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Wandern auf Madeira mit Poncho

Ein paar Jahre zurück empfahl mir der besorgte Vater, beim Wandern doch bitte immer einen dünnen Plastik-Poncho mitzunehmen. Man könne ja nie wissen in den Bergen, der Regen überrascht einen möglicherweise und da wäre ich doch froh, dieses gelbe Ungetüm dabei zu haben.

Hier geht man steil

„Jo, Vadder…“ dachte ich mir und packte das hässliche Ding in die hinterste Ecke meines Wander-Inventories. Ich gab ihm noch die Schnellzugriffstaste „F12“ und vergaß es daraufhin für viele Jahre – bis es eines Tages unverhofft seinen Einsatz bekommen sollte. Aber dazu später mehr…

2013 Madeira (72) steilküste

Für einen Badeurlaub oder bloß zum Räkeln am Strand eignet sich die Insel Madeira wirklich nicht. Genauso wie bei den etwas südlicher liegenden Kanarischen Inseln fällt auch vor Madeira das Wasser innerhalb kürzester Entfernung vom Ufer schon auf einige tausend Meter Tiefe ab. Der Albtraum für alle Freischwimmer mit tief verwurzelten Urängsten vor der unergründlichen, dunklen See. Wer aber schonmal mitten auf dem Meer von einem Boot gesprungen ist und dann mit Wonne direkt nach unten in die Tiefe geschwommen ist, der wird das einfach nur geil finden. Wie tief kommt man da wohl hinunter? Wo ist jetzt nochmal „oben“? Und will man dort oben überhaupt wieder hin? Aber wir sind ja zum Wandern hier.

 

Jedenfalls, ohne sanft umspülter Küste und ohne Korallenriffen in der Nachbarschaft bildet sich nunmal auch kein weißer Sandstrand vor einer Insel. Dafür gibt es aber spektakuläre Steilküsten, hohe Berge, grüne Wälder und verträumte Dörfer. „Verträumt“ klingt dabei definitiv besser als „verlassen“, auch wenn das eher zutreffen würde. Man merkt, dass die Einwohner hier lieber einen Job im Tourismus suchen, als im bergigen Land den Boden zu beackern oder dem Fischfang nachzugehen.

2013 Madeira (66) wandern machico

Wassertransport per Lavedas

Für Wanderer ist die Insel dagegen ideal. Das Wetter ist ganzjährig passabel und die Temperaturen pendeln um die 20° Celsius. Bei schönem Wetter ist es sommerlich warm, auch im Winter. Kurz gesagt, normalerweise ist hier T-Shirt-Wetter. Gewandert wird vor allem entlang der Levadas. Das sind endlose Kanäle aus Stein oder Beton, die etwa einen halben Meter breit sind. Mit Hilfe eines minimalen Gefälles transportieren sie das Wasser aus den verregneten Bergen in die südlichen, trockenen Winkel der Insel. Dank des zentralen Mini-Gebirges sammeln sich die Wolken und damit der Regen nämlich bevorzugt an der Nordseite von Madeira, wo der feuchte Passatwind aufsteigt und abregnet. Und damit die gesamte Insel in den Genuß von reichlich Wasser kommt, haben die findigen Ur-Madeirenser schon vor Jahrhunderten das Problem mit eben diesen Levadas gelöst. Eine Arbeit für Generationen, wenn man bedenkt, wie lang diese Kanäle sind und in was für unwegsames Gelände sie in den puren Stein gekloppt wurden. Wobei man auch hier erwähnen sollte, dass die alten Portugiesen sich dabei eher selten die Hände schmutzig gemacht haben. Diese harte und gefährliche Arbeit wurde gern den Sklaven aus Afrika überlassen. Die kamen hier eh vorbei auf dem Weg in die Neue Welt und da hat man sich gleich mit bedient.

