht lange dauern.

Für die Zukunft stelle ich mir – ausser dem Segeln in warmen Revieren – auch noch andere Sachen vor: einmal mit einem größeren Segelboot über den Atlantik zum Beispiel (als Mitsegler). Oder vielleicht mit einem kleinen Fischer-Motorboot über die Flüsse ins Schwarze Meer… nur so angedacht. Wer mich kennt weiss ja, dass mir die Ideen nicht ausgehen :-)
Soweit die News, wir nähern uns also wieder dem Ausgangsort.“

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Brachialer Sonnenschein, fast lückenlos zwei Wochen lang, das war eine tolle Zeit! Unberechenbar blieb es trotzdem auch weiterhin. Die Wettervorhersage hat eigentlich nie gestimmt. Wobei der Dänische Wetterdienst noch wesentlich genauer als der Deutsche ist. Dieses gute Wetter habe ich einfach mal als Entschädigung für die weniger gute Zeit davor angenommen. Aber es ist schon so: Nord- und Ostsee haben seit einigen Jahren mit wirklich schlechten Sommern zu kämpfen. Ob es jetzt die Sonnenflecken, der Golfstrom, Klimaerwärmung oder sonstwas ist, das sei mal dahingestellt. Meine Schlussfolgerung ist ganz klar: im Urlaub muss es warm sein, basta. Danke für den Fisch, aber ich bevorzuge das mediterrane Klima.

Jetzt gerade bin ich schwer am Schwanken, ob ich meine schöne Zelda wirklich verkaufen soll. Inseriert ist sie. Aber besichtigen will sie niemand. Alle denken, sie könnten anhand von Bildern den Zustand des Boots beurteilen. Leute, das geht nicht! Ich bin selber in diese Falle gelaufen, seht einfach weiter vorne in diesem Blog nach. Die Qualität eines Bootes offenbart sich erst bei der Besichtigung.
Eigentlich will ich gar nicht verkaufen. Es wäre zwar der logische Weg, aber nicht der gefühlsmäßig richtige. Mal so ins Blaue gedacht – der Transport der Yacht in die Adria ließe sich organisieren. Dort wird gesegelt und die Dame irgendwo Wintergelagert. Muss doch machbar sein. Ein bisschen mehr Urlaub als normal wird sich auch wieder herausdiskutieren lassen. Vielleicht diesmal 6 Wochen im Frühsommer und weitere 4 im Spätsommer. Wenn die Schwemme der Italiener und Ösis vorbei ist, solle man es in kroatischen Gewässern gut aushalten können.

Ausserdem… mir fiele schon ein Zacken aus der Krone, wenn ich jetzt nach nur einer Saison meine Lady schon wieder verkaufen würde.

Segeln auf der Ostsee 14: Guldborg, Danish Dynamite & Smålandsfahrwasser

„Hier wieder der aktuelle News-Ticker der ZELDA!
Gestern sind Ulli und ich von Vordingborg nach Guldborg gefahren. Viel mit Segeln war nicht, da auch hier wieder ziemlich untiefes Wasser und betonnte Fahrrinnen vorherrschten. Vor dem Guldborger Hafen steht eine Klappbrücke. Und da das meine erste Klappbrücke war, war ich doch sehr gespannt, ob der Mensch darin sie auch gleich für mich öffnen würde. Hat er gemacht. Ich bin aber trotzdem nicht durchgefahren, da das doppelt rote Licht noch geleuchtet hat. Als er sie schon wieder zu machen wollte, bin ich mit ordentlich Stoff draufzugefahren und er hat sie netterweise wieder hochgezogen. Hatte ich nicht letzten Winter gelernt, dass alles was rot und noch dazu doppelt dargestellt ist, irgendwie „Stopp“ oder „Verboten“ heisst?! Verkehrte Welt.

Der Hafen liegt also im Guldborg-Sund und das heisst auch, dass das Wasser am Hafen vorbeiströmt und das Boot ziemlich zur Seite versetzt beim Reinfahren. Wie auch immer, das Anlegemanöver war wie aus dem Lehrbuch, Ulli und ich hatten uns das Anlegerbier wirklich verdient.

„I am sexy and I know it!“ grölte dann irgendwann nachts ein mit Badehose bekleideter dänischer Jugendlicher, der kurz darauf von der Klappbrücke ins Wasser sprang. Das sind immerhin an die 8 Meter oder höher, also net schlecht! Ich hastete in die Kabine ans GPS: Das Wasser ist jedenfalls laut Karte tief genug, er ist somit nicht querschnittgelähmt wieder aufgetaucht.

Jetzt gerade sitzen Ulli und ich in Kragenaes bei windigem Sonnenschein im Hafen und haben das Anlegerbier und den Anlegerkaffee auch schon hinter uns gebracht. So ganz klar war das nicht, dass wir heute auslaufen. Es waren Starkwinde von 6 Beaufort und mehr für abends vorhergesagt und am Vormittag war noch alles Regenverhangen. Um 13 Uhr hörte der Regen auf und ich habe dann beschlossen, loszufahren. Der Wind war ablandig aber doch leider schon sehr stark. Es ging nur gegen Wind und Welle unter Motor vorwärts, da musste mein Bootchen richtig arbeiten und wurde immer wieder auf ca. 2 Knoten abgebremst, wenn sie einen Brecher weggedrückt hat. Hat auch gut gespritzt, aber das Boot konnte zeigen, was in ihm steckt! Man fühlt sich auch bei solchem Wetter sicher darauf.

Das Anlegemanöver war diesmal nicht ganz so perfekt wie gestern, aber dass uns der Wind beim Anlegen vertreibt, war eh klar. Mittlerweile ist in den Häfen fast nichts mehr los und man hat die freie Auswahl an Plätzen, somit ist das viel stressfreier als noch am Anfang der Reise. Ausserdem klappt das Manövrieren jetzt recht gut und zur Not ziehen wir den Kahn halt mit der Hand herum und rein in die Box. Trotzdem bin ich immer neidisch auf die anderen Boote, die so leicht ihre engen Kurven drehen können oder sogar Bugstrahlruder haben…

So, wie gesagt ist das Wetter für morgen und übermorgen als stürmisch angesagt und wir werden wohl hier im Hafen bleiben. Danach geht es Richtung Nyborg, wo dann Sandro am Wochenende als Ablöse für Ulli kommt.“

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Das waren echt ein paar Knalltüten da in Guldborg! Erst noch tagsüber mit Uniform in der Caféteria des Hafens gejobbt und kaum geht die Sonne unter, stehen sie halbnackt auf der Klappbrücke des Sunds und springen ins Wasser. Echtes Danish Dynamite halt. Da ich die Seekarte noch grob vor Augen hatte (2-3 Meter), dachte ich, die tauchen wirklich nicht mehr lebend auf… aber die Locals kennen sich aus mit der Wassertiefe, alles easy.

Zelda ist jedenfalls bei ordentlich Gegenwind gut ins Schwitzen geraten. Ich bin ja mit dem Gashebel immer etwas sparsam. Aber hier musste ich tatsächlich den Hebel „auf den Tisch legen“, wie das so schön heisst, um noch Fahrt voraus zu machen. Dazu kommt, dass der Wind uns schnell seitlich weggedrückt hat, sobald er Angriffsfläche am Bug hatte. Gegen den Wind fahren ging also, in einem Winkel dazu nur schlecht.

