Super! Motor! Yachten!

Je weiter man mit seinem eigenen mickrigen Segelbootchen herumkommt, desto mehr fallen einem die richtig dicken Yachten auf. Natürlich gibt es auch in der Kategorie „Superyacht“ solche mit Segel, aber meistens handelt es sich doch um Motoryachten. Und auch die mit Segeln werden die meiste Zeit von Motoren fortbewegt, da die gediegene Kundschaft ja rechtzeitig zum nächsten Sundowner wieder in der Marina am Steg liegen möchte. Leider habe ich nicht jedesmal auf den Auslöser gedrückt, wenn so ein BRT-Monster an mir vorbeizog. Aber immerhin doch manchmal. Und diese Bootchen möchte ich hier kurz vorstellen.

adria zelda 2014 (87) super yacht high powerBescheidenheit ist keine Tugend unter Superyacht Besitzern. Während kleinere Motoryachten bis 20 m Länge oft noch spaßige Namen tragen, wie zum Beispiel „The Salt Shaker“ oder „Tooth Fairy“, so verschwindet der Spaß bei den wirklich dicken Dingern. Die Namen werden zunehmend einfallsloser und so erhält dann eine Yacht wie die oben abgebildete im Wert von sehr vielen Millionen Euro den Namen „High Power III„. Da wäre selbst einem Dreijährigen etwas besseres eingefallen. Warum sie vorne hinter dem Bug diesen nashornförmigen Turm spazieren fährt, das weiß wohl auch nur der Konstrukteur. Nein, gerade habe ich es gegoogelt, auch das italienische Designbüro lässt sich darüber nicht aus.

adria_zelda_2013_ (398) torquise silver shalisDie da oben („Silver Shalis„, endlich mal ein guter Name!) habe ich in der Luka Tiha auf der Insel Hvar gesehen. Was die farblich passende Handtasche für die Dame, ist das farblich passende Beiboot für die Superyacht.

adria_zelda_2013_ (169) motor yacht unlimited 88Die hier, malerisch vor Primosten aufgenommen, ist zwar mit knapp 30 m noch gar nicht so riesig. Sie darf trotzdem schon einen langweiligen Namen tragen und hört auf „Unlimited 88„. Bei der 88 komme ich ein wenig ins Grübeln… in Deutschland bedeutet dieser Zahlencode in gewissen Kreisen ein verschlüsseltes „HH“, was das braune Gesocks gerne als Abkürzung für den gegenseitigen Gruß verwendet. Vielleicht ist es auch nur das Baujahr der Eignertochter. Nein, es ist natürlich die Länge in Fuß. Eigentlich ungewöhnlich, sie bei Booten dieser Länge noch im Namen mit anzugeben.

adria zelda 2014 (52) motoryacht maltaDie hier ist jetzt wirklich namenlos, aber sie fährt mir jedes Jahr über den Weg. Wirklich ständig. Der Kapitän müsste mich also schon kennen. Letztes Mal stand er gelangweilt auf der Außenbrücke und hat einen sehr netten, sehr großen Bogen um mich gemacht. Wenn das mal alle Motoryachten täten, dann würden mittags meine Spaghetti auch nicht vom Herd fallen. So klein ist sie eigentlich gar nicht. Aber aufgrund des Alters könnte sie nach einigen Besitzerwechseln wieder zurückgefallen sein in die Kategorie der Spaßnamen. Vielleicht ist es eine „Zeitverschwendung“  oder eine „My Pride and Toy“. Oder – sie kommt ja schließlich aus Malta – es handelt sich um die legendäre „Maltese Falcon“ (hier abgebildet im Tarnzustand).

adria_zelda_2013_ (534) royal clipperUnd hier die letzte aber dafür auch dickste Lady: die „Royal Clipper„. Vor vielen Jahren schon einmal in der Karibik gesehen, hier auf dem Bild liegt sie gerade vor Hvar (Stadt). Sie gilt zwar als Segelschiff, aber einer der Masten ist in Wahrheit ein Schornstein. Und da sie aus eingangs genannten Gründen die wenigste Zeit segelt, kann man sie getrost zu den Super Motoryachten zählen.

Mehr Bilder habe ich nicht parat, aber wer möchte, findet im Mittelmeer Skipper Forum ein Thema, das sich lang und breit mit  „Yacht Spotting“ beschäftigt.

Wer einen Sportbootführerschein besitzt und schon einmal reinschnuppern möchte wie es ist, so viele PS unter dem Hintern zu befehligen, der kann das zum Beispiel in den spanischen Gewässern bei Ibiza oder Mallorca tun. Es ist möglich, sich dort ein Boot zu mieten und damit mal flott zwischen Ibiza und Formentera hin- und herzudüsen. Während meine Fähre damals beim Gitarrenbaukurs noch eine gute halbe Stunde bis nach Formentera brauchte, schafft es so ein Motorspielzeug wohl in 10 Minuten. Preise finden sich dann auch auf der genannten Webseite: eine 40 m lange Megayacht ist dort schon für um die 100.000 Euro zu haben (Charterpreis, pro Woche).

Abschließend noch eine Liste der längsten Yachten der Welt auf Wikipedia, die sich wie ein Best-Of der Scheichs, Oligarchen und Softwaremilliardäre liest.

Die Kokerei Hansa in Dortmund – eine Führung

Schon mal darüber nachgedacht, woher Stahl kommt? Wo das Erz gefördert wird? Wie man Koks zur Metallgewinnung erhält? Und woher die Kohle zur Koksgewinnung stammt? Eine Führung im Ruhrgebiet schafft Klarheit.

Ich sehe mich noch heute, in mittelalterliche Kleidung gewandet, mit Lederstiefeln an den Füßen und einem Schwert auf dem Rücken durch den winterlichen Taunus stiefeln… zumindest in meiner Phantasie, während ich aus dem Kinderzimmerfenster schaute und von den Hausaufgaben abschweifte. Doch wie eigentlich in J.R.R. Tolkiens Welt der Stahl hergestellt wird, ist mir auch nach drei Filmen noch nicht klar. Aber es gab einmal eine Zeit, da wollte ich das unbedingt selbst tun: Dinge aus Metall herstellen.

Jahre später war ich dann IT-Student im praktischen Semester. Und der Gedanke trieb mich um, wie cool es doch wäre, mit den eigenen zwei Händen etwas schmieden zu können. Das Praktikum in der IT-Branche langweilte mich, so dass ich mir eifrig die Inhalte diverser Internetforen zum Thema „Schmieden“ reinzog. Klar war, dass ich eine Esse brauchte. Eine alte Feldschmiede mit Fußantrieb war auf Ebay schnell gefunden und für’n Appel und’n Ei gehörte sie mir. Sie war schon von Rost zerfressen und an den meisten Ecken mit Stahlplatten notdürftig ausgebessert. Der alte Bauer, von dem ich die Schmiede abholte, hatte damit jahrzehntelang Hufeisen für seine Pferde hergestellt und repariert. Sein Sohn kauft sowas heutzutage sicherlich bei Amazon und so musste das Teil die Scheune verlassen.

feldschmiede esse koks

Mit dabei war ein dicker Sack mit Kohle, so dachte ich zumindest. Aber eigentlich war das meine erste Begegnung mit Koks. Erst, nachdem ich das Zeug nicht zum Brennen bekam, ging mir ein Licht auf: ich brauche erstmal ein normales Kohlefeuer, bis das rockt! Und so begriff ich den Unterschied zwischen normaler Kohle (entzündet sich relativ schnell, brennt aber mit niedriger Temperatur) und Koks (brennt heiß und bringt Metall zum Glühen, geht aber ohne Sauerstoffzufuhr von selbst aus).
Relativ schnell war klar, dass das ein dreckiges Geschäft ist. Die Nase voll mit Staub, die Hände verbrannt und Muskelkater im Bein wegen dem Tretgebläse… Ausserdem bekam ich noch eine ordentliche Erkältung, weil im Winter natürlich kein Mensch ne Jacke trägt, wenn einem vom Schmieden doch schon warm genug ist. Die Schmiederomantik jedenfalls war verflogen und außer ein paar verbogenen Nägeln hatte ich nichts zustande gebracht. Ein frankfurter Sozialarbeiter hat mir die Esse schließlich dankenswerterweise abgekauft und beschäftigt damit jetzt seine Problemkinder.

kokerei hansa dortmund  (11) kohle förderband

Aber zurück in die Gegenwart. Da hält man irgendetwas aus Edelstahl in der Hand, zum Beispiel einen Schraubendreher. Und doch hat man im Prinzip keinen blassen Schimmer, wie lange es gedauert hat, bis aus diversen Grundstoffen dieses superstabile Werkzeug entstanden ist. Wer es genau wissen will, besucht einfach eine der Führungen im Ruhrgebiet, wo einem die Zechenlandschaft näher gebracht wird. Ich nahm Teil an einer Führung in der Kokerei Hansa in Dortmund Huckarde (auf der verlinkten Seite findet man auch die Öffnungszeiten, Preise, etc.).

Die Kette lautet im Prinzip folgendermaßen: Bergwerk – Kokerei – Hütte

  • In den Zechen (Bergwerken, Minen) wird Kohle und Erz gefördert.
  • Die Kohle wird in der Kokerei von diversen unerwünschten Inhaltsstoffen befreit und zu Koks verarbeitet.
  • Der Koks wird zur Metallgewinnung aus Erz im Hochofen genutzt.
  • Das Metall wird unter Hinzufügung verschiedener Stoffe zu Edelstahl und irgendjemand fertigt daraus die Klinge des Schraubendrehers.

kokerei hansa dortmund  (4) kohle koks schwefel benzol

Ob in dieser Gruppe von Teilnehmern der Führung nur Industrieromantiker waren oder auch Angehörige ehemaliger Kumpel – ich weiß es nicht. Jedenfalls war diese Führung durch die Kokerei Hansa in Dortmund gut besucht. Nachdem es in letzter Zeit ein paar Umbauarbeiten gab, ist der Weg der Kohle bis zur Kokswerdung jetzt ganz einfach für Jedermann begehbar. Los geht es beim Förderband, das früher zu einem guten Teil mit der Steinkohle der benachbarten Zeche bestückt wurde. Die hier verarbeitet Kohle stammt aus verschiedenen Bergwerken und ist daher nicht immer gleich. Das Koks für die Hütten muss allerdings schon von gleichbleibender Zusammensetzung sein. Deshalb wird die Kohle gemischt und hat am Ende eine gleichbleibende Zusammensetzung.

kokerei hansa dortmund  (16) koks verfahren

Was einem Stadtkind vielleicht im ersten Moment genauso fremd ist wie die Kuh auf der grünen Wiese, das ist hier die monumentale Bauweise der Anlage. Es ist nicht ganz falsch, wenn man von Kathedralen und Palästen spricht, die hier für die Kohle gebaut wurden. Was ein wenig fehlt, ist dekorative Inneneinrichtung. Stattdessen werden die gigantischen Räume eben mit Kohle gefüllt. Nachdem sie zerkleinert, gemischt und gesiebt wurde, wird sie auf die über 300 Öfen verteilt. Die Anzahl erscheint viel, aber der Grund ist simpel: jeder Ofen ist weniger als einen halben Meter breit. Dafür aber 12 Meter lang und in der Lage, etwa 16 Tonnen Kohle unter Sauerstoffabschluss zu Koks zu verarbeiten.

kokerei hansa dortmund  (18) koksofen

Während der Erhitzung der Steinkohle entweichen alle möglichen Stoffe, die als Gas über Rohrleitungen abgeführt und auf der anderen Seite der Anlage herausgefiltert werden. Teer, Schwefel, Benzol – hier sammelt sich das Sahnehäubchen der Koksgewinnung. Alles Stoffe, die sich gewinnbringend an andere Industriezweige verkaufen lassen. Wie auch in anderen Branchen profitieren eng beinander liegende Industrien schwer davon, wenn sie ihre „Abfallstoffe“ an den Nachbarn verkaufen können. Für diesen ist es möglicherweise der Grundstoff für ein völlig anderes Produkt.