2013 Madeira (129) levada stein

Der verweichlichte Wanderer von heute frohlockt jedenfalls, denn an den hübsch bepflanzten und gepflegten Wegen entlang der Kanäle lässt es sich vorzüglich wandern. Steile Anstiege gibt es fast gar nicht. Nur selten einmal balanciert man auf 50 cm Breite zwischen der Levada und dem Abgrund. Abgründe gibt es genug, daher empfiehlt die örtliche Tourismusbehörde, nicht alleine aufzubrechen und immer eine Trillerpfeife dabei zu haben. Falls man abrutscht und mit gebrochener Hüfte unter einem Felsen begraben liegt, kann man also immer noch vor sich hinträllern und hoffen, dass Jorge, der Landschaftsgärtner, einen auf seinem wöchentlichen Kontrollgang findet…

 

Das Handy ist leider keine große Hilfe, denn alle EU-Gelder sind bereits in die unheimlich wichtige Autobahn und den Flughafen mit seiner Airbus-A380-kompatiblen Landebahn geflossen. Für ein paar zusätzliche Funkmasten war einfach kein Geld mehr da. Spaß beiseite, in den engen Tälern und Schluchten hat man einfach keinen Empfang, so simpel ist das. Nix mit eben mal per Whatsapp das coole Selfie von sich selbst und der Wildnis posten… hier ist man einfach – allein. Und das ist gut so. Statt der 112 muss man also auf der Pfeife trällern. Aber so schnell verdurstet man ja nicht, die Levadas sind immer gut gefüllt. Manchmal auch mit toten Ratten und Katzen. Aber im Fall der Fälle ist man ja nicht so zimperlich.

2013 Madeira (21) levada wanderweg

Die Nebelberge

Nicht alle Wandertouren führen entlang von Levadas. Wo ein Gebirge ist, und sei es noch so kompakt, gibt es natürlich auch hochalpine Routen. Und die sollte man nicht unterschätzen. Wetter und Berg verhalten sich hochalpin, da kann einen von Nebel, über gefrorenen Boden bis zum Steinschlag einfach alles erwarten. Früher war der Weg durch das Zentralmassiv die kürzeste Verbindung zwischen Nord und Süd. Auf den engen Pfaden wurden sämtliche Güter transportiert, die rüber mussten. Wenn man sich vorstellt, dass kräftige Kerle damals eine 40 Liter fassende Ziegenhaut schleppten und man selbst mit seiner knapp 10 Kg wiegenden Wander-„Handtasche“ schon gut bedient ist, dann wird einem klar, was für eine Plackerei das gewesen sein muss.

Wer auf dem Encumenada-Pass steht, hat die Hälfte des Weges geschafft und sieht den Atlantik sowohl an die Nord- als auch an die Südküste von Madeira donnern. Von hier starten einige Wanderwege und die Straße führt weiter in Richtung der Hochebene Paul de Serra, wo es noch mehr zu entdecken gibt. Wer die Abgeschiedenheit liebt, kann sich hier in die Encumenada Lodge einquartieren, ein modernes Hotel mit allem Komfort. Man ist aber tatsächlich ziemlich am Pobbes der Zivilisation, das sollte einem bewusst sein.

2013 Madeira (47) pico grande ruivo arieiro

Auf den höchsten Berg der Insel, den Pico Ruivo, kann man fast komplett mit dem Auto fahren, was ihm das Spektakuläre auch so ziemlich komplett nimmt. Wer sich den Gipfel lieber selber verdienen möchte, sollte sich eher in Richtung Pico Grande oder Pico do Arieiro orientieren. Nachdem man seinen untermotorisierten Mietwagen im ersten Gang zum Forsthaus kurz hinter der letzten Siedlung geprügelt hat, folgt eine schöne 4 bis 5 stündige Wanderung, deren Highlight die Besteigung des Pico Grande ist. Spektakulär sind ein paar steil abfallende Stellen, wo man sich tunlichst an den (hoffentlich vorhandenen) Stahlseilen einpicken oder zumindest festhalten sollte.

Im Gegensatz zu den Levada-Touren gilt für alle Bergtouren, dass man so früh wie möglich aufbrechen sollte. Ab Mittag schwappen die Wolken gnadenlos über den Gebirgskamm und füllen die Hochtäler bis zum Gipfel mit Nebel. Auch bei meinem „Besteigungsversuch“ war das so. Nur dass ich eben kein Frühaufsteher bin und daher den Versuch kurz vor dem Gipfel abbrechen musste. Hier alleine auf weiter Flur irgendwo in einer Felsspalte zu landen und sich hinterher mit dem Taschenmesser den Arm abschneiden zu müssen… nee, das ist einfach nicht mein Stil. Aber egal, die Aussicht, die man schon bis zur Stelle unterhalb des Gipfels hat, ist phänomenal.

