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Im Dschungel von Sumatra

Ich erinnere mich daran, als kleiner Junge früher im Fernsehen einen Werbespot für ein bestimmtes Parfum gesehen zu haben. Es hieß „Sumatra Rain“ und wie ich gerade gegoogelt habe, gibt es das immer noch. Die Werbung bestand hauptsächlich aus einem langen Flug über den tiefgrünen, dampfenden Dschungel von Sumatra. Oder vielleicht war es auch nur der Bayerische Wald, so genau sieht man das von oben schließlich nicht. In meiner Phantasie tobte unter dem Blätterdach jedenfalls das pralle Leben und die vielen Affen, Papageien und Säbelzahntiger warteten nur darauf, von mir entdeckt zu werden. Außerdem war ich großer Fan des Marsupilamis. Und wer das kennt, der weiß, dass der Urwald voller Abenteuer ist und man an jeder Ecke vollreife Früchte pflücken kann. Soweit mein Kopfkino.

20 Jahre später. Nachdem ich die letzten beiden Jahre beruflich häufiger in Indonesien unterwegs war, formte sich der Entschluss, auch unbedingt einmal den Urwald zu besuchen. Was weiß man schon groß über Sumatra? Dass es eine riesige Insel ist, die zu Indonesien gehört. Dass dort Orang-Utans leben. Und wer ein bisschen die Nachrichten verfolgt hat, dem wird vor allem die nördliche Provinz Aceh aus zwei Gründen etwas sagen. Zum einen hausen dort die islamistischen Fundamentalisten, die gelegentlich mit der Machete für Gottesfurcht sorgen. Zum anderen schlug hier der Tsunami von 2004 ein.

Nach einiger Recherche im Netz habe ich mich entschieden, ausgehend von Ketambe eine geführte Tour zu buchen. Man muss ein wenig aufpassen, worauf man sich einlässt. Es wird in dieser Region leider auch viel Schindluder mit Touristen und Affen betrieben. Man karrt sie haufenweise zu Aufzuchtstationen für ausgewilderte Orang-Utans, wo diese regelmäßig gefüttert werden. Die Affen. Wie „natürlich“ das ist, wenn ein paar Affen um einen Berg mit Bananen streiten, während sie von Touristen fotografiert und begrapscht werden, das sei einmal dahingestellt. Aber zumindest haben diese Affen ein wie auch immer geartetes Leben, während ihre freien Artgenossen langsam aber sicher dezimiert werden.

Im Dorf Ketambe ist das anders. Hier gibt es das „Friendship Guesthouse & Restaurant“, welches durch tatkräftiges Engagement des Deutschen Uwe Richter aufgebaut wurde. Betrieben wird es von Ahmad, der dort als Concierge, Koch und Organisator tätig ist. Das Dorf liegt am Rande des Gunung Leuser Nationalparks mitten auf Sumatra. In etwa dort, wo im Werbespot das Flugzeug drüber geflogen ist, da bin ich mir sicher. Die Anreise erfolgte in meinem Fall zunächst über Singapur, wo sowieso alle Langstreckenflüge runterkommen und nach einem kleinen Hoppser mit einer lokalen Fluggesellschaft ist man dann schon in Medan. Diese Stadt ist – wie die meisten indonesischen Städte – ein Millionendorf. Riesig und hässlich. Als nächstes bucht man sich einen Platz im Sammeltaxi und schon ist man nach einem Tag schaukeliger Autofahrt in Ketambe. Ein Tipp an alle Nachmacher: bringt euch eine Musikkassette mit eigener Musik mit! Der Fahrer hat möglicherweise nur eine einzige, von der möglicherweise auch nur eine Seite funktioniert und möglicherweise gefällt es nicht jedem, 8 Stunden lang Sumatra-Techno zu hören.

Irgendwann ist aber auch dieser Höllenritt über verkraterte Sandpisten vorbei und man hat nach zwei Reifenpannen und einer Mittagspause Ketambe erreicht. Ausgehend von hier finden die Touren mit einem einheimischen Guide statt. Ich hatte das große Glück, mit John F. Kanedi reisen zu dürfen. Am Namen kann man in etwa sein Alter abschätzen, denn wen seine Eltern bewunderten, ist wohl klar. Mit ihm bin ich drei Tage mit Zelt und Rucksack bergauf und bergab durch den Regenwald gelaufen.