Am Ende der Tour landen wir in der riesigen Halle der Kompressoren. Hier wurden die Gase mit Hilfe großer, dampfgetriebener Kompressoraggregate verdichtet und schließlich an wen-auch-immer weitergeleitet.

kokerei hansa dortmund  (25) gas kompressor

Und weil es unmöglich ist, einen Artikel über Koks ohne Zweideutigkeiten zu beenden, sei hier noch erwähnt, dass mir Koks in seiner weißen Form bisher noch nicht untergekommen ist. Ein Gagschreiber könnte daraus vielleicht was machen – aber mir fällt dazu bloß ein, dass es das Koks heutzutage quasi aus der Schwerindustrie direkt in die Dienstleistungsgesellschaft geschafft hat.

Ok, der war wirklich schwach.

Segeln auf der Adria 31: Die perfekte Flaschenpost

Schonmal davon geträumt, eine Flaschenpost zu finden? Man schlappt so nichts ahnend durch den Sand und plötzlich: eine beklebte Flasche!
Oder wie wäre es damit: man träumt sogar davon, eine eigene Flaschenpost zu erhalten? Wie man eine solche Flasche versendet, das erklärt dieser Artikel.

Zunächst mal zurück auf den Boden der Tatsachen: der Finder einer Flaschenpost ist niemals der Empfänger. Ok, unter Fischern wäre das vielleicht eine Art von Running-Gag, sich gegenseitig eine Flaschenpost zu schicken: „Jorge, deine Netze stinken, Alter! Gruß, Jose“ oder: „Zlatko fängt nur kleine Fische und hat auch einen kleinen Pulpo! Do viđenja. Ante“.

In Wahrheit sieht es wohl eher mal so aus, dass die Flasche nach tage- oder wochenlangem Treiben im Meer irgendwann an irgendeiner Küste an irgendeiner Kante hängenbleibt und auf ihr Schicksal wartet. Reißt die nächste Windböe sie wieder frei? Kommt die nächste Flut und schwemmt sie wieder in den Kreislauf der Dinge? Kommt vielleicht ein volltrunkener Pauschaltourist daher, macht sich einen Spaß daraus und pfeffert erstmal einen Stein auf die Flasche? Oder wird sie von Herr Abramovic seiner Mega-Yacht in Stücke geshreddert, ohne dass er es überhaupt merkt? Ma waases net. Aber eins ist sicher: irgendwo findet auch die abwegigste Strömung des Mittelmeers ein Ende und die Flasche kommt wahrscheinlich zur Ruhe. Und ab hier ist sie auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen des Finders ausgeliefert.

adria zelda 2014 (112) flaschenpost brief

Der Inhalt einer erfolgreichen Flaschenpost muss folglich immer aus zwei Teilen bestehen, nämlich dem schleimigen Anschreiben an den Finder und der eigentlichen Botschaft. Beide sollte man mit wasserfesten Stiften schreiben, also mit Bleistift oder Buntstift. Texte, die mit Kugelschreiber oder Filzstift geschrieben werden, zerfransen schnell auf feuchtem Papier. Was man in beiden Briefen sinnvollerweise erwähnen sollte:

  • Den Absender, also Bootsname und eigener Name
  • Datum des Abwurfs
  • Position des Abwurfs mit GPS Koordinaten

Der Finder liest natürlich zuerst den Brief an sich selbst, den man sinnigerweise außen um den eigentlichen Brief an den Adressaten herumwickelt. Darin schreibt man, dass man sich unbändig freut, dass diese Flaschenpost ans Ziel gekommen ist und dass der eigentliche Adressat sich noch viel unbändiger freuen würde, wenn der ehrliche Finder diese Flaschenpost mit der regulären (und dummerweise auch kostenpflichtigen) Post weitersenden würde. Ewiger Dank und Jungfrauen im Paradies sind ihm sicher, nur im Diesseits habe er leider keine weitere Belohnung zu erwarten.

Lustigerweise sind Flaschenpostfinder normalerweise nicht in der Position, dass sie jedes Jahr eine Flaschenpost beim Strandspaziergang aufgabeln. Und so finden sie die Sache noch sehr spannend und leiten den Brief aus der Flasche gerne weiter. Außer, man gerät an Jorge, Zlatko oder Ante. Dann fliegt die Flasche wahrscheinlich noch auf hoher See wieder zurück ins Wasser. Was aber auch Ok ist, dann hat die Message in der Bottle noch eine Chance, mehr Strecke zu machen.

Und das bringt uns genau zu dem wichtigsten Punkt: Strecke machen! Eine Flaschenpost ist ja äußerst nachhaltig unterwegs, sprich, sie verbraucht keine Energie und reitet mit der Natur. Wirft man sie ins Wasser an einer Stelle, die laut Windvorhersage optimal ist, so kann es sein, dass sie aus Strömungssicht ganz und gar nicht optimal ist. So passierte mir das zwischen den Inseln Hvar und Brac in Kroatien. Es herrschte Südwind und die Flasche hätte eigentlich schön in Richtung Norden nach Istrien oder meinetwegen auch nach Venedig treiben sollen. Tatsächlich aber habe ich die Strömung vernachlässigt. Die scherte sich nicht besonders um den kurzzeitig wehenden Südwind und verfrachtete die Flasche auf dem kürzesten Wege in die nahe südliche Bucht von Hvar, wo sie wenige Tage später von einem aufmerksamen Menschen gefunden und zurückgesendet wurde. Soweit die hochtrabenden Pläne für diese Flasche.

adria zelda 2014 (110) flaschenpost

Die zweite Flasche aber ist zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs, obwohl sie nur einen Tag später „abgesendet“ wurde. Hoffentlich denkt der Finder an seine eigenen Absendedaten, so dass ich weiß, wo und wann er sie gefunden hat! Aber jetzt mal zur Hardware.

Flasche ist nicht gleich Flasche. Stellt man ein Lastenheft für eine Flaschenpost auf, so fallen die folgenden Begriffe:

  • Langlebigkeit
  • Dicht muss sie sein
  • Stabilität
  • Raum für einen Brief

Damit scheiden schonmal kleine und/oder dünnwandige Flaschen oder solche mit mangelhafter Verschließbarkeit aus. Weinflaschen zum Beispiel. Viel zu dünnwandig. Optimal sind Likör- oder Schnapsflaschen. Sie haben die erforderliche Größe, sie sind aus stabilem Glas und haben meist einen korkenartigen Verschluss. So können sie ruhig einmal gegen die nächste Klippe dotzen und treiben dennoch ihres Weges ohne Leck zu schlagen. Abdichten lassen sie sich auch prima.

Normalerweise haben Schnappsflaschen entweder einen Plastikkorken oder einen Drehverschluss. Nachdem man die Briefe an den Finder und den Empfänger zusammengerollt und hineingesteckt hat, wird die Flasche also erstmal abgedichtet. Dafür eignet sich sehr gut Marine-Fett oder einfach Wachs. Oder am besten beides. Etwas Fett auf das Flaschengewinde schmieren, dann den Deckel aufschrauben. Hinterher alles zusammen mit flüssigem Wachs abdichten, Kalfatern sozusagen. Wer paranoid ist, wickelt jetzt noch Ducktape drumherum, aber das löst sich in der Sonne nach ein paar Wochen sowieso auf. Kann man sich also sparen und den natürlichen Zutaten vertrauen. Nach dem Abwurf wird man beobachten können, dass die Flasche wegen dem schweren Glas doch reichlich Tiefgang hat. Das erklärt auch die Tatsache, dass weniger der Wind als die Strömung die Oberhand über die Zugrichtung der Flasche behält.

Nicht zu vergessen ist das fachmännische Bekleben der Flasche. Niemand stoppt sein Boot wegen einer herumtreibenden Buddel. Wenn aber schon von weitem erkennbar ist, dass mit der Flasche „was nicht stimmt“, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der fachkundige Skipper die Chance zur Übung des „Flasche über Bord“ Manövers wahrnimmt. Ich habe für meine Flaschenposten (bis jetzt zu 77,7% erfolgreich) einfach weißes Papier bemalt und mit durchsichtigem Klebeband außen an der Flasche befestigt.

Die erste Post in 2013 brauchte noch knapp vier Monate. Die zweite in 2014 schaffte es in drei Wochen zum Empfänger. Wenn das bei der dritten in dem Stil so weitergeht, werde ich von jetzt an jeden Brief einfach in das nächste Gewässer werfen. Ist doch erheblich billiger und dauert kaum länger als mit der herkömmlichen gelben Post.

Segeln auf der Adria 30: Ankern unter Segeln

Nördlich von Split auf der Festlandseite gibt es eine großzügige Ankerbucht, an der das Dorf Vinisce liegt. In den letzten Jahren kam es hier immer wieder zu „Unregelmäßigkeiten“, wie es im Küstenhandbuch für Segler so schön heißt. Mit anderen Worten: hier wurde spontan und illegal eine kleine Marina eröffnet, die kurze Zeit später von der Polizei wieder geschlossen wurde. Dann gibt es dort noch das immer wiederkehrende Unwesen von Freibeutern, die abends ihre Runde in der Ankerbucht drehen und frech eine Phantasiegebühr von den dort liegenden Jachten verlangen. Für diese Bucht ist jedoch nie eine Konzession vom Staat vergeben worden und somit liegen hier keine Bojen aus, noch hat jemand das Recht, einfach Geld einzusammeln. Eine alte, zeternde Frau macht das trotzdem und daher hat man (abgesehen vom Bezahlen) zwei Möglichkeiten, die Angelegenheit zu klären: Ausdiskutieren oder einfach vom Boot an Land flüchten. Da ich der Dame schon am Vortag klar gemacht habe, dass ich nicht zu zahlen gedenke, bin ich heute Abend an Land gerudert. Erstens ist das besser für den Stresspegel und zweitens überfiel mich wieder einmal die Lust auf eine Fleischplatte, die es in einem der Restaurants mit Sicherheit geben wird. Aber ich schweife ab.

20140808_195657_ankern vinisce

Die Bucht. Sie ist groß und überwiegend flach, so dass sie ein beliebtes Ziel für Jachten ist, die ankern wollen. Nach einem langen Segeltag komme ich also mit ordentlich Rückenwind an den Eingang der Bucht und denke mir, wofür eigentlich jetzt den Motor anmachen? Der Wind bläst mich doch schon seit über einer Stunde bis auf wenige Grad genau in die Bucht hinein. Also bleibt das große Vorsegel oben. Und wieder eine Viertelstunde später denke ich mir, du wolltest doch schon immer mal ausprobieren, wie es ist, nur unter Segeln zu ankern. Gedacht, getan. Das Großsegel ist eh schon seit heute Mittag eingeholt, denn bei Wind von hinten trägt es nicht viel zur Geschwindigkeit bei. Also steht nur noch die Genua, welche ich nun schrittweise einrolle, um nicht zu schnell zu sein. Man braucht erstaunlich wenig Segelfläche, da einen der Wind sowieso anschiebt. Das Einrollen des Vorsegels geht auf Vorwindkurs sehr gut und so gleite ich lautlos mit 2 bis 3 Knoten Fahrt in die Bucht und erfreue mich an den Kommentaren der am Ufer badenden Urlaubsgäste. Ob sein Motor wohl kaputt ist?