2013 Madeira (12) wandern alpin

Rundwanderwege gibt es kaum

Leider gibt es nur wenige Rundwanderwege auf Madeira. Man ist also entweder gezwungen, mit dem Bus zum Startpunkt zurück zu fahren oder man kehrt je nach persönlicher Kondition nach der Hälfte oder 2/3 des Weges wieder um und läuft die selbe Strecke zurück. Die Busverbindungen sind gut, nur leider in den Bergen nicht so häufig. Und da ich vor einigen Jahren einmal fast die letzte Talfahrt einer Seilbahn verpasst habe (nur Dank aktivem Trampen kam ich noch rechtzeitig an), bin ich seitdem ein großer Freund des eigenen Autos vor Ort. Als Alternative bliebe noch das Taxifahren. In jedem Ort stehen die knallgelben Mercedes-Taxen herum, deren Baujahr in eine Zeit fällt, als man das Blech von Autos noch nicht mit dem kleinen Finger eindrücken konnte.

2013 Madeira (103) levada tunnel

Aber was war jetzt eigentlich mit diesem gelben Poncho? Ganz einfach, auf Madeira fließt immer Wasser. Auch ohne Regen gibt es immer das eine oder andere Rinnsal, dass fröhlich über die Levada-Wege träufelt. Aber besonders nach unwetterartigen Regenfällen wie in diesem Jahr werden diese Rinnsale zu respektablen kleinen Wasserfällen. Kurz gesagt, man hat die Wahl, sich auf der Innenseite der Levada um den Wasserstrom herumzudrücken und dabei nass bis auf die Haut zu werden. Oder alternativ den Absturz in die grüne Hölle an der Außenseite der Levada in Kauf zu nehmen und dafür mit trockener Haut zu sterben.

 

Benutze „Poncho“ auf „Wasserfall“

Und als ich so vor diesem verdammten unpassierbaren Wasserfall stand, ging es mir wie Zak McKracken, dem Helden des gleichnamigen unsterblichen Videogames aus den späten 80ern, einem der ersten Point-and-Click Adventures aller Zeiten, der immer ein volles Inventory mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen mit sich herumschleppte, und man nie wusste, wofür man den ganzen Kram eigentlich aufgehoben hatte. Aber eines Tages kam der Zeitpunkt, wo einem dann intuitiv klar wurde, was man tun musste (oder man hatte die Komplettlösung gekauft…):

„<Benutze> Poncho mit <mir selber> und <gehe> durch die Wand aus Wasser!“

2013 Madeira (131) wasserfall levada

Und so kam es, dass ich an diesem Tag das Rätsel meines gelben Plastikponchos lösen konnte und ihn seitdem in einer etwas besser zu erreichenden Tasche meines unergründlichen Inventories aufbewahre. Er wanderte dann auch umgehend auf die Schnellzugriffstaste „F1“.

Hundeschlitten Fahren im Fulufjället Nationalpark

Schonmal in Norwegen gewesen? Ich erst einmal, und zwar zum Hundeschlitten Fahren. Nicht nur zum herumsitzen im Schlitten, sondern zum selberfahren. Ein ziemlich anstrengender Spaß!

Die Anreise in den Norden über Oslo

Der Ort, wo es hingehen sollte, ist der Fulufjället Nationalpark, welcher eigentlich in Schweden liegt, kurz hinter der Grenze zu Norwegen. Man könnte natürlich auch über Stockholm anreisen, einfacher erschien es mir aber über Oslo. Der Vorteil hierbei ist, dass man so das idyllische norwegische Skigebiet Trysil besuchen und sich dort ein wenig fit machen kann, falls das zu Hause noch nicht geschehen ist (es gibt dort eine unglaublich steile Piste, der Rest ist eher Pipi-Langstrumpfmäßig einfach). Man benötigt natürlich eine gewisse Faible für Schnee, Kälte und teure Alkoholika, um diesem Land etwas Spaß abgewinnen zu können.