Gleich neben dem Dorf führt ein Weg in Richtung Wald. Bevor wir einsteigen ist erst noch ein kleiner Bakschisch an die irgendwo herumlungernden Parkwächter zu zahlen. Eigentlich ist das schon im Preis mit drin, aber die Praxis sieht nun einmal anders aus. Momentan ist hier aber alles ruhig, wie John meint. Früher, während der Terroraktionen der Islamisten ist er jedoch aus Angst um sein Leben lieber geflüchtet. Die Logik der mordenden Banden war bestechend: er habe mit weißen Touristen zu tun, folglich ist er steinreich und solle gefälligst zahlen, sonst Arm ab.

Länger als eine Viertelstunde haben wir die T-Shirts nicht anbehalten. Es ist heiß, es ist feucht, wir krabbeln über Stock und Stein und der Schweiß fließt in Strömen. Ich habe noch heute als Souvenir meine durch den Schweiß verfärbte und zersetzte Trekkinghose im Schrank liegen. Die Geräuschkulisse ist einmalig. Man betritt den Urwald fast so, wie man eine Kirche betritt: viele laute Geräusche werden gedämpft, die leisen werden jetzt erst hörbar. Sonnenstrahlen, die zwischen den Urwaldriesen den Boden erreichen, verdeutlichen den enormen Temperaturunterschied zwischen Licht und Schatten. Wir folgen dem Trampelpfad hinein ins Grüne.

Um Affen zu finden, gibt es zwei Möglichkeiten: man folgt den lauten Rufen, die durch ihr Echo verstärkt über weite Entfernungen zu hören sind. Oder man folgt ihren Exkrementen. Gerade Orang-Utans haben einen durchdringenden Geruch, der von ihren verdauten Früchten ausgeht. Ein kurzer Blick nach oben, und schon sieht man den peinlich ertappten Affen. John ist ja ein braver Guide mit Respekt vor den Tieren. Er hört auf zu rauchen, wenn wir in ihre Nähe kommen und bedeutet mir, ruhig zu sein. Andere Guides würden mit Ästen gegen die Bäume schlagen, um die Affen aus der Reserve zu locken, sagt er. Die Touris sollen ja was geboten kriegen, und wenn es nur ein flüchtender Orang-Utan ist.

Wir haben nur zweimal das Glück, einen Menschenaffen zu sehen. Und eine der Begegnungen verläuft etwas stressig, da es sich um eine Orang-Utan Mutti mit Baby handelt. Und diese hatte wohl in der Vergangenheit schon schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, so dass sie jetzt einen Höllenradau veranstaltet. Schließlich schwingt sie sich hoch über unsere Köpfe, reißt einen armdicken Ast ab und wirft ihn nach uns. Diese Tiere haben eine schier unvorstellbare Kraft.

Unser Lager schlagen wir am Flussufer auf. Da wir nur zu zweit sind, reicht ein Kuppelzelt und draußen eine Decke als Wohnzimmer. Ruck zuck haben wir ein Feuer entzündet und John fängt an, das Flusswasser abzukochen. Ich habe dieses leicht rauchig schmeckende Wasser und den daraus zubereiteten Tee drei Tage lang getrunken und hatte keinerlei Probleme. Das Essen wird im Wok über dem offenen Feuer zubereitet und John macht eine Nudelpfanne oder Dschungel-Pancakes. Es ist erstaunlich – der Tag ist mit den wenigen Aktivitäten vollkommen ausgefüllt. Wir genießen die Ruhe, beziehungsweise die sich langsam ändernde Geräuschkulisse des Waldes bei Einbruch der Nacht und hauen uns dann aufs Ohr.

Am nächsten Morgen werden wir unsanft geweckt, das ganze Zelt wackelt und lautes Gekreische umgibt uns. Ich schrecke auf, schaue rüber zu John und denke, er steht draußen am Zelt und erlaubt sich einen Spaß. Leider liegt er auf der anderen Seite und schaut mich genauso entgeistert an. Wir stürmen raus und das Rätsel ist schnell gelöst: hungrige Affen toben im Baum über unserem Zelt und wollen uns von den knackigen Gourmet-Blättern vertreiben, die es hier zu holen gibt. Um das zu unterstreichen, werfen sie alles nach uns, was sie in die Finger bekommen. Und das sind auch abgestorbene, kiloschwere Baumstümpfe, die sie von oben auf uns herunter plumpsen lassen. Kriminelle gewitzte Viecher, unsere nächsten Verwandten.