Schon von weitem sehe ich geradeaus ein schöne Lücke zwischen den vor Anker liegenden Jachten. Da will ich rein. Ich fahre so platt vor dem Wind wie möglich, um im Notfall noch anluven und ausweichen zu können. Der Motor ist natürlich startbereit – aber diesmal soll er ja ausbleiben. Da ich am Bug keine Ankerwinsch habe, hole ich den Anker aus der Backskiste, schaue ob die Leine klar ist und warte auf den richtigen Augenblick. Die Genua ist bis auf einen Fetzen eingerollt und ich habe immer noch 2 Knoten Fahrt drauf. Mehr soll es nicht sein, denn wenn mein Anker greift (und das tut er immer), soll es mir die Heckklampe nicht ausreißen.

adria_zelda_2013_ (529) ankern unter segeln

Der Anker fällt, ich gebe Leine, belege an der Heckklampe und harre der Dinge… Nur, es passiert nichts, außer dass ich stehen bleibe. Das Boot ruckt leicht ein, das ist schon alles. Das Segel ist natürlich noch gebläht und ich rolle es nun komplett aus, um mehr Druck auf die Ankerleine zu geben. Ende des Manövers. Ein lustiger Anblick, so mitten im Feld der Ankerlieger mit geblähten Segeln auf der Stelle zu stehen. Später tauche ich noch den Anker ab, nur um festzustellen, dass er sich vorbildlich eingebuddelt hat.

adria_zelda_2013_ (254) vinisce bucht

Vor lauter Stolz und Selbstzufriedenheit über diese gelungene Aktion hatte ich eigentlich fest damit gerechnet, dass mir die Crews auf den anderen Booten Beifall klatschen, mich auf ein Bier einladen und mir dann ihre Töchter schenken. Aber leider blieb es wie üblich bei meinem eigenen Ankerbier. Das war dann aber doppelt so lecker!

Wandern auf Madeira mit Poncho

Ein paar Jahre zurück empfahl mir der besorgte Vater, beim Wandern doch bitte immer einen dünnen Plastik-Poncho mitzunehmen. Man könne ja nie wissen in den Bergen, der Regen überrascht einen möglicherweise und da wäre ich doch froh, dieses gelbe Ungetüm dabei zu haben. „Jo, Vadder…“ dachte ich mir und packte das hässliche Ding in die hinterste Ecke meines Wander-Inventories. Ich gab ihm noch die Schnellzugriffstaste „F12“ und vergaß es daraufhin für viele Jahre – bis es eines Tages unverhofft seinen Einsatz bekommen sollte. Aber dazu später mehr…

2013 Madeira (72) steilküste

Für einen Badeurlaub oder bloß zum Räkeln am Strand eignet sich die Insel Madeira wirklich nicht. Genauso wie bei den etwas südlicher liegenden Kanarischen Inseln fällt auch vor Madeira das Wasser innerhalb kürzester Entfernung vom Ufer schon auf einige tausend Meter Tiefe ab. Der Albtraum für alle Freischwimmer mit tief verwurzelten Urängsten vor der unergründlichen, dunklen See. Wer aber schonmal mitten auf dem Meer von einem Boot gesprungen ist und dann mit Wonne direkt nach unten in die Tiefe geschwommen ist, der wird das einfach nur geil finden. Wie tief kommt man da wohl hinunter? Wo ist jetzt nochmal „oben“? Und will man dort oben überhaupt wieder hin?
Aber wir sind ja zum Wandern hier.

Jedenfalls, ohne sanft umspülter Küste und ohne Korallenriffen in der Nachbarschaft bildet sich nunmal auch kein weißer Sandstrand vor einer Insel. Dafür gibt es aber spektakuläre Steilküsten, hohe Berge, grüne Wälder und verträumte Dörfer. „Verträumt“ klingt dabei definitiv besser als „verlassen“, auch wenn das eher zutreffen würde. Man merkt, dass die Einwohner hier lieber einen Job im Tourismus suchen, als im bergigen Land den Boden zu beackern oder dem Fischfang nachzugehen.

2013 Madeira (66) wandern machico

Für Wanderer ist die Insel dagegen ideal. Das Wetter ist ganzjährig passabel und die Temperaturen pendeln um die 20° Celsius. Bei schönem Wetter ist es sommerlich warm, auch im Winter. Kurz gesagt, normalerweise ist hier T-Shirt-Wetter. Gewandert wird vor allem entlang der Levadas. Das sind endlose Kanäle aus Stein oder Beton, die etwa einen halben Meter breit sind. Mit Hilfe eines minimalen Gefälles transportieren sie das Wasser aus den verregneten Bergen in die südlichen, trockenen Winkel der Insel. Dank des zentralen Mini-Gebirges sammeln sich die Wolken und damit der Regen nämlich bevorzugt an der Nordseite von Madeira, wo der feuchte Passatwind aufsteigt und abregnet. Und damit die gesamte Insel in den Genuß von reichlich Wasser kommt, haben die findigen Ur-Madeirenser schon vor Jahrhunderten das Problem mit eben diesen Levadas gelöst. Eine Arbeit für Generationen, wenn man bedenkt, wie lang diese Kanäle sind und in was für unwegsames Gelände sie in den puren Stein gekloppt wurden. Wobei man auch hier erwähnen sollte, dass die alten Portugiesen sich dabei eher selten die Hände schmutzig gemacht haben. Diese harte und gefährliche Arbeit wurde gern den Sklaven aus Afrika überlassen. Die kamen hier eh vorbei auf dem Weg in die Neue Welt und da hat man sich gleich mit bedient.

2013 Madeira (129) levada stein

Der verweichlichte Wanderer von heute frohlockt jedenfalls, denn an den hübsch bepflanzten und gepflegten Wegen entlang der Kanäle lässt es sich vorzüglich wandern. Steile Anstiege gibt es fast gar nicht. Nur selten einmal balanciert man auf 50 cm Breite zwischen der Levada und dem Abgrund. Abgründe gibt es genug, daher empfiehlt die örtliche Tourismusbehörde, nicht alleine aufzubrechen und immer eine Trillerpfeife dabei zu haben. Falls man abrutscht und mit gebrochener Hüfte unter einem Felsen begraben liegt, kann man also immer noch vor sich hinträllern und hoffen, dass Jorge, der Landschaftsgärtner, einen auf seinem wöchentlichen Kontrollgang findet…

Das Handy ist leider keine große Hilfe, denn alle EU-Gelder sind bereits in die unheimlich wichtige Autobahn und den Flughafen mit seiner Airbus-A380-kompatiblen Landebahn geflossen. Für ein paar zusätzliche Funkmasten war einfach kein Geld mehr da. Spaß beiseite, in den engen Tälern und Schluchten hat man einfach keinen Empfang, so simpel ist das. Nix mit eben mal per Whatsapp das coole Selfie von sich selbst und der Wildnis posten… hier ist man einfach – allein. Und das ist gut so. Statt der 112 muss man also auf der Pfeife trällern. Aber so schnell verdurstet man ja nicht, die Levadas sind immer gut gefüllt. Manchmal auch mit toten Ratten und Katzen. Aber im Fall der Fälle ist man ja nicht so zimperlich.

2013 Madeira (21) levada wanderweg

Nicht alle Wandertouren führen entlang von Levadas. Wo ein Gebirge ist, und sei es noch so kompakt, gibt es natürlich auch hochalpine Routen. Und die sollte man nicht unterschätzen. Wetter und Berg verhalten sich hochalpin, da kann einen von Nebel, über gefrorenen Boden bis zum Steinschlag einfach alles erwarten. Früher war der Weg durch das Zentralmassiv die kürzeste Verbindung zwischen Nord und Süd. Auf den engen Pfaden wurden sämtliche Güter transportiert, die rüber mussten. Wenn man sich vorstellt, dass kräftige Kerle damals eine 40 Liter fassende Ziegenhaut schleppten und man selbst mit seiner knapp 10 Kg wiegenden Wander-„Handtasche“ schon gut bedient ist, dann wird einem klar, was für eine Plackerei das gewesen sein muss.

Wer auf dem Encumenada-Pass steht, hat die Hälfte des Weges geschafft und sieht den Atlantik sowohl an die Nord- als auch an die Südküste von Madeira donnern. Von hier starten einige Wanderwege und die Straße führt weiter in Richtung der Hochebene Paul de Serra, wo es noch mehr zu entdecken gibt. Wer die Abgeschiedenheit liebt, kann sich hier in die Encumenada Lodge einquartieren, ein modernes Hotel mit allem Komfort. Man ist aber tatsächlich ziemlich am Pobbes der Zivilisation, das sollte einem bewusst sein.

2013 Madeira (47) pico grande ruivo arieiro

Auf den höchsten Berg der Insel, den Pico Ruivo, kann man fast komplett mit dem Auto fahren, was ihm das Spektakuläre auch so ziemlich komplett nimmt. Wer sich den Gipfel lieber selber verdienen möchte, sollte sich eher in Richtung Pico Grande oder Pico do Arieiro orientieren. Nachdem man seinen untermotorisierten Mietwagen im ersten Gang zum Forsthaus kurz hinter der letzten Siedlung geprügelt hat, folgt eine schöne 4 bis 5 stündige Wanderung, deren Highlight die Besteigung des Pico Grande ist. Spektakulär sind ein paar steil abfallende Stellen, wo man sich tunlichst an den (hoffentlich vorhandenen) Stahlseilen einpicken oder zumindest festhalten sollte.

Im Gegensatz zu den Levada-Touren gilt für alle Bergtouren, dass man so früh wie möglich aufbrechen sollte. Ab Mittag schwappen die Wolken gnadenlos über den Gebirgskamm und füllen die Hochtäler bis zum Gipfel mit Nebel. Auch bei meinem „Besteigungsversuch“ war das so. Nur dass ich eben kein Frühaufsteher bin und daher den Versuch kurz vor dem Gipfel abbrechen musste. Hier alleine auf weiter Flur irgendwo in einer Felsspalte zu landen und sich hinterher mit dem Taschenmesser den Arm abschneiden zu müssen… nee, das ist einfach nicht mein Stil. Aber egal, die Aussicht, die man schon bis zur Stelle unterhalb des Gipfels hat, ist phänomenal.

2013 Madeira (12) wandern alpin

Leider gibt es nur wenige Rundwanderwege auf Madeira. Man ist also entweder gezwungen, mit dem Bus zum Startpunkt zurück zu fahren oder man kehrt je nach persönlicher Kondition nach der Hälfte oder 2/3 des Weges wieder um und läuft die selbe Strecke zurück. Die Busverbindungen sind gut, nur leider in den Bergen nicht so häufig. Und da ich vor einigen Jahren einmal fast die letzte Talfahrt einer Seilbahn verpasst habe (nur Dank aktivem Trampen kam ich noch rechtzeitig an), bin ich seitdem ein großer Freund des eigenen Autos vor Ort. Als Alternative bliebe noch das Taxifahren. In jedem Ort stehen die knallgelben Mercedes-Taxen herum, deren Baujahr in eine Zeit fällt, als man das Blech von Autos noch nicht mit dem kleinen Finger eindrücken konnte.

2013 Madeira (103) levada tunnel

Aber was war jetzt eigentlich mit diesem gelben Poncho? Ganz einfach, auf Madeira fließt immer Wasser. Auch ohne Regen gibt es immer das eine oder andere Rinnsal, dass fröhlich über die Levada-Wege träufelt. Aber besonders nach unwetterartigen Regenfällen wie in diesem Jahr werden diese Rinnsale zu respektablen kleinen Wasserfällen. Kurz gesagt, man hat die Wahl, sich auf der Innenseite der Levada um den Wasserstrom herumzudrücken und dabei nass bis auf die Haut zu werden. Oder alternativ den Absturz in die grüne Hölle an der Außenseite der Levada in Kauf zu nehmen und dafür mit trockener Haut zu sterben.

Und als ich so vor diesem verdammten unpassierbaren Wasserfall stand, ging es mir wie Zak McKracken, dem Helden des gleichnamigen unsterblichen Videogames aus den späten 80ern, einem der ersten Point-and-Click Adventures aller Zeiten, der immer ein volles Inventory mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen mit sich herumschleppte, und man nie wusste, wofür man den ganzen Kram eigentlich aufgehoben hatte. Aber eines Tages kam der Zeitpunkt, wo einem dann intuitiv klar wurde, was man tun musste (oder man hatte die Komplettlösung gekauft…):

„<Benutze> Poncho mit <mir selber> und <gehe> durch die Wand aus Wasser!“

2013 Madeira (131) wasserfall levada

Und so kam es, dass ich an diesem Tag das Rätsel meines gelben Plastikponchos lösen konnte und ihn seitdem in einer etwas besser zu erreichenden Tasche meines unergründlichen Inventories aufbewahre. Er wanderte dann auch umgehend auf die Schnellzugriffstaste „F1“.