Natürlich ist Oslo immer eine Reise wert. Besonders das Kon-Tiki Museum von und über Thor Heyerdahls abenteuerliche Reise mit seinem Schilf-Floß ist sehr unterhaltsam. Wer auf Spinner, pardon, Abenteurer dieser Art steht, dem sei außerdem noch das Buch „Ein Mann, ein Floss, ein Weltmeer: 6700 Meilen über den Pazifik“ von William Willis ans Herz gelegt. Wer sich monatelang nahezu ausschließlich von Kaffee und Zucker ernähren kann und dabei auch noch weiter segelt als Kon-Tiki, hat sich einen Platz neben Herrn Heyerdahl redlich verdient.

 

In Norwegen heizt man mit Holz

Schon gewusst, dass man in Norwegen noch Spikes an den Autoreifen fahren darf? Oder dass ab einer gefühlten Einwohnerzahl von 5 Personen pro Quadratkilometer fast keinerlei Infrastruktur mehr vorhanden ist? So kam es, dass das tief verschneite Haus von Hendrik Stachnau und seinen Hunden fast unzugänglich am Waldesrand zu finden war. Befeuert und beheizt hauptsächlich von einem Holzofen und reichlich Kerzen, das Wasser kam aus einem Eisloch am Fluss. Hendrik ist der Leiter dieser Tour und was das Führen von Hundeschlitten angeht trotz seines jungen Alters ein erfahrener Mann. Ein „Musher“, wie man in Fachkreisen sagt. Ich reiste einen Tag vor dem offiziellen Starttermin an, da ich Hektik nicht mag und mich gerne in der Umgebung akklimatisiere, bevor es losgeht. So bekam ich die Gelegenheit, einige Hunde schon einmal kennenzulernen, außerdem noch 2 Kubikmeter Feuerholz im Schuppen aufzuschichten und mit Hendrik und seiner künftigen Frau bei Kerzenschein deren Geburtstag zu feiern.

Kennenlernen der Hunde

Am nächsten Tag ging es los: die Hendrik-Hunde kamen allesamt in ihre Transportboxen und wir fuhren rüber zu Freunden, wo schon der Rest der Teilnehmer und weitere Hunde warteten. Nachdem Mensch und Hund auf alle vorhandenen Schlitten eingeteilt waren, ging es los. Nach wenigen Metern wusste ich, warum mir Hendrik einschärfte, erstmal nicht von der Bremse zu gehen: diese Tiere („Alaskan Malamut“) haben eine urtümliche Kraft und dazu kommt ihre schiere Freude am Rennen!

IMG_0053 hundeschlitten fulufjallet schweden

Sechs Malamuts ziehen mich Leichtgewicht und den Schlitten mit Vorräten und Ausrüstung als wären wir ein lästiges Anhängsel. Am Ende der Tour sollte ich die Metallkralle, welche als Bremse fungiert, durch das dauernde Betätigen nahtlos durchgetreten haben.

 

Einige der schwereren Teilnehmer kannten dieses Problem nicht: sie mussten hin und wieder absteigen, während wir uns durch den Wald hinauf zum Fulufjället Plateau gekämpft haben. Merke: wer seinen Schlitten loslässt, muss ohne ihn weiterlaufen. Sehr gefährlich für Mensch und Gespann, da es zum Verlust des Schlittens führen kann. Also dranbleiben, koste es was es wolle.

Ich bin ja ganz schlecht im Selbstloben… aber als scheinbar einziger Teilnehmer mit passabler Kondition konnte ich nach dem Abspannen und Verköstigen der Hunde unseren eigenen Hüttenabend noch richtig genießen. Ansonsten herrschte Grabesruhe beim Abendessen. Der ein oder andere plagte sich schon mit dem Gedanken, morgen früh stracks zurück zur Lodge zu laufen. Nur ja nicht mehr diese grenzwertigen Anstrengungen. Verständlich, wenn man übergewichtig ist und im oberschenkeltiefen Schnee einige Höhenmeter hinter seinem Gespann hersprinten musste.