Viel wichtiger war im Nachhinein die Erkenntnis, dass es doch sehr viel stressfreier ist, auf Wegen zu fahren wo man nicht fürchten muss auf Grund zu laufen. Das Bermuda Dreieck zwischen Femø, Askø und Lilleø war so ein Kandidat. Während Ulli sein Mittagsschläfchen hielt, rechnete ich jede Minute damit, dass unser Kiel über Grund schrabbt. Oder eher, dass wir einfach so stehen bleiben würden. Es war schon verdammt flach. Selbst das Echolot zeigte weniger als einen Meter Tiefe unter dem Kiel an, und das ist definitiv zu mutig, selbst mit nur 1,17 m Tiefgang. Weiss doch kein Mensch, wie der Matsch und die Algen hier das Echolot verwirren, vielleicht ist es auch weniger tief gewesen.

Als wir dann der Fähre entgegen liefen, die unbeirrt ihre Runden zwischen den Inseln zog, da wusste ich: wir sind wieder im sicheren Fahrwasser…!

Segeln auf der Ostsee 13: Øresund, Rødvig, Kalvehave, Vordingborg

„Nachdem ich am Mittwoch mit Tristan in Skanör aufgebrochen bin, sind wir wieder über „den Teich“ nach Rödvig gefahren. Diesmal war der Hafen erheblich leerer und die Platzsuche unproblematisch. Letztendlich haben wir uns per Muskelkraft in die Box gezogen, da die Gasse sehr eng war und mein Bootchen bekanntermaßen schlecht zu manövrieren ist. Am nächsten Tag war Hafentag angesagt, da der Wind ziemlich stark war und eine ordentliche Welle in die Faxe-Bucht stand. Andere sind auch nicht ausgelaufen, ich bin also nicht der einzige, der kein heftiges Geschaukel braucht. Gleich morgens habe ich uns zwei Fahrräder organisiert und wir sind für ein paar Stunden durch die Gegend geradelt. Es gibt in der Nähe eine Art Freilichtmuseum mit diversem Kriegsgerät zum Thema „Kalter Krieg“, Panzer, Angriffspläne der Russen gegen den Westen und so.

Dann ging es Freitag weiter nach Kalvehave, das auf der Seite der Insel, wo Kopenhagen drauf liegt, liegt. Man liegt direkt neben der großen Brücke, die auf die Insel Mön führt. Jetzt gerade sind wir in Vordingborg. Sind wie gestern stundenlang durch das betonnte Fahrwasser unter Motor gefahren. Teilweise ist es etwas schwierig zu sehen, wo es langgeht, zumindest wenn die nächste Tonne weit weg ist. Zum Glück habe ich die digitale Seekarte und kann schnell nachsehen, wo wir sind. Heute Nachmittag haben wir für ein Stündchen in einer Bucht geankert. Hat gut geklappt. Das Boot reagiert auch hier wieder vor Anker im Wind und Strom ganz anders als die Boote, welche wir bisher gechartert hatten.

Dann kam heute Abend Ulli aufs Boot. Leider musste er den Flug über Stockholm antreten, den er dank meiner früheren Reiseplanung schon gebucht hatte. Er hat dann Tristans VW-Bus dank unserer bebilderten Anleitung in Skanör auf dem Parkplatz gut gefunden und kam dann mit dem Auto direkt nach Vordingborg. Die nächsten Tage tingeln Ulli und ich also durch die Dänische Südsee.“

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Das Ankerverhalten meiner Albin Vega ist wirklich etwas ungewohnt: sie schwojt nicht wie moderne Yachten mit dem Bug immer in Richtung Anker, sondern sie liegt manchmal im 90° Winkel zu ihm. Wahrscheinlich liegt das am langen Kiel. Das macht das Boot empfänglicher für Strömungen, als das bei Kurzkielern der Fall ist, anders kann ich es mir nicht erklären. Der Anker hielt gut, es war aber auch kaum Wind. So richtig traue ich ihm trotzdem nicht – der Vorbesitzer hat nie wirklich mit der Yacht geankert. Der Anker ist eine Art Danforth Modell, dessen Design Ende des Zweiten Weltkriegs aufkam, als die US Armee in der Normandie landen musste und ein Anker mit guter Haltekraft auf sandigem Boden gefragt war. Heute ist die Entwicklung ein gutes Stück weiter. Zu den sichersten Ankern zählen mittlerweile die Typen Delta, Bügel, Kobra, Mantus und Rocna. Besonders auf letzteren habe ich ein Auge geworfen, da es ein wirklich beeindruckendes Video zu seiner Haltekraft im Vergleich zu anderen Modellen gibt (leider nur vom Hersteller…).

Da ich leider keine Haltevorrichtung direkt am Bug habe, kann ich den Anker nicht einfach ins Wasser plumpsen lassen: da muss man schon ein bisschen kreativer sein! Abgelassen wird er am Heck, und nachdem ein paar Meter Seil gesteckt sind, warte ich, bis er gegriffen hat. Falls kein Wind weht, kommt der Motor mit wenig Gas ins Spiel, bis der Anker hält. Danach belege ich das Seil an der Bugklampe und das Boot richtet sich neu zum Anker aus. Das Aufholen muss auch wieder per Hand erfolgen, da ich keine elektrische Winsch habe. Ist bei wenig Wind unproblematisch. Wie das bei Starkwind läuft, wird sich zeigen.

Segeln auf der Ostsee 12: Skanör und nicht weiter

„Ich bin immer noch in Skanör. Gestern morgen habe ich entschieden, nicht mehr weiter nach Osten zu fahren. Wie ich vorgestern schon geschrieben habe, ist das bis jetzt nicht der Urlaub, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Bei der Streckenplanung habe ich mich wohl verschätzt. Zwar wären die Etappen alle machbar, allerdings würde es dann im bisherigen Stil weitergehen: Hafen – Segeln – Hafen. Das ist mir zu eintönig und auch zu anstrengend. Dazu kommt der Druck, immer eine gewisse Strecke fahren zu müssen.

Jetzt sieht es also so aus, dass ich hier auf Tristan warte, der in ein paar Tagen kommen wird. Wir fahren dann gemeinsam wieder Richtung Dänemark. Heute hat Jürgen den Bus nach Kopenhagen genommen und er fährt dann mit der Bahn weiter in Richtung Frankfurt. Es war super, ihn die ersten zwei Wochen dabei zu haben, habe viel gelernt! Ulli ist auch schon informiert, leider ist er der einzige mit gebuchtem Flug, das tut mit natürlich leid. Aber so sieht er auch noch etwas vom Land :-)

Ansonsten ändert sich an den Crew-Wechsel Terminen erstmal nichts. Nur der Ort ist eben nicht mehr Schweden, sondern Dänemark. Dort kann man auch schön zwischen den Inseln herumfahren und alles liegt dichter beisammen.

Hier in Skanör ist es sehr schön, geradezu „hyggelig“. Es gibt zwei Sandstrände mit weißem, feinem Sand und sogar das Wasser ist teilweise türkisfarben (trotz dem Algenteppich weiter draußen!). Die Toiletten und Duschen sind gut und auch WLAN ist vorhanden. Es gibt zwei Fischgeschäfte und eine Räucherei mit Restaurant und der Fisch schmeckt ausgezeichnet. Wer original rundes, schwedisches Knäckebröd möchte, kann mir jetzt noch Aufträge zum Mitbringen geben.