Gut Essen auf Madeira

Auch wenn die Madeirenser nicht gerade den Ruf haben, Weltküche aufzutischen, so bekommt man hier doch eine leckere Mischung von Fisch- und Fleischgerichten. Es zwingt einen ja niemand, in Funchal um die Mittagszeit den billigsten Touristenteller mit labberigem Schnitzel und Pommes zu essen. Das war jetzt etwas fies, denn selbst die Touristenkost hat hier noch wirklich solide Qualität. Aber es geht auch besser! Und das ist nicht mal unbedingt sehr viel teurer. Folgende Speisen sollte man probiert haben:

Espada (Degenfisch)
Ein ziemlich langer und schmaler, schwarzer Fisch. Er treibt sich in über tausend Metern Wassertiefe herum und wird mit Angeln gefischt. Beim Hochziehen verfärbt sich seine Haut ins Schwarze. Interessant ist, wie hinterlistig er jagt. Normalerweise schwimmt er mit schlängelnden Bewegungen durch die Gegend und genießt die Ruhe der Tiefsee. Doch wenn er Beute wittert, schießt er lang gestreckt wie ein Stock direkt auf sein Opfer zu. Da er so schmal ist, sieht er von vorne nicht sehr bedrohlich aus und kann sich auf diese Weise seine verdutzte Beute schnappen. Der Haken an dieser Theorie ist nur, dass es da unten eigentlich gar kein Licht mehr gibt und das Opfer den Espada sowieso nicht sehen kann… aber egal, es ist ne tolle Story und wenn’s auf Wikipedia steht, muss es einfach stimmen.

2013 Madeira (142) espada degenfisch

Aber jetzt zum Essen. Der Espada wird in Scheiben geschnitten serviert und sieht dann aus wie seine Kollegen Schwertfisch, Marlin oder Thun. In der Pfanne gebraten landet er auf dem Teller wie ein Steak; der einzige Wirbel lässt sich leicht um-essen bzw. einfach herauslösen, so dass man nahezu grätenfreien Fischgenuss erlebt. Auch für Fischverachter ein Versuch, denn fischig schmeckt der Espada nicht.

Espetada (Fleischspieß)
Klingt fast wie der „Espada“, ist aber Rindfleisch am Spieß. Eigentlich nicht sehr spektakulär, eher wie ein in Stücke gehauenes Rumpsteak, das man auf einen Metallstab gespießt hat. Die Art der Darreichung ist hier das Besondere: der Spieß ist etwa einen Meter lang und wird entweder in einem tragbaren Ständer, der aussieht wie eine Halterung für Ofenwerkzeug, serviert. Oder aber der Spieß wird direkt am Tisch eingeklinkt. Manche Tische haben hierfür extra ein Loch in der Mitte, das keinen Sonnenschirm aufnimmt sondern ein vierkant Stahlprofil, in das sich die Spieße direkt einhängen lassen! Fehlt nur noch eine Machete zum Abernten des Spießes, dann käme echtes Gaucho-Feeling auf. Man kann die Fleischstücke aber auch einfach abziehen, ohne ein Massaker zu veranstalten.

2013 Madeira (78) espetada fleisch spiess lorbeer

Besonders gut schmeckt das Fleisch, wenn zwischen den Stücken frische Lorbeerblätter mitgeröstet werden. Das soll wohl ein wenig darüber hinweghelfen, dass der Espetada zu ganz ursprünglichen Zeiten traditionell mit Ästen des Lorbeerbaumes zubereitet wurde. So viel Lorbeerholz hat es hier nicht mehr, daher nun also mit Metallspieß.
Auf das oberste Fleischstück legt man noch einen Batzen Kräuterbutter, der im Laufe des Schlachtfestes über das Fleisch rinnt und am Boden der Vorrichtung eine schmackhafte Blut-Butter-Sauce bildet. Diese lässt sich ganz vorzüglich aufstippen mit…

Bolo de caco (Knoblauchbrot)
Hierbei handelt es sich um sehr weiches, fladenartiges Brot, das einmal horizontal aufgeschnitten wird. Man kann es sich vorstellen wie fluffiges Pizzabrot oder Lángos. Frisch aus dem Ofen und mit ordentlich Knoblauchbutter bestrichen ist es ein Genuß (wie ja eigentlich alles, was frisch aus dem Ofen kommt).

2013 Madeira (76) bolo de caco knoblauchbrot

Milho frito (frittierte Maiswürfel)
Wenn wir schon bei den Beilagen sind, hier also eine weitere. So kreativ wie die Südtiroler sind die Madeiraner zwar nicht, aber auch sie können aus Polenta tolle Sachen herstellen. In diesem Fall handelt es sich um in Fett ausgebackene Würfel oder Stäbchen aus Maismehl, die gern an Stelle von Pommes serviert werden. Sehr empfehlenswert, weil einfach lecker. Die Teile kommen auch nicht so wuchtig rüber wie das alpenländische Polenta. Solche außen knusprig und innen weichen Mais-Pommes habe ich dort jedenfalls noch nicht gesehen.

2013 Madeira (79) milho frito mais polenta

Bolo de Mel (Gewürzkuchen)
Gewürzkuchen gibt es in vielen Ländern. Bei uns läuft er unter „Lebkuchen“, so wie man ihn an rheinischen Sauerbraten gibt, um die leicht süßliche Sauce zu erhalten. Die Franzosen nennen ihn „Pain d’Epice“ und halten ihn im Burgund, rund um Dijon für etwas einzigartiges. Letztendlich ist es ein sehr süßer, nach Lebkuchen schmeckender Kuchen, der noch ein paar Nüsse und Trockenfrüchte enthält. Die Version aus Madeira wird natürlich mit Zuckerrohrsirup gesüßt und es gibt ihn traditionell zur Weihnachtszeit. Er taugt gut als Mitbringsel und hält dank dem hohen Zuckergehalt ewig. Als Dessert und Magenschließer passt er prima zu einem Gläschen Madeira, beispielsweise einem Bual oder Malmsey. Besonders frischen Bolo de Mel gibt es in der Zuckerrohr Fabrik in Calheta, siehe auch den separaten Artikel.

madeira bolo de mel gewürzkuchen

Lapas (Napfschnecken)
Das Highlight zum Schluss, die urtümlichen „Lapas“. Jeder hat diese krustigen Beulen schonmal gesehen, wie sie an den vom Meer umspülten Felsen kleben. Als Kind hatte ich italienischen Männern teils mit Faszination, teils mit Ekel, dabei zugesehen, wie sie die Napfschnecken mit einem Taschenmesser vom Stein gehebelt und gleich an Ort und Stelle ausgeschlürft haben. Jetzt kam ich endlich in den Genuß, diese Arme-Leute-Austern auch einmal zu probieren. Allerdings im gebackenen Zustand, mit reichlich Kräuterbutter und Zitronensaft garniert. Der freundliche Wirt des Café Klenk, wo ich die Woche über gegessen hatte, war so nett, mir eine Portion zuzubereiten. Normalerweise stehen die Lapas nicht auf der Karte. Sie sind etwas gewöhnungsbedürftig, da sie eine knorpelige Konsistenz haben und auch viel Seetang – oder „Seemoos“ – mitbringen. Wer Weinbergschnecken mag, dem werden jedenfalls auch Lapas schmecken. Recht ähnlich im Geschmack sind die kleinen Meeresschnecken namens „Bulot„, wie sie die Franzosen servieren. Und sogar die fette „Conch„-Muschel aus der Karibik ist eigentlich eine Schnecke. Dort gibt es so viele davon, dass man daraus sogar Gulasch macht. Und zwar ein richtig leckeres.

2013 Madeira (122) lobos schnecken
Aber zurück zu den Lapas. Eigentlich müsste man sagen „Bio-Lapas“. Denn im Gegensatz zu Weinbergschnecken müssen Lapas nicht erst über Salz kriechen, um ihren Schleim zu verlieren. Und gezüchtet werden sie auch nicht. Man kommt also in den Genuß von quasi „freilaufenden“, wilden Napfschnecken, die ein garantiert glückliches Napfschneckenleben hatten!

Natürlich gibt es noch eine Menge anderer Köstlichkeiten auf Madeira zu erkunden. Weitere portugiesische Gerichte findet man bei Wikipedia. Oder auch hier und hier.

Was man in Funchal auf Madeira alles unternehmen kann

Im Gegensatz zum staubigen Felsbrocken Gran Canaria, der eine Flugstunde weiter südlich liegt, begrüßt einen die Insel Madeira mit üppigem Grün und einer Autobahn, auf der man sich fast wie in Deutschland fühlen kann. Gesponsort durch EU-Gelder verläuft sie in schlängelnden Windungen über die Südseite der Insel und bietet viele Tunnels und saftige Steigungen, die schonmal den Einsatz des dritten Gangs erfordern. Die Hauptstadt Funchal ist durch mehrere Abfahrten angebunden und für Touristen leicht erschließbar. Um das Stadtzentrum zu finden, braucht man kein Navi sondern fährt einfach immer bergab, solange, bis man am Meer steht.

Der Yachthafen
Wenn wir schonmal unten an der Uferpromenade stehen, ist der Weg zum Yachhafen nicht weit. Wer das nötige Kleingeld hat, kann sich hier auf einem Trawlerboot zum Sportfischen einchecken oder eine Rundfahrt buchen. Wer einfach nur herumspaziert, sollte sich die äußere Hafenmole einmal genauer ansehen. Da Madeira häufig von Segelbooten angelaufen wird, die den Atlantik überqueren wollen, haben sich hier viele Crews mit bunten Farben an der Betonmauer verewigt. Auch etwas schräge Charaktere kann man dort treffen. Zum Beispiel diesen Fahrradfahrer aus Portugal, der vor längerer Zeit aufgebrochen ist, um kreuz und quer durch Europa zu fahren. Jetzt gerade wartet er auf einen „Freund“, der hier mit seiner „Fähre“ angeblich jedes Jahr vorbeikommt und ihn diesmal mit rüber in die Karibik nimmt. Hmm, also… habe ihm jedenfalls viel Glück gewünscht. Nicht dass er dort drüben so endet wie dieser eine weißbärtige Deutsche, der sich irgendwann in den 80ern in sein klappriges Segelboot setzte, über den Teich fuhr und seitdem völlig abgebrannt im Hafen von Martinique die Touristen anschnorrt.

2013 Madeira (90)_sm

Das Museum für Madeira Wein
Die Firma Blandy’s hat es durch ein glückliches Händchen im Laufe der letzten 200 Jahre geschafft, die Vorherrschaft über alle anderen Hersteller von Madeira Weinen zu erlangen und bietet Touristen eine halbstündige Führung durch das ehemalige Firmengebäude an, das jetzt hochtrabend „Blandy’s Wine Lodge“ heißt. Es liegt genau an der Haupteinkaufsmeile von Funchal und kann gar nicht übersehen werden. Mehr dazu im ausführlichen Artikel hier im Blog.

2013 Madeira (85) blandy

Eine Fahrt mit Bergbahn und Schlitten
Es gibt tatsächlich eine waschechte Bergbahn mit kleinen Knubbelkabinen direkt hier in Funchal. Südlich der Altstadt steht die Talstation direkt am Meer und die Gondeln fahren äußerst malerisch über die Häuser hinweg nach oben zur Bergstation. Dort angekommen, kann man entweder gleich in den Botanischen Garten gehen oder man schaut sich erst die Kirche an und lässt sich dann von verkleideten Einheimischen per Korbschlitten wieder ins Tal rodeln. Habe es nicht selbst ausprobiert und auch der historische Zweck dieser Aktion leuchtet mir nicht ganz ein, aber es soll wohl eine ziemliche Gaudi sein, über den Asphalt zu rutschen. Macht doch wirklich keinen Sinn, erst Zeit beim Abwärtsrodeln zu sparen und dann nach dem Einkaufen in der Stadt den ollen Schlitten wieder den Berg hinauf zu ziehen…
Auf Madeira hat man ja schon das Zeitalter des Walfangs verpennt. Aber dass sie auch die Entdeckung des Rads verpasst haben, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Jedenfalls, unten wieder angekommen, könnte man gleich die Markthallen besuchen oder das Story Center.