Das war eindeutig zu viel Aufregung gleich am frühen Morgen. Jetzt erst mal hinein in die heißen Quellen am Fluss, um wieder zu relaxen. Sumatra und eigentlich ganz Indonesien ist vulkanisch heftigst unterwegs. Alle Nase lang bricht irgendwo ein Vulkan aus und so kommt es, dass es hier auch viele heiße Quellen gibt. Wo diese sich mit dem kühlen Flusswasser vereinen, haben Generationen vor uns schon kleine Bassins aus Steinen gebaut, in denen es sich hervorragend kuren lässt. Einmal ist wohl eine Touristin zu nahe an der Quelle ins Wasser gefallen… das sollte man vermeiden.

Auch vermeiden sollte man es, zu lange auf dem selben Fleck Urwaldboden stehen zu bleiben. Denn dort lauern schon die Leeches, die Blutegel. Sie recken sofort gierig ihren Körper in die Höhe, wenn Sie warmes Blut im Umkreis von drei Metern riechen. Auch ohne Augen kriechen sie zielsicher auf einen zu und wetzen schon ihr Mundwerk. Zum Glück tragen wir so eine Art Säcke, welche die Füße bis hinauf zu den Waden bedecken. Dort kommen sie nicht durch. Trotzdem musste ich John einmal von so einem vollgesogenen Ding an seinem Rücken befreien. Wo die nicht alles hineinkriechen, wenn man nicht aufpasst.

An diesem Tag haben wir den Fluß zweimal überquert. Einmal auf einem glitschigen Baumstamm und einmal fast nackt durchs Wasser mit den Klamotten auf dem Kopf. Die Strömung hat es in sich und so müssen wir zwei Leichtgewichte uns ordentlich gegen die Strömung stemmen, um nicht weggespült zu werden. Am anderen Flußufer laufen wir gleich Barfuß weiter und ich merke, warum wir Menschen einst von den Bäumen gestiegen sind: unsere Füße sind perfekt dazu geeignet, um sich auf dem weichen Waldboden fortzubewegen.

Auf einer Lichtung mit Wasserfall machen wir eine Pause. Die Sonne bricht sich einfach zu perfekt in den zerstäubenden Tropfen. Es flirrt und flimmert in der Luft, dass es eine Freude ist. Wäre ich eine Wasserratte, dann würde ich jetzt kopfüber am Fuße des Wasserfalls einfach hineinspringen. Aber im Schatten ist es plötzlich gar nicht mehr so warm und wir entscheiden uns, zurück zum Lager zu gehen.

Kurze Zeit später treffen dort drei merkwürdige Gestalten ein. Es sind ein paar junge Kerle, Vogelfänger aus dem Dorf mit Macheten im Gürtel. John kennt sie, hat aber kein gutes Wort für sie übrig. Wir sind beide froh, als sie wieder abziehen. Als es dunkel wird, fallen ein paar Regentropfen und wir machen ein Feuerchen aus speziellem Holz. John sucht dafür einen ganz bestimmten Baum und bricht einen Zweig ab. Das Holz ist dermaßen mit Harz getränkt, dass es auch im frischen Zustand und sogar bei Regen brennt, erstaunlich.

Diese Nacht verläuft ruhig und so können wir am letzten Tag frisch und erholt losmarschieren. Unterwegs kommen wir an Bäumen und Schlingpflanzen vorbei, deren Struktur so massiv wie die Takelage eines Segelbootes ist. Breite Wurzeln und starke Lianen kämpfen gegeneinander, bis der Baum in der Regel den Kürzeren zieht und stirbt. Auf diese natürliche Art entstehen im Dschungel immer wieder Schneisen im Dickicht durch eingestürzte Baumriesen. Dort haben dann wieder andere Arten eine Chance, das Tageslicht zu nutzen.