Im Rhythmus der Hunde

Diese eisige Kälte. Diese klare Weite. Ein Himmel, der mehr blaugrau Töne hat als die Eskimos Wörter für Schnee. Hat man sich nach zwei Tagen erst einmal an den Rhythmus aus Hundeversorgen, Schlittenfahren, Hundeversorgen und Schlafen gewöhnt, möchte man gar nicht mehr abreisen. Der Geruch der Hunde und der eigenen Klamotten ist akzeptiert. Sich selbst riecht man schon lange nicht mehr. Jetzt gehören wir zum Rudel.

Und dieses Rudel freut sich unbändig, wenn es bei jedem Zwischenhalt und bei jeder anderen sich bietenden Gelegenheit tüchtig geknuddelt wird! Wer Angst vor Hunden hat ist hier genau richtig. Dieses positive und ungestüme Einfordern von Knuddeleinheiten vertreibt den letzten Zweifel am guten Charakter dieser Tiere. Falls sie doch einmal aggressiv kläffen, bezieht sich das fast immer auf Streitigkeiten innerhalb des Rudels. Dann jedoch sollte man sich als Gast zurückhalten und Hendrik zusehen, wie er als Leitwolf für Ordnung sorgt. Irgendwann hat es jeder begriffen: Mensch und Hund, das passt perfekt zusammen.

Tipps & Tricks für Touristenmusher

Und hier noch ein paar Tipps & Kniffe:

  • Mitbringen: selbstaufblasbare Isomatte, viele warme Schichten an Klamotten, alte Jacke und Handschuhe, warme wasserdichte Schuhe, Stroh Rum 80%.
  • Hunde immer festhalten. Immer. Mit beiden Händen.
  • Falls die Kolonne anhält und man sich vom Schlitten entfernen muss: Anker eingraben(!), Schlitten umlegen.
  • Enge Kurven antizipieren. Hunde rennen immer den direkten Weg.
  • Nicht auf scheinbar festes Eis treten.
  • Im Klohäuschen immer Mütze tragen. Die Eiskristalle, die einem beim Zuschlagen der Tür auf den Kopf regnen stammen von, nun ja, den warmen Dämpfen der Vorgänger…

Ab in den Einkaufswagen

Ich bin zwar kein Verfechter von Wegwerfklamotten. Aber für einen Trip mit dem Hundeschlitten sollte man sich nicht die beste Kleidung anziehen. Sowas hier ist günstig und kann hinterher noch als Arbeitskleidung getragen werden:

Während man die verrückten Segelabenteuer von William Willis liest, gießt man sich am besten einen steifen Grog hinter die Binde:

Als Amazon-Partner verdiene ich an qualifizierten Käufen.

Im Dschungel von Sumatra

Ich erinnere mich daran, als kleiner Junge früher im Fernsehen einen Werbespot für ein bestimmtes Parfum gesehen zu haben. Es hieß „Sumatra Rain“ und wie ich gerade gegoogelt habe, gibt es das immer noch.

Grün ist der Urwald. Und riecht gut.

Die Werbung bestand hauptsächlich aus einem langen Flug über den tiefgrünen, dampfenden Dschungel von Sumatra. Oder vielleicht war es auch nur der Bayerische Wald, so genau sieht man das von oben schließlich nicht. In meiner Phantasie tobte unter dem Blätterdach jedenfalls das pralle Leben und die vielen Affen, Papageien und Säbelzahntiger warteten nur darauf, von mir entdeckt zu werden. Außerdem war ich großer Fan des Marsupilamis. Und wer das kennt, der weiß, dass der Urwald voller Abenteuer ist und man an jeder Ecke vollreife Früchte pflücken kann. Soweit mein Kopfkino.

20 Jahre später. Nachdem ich die letzten beiden Jahre beruflich häufiger in Indonesien unterwegs war, formte sich der Entschluss, auch unbedingt einmal den Urwald zu besuchen. Was weiß man schon groß über Sumatra? Dass es eine riesige Insel ist, die zu Indonesien gehört. Dass dort Orang-Utans leben. Und wer ein bisschen die Nachrichten verfolgt hat, dem wird vor allem die nördliche Provinz Aceh aus zwei Gründen etwas sagen. Zum einen hausen dort die islamistischen Fundamentalisten, die gelegentlich mit der Machete für Gottesfurcht sorgen. Zum anderen schlug hier der Tsunami von 2004 ein.