2013 Madeira (147) bergbahn

Das Madeira Story Center
Gleich gegenüber von der Talstation der Bergbahn liegt das Madeira Story Center. Hier wird auf multimediale, interaktive und sonstwie coole moderne Art den Besuchern die Geschichte der Insel näher gebracht. Auch verkleidete Menschen sind wieder mit dabei. Und etwas für Kinder. Einen Shop gibt’s natürlich auch. Und die Firma Blandy’s hat hier schon wieder die Finger mit im Spiel. Ich glaube, denen gehört die halbe Insel.

Der Botanische Garten „Jardim Botânico“
Man kann leicht durcheinander kommen mit all den Gärten in Funchal. Abgesehen von Blandy’s Garten (war ja klar, dass die wieder dabei sind), gibt es noch einen Orchideengarten und diverse Stadtparks. Letztendlich ist die gesamte Insel ein Garten. Denn dort, wo man hinspuckt, wächst kurze Zeit später ganz sicher irgendetwas mit intensiven Farben.

2013 Madeira (54) strelizie botanischer garten

Den Besuch des Botanischen Gartens kann man gleich mit einer Fahrt der Bergbahn nach Monte kombinieren. Man stolpert förmlich von der Bergstation direkt in den Garten und kann dort Lustwandeln, bis man keine Pflanzen mehr sehen mag. Das Gelände ist in verschiedene Themenbereiche gegliedert, wo man einheimische Arten, Kakteen oder Nutzpflanzen findet. Außer viel Grünzeug gibt es hier noch einen Pavillon zu sehen, der in Formaldehyd konservierte Fische und Krustentiere ausstellt. Die ältesten Gefäße sind von Ende der 1800er Jahre, als man so langsam begann, die Tiefsee zu erforschen. Zu diesem Thema gab es einmal eine sehr gute Sonderausstellung im Frankfurter Senckenberg Museum, die ihresgleichen suchte. Leider ist man dort wieder zu den spröden Kristallen und morschen Dinoknochen der Dauerausstellung zurückgekehrt.

Weiter hinten, bzw. unten im Garten findet man dann noch eine sehr große Sammlung von Vögeln, und zwar lebenden. Für mich sahen sie alle nach „Papagei“ aus. Wer es genauer wissen will, liest die Infotafeln. Eine schöne Liste mit Beschreibungen der Gärten findet sich auf dieser Seite.

Die Markthalle
Sobald man mit der Gondel wieder unten in der Stadt ist, kann man direkt rüber zur Markthalle laufen. Was man dort zu sehen bekommt und auf welch charmante Art ich dort ausgenommen wurde, steht in diesem Artikel hier im Blog.

Klenk’s Café Rustico in Caniço auf Madeira

Wenn man früher (also zu Zeiten, als es noch die D-Mark gab, eine Mauer und Helmut Kohl) in den Urlaub fahren wollte, besorgte man sich Hefte und Kataloge aus dem Reisebüro über alle möglichen Ziele. Diese waren voll mit Marketinggeschwätz und bunten Bildern, so dass man der genervten Dame vom Reisebüro irgendwann einfach die billigste Dreisterne-Unterkunft ankreuzte und dort seinen Urlaub verbrachte. Heute blättert man nicht mehr durch Papier, sondern durch Webseiten. Die sind natürlich erst recht voll mit bunten Bildern und gefälschten Hotelbewertungen. Aber je länger man stöbert, desto eher findet man diese kleinen Perlen, welche man früher nur durch Mund-zu-Mund Propaganda gefunden hätte. Auch diese gibt es heute virtuell, und so dauert es nicht lange, bis man durch Links und Berichte in Internet-Foren eine solche Perle gefunden hat. Nämlich das „Café Klenk“ in Caniço auf Madeira.

Zum Glück verhält sich die Qualität von Klenk’s Café entgegengesetzt proportional zum Aussehen seiner Webseite. Diese ist noch ganz im Stil der mittleren 90er Jahre gehalten: schön unübersichtlich mit vielen Buttons, verschachtelten Frames, in denen irgendetwas automatisch herum-scrollt und einem stylisch zentrierten Textlayout in allen Farben des Regenbogens. Der Name „Café“ ist ziemlich irreführend. Kaffee kann man hier zwar auch trinken, in erster Linie handelt es sich aber um ein sehr gutes Restaurant und zusätzlich werden auch noch Gästezimmer vermietet. Gleich gegenüber vom Restaurantgebäude befinden sich diese. Zur Auswahl stehen verschiedene einfach eingerichtete Doppelzimmer, teilweise mit kleiner Terrasse aber alle mit Meerblick. Wie fast alle Gebäude auf Madeira liegt auch dieses direkt am Hang, und so genießt man morgens die schönsten Sonnenaufgänge und abends das romantischste Abendrot über den Wellen des Atlantiks.

2013 Madeira (75) cafe klenk canico

Auf der Webseite ist von einem „deftigen“ Frühstück die Rede, das im Zimmerpreis inklusive ist. Hierbei handelt es sich definitiv um eine Untertreibung: es gibt das ganze Programm, man könnte es schon fast als ein Brunch durchgehen lassen. Manchmal gibt’s ein Omelette oder mal einen Kuchen dazu, jedenfalls ist es immer ein „Deutsches Sonntagsfrühstück“, wie es sich Nicht-Deutsche kaum vorstellen können. Alles wird am Platz serviert und vom Cheffe oder seinen Kollegen aufgetischt. Im Café spricht man Deutsch, da der jetzige Besitzer damals zu Helmut-Kohl-Zeiten eine Portugiesin geheiratet hat. Er stammt aus Heppenheim, was am Dialekt nicht ganz zu überhören ist und freut sich schon morgens darauf, mit den Frühstücksgästen ein wenig zu babbeln.

20131219_091037 cafe klenk rustico frühstück

Durch die Deutsch-Portugiesische Verbindung wurden die kulinarischen Vorteile beider Nationen perfekt vereint. Es gibt hier selbstgebrautes Bier, selbstgemachte Wurst und das beste Jägerschnitzel südlich der Alpen. Dazu kommen die portugiesischen Spezialitäten wie Espetada und Espada oder kurz gesagt, Fisch und Fleisch in allen Variationen, auf das Leckerste zubereitet. Sogar mein Wunsch nach „Lapas“, eine einheimische Spezialität aus Napfschnecken, die eigentlich nicht auf der Karte stand, wurde erfüllt. Siehe auch den Artikel über Essen auf Madeira.

20131220_195453 cafe klenk fisch

Was ich normalerweise nie tue, habe ich hier erstmalig gemacht: jeden Tag im gleichen Restaurant essen! Mittags war ich auch mal woanders, aber besser als im Café isst man woanders auch nicht. Dienstag ist allerdings Ruhetag und man muss zwangsweise fremdgehen. Weiter die Straße hinunter findet man ein Hotel neben dem anderen und dort gibt es auch anständige Restaurants. Es ist eigentlich alles zu Fuß oder per Bus erreichbar. Den Flughafentransfer erledigt das Café auf Wunsch. Die Autobahn, welche einen schnell auf der Südseite von Madeira von A nach B bringt, ist nur wenige hundert Meter entfernt. Hat man einen Mietwagen, so ist man in unter einer Stunde zu den meisten Zielen auf der Insel gefahren.

Um es kurz zu machen: das Café Klenk ist günstig gelegen, bietet solide Zimmer zu einem niedrigen Preis sowie außergewöhnlich gutes Essen mit hausgemachten Spezialitäten.

Die Markthalle von Funchal, das Abzockerparadies

Die Markthalle von Funchal, der „Mercado dos Lavradores“, befindet sich gleich in der Nähe vom Altstadtkern, dem Busbahnhof und der Pier für Kreuzfahrtschiffe. Wer die Frankfurter Kleinmarkthalle kennt, wird sich hier gleich wie zu hause fühlen: es gibt Obst- und Gemüsestände noch und nöcher sowie im hinteren Bereich eine separate Fischhalle. Genau wie in der Kleinmarkthalle ist das Obst hier vor allem eines, nämlich sehr teuer.

2013 Madeira (141) markthalle funchal obst

Ich dachte eigentlich, mittlerweile immun gegen die einheimischen Bauernfänger zu sein, aber diesmal handelte es sich um eine außergewöhnlich hübsche Bauernfängerin mit großen, ähm, Körben. Und während ich noch versonnen auf ihre Auslage blickte, hatte sie mich auch schon in ihren Fängen. Hier mal was probiert, da mal gekostet, alles sehr süß und lecker. Und als ich mich dann schließlich für eine Kreuzung aus Banane und Ananas entschieden hatte, hätte ich eigentlich das teuflische Lächeln des Mädchens richtig interpretieren müssen. Aber erst, als sie mir nonchalant den Preis von 8 Euro nannte, wachte ich aus dem süßen Traum auf. Wie in dem Film „Inception“ versuchte mein Verstand das eben gehörte einzuordnen und kämpfte sich mühsam durch mehrere Traumebenen an die Oberfläche. Paralysiert und mit einem debilen Grinsen reichte ich der Verkäuferin meine Geldbörse mit der Bitte, sich doch einfach selbst herauszunehmen, was sie für angemessen hielt…

Erst später, als ich mit baumelnden Beinen an der Pier saß und die Banananas schälte, kam ich wieder zu Bewußtsein. Grund war das kratzende Gefühl am Gaumen und im Hals, das mich noch bis zum Abend begleiten sollte. Doch bis auf die winzigen Stacheln mit Widerhaken daran und die alles betäubende Oxalsäure schmeckte die Ananabane eigentlich prima, ein wenig in Richtung Hubba-Bubba Kaugummi. Außerdem zog sie schleimige Fäden und besaß in ihrem Inneren irgendwelche schwarzen Stippsen. Dass ich mit 8 Euro noch sehr gut weggekommen bin, schildert dieser Artikel sehr anschaulich.

2013 Madeira (144) ananas banane monstera fensterblatt

Das war also die funchaler Markthalle, ein Ort, wo Touristen so richtig ausgenommen werden. Fairerweise muss ich hier anmerken, dass man als Touri auf Madeira ansonsten sehr anständig behandelt wird. Und da man hier dank billigen Cafés schon täglich ein paar Euro spart, muss man sich eben damit abfinden, sie an anderer Stelle wieder loszuwerden.

Das Walmuseum in Caniçal auf Madeira

Manchmal auf Reisen passiert es einem, dass man wie aus dem Nichts vor einem hochmodernen Gebäude steht, das seinen Platz genausogut neben dem MOMA in New York oder an ähnlich spektakulären Ecken der Welt haben könnte. Fährt man ganz in den Osten von Madeira und folgt dem Schild „Museu da Baleia„, so stößt man direkt auf das nagelneue Walfangmuseum in Caniçal.

2013 Madeira (74) walfang museum

Von einer Walfang-Tradition auf Madeira mag man eigentlich kaum sprechen, denn die Phase umfasste nur knappe 50 Jahre, von den 1940ern bis in die 1980er Jahre. Im Gegensatz zu den Bewohnern auf den Azoren kam man hier also erst recht spät auf den Trichter, aus Walen Geld zu machen. Im Museum wird diese Geschichte äusserst unterhaltsam und modern geschildert. Man kann zwar auch einfach nur entspannt durch die Ausstellung schlendern. Es lohnt sich aber, einen Audioguide mitzunehmen und den Ausführungen des Erzählers zu lauschen. Fast wie in einem Hörbuch erhält man Atmosphäre und Informationen zur jeweiligen Schautafel, an der man vorbei läuft. Mittels markierter Stellen am Boden erkennen die Geräte zuverlässig, wo man steht und welcher Beitrag abgespielt werden muss. Es ist also nicht nötig, am Audioguide herumzufummeln, er erledigt alles von selbst. Nur falls man noch ausführlichere Geschichten hören will, muss man eine der Nummern eingeben, die am Exponat angebracht sind. Das lohnt sich besonders dann, wenn man auf einer Bank sitzt und ganz entspannt das Meer durch die Glasfront des Museumsgebäudes beobachten möchte.