Nachdem wir giftige Schlangen, sich häutende Bäume, knospende Stinkblumen und blühende Schimmelpilze hinter uns gelassen haben, öffnet sich der Wald. Wir treten hinaus und ich bin erstmal sprachlos: eben noch dichter Urwald, kurz darauf stehe ich mitten in einer Plantage für Palmöl. Was einem ständig über die Medien gepredigt wird, scheint zu stimmen. Das Abholzen des Waldes für dieses Öl ist eine Tatsache. Den indonesischen Staat interessiert es eher wenig, dass er damit zulässt, dass die einzigartigen Orang-Utans von Sumatra immer weniger Lebensraum finden. Hier zählt nur das schnelle Geld. Wenn der Tourismus stärker wäre, hätten die Umweltschützer ein gutes Argument. Aber die Region ist einfach zu weit ab vom Schuss. Man kann förmlich zusehen, wie diese Dritte-Welt-Länder das Naturerbe der Menschheit vernichten. Da hilft auch das Trinken von ein paar Kästen Krombacher-Pils nichts. Nein, da hilft nur eins: hingehen, bevor es keinen Urwald mehr gibt.

Kaffee und Tee in ihren Ursprungsländern

Es ist überall das gleiche: die Leute trinken diese widerwärtigen Instant-Coffees und Industrie-Tees bis zum Abwinken. Damit meine ich jetzt nicht uns Deutsche, die zwangsweise in einem Land ohne echter Tee- und Kaffeekultur leben müssen (nein, Eduscho ist nicht die Krönung und Dallmayr trägt nicht zur Kaffeekultur bei und auch ihr Norddeutschen habt den Tee bloß importiert!). Damit meine ich Inder, Indonesier und sogar Österreicher. Das klingt unsinnig? Abwarten.

Klar, in Indien wächst der Tee in Topqualität an den Hügeln des Himalajas, ebenso in Indonesien und das gleiche gilt für Kaffee. Einer der besten Kaffees, die ich bis jetzt trinken durfte, stammt aus Indonesien. Dieses billige Pulver kann es mit jedem Lavazza-Super-Duper Espressopulver aufnehmen. Ist ja auch echter gemahlener Kaffee! Einfach auf die türkische Art rein in die Tasse, dann die Tasse unter einen Heißwasserboiler halten, umrühren, und fertig. Oh, und wer es authentisch indonesisch mag , der schüttet noch 100 g Kondensmilch hinein.

Aber was denken die Einheimischen selber über ihren Kaffee? „Kann ja nix sein, kommt nicht aus dem Westen…“. Traurig aber wahr, selbst Inder, die es nach Indonesien verschlagen hat, bevorzugen portionsweise abgepackten Instant-Coffee. Und der ist noch nicht mal annähernd mit „normalem“ extrahiertem Kaffee zu vergleichen. Im Gegenteil, das Zeug löst sich in einer Wolke aus weißem Schaum mit braunen Schlieren auf und schmeckt wirklich kein bisschen nach Kaffee. Es ist vergleichbar mit diesen wasserlöslichen Capuccino-Drinks, die es damals in jeder Studentenbude gab, auch in meiner. Ein pappiges, meistens überzuckertes Gesöff, das wahrscheinlich noch nicht einmal Koffein enthält.

In dieselbe Kategorie fällt der – ebenfalls in Studentenkreisen – so genannte „Kakachino“. Man zapft ihn für einige Cent aus einem mannshohen Automaten im Flur vor dem Vorlesungsraum. Immer ärgerlich, wenn jemand vorher Gemüsesuppe gewählt hat… Geschmacklich ist das Produkt schwer einzuordnen. Es repräsentiert eine Mischung aus Kaffee, Schoko, Gemüsesuppe und Milchpulver. Würde mich auch nicht wundern, wenn der Hersteller ab und an nur aus Spaß die einzelnen Fächer für die Pulversorten vertauscht.

Extrahierter Kaffee kann dagegen sehr gut sein. Damit meine ich diesen Kaffee, dem mit Hilfe irgendwelcher brutalen Verfahren nach dem Brühen das Wasser entzogen wurde. Der schmeckt sogar echt nicht übel und man darf ihn guten Gewissens überall dorthin mitnehmen, wo die Kaffeemaschine etwas overdressed wirken würde. Zum Beispiel beim Camping, auf dem Boot, oder bei Rock am Ring, um nur mal einige Einsatzmöglichkeiten zu nennen.