 

Die richtige Tour finden

Nach einiger Recherche im Netz habe ich mich entschieden, ausgehend von Ketambe eine geführte Tour zu buchen. Man muss ein wenig aufpassen, worauf man sich einlässt. Es wird in dieser Region leider auch viel Schindluder mit Touristen und Affen betrieben. Man karrt sie haufenweise zu Aufzuchtstationen für ausgewilderte Orang-Utans, wo diese regelmäßig gefüttert werden. Die Affen. Wie „natürlich“ das ist, wenn ein paar Affen um einen Berg mit Bananen streiten, während sie von Touristen fotografiert und begrapscht werden, das sei einmal dahingestellt. Aber zumindest haben diese Affen ein wie auch immer geartetes Leben, während ihre freien Artgenossen langsam aber sicher dezimiert werden.

Im Dorf Ketambe ist das anders. Hier gibt es das „Friendship Guesthouse & Restaurant“, welches durch tatkräftiges Engagement des Deutschen Uwe Richter aufgebaut wurde. Betrieben wird es von Ahmad, der dort als Concierge, Koch und Organisator tätig ist. Das Dorf liegt am Rande des Gunung Leuser Nationalparks mitten auf Sumatra. In etwa dort, wo im Werbespot das Flugzeug drüber geflogen ist, da bin ich mir sicher. Die Anreise erfolgte in meinem Fall zunächst über Singapur, wo sowieso alle Langstreckenflüge runterkommen und nach einem kleinen Hoppser mit einer lokalen Fluggesellschaft ist man dann schon in Medan. Diese Stadt ist – wie die meisten indonesischen Städte – ein Millionendorf. Riesig und hässlich. Als nächstes bucht man sich einen Platz im Sammeltaxi und schon ist man nach einem Tag schaukeliger Autofahrt in Ketambe. Ein Tipp an alle Nachmacher: bringt euch eine Musikkassette mit eigener Musik mit! Der Fahrer hat möglicherweise nur eine einzige, von der möglicherweise auch nur eine Seite funktioniert und möglicherweise gefällt es nicht jedem, 8 Stunden lang Sumatra-Techno zu hören.

Ketambe hat einen JFK

Irgendwann ist aber auch dieser Höllenritt über verkraterte Sandpisten vorbei und man hat nach zwei Reifenpannen und einer Mittagspause Ketambe erreicht. Ausgehend von hier finden die Touren mit einem einheimischen Guide statt. Ich hatte das große Glück, mit John F. Kanedi reisen zu dürfen. Am Namen kann man in etwa sein Alter abschätzen, denn wen seine Eltern bewunderten, ist wohl klar. Mit ihm bin ich drei Tage mit Zelt und Rucksack bergauf und bergab durch den Regenwald gelaufen.

Gleich neben dem Dorf führt ein Weg in Richtung Wald. Bevor wir einsteigen ist erst noch ein kleiner Bakschisch an die irgendwo herumlungernden Parkwächter zu zahlen. Eigentlich ist das schon im Preis mit drin, aber die Praxis sieht nun einmal anders aus. Momentan ist hier aber alles ruhig, wie John meint. Früher, während der Terroraktionen der Islamisten ist er jedoch aus Angst um sein Leben lieber geflüchtet. Die Logik der mordenden Banden war bestechend: er habe mit weißen Touristen zu tun, folglich ist er steinreich und solle gefälligst zahlen, sonst Arm ab.

 

Schweiß und Blutegel

Länger als eine Viertelstunde haben wir die T-Shirts nicht anbehalten. Es ist heiß, es ist feucht, wir krabbeln über Stock und Stein und der Schweiß fließt in Strömen. Ich habe noch heute als Souvenir meine durch den Schweiß verfärbte und zersetzte Trekkinghose im Schrank liegen. Die Geräuschkulisse ist einmalig. Man betritt den Urwald fast so, wie man eine Kirche betritt: viele laute Geräusche werden gedämpft, die leisen werden jetzt erst hörbar. Sonnenstrahlen, die zwischen den Urwaldriesen den Boden erreichen, verdeutlichen den enormen Temperaturunterschied zwischen Licht und Schatten. Wir folgen dem Trampelpfad hinein ins Grüne.

Um Affen zu finden, gibt es zwei Möglichkeiten: man folgt den lauten Rufen, die durch ihr Echo verstärkt über weite Entfernungen zu hören sind. Oder man folgt ihren Exkrementen. Gerade Orang-Utans haben einen durchdringenden Geruch, der von ihren verdauten Früchten ausgeht. Ein kurzer Blick nach oben, und schon sieht man den peinlich ertappten Affen. John ist ja ein braver Guide mit Respekt vor den Tieren. Er hört auf zu rauchen, wenn wir in ihre Nähe kommen und bedeutet mir, ruhig zu sein. Andere Guides würden mit Ästen gegen die Bäume schlagen, um die Affen aus der Reserve zu locken, sagt er. Die Touris sollen ja was geboten kriegen, und wenn es nur ein flüchtender Orang-Utan ist.

Die Affen toben durch den Wald

Wir haben nur zweimal das Glück, einen Menschenaffen zu sehen. Und eine der Begegnungen verläuft etwas stressig, da es sich um eine Orang-Utan Mutti mit Baby handelt. Und diese hatte wohl in der Vergangenheit schon schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht, so dass sie jetzt einen Höllenradau veranstaltet. Schließlich schwingt sie sich hoch über unsere Köpfe, reißt einen armdicken Ast ab und wirft ihn nach uns. Diese Tiere haben eine schier unvorstellbare Kraft.

Unser Lager schlagen wir am Flussufer auf. Da wir nur zu zweit sind, reicht ein Kuppelzelt und draußen eine Decke als Wohnzimmer. Ruck zuck haben wir ein Feuer entzündet und John fängt an, das Flusswasser abzukochen. Ich habe dieses leicht rauchig schmeckende Wasser und den daraus zubereiteten Tee drei Tage lang getrunken und hatte keinerlei Probleme. Das Essen wird im Wok über dem offenen Feuer zubereitet und John macht eine Nudelpfanne oder Dschungel-Pancakes. Es ist erstaunlich – der Tag ist mit den wenigen Aktivitäten vollkommen ausgefüllt. Wir genießen die Ruhe, beziehungsweise die sich langsam ändernde Geräuschkulisse des Waldes bei Einbruch der Nacht und hauen uns dann aufs Ohr.

Am nächsten Morgen werden wir unsanft geweckt, das ganze Zelt wackelt und lautes Gekreische umgibt uns. Ich schrecke auf, schaue rüber zu John und denke, er steht draußen am Zelt und erlaubt sich einen Spaß. Leider liegt er auf der anderen Seite und schaut mich genauso entgeistert an. Wir stürmen raus und das Rätsel ist schnell gelöst: hungrige Affen toben im Baum über unserem Zelt und wollen uns von den knackigen Gourmet-Blättern vertreiben, die es hier zu holen gibt. Um das zu unterstreichen, werfen sie alles nach uns, was sie in die Finger bekommen. Und das sind auch abgestorbene, kiloschwere Baumstümpfe, die sie von oben auf uns herunter plumpsen lassen. Kriminelle gewitzte Viecher, unsere nächsten Verwandten.

Heiße Quellen und glitschige Baumstämme

Das war eindeutig zu viel Aufregung gleich am frühen Morgen. Jetzt erst mal hinein in die heißen Quellen am Fluss, um wieder zu relaxen. Sumatra und eigentlich ganz Indonesien ist vulkanisch heftigst unterwegs. Alle Nase lang bricht irgendwo ein Vulkan aus und so kommt es, dass es hier auch viele heiße Quellen gibt. Wo diese sich mit dem kühlen Flusswasser vereinen, haben Generationen vor uns schon kleine Bassins aus Steinen gebaut, in denen es sich hervorragend kuren lässt. Einmal ist wohl eine Touristin zu nahe an der Quelle ins Wasser gefallen… das sollte man vermeiden.