2013 Madeira (73) walmuseum Caniçal

An einem verregneten Tag auf der Insel kann man den Museumsbesuch gut dafür nutzen, diesen Geschichten zu lauschen und sich dabei die Einheimischen vorzustellen, wie sie bis zum Bauchnabel im Walgekröse stehen und fröhlich den Speck ernten! Man sollte sich ruhig ein bis zwei Stunden Zeit nehmen und am Ende noch den 3D-Tauchgang im U-Bootsimulator mitmachen. Zurück auf der Straße nach Funchal kommt man unweigerlich an einem der vielen Straßencafés vorbei und kann dort für kleines Geld Kaffee und Kuchen essen. Beides zusammen für 2 Euronen, da lacht das Herz des Großstädters, der ungläubig auf die Rechnung schaut.

Besuch der Rumbrennerei in Calheta auf Madeira

Das Dörfchen Calheta liegt auf der westlichen Südseite von Madeira, nur wenige Autominuten von Funchal entfernt. Nachdem man alle möglichen Tunnels hinter sich gelassen hat, fährt man die abschüssige Straße hinab nach Calheta und kann gleich auf einem Parkplatz am Straßenrand den Wagen abstellen. Wenige Meter danach kommt man schon am Eingang der Rumbrennerei „Engenhos da Calheta“ vorbei. Hier geht es ziemlich ungezwungen zu. Man kann einfach durch das Gebäude spazieren und sich die wenigen verbliebenen Brenneinrichtungen ansehen. Bis auf ein paar Namensschilder gibt es keine Erklärung. Viel zu lernen ist hier also nicht. Das ist ein wenig schade, denn wie es besser geht, zeigen zum Beispiel die großen karibischen Distillerien auf Martinique wie „Dillon„, um nur eine zu nennen.

2013 Madeira (118) rum calheta

Erst beim Shop erwacht der Unternehmergeist wieder. Hier kann man vom Zuckerrohrsirup bis zum fertigen Rum alles kaufen, was das Touristenherz begehrt. Den Zuckerrohrsirup habe ich mir mal gespart – sieht einfach zu sehr nach Rübensirup aus, von dem ich auch kein Freund bin. Wer noch keinen probiert hat, sollte sich hier unbedingt mit dem „Bolo de Mel“ eindecken. Das ist ein dunkles, lebkuchenartiges Gebäck, das zu einem guten Teil mit Zuckerrohrsirup gesüßt wird. Daher findet man hier richtig frisch gebackenen Kuchen, der sich in der Mini-Version auch prima als Mitbringsel eignet. In der Version mit 1,50 Metern Durchmesser eignet er sich dann eher für Showzwecke, und allein deswegen haben sie ihn wohl auch gebacken. Er nimmt ja bloß die Hälfte des Verkaufsraumes ein.

2013 Madeira (113) gigantik bolo de mel

Den erzeugten Rum (hier nennen sie ihn „Aguardente“) kann man natürlich vor dem Kauf probieren und kann dabei feststellen, dass er genauso frisch und grasig schmeckt, wie seine Kollegen in der Karibik. Der weiße Rum zumindest. Kein Wunder, wurde der erste Rum, den wir Europäer genießen durften, doch auf Madeira produziert. Jedenfalls bevor ihm von den karibischen Vettern der Rang abgelaufen wurde.

Blandy’s Wine Lodge in Funchal auf Madeira

Was nochmal war Madeira?
Als ich diesen Urlaub plante und mir dabei überlegte, wo es denn hingehen solle, strich der virtuelle Finger irgendwann auch über die Insel Madeira im Atlantik hinweg. „Madeira“, Moment mal, ist das nicht dieses wertlose Gesöff zum Anrühren verschiedener Saucen, das man in kleinen Miniflaschen an der Supermarktkasse kaufen kann? Gleich neben Underberg, Kleiner Feigling und anderem Alkoholikernachschub?
Fast richtig. Nur, dass es das Zeug auch „in gut“ gibt. Dann ist nämlich Madeira ein meist süßlicher Wein, bzw. Likör, der ähnlich wie Sherry oder Portwein schmeckt. Zwar kann man ihn auch in der teuren Version in Saucen schütten. Aber sinnvoller wäre es, ihn als Dessertwein zu betrachten, der sich gut mit einer Käseplatte oder Schokolade verträgt. In der trockenen Version ist er ein prima Apéritif, der zusammen mit etwas salzigem Knabberzeug den Appetit anregt.

2013 Madeira (86) blandy wein quarter cask

Eine kurze Geschichte des Weins
Die Geschichte, wie dieser Wein entstand, ist schnell mit Hilfe von ein paar Stichworten erzählt: „Wein-Brantwein-Seetransport-Hitze-Madeira“. Wer es genau wissen will, liest die Entstehungsgeschichte auf Wikipedia nach, noch besser auf Englisch, weil geschichtslastiger. Wichtig ist vor allem zu wissen, dass es sich bei den hochwertigen Madeiras allesamt um Weißweinsorten handelt. Die Farbe kommt erst durch die Lagerung im Fass zustande, ähnlich wie bei einem Whiskey. Die Weinreben heißen:

  • Sercial – trocken, aber immer noch süßer als trockener Sherry
  • Verdelho – ähnlich einem medium Sherry
  • Bual – halbsüß
  • Malvasia/Malmsey – Dessertwein, hat das meiste Aroma und das tiefste Rot

Die Trockenheit des Madeiraweins nimmt zu, je älter er wird. Gängige Lagerzeiten sind 5, 10, 15 und 20 Jahre. Diese Weine sind „blended“, kommen also nicht aus einem einzigen Jahrgang sondern werden gemischt. Es gibt auch die „dated“ Weine, welche Jahrgangsweine sind. Man merkt es ein klein wenig am Preis: während man für die 5 bis 20 jährigen Weine gut das doppelte ihres Alters in Euro zahlen muss, ist die Skala für Jahrgangsweine im Prinzip nach oben offen. Für einen 1977er zahlt man im Hersteller-Shop um die 150 Euro. Einer aus den 1930er Jahren sprengt dann schon die 1.000 Euro Grenze.

2013 Madeira (82) blandy wein sorten
Das Alter wird nur an der Lagerzeit im kleinen Fass gemessen. Die Zeit, die ein Wein in den großvolumigen Lagerbehältern verbringt, bevor er in das „quarter cask“ darf, zählt nicht dazu. Auch wenn er einmal in Flaschen abgefüllt ist, stoppt das Jahrezählen. So wurde neulich ein 200 Jahre alter Wein verköstigt, der erst vor wenigen Jahren in die Flasche umzog. Einmal abgefüllt, kann man Madeiraweine im Stehen nahezu endlos lagern. Der hohe Alkoholgehalt ermöglicht es.
Im Vergleich zu einem trockenen Sherry wird einem ein als „trocken“ servierter Madeira aber niemals den Mund zusammenziehen. Es bleibt immer eine Restsüße, so dass selbst der trockenste Madeira im Vergleich zum Sherry eher wie ein Alkopop wirkt. Der Alkopop des achtzehnten Jahrhunderts, sozusagen.

2013 Madeira (88) blandy lager

Eine Führung in Blandy’s Wine Lodge
Erkundet man die Hauptstadt Funchal, so stößt man zwangsläufig auf irgendein touristisches Highlight, wo die Firma Blandy involviert ist. Sei es der Fähranleger für Kreuzfahrtschiffe, ein prachtvoller Garten, das Madeira Story Center oder eben die Wine Lodge. Im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts hat es die Blandy-Familie scheinbar geschafft, sich so ziemlich alles auf der Insel unter den Nagel zu reißen, was von Bedeutung ist. Und so kommt es, dass man dank professionellem Marketing Tamtam an diesem Namen nicht mehr vorbeikommt. Wie auch immer, die Wine Lodge befindet sich gleich neben der Hauptpromenade und ist daher kaum zu verfehlen. Hier werden halbstündige Besichtigungen angeboten mit anschließendem Wein Tasting. Es ist unterhaltsam, kostet nicht viel und es gibt sogar Führungen auf Deutsch.

Während der Tour sieht man ein kleines Lager mit Fässern, in denen verschiedene Madeirasorten reifen. Es riecht süßlich und ein wenig nach Traubenmost. Kurz gesagt, man bekommt unheimlich Lust darauf, etwas von dem Wein zu probieren. Im Anschluss an die Führung dürfen dann endlich zwei Madeiras verkostet werden. Die Gläser sind gut gefüllt, man könnte fast Absicht dahinter vermuten. Und so kommt man leicht beschwippst zum abschließenden Event: dem Shop. Hier darf man sich nach Herzenslust austoben und alle Produkte kaufen, auf denen Platz für das Firmenlogo ist. Wer es ausschließlich auf den Wein abgesehen hat, sollte den Einkauf erst später am Flughafen erledigen. Der Flughafen-Shop ist dort hinter dem Sicherheits-Check gelegen und man kann den gekauften Alk (maximal drei Flaschen) als zusätzliches Handgepäck mitnehmen. Und noch viel wichtiger: durch Vorzeigen der Eintrittskarte für das Museum erhält man 10% Rabatt auf alle Madeira Weine. Das lohnt sich nicht erst bei einem Bual von 1937!

2013 Madeira (84) blandy wine bual

Ein SKS-Segeltörn auf den Kanaren bleibt scheinlos

Dank ausreichend Zeit gegen Ende des Jahres kam mir spontan die Idee, den Praxistörn für den SKS-Schein zu absolvieren. Es ist zwar nicht sehr sinnvoll, zunächst die Praxis auf dem Boot und erst danach den Theoriekurs zu machen, aber möglich. Innerhalb von zwei Jahren muss man die Theorieprüfung ablegen, dann erhält man den „Sportküstenschifferschein“, kurz „SKS“ genannt. Mit ihm darf man Yachten charten, was der eigentliche Grund für die meisten Segler ist, diesen Schein zu machen.

Im Dezember ist es fast überall kalt, sogar im Mittelmeer. Daher verlagern viele Anbieter von Segelkursen, wie die Firma Well-Sailing, über die ich gebucht habe, ihr Angebot auf die warmen Kanarischen Inseln. Hier scheint die Sonne und man hat konstanten Wind. So ist es jedenfalls fast immer, nur nicht in der einen Woche, als ich dort war.

2013 SKS Gran Canaria (14)_sm

Die Voraussetzungen
Erhofft hatte ich mir genau dieses Standardwetter aus milden Temperaturen um die 20 Grad, Sonnenschein und kein Regen. Dazu Passatwind aus Nordost, so dass die Südseite von Gran Canaria im Windschatten liegt und sowohl Wind als auch Welle etwas abgeschwächt werden. Die ideale Umgebung, um mit einem Boot Manöver für die Prüfung zu üben.
Was wir erhalten sollten, war das genaue Gegenteil: stürmisches Wetter aus südlichen Richtungen mit 5 bis 7 Beaufort Windstärke und den daraus resultierenden hohen Atlantikwellen. Außerdem noch Regen. Der Kanare auf seinem staubtrockenen Felsen freut sich darüber, der Urlauber knirscht mit den Zähnen.

Das Boot war eine ältere „Dynamique 50„, eine stattliche Lady von fast 15 Metern Länge mit einem genialen Deckssalon. Sie verfügt zwar über die übliche moderne Ausrüstung wie Kartenplotter, Radar, etc. aber segeltechnisch wird sie vollständig von Hand bedient. Beide Segel werden auf herkömmliche Weise gesetzt, also am Mast oder Vorstag eingeklinkt und dann hochgezogen. Über Rollvorrichtungen verfügt sie nicht. Für einen Wechsel des Vorsegels müssen ca. 70 qm heruntergezogen, auf dem Vordeck zusammengelegt und in die Backskiste am Heck gepackt werden. Von dort holt man auch das neue Segel, schleppt es nach vorne, packt es aus und bändselt es zunächst an die Reling. Danach kann es gesetzt werden, hierzu benötigt man zwei Personen.