Gestern Abend hat es im Hafen ganz gewaltig gepfiffen mit gut 7 Windstärken. Die waren so nicht vorhergesagt. Aber es regnet nicht und kalt ist es auch nicht. Da mein Boot hier direkt an der Sliprampe liegt (wo man Boote ins Wasser lässt), habe ich eine Terrasse mit prima Aussicht. Hier legen alle Jollenfahrer und auch die Motorboote vom Trailer an und ab. Ausserdem gibt es bestes Hafenkino, wenn mal jemand (so wie ich) mit zu viel oder zu wenig Schwung anlegt und dadurch ein gewisses Leben ins Hafenbecken bringt…

So, ich warte dann jetzt auf Tristan, werde mir mal ein Fahrrad leihen und über die Halbinsel radeln und ansonsten das gute Wetter am Strand genießen!“

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Nach viel Grübelei hatte ich mich einen Tag nach unserer Ankunft entschlossen, die Reiseplanung der Realität anzupassen… Es wäre einfach idiotisch gewesen, weiter die schwedische Küste entlangzusegeln, wenn ich doch genau wüsste, dass mit jedem Tag und jeder weiteren Seemeile der Druck wachsen würde, die selbe Strecke wieder zurück fahren zu müssen. Zwar hatte ich für den längsten Teil des Weges immer einen Mitsegler organisiert. Allerdings wäre im Falle einer Weiterfahrt gegen Ende des Törns ungefähr zwei Wochen Einhandsegeln angesagt gewesen. Und das habe ich mir zu diesem Zeitpunkt einfach nicht zugetraut.

Auch wenn das jetzt für Ulli bedeutete, von Stockholm aus eine längere Strecke mit der Bahn zurück zu meinem nächsten Liegeplatz zu fahren (750 Km), als es der direkte Weg von daheim zu mir gewesen wäre (700 Km), es half nichts. Aus Fehlern wird man klug, und so werde ich zukünftig bestimmt keine festen Orte oder Termine für den Crewwechsel mehr einplanen.

Segeln auf der Ostsee 11: Von Rödvig nach Skanör

„Wir sind jetzt seit gestern offiziell in Schweden. Und zwar in Skanör, das ist der kürzeste Weg rüber über den Sund zwischen Dänemark und Schweden. Dummerweise liegt dort auch ein überdimensionales Verkehrstrennungsgebiet. Das ist so eine Art Autobahn für die Berufsschiffahrt und dort hat es sogar einen Kreisverkehr. Dieser Kreisel misst ca. 4 Seemeilen. Bis man dort mit 4,5 Knoten durch ist, das dauert fast eine Stunde. Immer mit dem flauen Gefühl, ob nicht irgendwo noch ein Tanker auftaucht. Denn die Riesendinger fahren so schnell, dass sie schwer einzuschätzen sind. War aber alles gut.

Nur das Wasser ist immer trüber geworden. Erst haben wir es für abgelassene Scheiße gehalten. War aber „bloß“ Algenwuchs. Überall, wie ein Teppich. Und Mücken auf dem Wasser ohne Ende. Zum Glück im Hafen nicht. Heute hatten wir Glück: ein Mann hat im überfüllten Hafenbecken auf eine kleine Lücke ganz am Ende gedeutet und dort haben wir uns in Zeitlupe reingezogen, ohne Motor. Das geht prima. Später haben wir dann zugesehen, wie die Päckchen immer größer wurden. Jetzt liegen uns gegenüber zwei 7er Päckchen. Man muss also im Extremfall über 6 Boote steigen, um an Land zu kommen. Scheint wohl noch Hochsaison zu sein….

Vorgestern war es etwas schwieriger. Auch Rödvig war schon voll und so sind wir wieder längsseits im Päckchen zu einem Norweger gegangen. Später meinte der dann, es wird morgen recht früh werden, sie wollen die Klippen von Mön bei Sonnenaufgang erleben. Also haben wir nachts um 4 Uhr die Boote mit Leinen herumrangiert. Ich hätt kotzen können. Ging aber gut. Die Klippen konnten die gar nicht bei Sonnenaufgang erreichen, denn die Entfernung ist zu weit und die Sonne geht schon vor 5 Uhr auf. Wirklich Deppen.
Heute lagen wir hier in Skanör und sind nicht gesegelt. Mir ist die ganze Hetzerei zu stressig. Immer von Hafen zu Hafen ohne irgendwas zu sehen. So habe ich mir das nicht vorgestellt. Also wird morgen mal Urlaub gemacht. Demnächst werde ich es öfter so machen.“
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Windstille mitten im Öresund. Mücken auf dem Wasser, Mücken in der Luft, Mücken am Segel und sogar Mücken zwischen den Zähnen! Es war grauenvoll und wir hofften, dass es im Hafen besser ist. Zum Glück war es auch so, andernfalls wäre es unerträglich geworden. Warum nur beginnt ab Dänemark der skandinavische Mückenwahnsinn? Was haben die hier, was die Mücken glücklich macht? Wenn die jetzt auch noch auf die Idee kommen würden, zu stechen, dann gute Nacht.

Skanör jedenfalls, da lag ich nun. Falsterbo im Süden der Halbinsel, Malmö im Norden und die Brücke über den Öresund in Blickweite. Der Hafen war wirklich schön. Es gab zwei Fischräuchereien, ein Restaurant und mehrere Imbiss-Stände sowie im Städtchen einen sehr guten Supermarkt. Hier war Leben, ganz anders als in den meisten anderen Häfen, die ich noch anlaufen sollte. Ein riesiger Sandstrand und eine weite Dünenlandschaft gleich nebendran. Skanör machte den Eindruck, das Kronberg oder das Schwabing der Schweden zu sein. Wo sonst fährt der Hafenmeister einen Porsche?

Segeln auf der Ostsee 10: Hesnaes und Klintholm

„Wir sind jetzt in Klintholm. Das ist ein gemütlicher Hafen am äusseren Zipfel der Insel Mön. Hier gibt es auch das Kap mit den weißen Kreidefelsen. Mit dem High-Speed Katamaran vom Jelle sind wir 2005 hier schon vorbeigefahren, aber mit 13 Knoten statt mit 4. Eigentlich wollten wir gestern schon herfahren, aber diese ewig lange Bucht zieht sich unheimlich. Und so sind wird dann stattdessen in Hesnaes gelandet. Da war es ziemlich voll, ist gerade Hauptsaison und spitzen Wetter, also sind die regulären Plätze ab 17 Uhr alle schon weg. Ich habe dann eine dicke Bavaria 46 gefragt, ob wir längsseits liegen dürfen und so haben wir es dann gemacht. Das Schiff war von einem Urlaubsveranstalter mit Skipper drauf und die wollten heute schon recht früh los. Also haben wir um 8 Uhr schon den Hafen verlassen. Heute habe ich alles selbst gemacht, so als ob ich allein an Bord wäre. So ein bisschen war ich das auch, da Jürgen die gestrigen Rum-Cola nicht so gut weggesteckt hat, höhö. Bis auf das Anlegemanöver ging das auch gut. Kurs abstecken, Segel setzen, mit Autopiloten hantieren, Navigieren das ging alles prima. Die Karte vom Hand-GPS funktioniert auch seit Gedser, ich brauche also nicht mehr jedesmal in die Kajüte rennen, die GPS Koordinaten auf die Karte übertragen und kucken wo ich bin. Gute Sache, so eine digitale Seekarte.