Doch zurück zum eigentlichen Thema, nämlich den Menschen in Kaffee-und-Teekulturellen Ländern. Als ich in Mumbay war, musste ich stundenlang bei sengender Hitze durch die Stadt latschen, bis ich endlich an einem tauglichen Teegeschäft vorbei kam. Ich rede nicht von einem Supermarkt, dort bekommt man den gleichen Tee wie überall sonst auf der Welt. Ich meine ein Geschäft, welches indischen Tee verkauft. Vermutlich macht das einfach kein Inder, seinen Tee in einem Teegeschäft zu kaufen und deshalb sind diese Läden so selten. Möglicherweise lässt man sich auch von seinen Verwandten im Himalaja einmal im Jahr einen Sack Teeblätter mitbringen und das war’s dann.
Jedenfalls fand ich dort Tee, der wenigstens hübsch verpackt war. Ansonsten war er keine Offenbarung.

Aber was haben die eingangs erwähnten Österreicher in dieser Runde zu suchen? Auch das ist schnell erklärt. Denn obwohl die Ösis selber natürlich keinen Kaffee anbauen, so haben sie sich doch immerhin ein gutes Stück Kaffeekultur bewahrt und zwar in Form ihrer Nationalgetränke wie „Großer Brauner“, „Wiener Melange“ etc. So ein Käffchen stilecht in einem K. u. K. Kaffeehaus zu trinken, das hat schon was.
„K. u. K.?“
Na, Kaffee und Kuchen natürlich. Aber auch die Österreicher haben es geschafft, sich erfolgreich von ihrer Kultur zu entfremden. So war ich neulich bei einem Kunden in Kärnten, und man glaube es oder nicht, in dessen Büro stand eine ganze Wand mit Kakachino-Automaten. Die tragen mittlerweile sogar die großen Namen, wie Dallmayr etc. Aber das Ergebnis ist immer noch das gleiche wie früher zu Uni-Zeiten:

Gemüsesuppiger Schoko-Kaffee.

Frittiertes Kulturgut

Dass man in Indonesien gern Frittiertes isst (zum Beispiel „Fliegende Fische“), hatte ich früher schon geschrieben. Frittiert wird aber eigentlich alles, was nicht rechtzeitig aus dem Wok hüpfen kann. Es gibt in jeder Stadt mindestens ein Geschäft, wo in einem riesigen Kessel vor der Tür heisses Öl kocht und im Inneren des Ladens die Frittaten abgepackt in Tüten zu kaufen sind. Verschiedene Gemüsesorten, Obst, Nüsse, Reis, Kartoffeln, einfach alles. Die Logik dahinter ist ja auch bestechend: backe es aus in heissem Öl, gib Salz, Zucker und Gewürze über das knusprige Zeug und verkaufe diese Droge zu einem guten Preis! Wohin das führt, erkennt man schnell an Einheimischen, die es sich leisten können: das Volk verfettet.

Genauso halten es die Inder. Das fettige Gift wird hier unter dem Namen „Chivda“ verkauft. Der Snack besteht aus in Fett gebratenen Nüssen, Reis (gepuffter, so wie die Kellog’s Rice Krispies), Rosinen und Kokosfleisch. Die Hälfte der Packung ist folglich Öl oder Fett und nach ein paar Happen von diesem Kraftfutter kann man die Beine von sich strecken. Das Dumme ist nur, dass man nicht aufhören kann, diese würzige Mischung in sich hineinzuschaufeln. Es macht wirklich süchtig.

Es ist im Prinzip ähnlich wie das Pemmikan der amerikanischen Indianer, welches allerdings aus Tierfett, Nüssen und anderen haltbaren Kalorienbomben besteht. Damit schafft man es locker durch die Prärie, auch ohne zwischendurch einen Büffel zu erlegen.

Die indischen Indianer dagegen bringen dieses Zeugs liebend gerne mit nach Deutschland, damit sie die ersten Tage etwas zu essen haben. Denn nichts interessiert einen Inder brennender, als die Frage, welche Nahrung ihn ausserhalb der Heimat wohl erwarten mag. Und so kommt es, dass sich meine lieben indischen Kollegen ihre Koffer mit Snacks, Instant-Nudeln und Instant-Coffee füllen, nur um ja nichts unbekanntes im wilden Europa essen zu müssen.

Auch sehr praktisch ist eine konzentrierte Mischung aus gerösteten und dann gemahlenen Erdnüssen, welche mit reichlich Spice versetzt wurde. Mit diesem Pulver und einem Kilo Reis überlebt ein Inder jeglichen Kulturschock. Das Zeug macht übrigens ebenfalls süchtig…

Hier noch ein Rezept für Chivda aus der Region Maharashtra, zum Selbermachen.