2013 SKS Gran Canaria (22)_sm

Die Crew bestand aus dem Ausbilder, einer Co-Skipperin, mir selbst und einem Segelfreund sowie einem dritten Teilnehmer, der nur zum Mitsegeln dabei war und keine Prüfung ablegen wollte. Er sollte sich später noch als ein großes Problem herausstellen, denn obwohl Ende 50, hatte er keinerlei realistische Selbsteinschätzung seiner Fähigkeiten und hat uns bei fast allen Arbeiten mehr behindert als geholfen. In der Konsequenz wurde er vom Ausbilder ins Cockpit verbannt und durfte nicht mehr auf das Vordeck. Auch hier war Jens, so will ich ihn mal nennen, leider keine große Hilfe, da er während eines Manövers nicht wusste, was zu tun war und es sogar schaffte, eine einfache Wende derart zu behindern, dass sie abgebrochen werden musste. Während man selbst als Prüfling am Steuer schon aufgeregt genug ist und jede Hilfe gebrauchen kann, musste man also noch ein drittes Auge auf diesen Mann werfen, um zu verhindern, dass er sich selbst oder das Boot gefährdet.

Der Ausbilder
„In der Törnbeschreibung steht, wir werden hier viel Spaß haben.“ Kurzes trockenes Lachen. „Spaß werden wir hier sicher keinen haben, höchstens ganz am Ende der Ausbildung, wenn alles gelaufen ist!“ Damit waren die Weichen gestellt.

Der Ausbilder ist ein norddeutscher Seebär, der am Ende seines eigentlichen Berufslebens beschlossen hat, als Profiskipper weiterzumachen. Auf diesem Boot sind wir seine erste SKS-Ausbildungscrew. Auch Wind und Wetter ist in dieser Woche zum ersten Mal so richtig übel, das sollte auch ihn an seine Grenzen bringen. Er hat unheimlich viel Segelerfahrung und falls man einen Skipper sucht, der ein Boot sicher von A nach B bringen kann, ist er bestimmt der richtige dafür. Ob er auch als Ausbilder taugt, darüber kann man geteilter Meinung sein. Zwar finde ich es in Ordnung, während des Segelns direkt und lautstark auf gemachte Fehler hingewiesen zu werden. Wenn sich diese Manöverkritik aber in jeden einzelnen Aspekt des Bordalltags hineinzieht, dann kippt die Stimmung schnell. So war es für ihn üblich, den Morgen damit zu beginnen, einen auserwählten Schüler mal so richtig zusammenzustauchen. Auslöser konnte mangelnde Aufmerksamkeit sein, eine kleine Fahrlässigkeit oder eben irgendein anderer Fehler, den man auf einem Boot macht, das man nicht kennt. Darauf folgte ein 20 Minütiger Vortrag über die Gefahren auf See, das allgemeine Versagen der Crew im Ganzen und das des Verursachers im Speziellen. Nach so einer Frühstücksansprache noch motiviert den Hafen zu verlassen war dann nicht mehr möglich. Wir haben seine Fähigkeit, auch noch kleinste Fehler aufzudecken, anfangs noch sehr geschätzt. Aber während des Segelns wurde der psychische Druck derart hoch gehalten, dass es einen irgendwann zermürbt hat. Der nächste Fehler, die nächste Falle war immer nur einen Wimpernschlag entfernt. Auch den Punkt, ab dem ein erschöpfter Schüler nichts mehr lernt, hat er nicht erkannt.

2013 SKS Gran Canaria (11)_sm

Man könnte jetzt noch lange den Charakter dieses Menschen beschreiben, der durchaus auch seine positiven Seiten hat. Aber ausschlaggebend für meine vernichtende Bewertung ist, dass er es als Ausbilder nicht geschafft hat, uns nach der Kritik wieder durch Motivation aufzubauen und anzuspornen. Unser Ziel war das Schaffen der Prüfung, wir wollten kein Kapitänspatent machen! Meine eigene Motivation bestand schließlich daraus, das tolle Gefühl zu genießen, mit dem Schiff bei viel Wind und Welle unter Segeln über den Atlantik zu fahren. Alleine dafür hat es sich gelohnt.

Das Segeln
Dass wir überhaupt zum Segeln die Marina verlassen haben, stand jeden Morgen auf des Messers Schneide. Von den Chartercrews in Puerto Mogan ist in dieser Woche keine einzige ausgelaufen. Das Leben fand im Hafen statt. Auch andere Ausbildungscrews blieben liegen, während wir rausfuhren. Unser Segelalltag war weit von dem Schönwettersegeln entfernt, so wie ich das bisher kannte. Auf meinen eigenen Törns kann ich Dank Wettervorhersage gut einschätzen, ob ein Auslaufen sinnvoll ist oder nicht. Und da ich als Einhandsegler sehr vorsichtig bin, bleibe ich bei schlechtem Wetter lieber einen Tag länger im Hafen als umgekehrt (die Fotos in diesem Artikel stammen allesamt aus den kurzen Schönwetterperioden der Woche).

2013 SKS Gran Canaria (5)
Auf Gran Canaria sind wir nur am ersten Tag mit normalen Klamotten ausgelaufen. Schon nach einer Stunde war mir klar, dass hier das ganze Paket her muss: die komplette Regenmontur und natürlich Rettungsweste mit Lifebelt, worauf der Ausbilder von vornherein bestand. Regen gab es zunächst keinen, dafür kam das Wasser aber von unten. Eingepickt in die Lifeline gingen wir auf das Vordeck, um dort die Segel zu setzen. Es war für mich eine neue Erfahrung, bei solch einem Wind ein Segel von der Größe einer 3-Zimmerwohnung am Bug zu setzen, während man wie in einem Fahrstuhl durch die Wellen pflügt und dabei von Meerwasser umspült wird. Beeindruckend. Das Steuern der Yacht in der langen Atlantikdünung, ab und zu ein Brecher von der Seite und dazu ordentlich Wind – deswegen war ich hier! Mein Segelfreund verbrachte den Vormittag dagegen mit dem Kopf über der Reling. Plötzlich kam die Seekrankheit, so dass wir ihn Mittags in der Marina absetzten. Jens, der dritte im Bunde, war nur noch ein graues Bündel Elend und fiel damit auch aus. So wurde das Boot am Ende nur noch vom Ausbilder, seiner Co-Skipperin und mir bedient.

Wir fuhren wieder hinaus und die Dinge nahmen ihren Lauf. Der mittlerweile noch stärker gewordene Wind zerrte schon beim Hochziehen des Vorsegels unheimlich an den Lieken, den Rändern des Segels. Kurz darauf riss das Achterliek auf etwa ein Viertel der Länge. Dieses Segel hat eine Reffmöglichkeit und so verkleinerten der Ausbilder und ich die Segelfläche bis über den Riss, was nicht gerade leicht war. Das Vordeck bewegte sich jetzt endgültig wie ein Amok laufender Fahrstuhl in pendelnden Bewegungen in alle Richtungen, während ich gemeinsam mit dem Ausbilder unter konstanter Beschimpfung das Segel reffte. Gleich als wir fertig waren, riss es erneut: diesmal an der Reffkausch vertikal nach unten. Unter übelsten Beschimpfungen etc. pp. bargen wir das zerrupfte Segel und stopften es durch die Vorluke ins Schiffsinnere. An diesem Tag lief außer Kurshalten und ein paar Wenden also nicht sehr viel. Action war trotzdem mehr als genug. Erst im Hafen merkten wir, dass auch das Achterliek des dreifach gerefften Großsegels gerissen war.

Durch den Einsatz von Superpep Kaugummis war mein Segelkumpel am nächsten Tag wieder mit dabei. Dieser Dienstag war rückblickend der einzige Segeltag in dieser Woche, an dem wir sinnvolles Manövertraining abhalten konnten. Trotz 6-7 Beaufort und Sturmbeseglung war es ein produktiver Tag und wir konnten uns auf unsere Wenden und Halsen konzentrieren. Mein Wunsch nach Schwerwettersegeln war zusätzlich in Erfüllung gegangen, und so konnte dieses Hochgefühl weder von einem verdrehten Knie, einer geprellten Rippe, unzähligen blauen Flecken, noch von einem dauerbrüllenden Ausbilder gedämpft werden. Dass meine geliebte Kappe (und die der Co-Skipperin) jetzt auf dem Meeresgrund vor Gran Canaria liegen, war dafür nur ein fairer Preis.

2013 SKS Gran Canaria (33)_sm

Mittwoch blieben wir wegen Dauerregen im Hafen. Donnerstag und Freitagmorgen sollten wir dann noch Gelegenheit zum Üben haben, so war der Plan. Doch es sollte anders kommen. Nach dem üblichen Morgenanschiss fuhren wir hinaus und setzten das Vorsegel. Kaum war es oben, frischte der Wind schnell weiter auf und bei etwa 6 Beaufort musste das Segel wieder runter. Wie sich herausstellte, hatte uns der Ausbilder versehentlich die viel zu große Genua anschlagen lassen. Also wieder runter damit und zusammenlegen auf dem Vordeck. Alle Arbeiten wurden von mir und meinem Segelkumpel ausgeführt. Jens durfte das Cockpit nicht verlassen und der Co-Skipperin war es untersagt, uns zu helfen. So langsam dämmerte es uns, was es bedeutete, auf einem Boot dieser Größe die Segel ohne Rollvorrichtung zu handeln. Der körperliche Einsatz ist immens. Nachdem das 70 qm Segel, das locker seine 40 Kg wog, in der Backskiste verstaut war, sollte die zweite noch intakte Fock gesetzt werden. Diese hat mit ca. 50 qm zwar nur noch die Größe einer 2-Zimmerwohnung, ist dafür aber aus dickerem Tuch genäht. Kaum ist der Sack nach vorne gewuchtet, mache ich zwei Fehler: zunächst fällt mir auf, dass ich beim Abschlagen des alten Segels den großen Schäkel vergessen habe. Der liegt jetzt irgendwo zwischen 70 qm Segeltuch in der Backskiste und ohne ihn kann das neue Segel nicht gesetzt werden. Nachdem ich ihn dort herausgefleddert habe, mache ich den zweiten Fehler und klipse manche der Stagreiter des Vorsegels verkehrt herum an das Vorstag. Also wieder runter damit und unter dem Gezeter des Ausbilders etc. pp. wieder korrekt neu angeschlagen. Als es schließlich oben ist, fährt der Ausbilder ein paar Manöver, Boje über Bord mit Q-Wende, aber keines gelingt. Teilweise wegen ihm, teilweise wegen uns. Wir beide sind erschöpft, unser Timing an den Schotwinschen ist schlecht, die Kommandos drehen sich im Kopf und als ob das noch nicht reicht, pfuscht uns Jens dazwischen und trennt sich dabei fast einen seiner Finger ab, mit denen er ziellos an der Winsch herumfummelt. Wir sind körperlich am Ende, arbeiten seit Stunden hart und trauen uns dabei noch nicht einmal, etwas zu trinken. Zu groß ist die Anspannung. Mit aufgesprungen Lippen lauschen wir also andächtig der erniedrigenden Ansprache unseres Ausbilders und fahren schließlich zurück in die Marina.

Die Entscheidung
Meine Entscheidung war schon etwa um die Mittagszeit herum gefallen. Nach einem kurzen Kriegsrat mit meinem Segelfreund abends am Steg waren wir uns einig: unter diesen Bedingungen werden wir morgen nicht zur Prüfung antreten. Und so wurde es dann auch gemacht. Die Kombination aus zu wenig Übung, einem schwer zu bedienenden Boot und zuwenig helfender Crew waren für uns ausschlaggebend, dem sinnlosen Treiben hier ein Ende zu setzen. Am folgenden Tag gingen wir zum örtlichen Prüfungsausschuss und erklärten unser Verhalten, was auf vollstes Verständnis stieß.
Und so kam es, dass wir bei diesem Segeltörn sicherlich viel mehr gelernt haben, als es während eines sommerlichen Törns im Mittelmeer auf einem modernen Boot mit motivierten Mitseglern möglich gewesen wäre. Nur den Schein, den haben wir buchstäblich in den Wind geschossen.