Vor Klintholm habe ich das Schiff dann klar fürs Anlegen gemacht, also Segel runter, Leinen klar machen und Fender montieren während das Boot selbst weiter im Wind fährt. Heute wollte ich es komplett alleine machen das Anlegen, aber es ging natürlich schief. Egal, jeder Versuch bringt einem wieder mehr Erfahrung. Und das Boot ist ja auch robust, den Steg hat es heute jedenfalls geküsst…! Morgen habe ich vor, das Anlegemanöver wieder mit Jürgen zu fahren, das sollte dann klappen mit zwei Personen. Alleine beide Heckleinen über die Pfosten zu werfen ist schwer und das Schiff ist dann meist schon abgetrieben und liegt quer in der Box – ein Traum.

Momentan ist wie gesagt das Wetter traumhaft, 3 Beaufort Wind und ne Menge Sonne. Hoffentlich bleibt das so. Die erste Woche war schon ganz schön deprimierend mit dem ewigen Regen und Starkwind, draussen auch Sturm (aber ohne uns). Zwischendurch hatten wir ordentlich Welle, und das kickt einen richtig durch die Gegend. Auf der dicken Bavaria 46 habe man nichts davon gemerkt, hieß es… das sind wirklich verschiedene Welten.
Als nächstes steht der „Sprung“ nach Schweden an. Falls wir von hier aus rüber fahren, wären das gute 40 Seemeilen, was bei unserem Bootchen bedeutet, bei passablem Wind mindestens 10 Stunden unterwegs zu sein. Falls wir erst weiter nördlich queren, geht es schneller aber natürlich ist der Weg insgesamt dann länger.
Schönen Gruß in die Runde, und alle, die sich fürs Mitsegeln angekündigt haben bitte ich darum, langsam etwas konkreter zu werden. Sonst muss ich andere Leute auftreiben, denn das Alleinesegeln ist doch wesentlich unlockerer als zu zweit oder zu dritt.“
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Ich hatte mir wirklich den idealen Zeitpunkt für meinen Segeltörn ausgesucht: mitten in der Hauptsaison! Die Häfen sind dann meistens schon am frühen Nachmittag überfüllt und man findet keinen regulären Boxenplatz mehr. Heute würde es mir natürlich viel leichter fallen, irgendwo noch eine Nische zu finden. Aber als wir in Hesnaes einliefen, war die Ratlosigkeit doch erstmal groß. Später habe ich dann mitbekommen, wo man sich als kleines Bootchen noch so überall reindrücken kann. Dazu kommt, dass es an der Ostsee üblich ist, im Päckchen zu liegen. Zur Not auch mal gegen den Willen des anderen. Schließlich braucht jeder einen Platz, und so sollte es selbstverständlich sein, es später kommenden Yachten zu ermöglichen, längsseits zu liegen. Im Mittelmeer ist das dagegen total unüblich, daher waren Jürgen und ich anfangs sehr zögerlich. Später sollten wir noch sehr viel größere Päckchen sehen.

Die maritime Bevölkerung auf der Ostsee hat eine Altersstruktur von 60 Jahren aufwärts. Das führt dazu, dass spätestens morgens um 8 Uhr schon ausgelaufen wird. Wie sonst sollten sich die Senioren auch frühzeitig einen guten Platz im nächsten Hafen sichern? So ganz habe ich es bis heute nicht begriffen, warum man sich ein Boot im Wert eines Einfamilienhauses kaufen soll, nur um damit von Hafen zu Hafen, von Box zu Box zu fahren  und dort mit einer Distanz zum nächsten Nachbarn von weniger als einer Armlänge zu liegen.

Segeln auf der Ostsee 9: Damp, Lippe, Burgtiefe, Gedser

Von Damp nach Lippe
„Gestern sind wir im Auto von Frankfurt nach Damp hochgefahren. Ziemlich regnerisch war es, und hier oben ist es seit gestern gemischt. Mal Regen, mal Sonne. Für morgen ist das auch so vorhergesagt. Der Wind wird wohl gerade noch Ok sein, also mit 5-6 Beaufort Stärke und dann abnehmend auf 4. Dazu kommt er aus der passenden Richtung, also „von Hinten“ bzw. Halbwind, also Süd bis Südwest. Wir wollen dann Richtung Fehmarn aufbrechen. Jedenfalls, solange die Wettervorhersage so bleibt. Eingekauft haben wir auch ne Menge, das Schiff liegt tief! Ansonsten ist es natürlich schön, wieder auf dem Boot zu sein.“
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Wir hatten es nicht in einem Rutsch von Damp bis nach Burgtiefe auf Fehmarn geschafft. Erst blies noch ordentlich Wind, danach war er weg und es regnete stundenlang. Daher beschloss ich, den winzigen Hafen bei Lippe anzulaufen. Durch den Regen und den Dunst waren die kleinen gelben Tonnen vor dem Hafen kaum auszumachen. Mein Hand-GPS mit digitaler Seekarte war in diesem Gebiet noch nicht zu gebrauchen. Die Karte begann erst ab kurz vor Gedser. Und so mussten wir uns langsam vorantasten und ständig die Position vom GPS manuell in die Karte eintragen. Was wir sonst stündlich gemacht haben, wurde jetzt alle 10 Minuten erledigt. Bis wir uns sicher waren, die richtigen Tonnen gefunden zu haben.

Der Hafen war sehr eng und ich hatte es noch nicht im Gefühl, wie das Boot richtig manövriert wird. Aufgrund seiner ungewöhnlichen Konstruktion ist es nur schwer zu lenken, besonders rückwärts. Das liegt daran, dass bei einer Albin Vega die Schraube oberhalb und zudem noch hinter dem Ruder liegt. Das Ruderblatt wird also nicht direkt von der Schraube angeströmt und das Boot reagiert erst auf die Pinnenlenkung, wenn etwas Fahrt anliegt. Daher kommt es, dass die Vega trotz ihrer mickrigen Länge von 8,25 m einen Wendekreis hat, der größer als der von modernen 12 m Yachten ist.

Ausserdem habe ich schlicht und ergreifend die Pinne beim rückwärts Fahren falsch herum eingeschlagen… Man merkt das leider erst nach einer halben Ewigkeit, wenn das Boot endlich reagiert hat. Doch dann ist es zu spät für eine Korrektur. Und so bin ich im Hafen mal vorwärts gefahren, mal rückwärts. Dann wieder volle Kraft voraus. Dann wieder voll Rückwärts. Und so weiter und so fort, bis mir ein netter Bootsbesitzer am Steg bedeutete, ich solle doch einfach in die große Box neben ihn kommen. Und so ging es dann auch. Am nächsten Tag schafften wir es mit mächtig Wind und Welle im Nacken – die Logge zeigte über 8 Knoten, weit über Rumpfgeschwindigkeit – bis nach Burgtiefe auf Fehmarn. Dort blieben wir dann noch zwei Tage und saßen das schlechte und stürmische Wetter aus.

Von Burgtiefe nach Gedser
„Wir sind seit gestern in Gedser. Hier gibt es unglaubliche Mückenschwärme, so dicht, dass es wie Rauchwolken aussieht. Zum Glück stechen sie nicht… Heute fahren wir dann nach Klintholm, das sind auch wieder ca. 30 Seemeilen und es wird wohl so 8 Stunden dauern.“

Ein paar Tage später dann, in Gedser, klappte das Anlegen schon viel besser. Langsam aber sicher kam irgendwann das Verständnis für das Boot. Obwohl ich auch die nächsten zwei Wochen noch ein zuverlässiger Veranstalter von bestem Hafenkino bleiben sollte!

Die in meiner Email erwähnten Mückenschwärme waren wirklich nicht von dieser Welt. Wir dachten zunächst tatsächlich, dass hinter dem Schilfgras ein Boot mit qualmendem Schornstein reinkommt! Es war aber kein Rauch, sondern bloß undurchsichtige, wabernde Wolken aus Mückenmasse. Auch die Toilettenräume waren mit diesen Viechern bedeckt. Sie wurden dann morgens mit einem Industrie-Staubsauger zu Fliegenbutter verarbeitet. Was für ein widerlicher Geruch. Ich musste an diesen Comic Strip von Calvin und Hobbes denken…

Segeln auf der Ostsee 8: Vorbereitung der Crew und Streckenplanung

„Wollte euch mal informieren, wie der Stand der Dinge bezüglich der Weltumseglung, pardon, Ostseebesegelung ist!

*Terminliches:*
Abfahrt ist wie gehabt am 16.07. in Damp mit Jürgen… (hier Planung diverser Crewwechsel)
Alle Crewwechseltermine +/- 1 Tag oder so, wegen Wetter kann ich leider keinen festen Termin nennen. Oder eben einen alternativen Hafen. Ob ich es bis Stockholm schaffe, ist fraglich. Sicherheit geht vor, und so können schon mal ein paar Tage im Hafen wegen Starkwind draufgehen. Da ich es relaxt angehen lassen will und in erster Linie Erfahrung sammeln möchte, wird es sicher kein Törn zum Meilenfressen werden. Ich peile eher Norrköping oder Nyköping als nördlichsten Punkt an. Von dort dann langsam zurück. Ab Mitte August werde ich dann auch wieder auf dem Rückweg sein. Ab da ist also noch frei und ich würde mich freuen, wenn ihr einen Termin zum Mitsegeln finden würdet.

*Anreise:*
Was die Häfen angeht, so sind diese hier verkehrstechnisch wohl am leichtesten für euch zu erreichen (von West nach Ost):
Ystad, Karlskrona, Kalmar, Oskarshamn, Västervik, (Visby,) Nyköping, Stockholm
An der Küste fahren Busse und verbinden die Orte. Generell:
* http://www.schwedenerleben.com/touristen/reiseplanung/unterwegs-im-land/busverkehr/
*
http://www.swebus.se/SwebusExpress_de/
Und rund um Kalmar:  *
http://www.klt.se/
In Dänemark:  *
http://www.rejseplanen.dk/

Ansonsten ist in Kalmar ein größerer Bahnhof. Nach Nyköping fliegen die Billigflieger und nennen das „Stockholm“, da weiss Ulli jetzt bestimmt mehr. Ansonsten könnte man auch nach Kopenhagen fliegen und von dort per Bus oder Bahn weiterfahren. Per Fähre anreisen lohnt sich nicht, da recht teuer und langwierig.

*Auf dem Boot:*
Seit der Überführung weiss ich, dass es mit mehr als 3 Personen an Bord eng werden kann. Für kurze Zeit gingen auch 4, denn es gibt 4 Schlafplätze. Dann tritt man sich aber schon auf die Füße. Zwei Gäste plus mir selber passt also gut. An Bord sind zwei Rettungswesten plus meine eigene natürlich, alle mit Lifebelt. Was die Klamotten angeht, so ist robustes Zeug wichtig, ist ja kein Ponyhof auf der Ostsee :-) Es kann schon kühl und nass werden, wie ihr teilweise besser wisst als ich. Deswegen müssen die Klamotten warm und trocken sein. Regenjacke, Regenhose und Gummistiefel muss daher jeder haben. Mütze und dünne Handschuhe würde ich auch empfehlen. Aber vor allem wird es ja auch WARM! und deshalb muss auch die Badehose mit, is doch klar. Ich war im Mai schon mal baden und hab eine Angelschnur aus der Schraube geschnitten, das war noch recht frisch. Im August wird es natürlich mörderwarm, so 18 Grad Wassertemperatur sind schon drin… in den Schären kann es aber sogar auf über 20 Grad steigen. Bringt bitte keine sperrigen Taschen mit. Stauraum ist genug, aber faltbar muss es sein.

*Geld:*
An Bord wird es eine Bordkasse geben, aus der Verpflegung, Diesel und Hafengeld bezahlt wird. Jeder inklusive mir zahlt den gleichen Teil. Wieviel weiss ich noch nicht, aber Skandinavien ist eher teuer, was Lebensmittel angeht. Ausserdem wäre es nett, wenn ihr euch mit einem gewissen Betrag pro Woche am Unterhalt für das Boot beteiligt. Wenn ihr Bares mitbringt, dann am besten in Landeswährung, also Dänische Kronen (14 DKK = 2 EUR) oder Schwedische Kronen (9 SEK = 1 EUR). Wie sagte der Vorbesitzer so schön: „Ein Boot ist ein Loch im Wasser, in das man Geld wirft…“. Das merke ich so langsam auch.

*Und sonst noch:*
Anbei ist nocheinmal die Karte mit der krakelig eingezeichneten Route. Ergänzt um grob geplante Ankunftszeiten. Dann hier noch ein eindrucksvolles Video, für wer es noch nicht kennt. Der Crashtest einer Yacht: http://www.youtube.com/watch?v=rvxhQO4pw2E
Lustigerweise lassen sie die Yacht auf die Hafenmole von Damp rauschen, wo mein Boot gerade liegt :-) Meine Zelda ist übrigens noch stabiler gebaut als diese Dehler 31.
Jetzt fällt mir nix mehr ein, also bis denne!“
-o-

Tja, so sah meine Planung des Törns zum damaligen Zeitpunkt aus. Voller Elan plante ich, Kurs auf Stockholm zu nehmen. Dazu mehr oder weniger festgelegte Zeitpunkte für den Crewwechsel. Fehler, die ich jetzt nicht mehr machen würde. Denn dass die Strecke sehr lang, das Boot sehr klein und langsam und ich noch ziemlich unerfahren war, das hatte ich irgendwie verdrängt… Auch das Wetter hatte ich überschätzt. Kann es sein, dass alle Ostsee-Segler nur solche Fotos veröffentlichen, auf denen die Sonne scheint? Daran musste ich später des öfteren denken, insbesondere während der ersten zwei Wochen, als sich das Wasser im Inneren meiner Jackentaschen gestaut hat. Im Regen macht man einfach keine Fotos. Hier mal eine Ausnahme, nur zur Bestätigung der Regel:

Wie gesagt, mit der Distanz hatte ich mich arg verschätzt. Am Ende bin ich doch die meiste Zeit in dänischen Gewässern gefahren, ganz anders als geplant. Doch dazu später mehr.

Segeln auf der Ostsee 7: Die Überführung von Rendsburg nach Damp

„Die Überführung meiner ZELDA ist glatt gelaufen! Das Segeln war super, Wetter klasse und wir hatten ordentlich Wind. Anbei mal einige Bilder. Auf dem Nord Ostsee Kanal ist es schon ein komisches Gefühl, wenige Meter entfernt an den Riesendampfern entlang zu tuckern… Das Anlegen klappt auch schon ganz gut, da muss ich aber noch mehr üben. Es war jedenfalls prima, dass Sandro und Simon mit dabei waren. Der Boden schwankt jetzt noch ein wenig, aber bald bin ich ja wieder aufm Boot.“
-o-

So ging das los: die Pinne zum ersten Mal in der Hand und dann Kurs voraus. Gemeinsam mit dem Verkäufer durch den Nord-Ostsee-Kanal von Rendsburg nach Damp. Das Boot ist zwar eigentlich recht klein, aber es kam mir zu diesem Zeitpunkt doch ziemlich groß vor. Schleusen, Segeln, Manöver fahren, alle Infos vom Verkäufer aufsaugen, Anlegen, 10 Stunden unterwegs sein… mir schwirrte der Kopf. Aber hey – es war jetzt mein Boot!

Und ZELDA sollte sie heißen, ein schöner Frauenname. Und ausserdem der Titel eines alten Nintendo-Games, das ich als Kind bis zum Umfallen gezockt habe, bis die Prinzessin „Zelda“ gerettet war. Da lag sie nun, als kleinstes Schiff am Steg mit lauter anderen Dauerliegern drumherum. Alles weißbärtige Männer oder Frauen (ohne Bart), die teilweise skeptisch, teilweise in Erinnerungen an das eigene erste Boot schwelgend, meine Zelda begutachteten.

Und kalt waren die Nächte noch im Mai. Morgens waren es zwischen 5 und 10 Grad in der Kabine. Dass es nachts auch später im Sommer nicht gerade kuschelig werden würde, das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Jedenfalls lag meine kleine Yacht jetzt erstmal für die nächsten 2 Monate auf ihrem Liegeplatz und wartete auf ihren Skipper, der erst im Juli wieder zurück kommen würde.

Segeln auf der Ostsee 6: Boote besichtigen und schließlich eine Unterschrift

Mit einem Wochenende im Frühjahr plus zwei Urlaubstagen Ende März lässt sich schon mal eine Menge anfangen. Schließlich musste ich rauf an die Ostsee und Boote zwischen Flensburg und Lübeck besichtigen. Ich hatte schon relativ früh im Januar angefangen zu suchen, was dazu führte, dass einige Boote schon längst den Besitzer gewechselt hatten, als meine Reiseplanung fertig war. Früher als zwei Wochen vor Anreise und Besichtigung lohnt es sich daher nicht, den Verkäufer anzuschreiben. Und auch dann sollte man besonders bei Händlern kurz vorher nochmal anfragen, denn diese lassen auch schon lange verkaufte Boote gerne in ihrer aktuellen Verkaufsliste stehen…

Sechs Boote standen mit Besichtigungstermin auf meiner Liste: zwei Albin Vega, zwei Bianca 27, eine Janneau Aquila und eine Friendship 28. Alles Boote, die auf Fotos und im Exposé einen guten Eindruck gemacht haben. Letztendlich war der Maßstab für alle Boote doch gleich die erste Albin Vega, welche ich in Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal besichtigt habe. Es handelte sich um ein wirklich sehr liebevoll gepflegtes Schiffchen, bei welchem mir so gut wie keine nennenswerten Mängel auffielen. Dazu waren die Besitzer äusserst nett und konnten sich gut in meine Lage versetzen. Denn vor wenigen Jahren waren sie selbst als Anfänger mit dieser Vega unterwegs gewesen, bis es sie jetzt zu einem größeren Modell gezogen hat. So ist der Lauf der Dinge, deswegen ist der Markt der Gebrauchtboote auch proppenvoll mit kleinen Booten in dieser Größe.

Alle folgenden Schiffe hatten also von vornherein das Problem, sich mit diesem Idealkandidaten zu messen. Erstaunlicherweise war die andere Albin Vega, die wir am folgenden Tag besichtigt haben, ebenfalls in einem guten Zustand. Ganz im Gegensatz zu den übrigen Booten meiner Liste. Sie unterschied sich allerdings beim Motor stark von der ersten Vega, denn es war ein alter Motor und auch noch der Originalpropeller mit Wendegetriebe war installiert. Auch der generelle Pflegezustand war eher mäßig, da es sich um das Familienboot eines alten Mannes gehandelt hat. Das schlug sich auch auf den Preis nieder. Für 9.000 Euro hätte ich es haben können, was ein wirklich günstiger Einstieg ins Segeln bedeutet hätte. Sicherlich würde es sich auch beim Probeschlag gut Segeln, kein Thema, und sogar die Verkäufer waren sehr nett. Im direkten Vergleich mit der anderen Vega stellte sich eigentlich nur die Frage: lieber ein günstiger Einstieg mit einem nicht so schönen Boot oder ein teurer Einstieg mit einem besser erhaltenen Boot?

Vor dieser Entscheidung standen aber noch die beiden Bianca 27. Leider haben sich beide Eigner nicht sehr um die Pflege ihrer Boote gekümmert. Man merkte in jedem Detail, dass hier „eigentlich was getan werden müsste“, wie die Verkäufer schon selbst zugaben. Einer meinte noch, dass mit zwei Tagen Schleifen, Schrubben und Polieren alles wieder wie neu wäre. Da frage ich mich doch, warum er dass nicht mal eben an einem freien Wochenende selbst gemacht hat… Wie er das abblätternde Antifouling, das rissige GFK und alle gesplitterten Holzteile in dieser Zeit wieder auf Vordermann hätte bringen wollen, das bleibt wohl sein Geheimnis. Das Boot lag im Freien unter einer Plastikplane, die lediglich über dem Cockpit zur Seite geräumt war. Als ich den Verkäufer fragte, ob er denn nicht mal die gesamte Plane wegräumen könne, damit ich das Boot vollständig sehe, meinte er nur: „Ja, wenn es ernst wird…“. Hm, glaubte er ernsthaft, er würde mich noch ein zweites Mal sehen? Den Spruch mit dem ersten Eindruck, der zählt, war ihm wohl unbekannt.

Schließlich kam es, wie es kommen musste: die zuerst besichtigte Albin Vega wurde gekauft. Die Mischung stimmte, sowohl das Boot als auch die Verkäufer machten einen ehrlichen Eindruck und so sind wir uns schnell handelseinig geworden.

Jetzt konnte das Abenteuer losgehen. Über die Ostsee. Auf eigene Faust. Im eigenen Boot!

Segeln auf der Ostsee 5: Verkaufsanzeigen wälzen

Wo findet man nun ein Boot, wenn man zentral in der Mitte Deutschlands wohnt und der nächste Yachthafen 500 Km entfernt ist? Hier hilft nur sorgfältige Planung, denn einfach mal die Marinas abklappern is nich. Gebrauchtboote findet man heute zum Glück sehr leicht über folgende Quellen:

Die Vielfalt ist erschlagend und die Detailsuche daher sehr zu empfehlen. In meinem Fall filtere ich alles heraus, was nicht in die folgenden Kategorien passt:

  • Länge: 7 bis 9 Meter
  • Preis: 8.000 bis 20.000 Euro
  • Liegeplatz: Deutsche Ostsee

Übrig bleiben immer noch um die 60 Boote je Börse. Im Folgenden wird nach dem Alter und Zustand des Motors, dem allgemeinen Zustand (Refit, Lackierung wann?) und dem Alter der Ausrüstung (Segel, Toilette, Batterie, Polster, etc.) sortiert. Erst ganz am Ende kommt das Zubehör wie GPS, Kocher, Zusatzanker, etc. Entscheidend ist das Zubehör allerdings nicht, es ist eher als nette Dreingabe zu sehen. Wichtig ist, dass das Equipment zum Segeln vollständig und einsatzbereit ist.

Nachdem der Besitzer angeschrieben oder angerufen wurde, kommt der spannende Moment: wie ist der drauf? Schon nach kurzem Telefonieren oder Email-Kontakt weiss man, wen man vor sich hat. Nette Segler, die ihr Boot lieben und von dem guten Stück ehrlich schwärmen? Oder reine Zweckverkäufer, wobei man dem Besitzer jedes Detail aus der Nase ziehen muss? Manche Verkäufer begreifen nicht, dass der Wechsel eines Boots vom alten auf den neuen Besitzer auch ein gutes Stück mit Vertrauen zu tun hat. Es gibt schließlich keinen Boots-TÜV, auf dessen Plakette man bauen könnte. Einen Gutachter würde man bei einem Boot dieser Preisklasse wohl eher nicht einschalten und auch dieser kann nicht vorhersehen, was sich vielleicht nach einigen Jahren dem zukünftigen Besitzer offenbaren wird. Auch der Transfer des Kaufbetrags und schließlich des Bootsschlüssels sind Vertrauenssache. Denn mal ehrlich – wo läuft es denn schon so lehrbuchmäßig ab, dass Stück für Stück das Objekt bzw. das Geld den Besitzer wechselt? Meistens tritt einer von beiden in Vorleistung, auch wenn es nur die Anzahlung des Kaufpreises einen Tag vor der Übergabe ist. Allein schon um späterem Ärger ein wenig die Luft zu nehmen, ist es daher besser, wenn man sich zwischen Verkäufer und Käufer grün ist.

Segeln auf der Ostsee 4: Wie sieht es aus, das richtige Boot?

Das Wichtigste überhaupt, das ist die Frage nach dem Boot. Da ich mich für einen Zeitraum von 2 Monaten entschlossen habe, kämen grundsätzlich zwei Möglichkeiten in Frage, um an ein Boot zu kommen. Einmal das Chartern, sprich Mieten eines Boots für diesen Zeitraum. Vorteil ist, dass man aufs Schiff steigt und einfach ablegt. Nachteil ist, dass mir kein Vercharterer sein Bootchen aushändigt, ohne vorher meinen Sportküstenschifferschein (SKS) gesehen zu haben. Den habe ich dummerweise nicht und damit fällt diese Möglichkeit auch schon gleich ins Wasser. Denn um den SKS zu erhalten, ist ein Praxistörn von mindestens einer Woche (wobei gern geschummelt wird) sowie natürlich die üblichen Berge an Theorie nötig. Diese Zeit habe ich jetzt nicht, denn es soll ja schon in der kommenden Saison losgehen.

Bleibt also das Kaufen, und zwar auf dem Gebrauchtbootmarkt. Und hier geht der Spass erst richtig los, denn Bootskauf ist wie Autokauf (oder „…wie eine Schachtel Pralinen“): man weiss nie, was man kriegt. Zur Vorbereitung habe ich mir einiges an Literatur beschafft, wobei es eigentlich um zwei Dinge geht. Nämlich einmal um das grundsätzliche Verständnis, was an einem Boot von Wichtigkeit ist und daher unbedingt intakt sein muss. Und zweitens das Zusammenstellen einer ellenlangen Checkliste mit zu prüfenden Punkten. Diese Liste kann man sich leicht durch ein wenig Googeln selbst erstellen, denn viele Webseiten bieten Vorlagen an. Fündig wird man zum Beispiel bei Gebrauchtboot-Börsen, Segelmagazinen, Versicherungen und natürlich in Foren.

Das Boot meiner Träume hat folgende Eigenschaften.

  • Maximaler Preis: 15.000 Euro
  • Liegeplatz: Deutsche Ostsee
  • Länge über alles: ca. 8 bis maximal 9 Meter
  • Langkieler
  • Einbaumotor nicht älter als 15 Jahre
  • Sitzgelegenheiten bzw. Kojen in Längsrichtung
  • Wenig Technik (z.B. kein Kühlschrank oder Kartenplotter)
  • Segelfertiger Zustand

Dieses Boot könnte zum Beispiel eine Albin Vega 27 oder eine Friendship 26 sein, welche von ihren Vorbesitzern aus Altersgründen abgegeben wird. Solche Boote sind trotz ihres hohen Alters von mehr als 30 Jahren oft in einem sehr guten Zustand, da sie gehegt und gepflegt wurden und quasi startklar sind. Dazu kommt, dass diese alten Schiffchen aus Glasfaserkunststoff damals sehr robust gebaut wurden. Die Wandstärke ist wesentlich größer als im Vergleich zu heutigen GFK-Yachten. Wird so ein Boot in Schuss gehalten, gibt es (abgesehen vom Motor) nichts Grundlegendes, was ausgetauscht werden müsste. Es ist erstaunlich zu sehen, dass diese Boote nach einer Generalüberholung wieder wie neu aussehen.

Ich bin bereit, ein paar Euro mehr auszugeben, wenn ich dafür weniger Arbeit in die Ausrüstung und Sicherheit des Bootes stecken muss. Handwerklich ungeschickt bin ich zwar nicht, allerdings würde jegliche größere Reparatur den vorhandenen Zeitrahmen sprengen.

Anmerkung: Da ich diesen Artikel vor meinem Segelurlaub geschrieben habe, möchte ich hier nachträglich etwas zu den oben aufgeführten Eigenschaften schreiben, die mir damals wichtig waren. Ich würde heute eine andere Priorität setzen, nämlich auf leichte Bedienbarkeit und Manövrierbarkeit. Es ist schon sehr praktisch, wenn alle Leinen ins Cockpit geführt sind und das Segel einfach in einen Lazy Bag fällt. Auch ist eine moderne Rumpfform mit optimal angeströmtem Ruder wesentlich leichter zu manövrieren als ein Langkieler. Den Rest würde ich aber wieder genau so unterschreiben.

Noch spätere Anmerkung (das Weichei schlägt durch): Da ich mittlerweile auch viele Motorbootfahrer in der Adria an mir vorbeirauschen gesehen habe, frage ich mich, wie es wohl mit solch einem Motorrenner aussähe… Man könnte sich zum Beispiel so ein Sea Ray Teil kaufen (zur Seite), wo man zwar nicht viel Freude an Duschkabinen und Rundsitzgruppen hat, dafür ist man aber in drei Stunden von Italien nach Kroatien gedüst, kann sich dort eine Grillplatte reinpfeifen und ist am nächsten Mittag wieder zurück am Strand von Bari. Hat alles seine Vor- und Nachteile. Der Wind kann einem schnurz sein und falls sich das Wetter verschlechtert, ist man in Null Komma nix im nächsten Hafen. Wer sich so ein Sportboot kaufen will, kann sich mal auf der Seite im angegebenen Link informieren. Dort gibt es auch Gebrauchtboote.

Segeln auf der Ostsee 3: Das Scheinesammeln

Wenn man nicht gerade mit einem winzigen und nahezu unmotorisierten Boot unterwegs ist, benötigt man in Deutschland zum Befahren der Seeschiffahrtsstraßen eine Bescheinigung. Man sagt, die Amerikaner haben das Internet erfunden, die Deutschen haben es daraufhin reglementiert. So ähnlich ist das beim Segeln auch. Dem deutschen Bürger traut es sein eigener Staat nicht zu, dass er freiwillig Vorbereitungskurse besucht, bevor er sich auf See begibt. Daher gibt es eine Scheinpflicht und das Produkt nennt sich „Sportbootführerschein See (SBF See)“. Liegt ein Fluss auf dem Weg zum Meer, wie das zum Beispiel bei den Berlinern der Fall ist, wird zusätzlich der „Sportbootführerschein Binnen“ benötigt. Hat man auch noch ein einfaches UKW-Funkgerät an Bord, ist mindestens das „Short Range Certificate (SRC)“, wenn nicht gar das „Long Range Certificate (LRC)“ fällig. Je nach eingebauter Funkanlage. Oh, und auch hier gibt es natürlich separate Scheine für Seefunk und Binnenfunk, ist doch klar. Möchte man sich das Boot nicht gleich kaufen, sondern lieber erstmal mieten, dann möchte der Vercharterer obendrein noch den „Sportküstenschifferschein (SKS)“ sehen.

Rechnet man all diese Anforderungen zusammen, so kommt man im ungünstigsten Fall auf 6 Bescheinigungen, die man sowohl zeitlich als auch finanziell unter einen Hut bekommen muss. Ganz abgesehen vom umfangreichen Prüfungsstoff, der irgendwie verdaut und wiedergekäut werden muss. Da ich selbst vor habe, mir ein eigenes Boot zu kaufen, sind lediglich der SBF See und das SRC notwendig – sofern mein Boot denn eine Funke haben wird. Zwei Scheine also, das ist zu schaffen. Wie und wo ich den SBF See gemacht habe, beschreibe ich im Artikel „Sportbootführerschein See in Kühlungsborn“.

Segeln auf der Ostsee 2: Segeln, aber für wie lange?

Das Gefühl, wenn man im Bugkorb sitzt und nichts anderes als das Rauschen des Wassers hört und den wehenden Wind spürt – das ist einfach unbeschreiblich schön. Das ist eine erste Vorstellung von Freiheit. Klar, wenn ich alle unsere gemeinsamen Segel-Urlaube und auch meine eigenen Unternehmungen zusammen zähle, dann werde ich bis heute auf kaum mehr als zwei bis drei Monate reines Segeln kommen. Aber immerhin, für berufstätige Menschen schon mal nicht schlecht. Nur, wirklich weit kommt man mit dem normalerweise zur Verfügung stehenden Jahresurlaub nicht. Zieht man von den insgesamt 30 Tagen noch ein paar ab für Weihnachten, Herbst und Frühjahr, so bleiben vielleicht 20 übrig. Je nach Revier können diese 20 Tage bei schlechtem Wetter und somit Zwangspause leicht auf 10 bis 15 Tage reines Segeln schrumpfen. Das langt mir nicht.

Zunächst muss also geklärt werden, welche Möglichkeiten es gibt, um Job und Segelwunsch unter einen Hut zu bekommen.

Die große Lösung: gar nicht erst versuchen, Job und Segeln unter einen Hut zu bekommen, sondern direkt kündigen und ab ins Blaue. Klingt prima, ist aber nur möglich, wenn die Finanzen stimmen und man auch die weiteren Konsequenzen zu tragen bereit ist:

  • Wohnung untervermieten oder auflösen
  • Haushalt verkaufen oder einlagern
  • Kein regelmäßiges Einkommen mehr, dafür teure Versicherungen, etc.

Der unbestreitbare Vorteil ist natürlich, dass anschließend zu 100% Segeln angesagt ist, keine halben Sachen.

Die etwas kleinere Version: ein Sabbatical. Also den Job für einen vordefinierten Zeitraum von einem halben bis zu einem ganzen Jahr unterbrechen. Hierbei kann das häusliche Leben weitestgehend stillgelegt werden, man kann aber noch jederzeit zurück ins gemachte Nest. Und vor allem muss man sich keine Sorgen über den Wiedereintritt ins Berufsleben machen.

Bei laufendem Job gibt es die beiden folgenden Möglichkeiten: Teilzeit arbeiten oder unbezahlten Urlaub nehmen.

Teilzeit arbeiten. Das heißt, man arbeitet natürlich Vollzeit, kann sich die angesparte Teilzeit aber anschließend am Stück gönnen. Vorteil ist, dass der Arbeitgeber den Wunsch nach Teilzeit nicht verweigern darf. Bei einer halben Stelle könnte man also ein halbes Jahr Segeln gehen. Nachteil ist, dass kein Arbeitgeber verpflichtet ist, den erfahrenen Matrosen ein Jahr später wieder in Vollzeit statt in Teilzeit einzustellen. Es sei denn, dies wurde vertraglich vereinbart.

Unbezahlten Urlaub nehmen. Um bei den oben genannten Zahlen zu bleiben, würde das bedeuten, 20 Tage bezahlten und 20 Tage unbezahlten Urlaub zu nehmen. Damit wäre man 2 Monate unterwegs, hätte noch ein paar Urlaubstage für andere Zwecke übrig und hätte außerdem kaum Gehaltseinbußen. Nachteil: kein Arbeitgeber der Welt kann gezwungen werden, unbezahlten Urlaub zu genehmigen. Ausserdem verfällt bei unbezahltem Urlaub von mehr als einem Monat die Verpflichtung der Firma, weiterhin Sozialabgaben und Krankenversicherung zu zahlen. Sofern man jedoch einen guten Draht zu seinem Chef hat und die Urlaubszeit nach Absprache in einen günstigen Zeitraum legt, erscheint mir dieser Weg als der beste.

Allerdings haben alle Wege (aber vor allem die beiden Letztgenannten) für Berufstätige einen gemeinsamen, gewaltigen Nachteil: sie können beim Arbeitgeber leicht den Eindruck erwecken, dass einem die persönliche Freizeit und Abenteuerlust wichtiger ist als der Job. Ich würde sogar behaupten, dass es aus Karrieregesichtspunkten in vielen Berufen das Todesurteil ist, Teilzeit zu beantragen. So muss also jeder für sich selbst entscheiden, welche Version für ihn am besten ist.

Ich bin den Weg „unbezahlter Urlaub“ gegangen. In meinem Fall hielten sich sowohl die Karriereaussichten als auch die aktuelle Firmenkonjunktur schwer in Grenzen, daher war mein Chef sogar grundsätzlich angetan von der Idee des unbezahlten Urlaubs. Denn in manchen Branchen schwankt die Auftragslage einer Firma doch sehr stark und da kommt eine vorübergehende Einsparung in Form eines Monatsgehalts doch sehr gelegen.