Auch vermeiden sollte man es, zu lange auf dem selben Fleck Urwaldboden stehen zu bleiben. Denn dort lauern schon die Leeches, die Blutegel. Sie recken sofort gierig ihren Körper in die Höhe, wenn Sie warmes Blut im Umkreis von drei Metern riechen. Auch ohne Augen kriechen sie zielsicher auf einen zu und wetzen schon ihr Mundwerk. Zum Glück tragen wir so eine Art Säcke, welche die Füße bis hinauf zu den Waden bedecken. Dort kommen sie nicht durch. Trotzdem musste ich John einmal von so einem vollgesogenen Ding an seinem Rücken befreien. Wo die nicht alles hineinkriechen, wenn man nicht aufpasst.

An diesem Tag haben wir den Fluss zweimal überquert. Einmal auf einem glitschigen Baumstamm und einmal fast nackt durchs Wasser mit den Klamotten auf dem Kopf. Die Strömung hat es in sich und so müssen wir zwei Leichtgewichte uns ordentlich gegen die Strömung stemmen, um nicht weggespült zu werden. Am anderen Flussufer laufen wir gleich Barfuß weiter und ich merke, warum wir Menschen einst von den Bäumen gestiegen sind: unsere Füße sind perfekt dazu geeignet, um sich auf dem weichen Waldboden fortzubewegen.

Lieber nicht Vogelfrei sein

Auf einer Lichtung mit Wasserfall machen wir eine Pause. Die Sonne bricht sich einfach zu perfekt in den zerstäubenden Tropfen. Es flirrt und flimmert in der Luft, dass es eine Freude ist. Wäre ich eine Wasserratte, dann würde ich jetzt kopfüber am Fuße des Wasserfalls einfach hineinspringen. Aber im Schatten ist es plötzlich gar nicht mehr so warm und wir entscheiden uns, zurück zum Lager zu gehen.

 

Kurze Zeit später treffen dort drei merkwürdige Gestalten ein. Es sind ein paar junge Kerle, Vogelfänger aus dem Dorf mit Macheten im Gürtel. John kennt sie, hat aber kein gutes Wort für sie übrig. Wir sind beide froh, als sie wieder abziehen. Als es dunkel wird, fallen ein paar Regentropfen und wir machen ein Feuerchen aus speziellem Holz. John sucht dafür einen ganz bestimmten Baum und bricht einen Zweig ab. Das Holz ist dermaßen mit Harz getränkt, dass es auch im frischen Zustand und sogar bei Regen brennt, erstaunlich.

Diese Nacht verläuft ruhig und so können wir am letzten Tag frisch und erholt losmarschieren. Unterwegs kommen wir an Bäumen und Schlingpflanzen vorbei, deren Struktur so massiv wie die Takelage eines Segelbootes ist. Breite Wurzeln und starke Lianen kämpfen gegeneinander, bis der Baum in der Regel den Kürzeren zieht und stirbt. Auf diese natürliche Art entstehen im Dschungel immer wieder Schneisen im Dickicht durch eingestürzte Baumriesen. Dort haben dann wieder andere Arten eine Chance, das Tageslicht zu nutzen.

Palmöl Plantagen statt Orang Utans

Nachdem wir giftige Schlangen, sich häutende Bäume, knospende Stinkblumen und blühende Schimmelpilze hinter uns gelassen haben, öffnet sich der Wald. Wir treten hinaus und ich bin erstmal sprachlos: eben noch dichter Urwald, kurz darauf stehe ich mitten in einer Plantage für Palmöl. Was einem ständig über die Medien gepredigt wird, scheint zu stimmen. Das Abholzen des Waldes für dieses Öl ist eine Tatsache. Den indonesischen Staat interessiert es eher wenig, dass er damit zulässt, dass die einzigartigen Orang-Utans von Sumatra immer weniger Lebensraum finden. Hier zählt nur das schnelle Geld. Wenn der Tourismus stärker wäre, hätten die Umweltschützer ein gutes Argument. Aber die Region ist einfach zu weit ab vom Schuss. Man kann förmlich zusehen, wie diese Dritte-Welt-Länder das Naturerbe der Menschheit vernichten. Da hilft auch das Trinken von ein paar Kästen Krombacher-Pils nichts. Nein, da hilft nur eins: hingehen, bevor es keinen Urwald mehr gibt.

Zur Übersicht der Indonesien Artikel.

Ab in den Einkaufswagen

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