Batavias schwarze Kanäle

Jakarta besitzt so etwas wie eine Altstadt. Es ist bloß nicht wirklich viel davon übrig geblieben. Im Wesentlichen sind es nur noch zwei, drei Gebäude, die ein bisschen Altertum ausstrahlen. Und dazu zähle ich jetzt mal nicht die Bauwerke, welche einfach nur verrottet, aber nicht historisch sind (also halb Jakarta). Wirklich antik ist beispielsweise das „Museum Fatahillah“ (Historisches Museum und ursprüngliches Rathaus), welches ich mir heute ansehen wollte. Dummerweise wollten das einige hundert Schulklassen auch, und so hab ich das mal schön sein lassen.

Zweimal hat man mich überfallen, allerdings nur zum Interviewen. Einige Schulklassen hatten wohl die Aufgabe, Touristen aus der Menschenmenge zu fischen und ihnen diverse Fragen zu stellen. Nicht nur meine Antworten auf diese Fragen von historischer Bedeutung („Where are you from?“), auch meine Signatur schmückt jetzt die Poesiealben einiger indonesischer Mädchen.

Die Gegend an sich ist hier an Unattraktivität schwer zu überbieten. Genau in diesem nördlichen Zipfel der Stadt hatten die alten Holländer Anfang 1700 ihr „Batavia“ gegründet. Es lag – und liegt immer noch – in einer sumpfigen Küstengegend, welche mit Kanälen zum Abführen des Wassers durchzogen ist.
Wenn unsere lieben Nachbarn ja schon immer eines konnten, dann war das Kanäle bauen. Und so ziehen sich diese stehenden, brackigen und tiefschwarzen Gewässer auch heute noch durch diesen Teil der Stadt. Für die Slumbewohner ist das ein Segen, so braucht hier keine Müllabfuhr vorbeizukommen. Einmal im Jahr zur Regenzeit zieht dann Petrus die Spülung. Das muss reichen.
Ich hatte mich schon immer gefragt, wenn in Büchern vom „süßlichen Gestank der Verwesung“ die Rede ist, wie das wohl riecht. Jetzt weiß ich es, und ich kann gern darauf verzichten.

Schon als James Cook mit seiner „Endeavour“ um 1770 herum in Batavia einen Zwischenstopp einlegte, konnte er den Aufenthalt nicht kurz genug halten. Ein Großteil seiner gesunden Matrosen hatte sich dank Mosquitos mit Malariafieber und allen möglichen anderen Krankheiten angefreundet. Wie er das fand, hat sein Biograph J. C. Beaglehole sehr realistisch beschrieben, ein Auszug:

„Batavia, said Cook, was certainly a place that Europeans need not covet to go to. ‘Founded by the Dutch on the ruins of Jakarta in the early seventeenth century, it had been instrumental in extending their empire through the East Indies, had sent vast riches to the Netherlands, seen the coming and going of fleets, had provisioned and loaded and mended them; gained a reputation as ‘Queen of the Eastern Seas’. It was a queen that stank to heaven, corrupt and filthy.“

Dem ist auch 240 Jahre später nichts mehr hinzuzufügen.
Gerade die korrupte Polizei hat auch heute wieder einmal bewiesen, dass alles beim alten ist: mein Fahrer durfte nach einer Kontrolle erstmal etwas Bakschisch abdrücken, bevor es weiterging. Aber das hatte ich selbst ja auch schon erlebt.

Wer sich für die Reisen von Capt’n Cook interessiert, dem empfehle ich das Buch „James Cook – Die Entdeckung eines Entdeckers„, da es auf sehr unterhaltsame Weise davon erzählt, wie der Autor der Cook’schen Route nachgereist ist.

Ach ja, Mittagessen gab es wieder im „Grand Duck King„. Neben Soft Shell Crab, Barbecue Duck und diversen Dim Sum habe ich wieder einmal Hühnerfüße probiert. Das unscharfe Schrottfoto zeigt ein einsames Füßlein in scharfer Sauce. Interessant ist, dass tatsächlich jede Zehe aus mehreren Knöchelchen besteht, ganz wie beim Menschen. Entsprechend umständlich ist das Essen und ich habe es dann auch aufgegeben.