Eine Stadtführung durchs Frankfurter Gallus

Die Firma Frankfurter Stadtevents bietet rein gefühlsmäßig tausend-und-eine Stadtführung zu so ziemlich jedem Thema an. Eines davon ist die Führung durch das Frankfurter Gallusviertel, wo früher die „arme Leut“ erst am Galgen gehenkt und dann verscharrt wurden. Die Stammesältesten kennen es noch unter dem inoffiziellen Namen „Kamerun“, mittlerweile heißt es schlicht und einfach „Gallus“. Auch das neue und gerade sehr gehypte Europaviertel ist übrigens noch ein Teil des Gallus. Soll das später dann auch einfach nur „Europa“ heißen…?

führung_gallus (1)sm

Unser Führer des Abends heißt jedenfalls eindeutig Sascha Ruehlow und ist eigentlich nicht zu übersehen, wenn man ihn kennt. Da ich ihn jedoch nicht kannte und der Treffpunkt am Hauptbahnhof nicht unbedingt menschenleer war, musste ich eine Weile Kreise ziehen. Ein Schild oder so eine dämliche rote Fahne wären nicht ganz schlecht gewesen.

führung_gallus (3)sm

Hier am Bahnhof ging es dann auch gleich los, denn das Gallus beginnt genau hier. Das Bahnhofsviertel mit Nidda-, Taunus- und Weserstraße beginnt nördlicher, dort wo man über die mehrspurige Straße geht. Unser Guide kennt zig Geschichten zu jeder Straße und jedem Wohnblock. Die alle nachzuerzählen spare ich mir, lieber sollten Interessenten einfach diese preiswerte Tour buchen. Mit 10 Euro für 2 Stunden ist der Preis mehr als fair. Zumal man mit Sascha Ruehlow einen Guide hat, der – einmal angestochen – nicht mehr aufhört, interessante Stories zu erzählen. Er führt noch andere Touren, wobei mich die „Trinkhallentour“ vorbei an den Frankfurter Wasserhäuschen besonders reizt. Hatte eh schonmal die Idee, mit einem Kumpel eine solche spät abendliche Tour zu unternehmen. Am besten im Bademantel, ganz Dittschemäßig.

führung_galluswarte (4)

Apropos Trinkhalle, schließlich standen wir vor der Galluswarte (mit ihren beiden verfeindeten Kiosken) und die Tour näherte sich leider schon ihrem Ende. Da alle Teilnehmer, inklusive dem Guide, hier im Umkreis von wenigen Minuten wohnten, ging nun jeder seines Weges. Irgendwie sind wir ja doch alle Nachbarn, hier im Kamerun.

ISAF Sicherheitstraining – Überleben auf See

Wie kann ich Brände an Bord bekämpfen? Wie funktioniert eine Wiederbelebung? Löst meine Rettungsweste aus und wie schaffe ich es in eine Rettungsinsel? Wer es genau wissen will, nimmt teil an einem Sicherheitstraining.

Mönchengladbach ist nicht der offene Atlantik und die Kothausener Feuerwehr versprüht einen etwas anderen Charme als das New York Fire Department. Aber man kann in diesem zweitägigen Kurs der Firma „Sailing Island“ dennoch hervorragend üben, was einem auf See im Ernstfall passieren kann. Sei es das Löschen eines Feuers in der Pantry, die Wiederbelebung eines über Bord gefallenen Mitseglers oder das Besteigen einer Rettungsinsel. „Überleben auf See“ heißt dieser von der ISAF zertifizierte Kurs. Nur wenige der hier im Raum sitzenden Teilnehmer brauchen die Bescheinigung wirklich. Sie ist beispielsweise zur Teilnahme an größeren Regatten vorgeschrieben, wie der „Atlantic Ralley for Cruisers“. Zwei Männer aus dem Kreis der Teilnehmer haben eine solche Atlantiküberfahrt bei „Sailing Island“ gebucht (geht auch woanders), andere sind einfach neugierig oder wollen ihre Kenntnisse wieder auffrischen. Mich selbst hat es hierhin eher durch Zufall verschlagen. Eigentlich sollte es diesen Herbst noch ein Schwerwettertraining werden. Diese Fahrten sind leider schnell ausgebucht und so wendete ich mich dem thematisch recht nahe stehenden Thema „Überleben auf See/Survival at Sea“ zu.

Der Kurs wird vom Leiter der Segelschule – Markus Seebich – und anderen Dozenten gehalten. Ein Großteil der Inhalte besteht natürlich aus grauer Theorie, die uns über dafür um so buntere Powerpoint Folien ins Kleinhirn gehämmert wird. In so einem Fall bin ich immer wieder froh, wenn die Dozenten schon im gesetzteren Alter sind und auf viele Segeljahre zurückblicken können: sie erzählen einfach die spannendsten Stories! Bei nahezu jedem Thema folgt eine Anekdote und das lockert die Theorie doch ordentlich auf. Das gefiel mir schon damals beim Kurs für den SBF See in Kühlungsborn.

Warum ich hergekommen bin, ist aber die Praxis! Ein Bestandteil des Kurses ist die Übung zur Wiederbelebung von Menschen mit Herzstillstand. Dann wird auch der Umgang mit dem Feuerlöscher geübt und schließlich, ganz am Ende, kommt der Blockbuster, weswegen wir eigentlich alle hier sind: die Übung im Wasser, das Training zum Besteigen und Handhaben von Rettungsinseln, während man selbst in voller Montur baden geht. Hier die Übungen im Einzelnen.

Wiederbelebung bei Herzstillstand
Ein Mitarbeiter vom Deutschen Roten Kreuz baut zwei Personen-Dummies auf und jeder Teilnehmer darf mal ran. 30 mal aufs Brustbein drücken, dann 2 Mal Mund-zu-Mund Beatmung. Das Pressen, also die Herzdruckmassage, sollte etwas schneller als einmal pro Sekunde erfolgen, etwa 100 Mal pro Minute. Beim Beatmen kräftig reinpusten in den Menschen, der hält das aus. Wer im Detail nachlesen möchte, wie eine Herz-Lungen-Wiederbelebung funktioniert, kann das hier tun.

isaf_überleben_auf_see (16)sm

Handhabung eines Feuerlöschers
Feuerlöscher sind nützlich, wenn man sie hat und regelmäßig warten lässt. Nachdem der Dozent einen Stoß aus einem Pulverlöscher ablässt und damit halb Kothausen vernebelt, ist uns allen klar, dass wir so ein Teil nicht an Bord haben wollen. Das unheimlich feine Pulver würde sich im ganzen Boot absetzen und schon ein kleiner Brand wäre wirtschaftlich gesehen ruinös. Geübt wird hier mit den teuren CO2 Löschern. Die Fauchen zwar kräftig, hinterlassen aber keinerlei Spuren. Mit einem Schaumlöscher geht es auch, den werde ich mir wohl demnächst anschaffen und das kleine 1 Kg Pulverspielzeug ausmisten. Ein so kleiner Feuerlöscher würde nur für wenige Sekunden reichen. Selbst die 2 Kg Geräte waren schon nach 20 Sekunden leer.

isaf_überleben_auf_see (4)sm1

Hier noch eine Fettexplosion, so wie sie die Kamera sieht. Will man auch nicht in der Kombüse haben.

isaf_überleben_auf_see (11)sm

Düsseldorf ist um die Ecke, da kommen die Toten Hosen her. Und was macht der Campino gerne? Richtig, Bengalos anzünden. Unter Seglern nennt man so eine Handfackel „Seenotsignal„, macht aber genauso Laune.

isaf_überleben_auf_see (12)sm

Rettungsweste, Rettungsinsel & Co.
Das Training im Wasser findet im Düsseldorfer Hallenbad statt, gleich neben der Messe. Im Januar ist hier wieder die boot angesagt, wo man nagelneue Yachten besichtigen kann, die weniger für Sicherheit auf See als auf Wohnkomfort im Hafen ausgelegt sind. Ich bin jetzt vor allem auf eines gespannt, nämlich ob und wie meine Rettungsweste auslösen wird. Im Gegensatz zu dem armen Tropf, dessen Weste nach einem kurzen „plopp“ gleich wieder in sich zusammenfiel, blieb meine stabil und ich konnte wie ein aufgeblasenes Ballonmännchen durch das Becken treiben.

isaf_überleben_auf_see (19)sm

Da ich Brillenträger bin, musste für diese Übung eine alte Brille herhalten. Aber zusammen mit diesen kleinen Gummierweiterungen an den Bügeln und einer schützenden Hand vor dem Gesicht überstand sie den Sprung vom 3 Meter Sprungbrett unbeschadet. Gut zu wissen. Diese „Brillenbügel Endgummis“ zum Aufstecken bekommt man beim Optiker für wenige Cent. Im Gegensatz zu einer Kordel oder einem Brillenband kann sich hier nichts verfangen und es hält wirklich bombig.

brillenbügel_halter_gummi

Das Tragen einer aufgeblasenen Weste im Wasser ist ziemlich unangenehm. Man sieht auch nicht sehr viel, da einem die Lufttaschen die Sicht versperren. Damit zu Schwimmen geht ebenso schlecht und sobald man versucht, die Rettungsinsel zu entern, versperren einem die Schwimmkörper den Weg. Es ist also sinnvoll, über das Ventil einiges an Luft abzulassen. Auf dem selben Weg kann man auch leicht wieder Luft hineinblasen, die Gaspatrone ist also nur für das erste automatische Aufblasen notwendig. Das ist besonders dann wichtig, wenn man ohnmächtig über Bord geht, was nach einem Schlag mit dem Großbaum schnell vorkommen kann. Rettungswesten gibt es in verschiedenen Größen mit unterschiedlichem Auftrieb. Ich kann nur jedem davon abraten, sich eine zu große Weste zu kaufen, nur weil dort „Hochseetauglich“ draufsteht. Die Weste muss den Menschen selbständig in die Rückenlage drehen können, falls dieser ohnmächtig ist. Nicht mehr und nicht weniger. Selbst ein großer und schwerer (nicht dicker!) Teilnehmer des Trainings, ein Mann mit sicherlich über 100 Kg Lebendgewicht wurde aber von den riesigen Schwimmkörpern seiner 275N Weste eher erdrückt und behindert, als dass sie ihm genützt haben. Für mich mit meinen knappen 70 Kg inklusive Schwerwetterkleidung reicht eine Weste mit 150N Auftrieb locker aus. Schon mit einer 220N Weste würde ich wahrscheinlich wie ein Heißluftballon vom Winde verweht werden…
Auch ein Schrittgurt wäre hilfreich gewesen, der leider bei fast keiner Weste mehr angebracht ist. Zwar dauert das Anlegen länger, aber dafür sitzt man besser festgeschnallt im Wasser und kann auch leichter abgeborgen oder in die Rettungsinsel gezogen werden.

isaf_überleben_auf_see (21)sm1

Wenn man dann schließlich zu acht in dieser Rettungsinsel mehr oder weniger übereinander gestapelt drinsitzt, wird einem bewusst, dass das „in echt“ kein Spaß wäre. Es ist eng, man sitzt in einem Wasserbecken, das im Ernstfall eiskalt wäre. Man bekommt schlecht Luft und sobald einer kotzen muss oder andere Körperfunktionen sich bemerkbar machen, ist es eh vorbei. Man möchte es sich nicht vorstellen.

Fazit dieses Überlebenstrainings: es ist nicht ganz billig, aber sehr sinnvoll. Man erhält einen Rundumschlag an sicherheitsrelevanten Themen. Wobei die Wiederbelebung bei Herzstillstand und das Handling eines Feuerlöschers auch im Leben abseits des Segelbootes relevant ist. Und Spaß macht das ganze natürlich auch. Es ist vielleicht wie bei einem Fahrsicherheitstraining für das Auto: hinterher hat man einfach mehr Vertrauen in die eigene Ausrüstung und das eigene Können.

Mehr zum Thema: