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Gut Essen in der Karibik

Wenn man in der Karibik unterwegs ist, erschlägt einen die Menge der unbekannten Gerichte. Grund ist die ethnische Vielfalt, man hat Menschen aus allen Ecken der Welt hierher geschleppt und jede Gruppe brachte nicht nur ihre Arbeitskraft ins Land, sondern auch ihre kulinarischen Vorlieben.

Wobei die Kariben selbst eigentlich nie eine Rolle spielten. Niemand spricht heute mehr von ihnen. Die Kariben, das waren die Ureinwohner der Antillen Inseln. Damit sind weder die importierten Afrikaner noch die nachfolgenden Inder oder Chinesen gemeint. Die Kariben ähneln viel mehr den Native Americans, also dem Volk, das man in Deutschland die „Indianer von Amerika“ nennt. Sie wurden ausgerottet.

Und damit war Raum für die europäische und afrikanische Küche gewonnen. Und die Spanische. Auch die Holländer waren mal hier. Und auch die Portugiesen und sogar die Engländer. Ok, die haben nichts mitgebracht, denn England schafft es selbst heute noch als kulinarisch rückständig zu gelten, obwohl sie Kolonien in allen Ecken der Welt hatten, wo wirklich äußerst anständig gekocht wurde. Wie kann man nur so beratungsresistent sein und das über Jahrhunderte.
Aber zurück zu dem, was man heute in der Karibik genießen kann.

Früchte der Natur

Darunter verstehe ich vor allem die Kokosnuss, die Kakaoschote und die Muskatnuss. Kokosnüsse liegen an jedem Strand herum, sind dann aber auch schon ein wenig über das Verfallsdatum heraus. Trotzdem kann man sie öffnen, wenn man die Fähigkeit dazu besitzt. Es ist nämlich für Büromenschen nahezu unmöglich, an das Fleisch und den Saft heran zu kommen. Auf dieser Seite kann man nachlesen, wie es mit Hilfe eines in den Boden gerammten Stocks funktioniert.

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Die Kakaofrucht ist dann reif, wenn sie von gelb so langsam ins braune changiert. Man öffnet sie einfach und schlabbert das süße, weiße Fruchtfleisch von den Kernen ab. Die Kerne selber, das sind natürlich die Kakaobohnen. Glückwunsch an die Südamerikanischen Völker, dass sie herausfanden, wie man aus diesen bitteren Bohnen etwas so Schmackhaftes wie Schokolade macht. Aber mit bitteren Bohnen kennen die sich ja aus, denn auch der Kaffee stammt nicht weit von hier.

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Muskatnüsse sind ein Wunder der Natur. Mitsamt ihrem überdimensionalen Fruchfleischpanzer sehen sie aus wie ein leckerer Pfirsich. Beißt man hinein, zerfällt diese Illusion schlagartig und es wird klar, dass hier nur der Kern zählt. Die frische Muskatnuss ist mir einem grellroten Netz umgeben, welches selbst als Gewürz verkauft wird und „Macis“ genannt wird, die Muskatnussblüte. Sie schmeckt ebenfalls nach Muskat, nur nicht ganz so intensiv wie die Nuß. Die Inder verwenden sie gern für Curries. Die frische und noch ziemlich weiche Muskatnuss wird dagegen von den heutigen Kariben sehr gern über ihren Punch oder „Ti Punch“ gerieben!

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Sie schmeckt überhaupt nicht so, wie man es von Mutterns Sonntagsbraten kennt. Die fruchtige, leicht scharfe Frische tut jedem Cocktail gut. Hier gibt sie dem Ti Punch aus neuem weißen Rum und Zuckerrohrsirup den nötige herben Akzent. Die Muskatnuss Flocken sind weich und wollig, ganz anders als es eine trockene Muskatnuss kann.

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 Früchte des Meeres

So richtig erfolgreich waren wir mit dem Fischen leider nicht. Dafür waren wir gut im Handeln und konnten den lokalen Fischern auf der Insel Mustique für ein paar Caribian Dollars ihre roten Grätenfische abkaufen. Das war jetzt kein Gesellenstück, sondern eher aus der Not geboren. Aber immerhin hatten wir etwas zu tun beim herausfriemeln der Gräten. Und zwar noch lange, nachdem der letzte Currygeschmack unsere Geschmacksnerven durchdrungen hatte. Mann, was waren die grätig… später haben wir sie am Stück gegrillt, das war einfacher.

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Dafür bin ich seit diesem Urlaub ein großer Freund der Conch Schnecken. Dabei handelt es sich um die Tiere, die in diesen stacheligen großen Muscheln leben. Die Gehäuse liegen kubikmeterweise an sämtlichen Stränden der Karibik herum, vorzugsweise dort, wo man sie isst. Sollte man auf die Idee kommen, so ein Gehäuse im Gepäck mit nach Hause zu nehmen, so könnte das zu Diskussionen mit dem heimischen Zoll führen. Selbst 3D-Scanner können aber noch keinen Mageninhalt erfassen, also immer rein damit, denn die Dinger sind einfach delicious. Wer nicht weiß, dass es sich um Meeres-Schnecken handelt, könnte glatt von Hühnerfleisch oder ähnlichem ausgehen. Die Tiere sind recht groß und ergeben kleingeschnitten und gekocht ein ziemlich schmackhaftes Gulasch.

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Saucen

Vor allem eine Sauce ist mir im Kleinhirn hängen geblieben: sie war gelb, durchsetzt mit roten Pünktchen und sehr scharf. Es handelte sich um eine Mischung aus Banane, Senf und Chili. Sie wird fast überall in kleinen Salzstreuern zum Nachwürzen am Tisch angeboten. Man kippt zunächst mal aus den Latschen, weil sie so scharf ist, möchte sie aber nach eine Weile nicht mehr missen. Wer keinen Feinkost- oder Gewürzeladen in der Nähe hat wie zum Beispiel das Gewürzhaus Alsbach in Frankfurt, der findet solche Saucen unter dem Namen Baron West Indian Hot Sauce (und ähnlich klingende) im online Versand.

Wer dann auf den Geschmack gekommen ist, dem seien noch folgende Saucen ans Herz gelegt, die in eine ähnliche Richtung gehen:

Ob zur Bratwurst, aufs gekochte Ei oder zu Fisch und Fleisch: diese Saucen passen immer. Man darf sich nur nicht irritieren lassen, falls dieser Geschmack auf der nächsten Grillparty bei anderen auf Unverständnis stößt… einfach immer ein Aldi-Gewürzketschup für den deutschen Geschmacksverweigerer in petto haben.

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Segeln mit dem Katamaran durch die Karibik

Die Karibik, das waren für mich immer Piraten, Goldschätze, Rum und Kanonenfregatten. Heute gibt es dort nur noch den Rum. Das Piratenflair findet man auch noch, aber bloß in Form von Hollywood-Kulissen, die nach dem Dreh von „Piraten der Karibik“ übrig geblieben sind. Im Winter 2008 bin ich auf einem Charter-Katamaran mitgesegelt und habe einen der schönsten Urlaube in der karibischen Inselwelt erlebt.

Bevor ich mich einige Jahre später dazu entschied, lieber selber ein Boot zu führen als irgendwo mitzusegeln, bin ich damals doch ziemlich häufig irgendwo mitgesegelt. Eigentlich nicht „irgendwo“, sondern bei einem der vielen Anbieter von Charter-Segeltörns in der Karibik. Nur im Sommer in Kroatien mit Freunden herumzuschippern, das langte mir nicht. Ich wollte dort hin, wo bis jetzt nur meine Phantasie unterwegs war. Es gibt dieses eine Hörspiel von Pippi Langstrumpf, dass ich als Kind auf heavy-rotation gehört habe. Darin wird das Schicksal ihres Vaters beleuchtet. Er vegetierte in einem karibischen Gefängnis vor sich hin, bis Pippi höchstpersönlich dort hinreiste und ihm ein Eisbein per Flaschenzug in seine Zelle schickte. Die Piraten knallten sich derweil in ihrer Höhle mit Rum und Grog den Kopf zu und so gelang es Pippi, ihren Vater schlußendlich zu befreien.
Kurz und gut: da wollte ich auch hin!

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Doch bevor ich diesen zweiwöchigen Urlaubstörn antrat, habe ich mir zunächst einmal die Ausgangs-Insel näher angesehen. Das war Martinique, eine Insel genau in der Mitte der wie auf einer Perlenkette aufgereihten Inseln „über dem Winde„. Sie ist Teil Frankreichs und damit der EU. Man zahlt in Euro und das allgemeine Feeling ist das eines sehr südlichen französischen Departments. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel.

Schließlich habe ich meinen Mietwagen in Le Marin abgegeben, meinen Seesack geschultert, den Gitarrenkoffer gepackt und mich auf den Weg zum Steg unseres Katamarans gemacht. Ich hatte tatsächlich einen Seesack, zumindest die moderne Variante, sehr beständig und wasserdicht, wenn man alle Verriegelungsmechanismen korrekt bedient hat. Dazu allerdings den klapprigen Koffer mit der Slide-Gitarre in der Hand. Der hatte mir schon bei der Einreise einige Aufmerksamkeit beim Zoll beschert. Klar, da passt ne Menge Dope rein. Hätte ich auch mal genauer reingeschaut an denen ihrer Stelle. Mehr als dass der Halsstab ziemlich schief eingeleimt ist habe ich aber trotz Röntgen nicht erfahren.

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Kaum näherte ich mich dem Steg, begrüßte mich Hans der Skipper und sagte, ich solle meinen Kram doch einfach schon mal im Kat deponieren. Samstags werden die Charterboote immer gründlich gereinigt. In diesem Fall war Svend Age, seines Zeichens Chef der Agentur, noch im Boot und organisierte die Verteilung der letzten Spaghettireste der Vorgängergruppe an die nächste Crew. Sobald er von Bord war, übernahm Hans das Kommando und leitete erstmal eine Chlorifizierung der Toiletten ein. Danach eilten wir im Mietwagen mit- und gegen den Straßenverkehr („In der Türkei ist der Verkehr noch viel schlimmer“ – später dachte ich noch öfter an diesen Ausspruch) durch Le Marin und organisierten unsere Einkäufe. Hans besaß ein Gulet (großes Holzboot) in der Türkei und machte den Job des Karibikskippers im Winter, weil in dieser Zeit niemand mit ihm im Mittelmeer herumfährt.

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Unsere Crew bestand aus einer Gruppe aus Franken, einer Krankenschwester, einer Schweizerin und mir. Im Nachhinein kann ich sagen, dass diese Konstellation kaum zu toppen war. Aber zu Beginn hatte ich doch so meine Zweifel. Wir kauften die üblichen irrsinnigen Vorräte an Alkohol und beluden das Boot damit. Nur – das Wetter meinte es nicht gut mit uns. Stürmische Winde sorgten für eine ordentliche Welle aus dem Osten und verzögerten unseren Aufbruch. Tja, was macht man bei 30° Celsius im Salon eines Boots, wenn die Alkoholvorräte aufgefüllt sind?
Man verbraucht sie! Und so klimperte ich auf meiner schönen Slide-Gitarre vor mich hin, während die Gruppe einen Gin/Vodka/Rum/Tonic nach dem anderen abschüttete. Ich malte mir Schreckliches aus, wie sollten die nächsten Tage werden? Hätte ich gewusst, dass mich Sandra, die Schweizerin, vier Jahre später auf dem eigenen Boot begleiten sollte, wäre ich wohl optimistischer gestimmt gewesen.

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Schließlich legten wir ab. Hans wußte, dass es immer noch sehr kabbelig war. Resultat war dann, dass die großen Wellen zwischen den Inseln unseren Katamaran in regelmäßigen Abständen anhoben und damit für ein ziemlich flaues Gefühl in der Magengrube sorgten. Ich will nicht lange drumherumreden, es soll zwar Dinge geben wie Vitamin C, gesunde Ernährung, wenig Alkohol und eine disziplinierte Betrachtung des Horizonts. Aber daran hat sich natürlich niemand gehalten und schließlich haben die meisten Mitsegler leeseitig die Fische gefüttert. Auch mir lief schon vor Vorfreude das Wasser im Munde zusammen, doch zum Glück erreichten wir rechtzeitig die Lee-Seite der nächsten Insel: St. Lucia.

Eine Freundin verbrachte dort vor einiger Zeit zusammen mit Bekannten den Karneval und konnte berichten, dass Karneval in der Karibik eine nette Umschreibung für Sex in der Öffentlichkeit ist.
Sobald man die Gewässer der Insel befährt, scharen sich schnell einige Motorboote um die eigene Yacht und belatschern den Skipper, doch bitte an der eigenen Boje anzulegen. Man nennt sie die „Boat Boys“.

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Sie verbreiten ein weltmännisches Flair, da sie angeblich schon die eine oder andere Engländerin beglückt haben, die es dann leider doch aus unpässlichen Gründen versäumt hat, sie mit nach Hause zu nehmen. Als Reisender aus einem reichen Land darf man hier nie eine simple Wahrheit vergessen: alle, die einen ansprechen, sind arme Schlucker und wollen etwas von einem. Das ist absolut legitim, nur sollte man es korrekt einzuordnen wissen. Wir legen an der Boje des Boat-Boys  an und wenig später spratzelt schon der Grill. Irgendeine Pfeife lässt den Grill-Rost ins Wasser fallen… auch emsiges Tauchen bringt ihn nicht wieder ans Tageslicht. Aber unser Boat-Boy leistet uns dafür noch ein wenig Gesellschaft.

Wir sind unschuldige Touristen, kredenzen Cocktails mit Kokosmilch und Rum und da soll unser Boy ruhig auch was von abbekommen. Er erzählt uns von seinem Leben, das im Wesentlichen aus Doperauchen und Ziegenhüten besteht. Und er wird es nicht müde zu erwähnen, dass er als Lover von so einigen Engländerinnen wirklich hoch im Kurs stehe. Wie soll man sich verhalten, als unendlich reicher Europäer, wenn einem so ein Kerl davon erzählt, wie er den Zipfel des Reichtums zu fassen bekommt und es doch niemals schaffen wird, davon wirklich etwas zu greifen? Da hilft auch Reggae Musik von Bob Marley nicht weiter. Für mich war es aber die Nacht, in der Bob Marley Gesicht und Gefühl bekam. Heute sitze ich in meiner frankfurter Wohnung und schaue mit einem merkwürdigen Gefühl zurück auf diese Szene, in der sich die reiche und die arme Welt auf dem Kunststoffdeck eines Boots begegneten. Auch später in anderen Teilen dieser Welt sollte es mir so gehen… dieser Gegensatz ist nicht aufzulösen, damit muss man leben. Oder nicht in diese Länder reisen. Seitdem ist meine Einstellung zu allen „Extragebühren“, abzockerischen Obstverkäufern und Gaunern am Straßenrand die folgende: gib ihnen was ab von deinem Reichtum. Es ist letztendlich Entwicklungshilfe, nur sehr direkt an den Mann gebracht. Ohne eine deutsche Hilfsorganisation dazwischen, die etwa die Hälfte der Spendengelder für organisatorische Zwecke abzweigt.

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Am nächsten Morgen war Sightseeing angesagt. Dampfende Vulkankrater und Fledermaushöhlen wollten besichtigt werden. Ein einheimischer Führer lotste uns (so wie hunderte andere Touristengruppen vorher) durch das Unterholz zu einer heißen Quelle mit Wasserfall. Auch eine Kakaofrucht direkt vom Baum holte er uns herunter. Das weiße Fruchtfleisch um die Kakaobohnen herum schmeckte süß und aromatisch lecker. Ein netter Ausflug und außerdem so ziemlich das einzige, womit wir Touristen die Inselwirtschaft rund um das Städtchen Soufriere ankurbeln konnten. Wir blieben noch auf ein „Piton“-Bier in einer der Kaschemmen in Ufernähe. Die kaputten Holzhäuser mit der abblätternden Farbe wirkten auf uns doch sehr romantisch. In Wahrheit aber war der Verfall der Ortschaft und auch der Menschen hier unübersehbar.

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In dieser Nacht sollte mein Kojennachbar aufstehen und im Suff den Motor des Boots starten. Während wir allerdings noch fest an der Boje lagen! Er wollte weg, fühlte sich von den Klippen in der Nähe bedroht. Skipper Hans hat es zum Glück bemerkt und verbrachte den Rest der Nacht mit Erklärungen und Beschwichtigungen. Bei anderen Skippern hätte mein Kojennachbar wohl im nächsten Hafen von Bord gemusst. Bei Skipper Hans nicht, und das ist ihm hoch anzurechnen. Er konnte Konflikte auf eine nette Art lösen, das ist sehr selten unter diesen Touristen-Kommandanten. Besonders, da ich mittlerweile die leidvolle Erfahrung mit anderen Skipper-Admirälen machen durfte (siehe Ein SKS-Törn auf den Kanaren bleibt scheinlos).

Leider ist Hans mittlerweile tot. Er verunglückte wenige Jahre später auf dem Weg zu einem Boot in der Türkei. Abgerutscht mit dem Auto oder dem Mopped, ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass seine ultra-obszessive türkische Freundin ihn auf Schritt-und-Tritt überwacht hat, soweit es die damalige Handy-Technologie eben zuließ. Jetzt überwacht er uns von oben und freut sich bestimmt, dass sein damaliger Mitsegler mittlerweile selbst zum Skipper geworden ist.

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Wir lösten uns von der Boje. Wir wollten weiter in Richtung Süden. Normalerweise lautet der Plan auf einem solchen Segeltörn, schnell in Richtung Süden zu fahren, um dann gemächlich wieder in den Norden zu kommen. So ist man flexibel, was Wind und Wetter angeht und so hielten wir es auch. Saint Vincent war unser nächstes Ziel. Dank konstantem Passatwind besteht das Segeln im Wesentlichen aus dem Setzen der Segel. Danach wird solange man möchte auf halbem Wind gesegelt und irgendwann holt man die Segelgarnitur wieder ein, um sich ein ruhiges Plätzchen in Lee der Inseln zum Übernachten zu suchen. Wenden oder Kreuzen braucht man nicht. Halsen auch nicht. Solange man stabiles Wetter hat, fährt man einfach seinen Kurs und folgt den reihenweise auftauchenden Inseln.

In welcher Bucht wir genau übernachtet haben weiß ich nicht mehr. Nur, dass nachts plötzlich Taschenlampen im Dickicht zu leuchten begannen. Als verweichlichter Europäer malt man sich in so einem Fall die grausigsten Gründe dafür aus: von karibischen Kannibalen, die es auf weißes Frischfleisch abgesehen haben bis zu korrupten Polizisten, die einem ans Leder wollen… Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass wir vor einem aufgegebenen Hotelkomplex geankert hatten. Die kleinen Gästehütten lagen verstreut am Hang und wie es aussah, gab es noch eine Handvoll Wachmänner, die das Gebiet kontrolliert haben. Tja, es sah ganz so aus, als ob wir selber die Eindringlinge gewesen sind.

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Und weiter ging es mit dem Wind! Der nächste Halt war die kleine Insel Bequia mit seiner „Hauptstadt“ Port Elisabeth. Eine große Bucht mit türkisfarbenem Wasser empfing uns. Die verrücktesten Bootskonstruktionen näherten sich uns Neuankömmlingen und boten ihre Dienste an: Verkauf von Frischwasser, Absaugung von Abwasser, Diesel, Wäscheservice und natürlich die allgegenwärtigen Obst- und Gemüseverkäufer. Wir verbrachten den Abend an Land im ziemlich edlen „Devil’s Table – Food and Barrels of Rum“ und anschließend in einer klapprigen Raggae-Bar mit einem unglaublich zugedröhnten DJ – es war wunderbar.

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Der Wind blies uns weiter, und zwar nach Mustique. Die Insel der Reichen und der Adligen, der Stars aus Rock und Pop! Und weil man in diesen Kreisen gerne unter sich bleibt, kostet das Ankern vor Mustique auch eine unverschämt hohe Gebühr, die nur von solch großen Touristengruppen wie uns überhaupt noch berappt wird. Ganz ähnlich wie im kroatischen Briuni Nationalpark vor Istrien. Andererseits – in „Basil’s Bar“, so sagt man, kommt hin und wieder Keith Richards vorbei, trinkt seine vier Finger hoch Rum und spielt ein Liedchen auf seiner Klampfe. Und genau das hatte ich ebenfalls vor! Was ich wieder mal verdrängt hatte: keiner der Superstars ist länger als ein paar Wochen pro Jahr in seinem Feriendomizil auf Mustique anzutreffen. Die Chance also, hier auf Bryan Adams, Mick Jagger, Paul McCartney oder Johnny Depp zu treffen ist mehr als bescheiden. Die einzigen Menschen, die hier wirklich leben, das sind die guten Geister in Form von Gärtnern, Hausmädchen und anderen Angestellten, die die Insel am Laufen halten. Und die sie in einen riesigen sterilen Golfplatz verwandelt haben. Sie malen sogar die Kokosnüsse an den Palmen zu Weihnachten silbern an. Nichts wie weg hier.

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Bevor wir ablegten, besorgten wir uns noch etwas Fisch bei den herumsitzenden Fischern der Insel. Sie spielen den ganzen Tag Domino. So sieht es jedenfalls aus. Was den Chinesen ihr Mahjong, ist den Kariben ihr Domino. Die Fische waren jedenfalls rot und ziemlich grätig. Auch wenn hier Berge von Gehäusen von Conch-Schnecken herumlagen und wir uns gerne ein schönes Exemplar für zu Hause mitgenommen hätten: lieber nicht, sowas wird vom Zoll einkassiert und man darf dazu noch ordentlich Strafe zahlen.

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Wir segelten weiter. Union Island war das nächste Ziel und diese Insel ist eigentlich einen eigenen Artikel wert. Korallen als Wellenbrecher, Lambi’s Bar mit Steel Drum Band und Conch-Schnecken-Ragout. Die Künstler Kolonie. Soggy Dollar „Happy“-Bar (nicht die auf den British Virgin Islands). Beinah abgebrochener Außenborder dank Korallen im Dunkeln. Party mit Carib-Beer. Party mit minderjährigen Nutten, die nach Eheringen suchen. Krankenschwestern, die einen retten. Skipper, die nachts mit Klamotten auf dem Kopf zurück zum Boot schwimmen. Kanonen, die auf Kreuzfahrtschiffe zeigen. Auf dieser Insel gibt es alles. Die Karibik im Kleinen.

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Mit nur unwesentlichem Kater im Kopp ging es am nächsten Tag weiter in die Tobago Cays hinein. Das sind schon wieder kleine Inseln, nur diesmal geschützt von einem vorgelagerten Korallenriff. Draußen blasen 5-6 Beaufort Wind und schleudern eine ordentliche Welle an das Riff. Drinnen ist es spiegelglatt und nur der Wind heult – surreal. Hier darf man keinen Pups lassen, keine Fische angeln und auch nicht Ankern, ohne dass gleich ein Parkwächter ankommt und einem nen fetten Strafzettel verpasst. Außer man ist Einheimischer. Dann wartet man ab, bis der Touri an der Boje liegt und verkauft ihm dann den eben frisch harpunierten Fisch. Ich glaube, man nennt es Ambivalenz.

Wer es wollte, konnte hier am Riff und auch dahinter Schnorcheln gehen. Für mich als Brillenträger relativ uninteressant, da ich nichts sehe. Dazu kommt die recht heftige Strömung, die einen in null komma nix weggetrieben hat. Nichts für Landratten. Aber wir konnten mit Wasserschildkröten um die Wette schwimmen. Es wimmelte hier nur so von denen und kam man ihnen zu nahe, schnappten sie nach einem. Habe ich mir später von Dritten erzählen lassen…

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Und dann waren wir auch schon wieder auf dem Rückweg, in Richtung Norden, nach Martinique. Eine Nacht sind wir durchgefahren, unter Motor gegen die Wellen. Es war ein denkwürdiges Gefühl, in der eigenen Koje wie in einem Trampolin zu liegen. Jede Welle führte zu einem kurzen Moment der Schwerelosigkeit. Wenn ich heute daran zurück denke, wie komfortabel es doch alles in allem auf diesem Katamaran war, dann will ich mir wirklich nicht vorstellen, wie sich diese Reise mit meinem kleinen 27 Fuß Bootchen angefühlt hätte. Man kann das aber nachlesen, denn Thomas Langer hatte vor ein paar Jahren mit seiner Albin Vega „Frigga“ diese Route genommen. Und hat dann mitten auf dem Atlantik festgestellt, dass ihn das ewige Geschaukel um den Verstand bringt. Auch ein Argument für mich, erst mal im Küstenbereich des Mittelmeers zu bleiben.

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Irgendwie habe ich die Insel Mayreau vergessen. Hier haben wir auch gestoppt, irgendwo zwischen Union Island und den Tobago Cays… – Ich muss kurz über Kreuzfahrtschiffe sprechen. Die haben ja eigentlich alles an Bord, was man jemals brauchen könnte. Nur eines haben sie (noch) nicht: einen eigenen Sandstrand! Und weil es uncool ist, ein Barbecue woanders als an einem karibischen Sandstrand zu halten, mietet man eben mal schnell eine halbe Insel und baut ein Grillbuffet für 3000 Passagiere auf. Das sah dann für uns so aus, dass wir am Vorabend noch mutterseelenallein in einer schönen Bucht vor Mayreau lagen. Während am frühen Morgen ein Kreuzfahrtriese draußen seinen Anker warf und die Beiboote im Morgengrauen damit begannen, den Strand vorzubereiten. Liegen, Tische, Grills und eine zünftige Cocktailbar müssen schon stehen, wenn um 9 Uhr die ersten Gäste eintrudeln. Und ehe wir es uns versahen, lagen wir „im Weg“. Schon merkwürdig, wenn einen nach dem Aufstehen ein paar hundert Touristen-Augen anstarren…

Hey, das war mal unser Strand! Wir sind hier gestern Abend im Schweiße unseres Angesichts die steile Dorfstraße aufgestiegen. Wir waren das, die gestern in Robert’s Bar eingekehrt sind und dort die letzten Biervorräte geleert haben! Wir waren das, die zu Reggae aus einem Subwoofer aus Kanalröhren getanzt haben! Ihr habt währenddessen in eurer Kajüte gelegen und euch zur nächsten nichtssagenden Insel fahren lassen, für die ihr widerwillig die klimatisierte Kabine verlassen müsst, wenn ihr sie besichtigen wollt!

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Der alte Robert war korrekt. Mit seinem Joint in der Rechten und der Mundharmonika in der Linken hat er den Laden im Griff gehabt. Nachdem ich mit seinen Jungs ein wenig getrommelt habe und er irgendwann kein Bier mehr hatte, ist er zusammen mit uns in seine Lieblingskneipe gezogen und hat uns dort einen ausgegeben. Das war ein kalt gekachelter Laden, in dem sich die Einheimischen vergnügt haben. Irgendwie hatten sie alle was mit den Touristen zu tun: die Boat Boys, die Barbesitzer, die Charter Skipper wie unser Hans, die örtlichen Nutten (die waren wirklich überall)… es war ein Spaß! Und ich glaube, hier muss ich mich berichtigen: es war hier, wo unser Skipper kein Ende fand und sich erst am frühen Morgen mit den Klamotten auf dem Kopf schwimmend auf den Weg zu unserem Kat machte.

Eigentlich war es das. Wir waren noch in den Restekulissen von „Piraten der Karibik“ und haben uns verkleidet und mit Säbeln attackiert. Was anderes blieb uns auch nicht übrig, um die Zeit herumzukriegen: Hans hatte uns schon ausklariert für den Grenzübertritt und wir lagen trotzdem noch in der Bucht dieser Insel. Das ist eigentlich kein Weltuntergang – außer, draußen patrouilliert seit Stunden die Küstenwache. Und da dachten wir uns so, vielleicht sollten wir lieber noch ein wenig klatschnass hier in der Bar sitzen bleiben, bis die Polente wieder weg ist. Alle haben es überlebt. Hinterher gab es gebratene Chillis und spätestens dann war es uns wieder warm!

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Was soll ich sagen. Dieser Urlaub war genial und es kamen viele glückliche Umstände zusammen. Und er ist sicherlich so nicht wiederholbar. Aber wer Interesse an solch einem Segeltörn hat, dem würde ich jederzeit empfehlen: mach es! Man sollte sich nicht von alten Karibikhasen beeindrucken lassen, die behaupten, früher wäre dort alles besser gewesen. Fahrt hin und schaut euch die Gegend an. Obwohl tausendfach stärker besucht als früher, ist es dort immer noch ursprünglicher als in den meisten Touristengebieten Europas. Hingeflogen bin ich damals mit Air France, die heute billigflüge anbieten, wie so viele andere Fluggesellschaften auch.

Zum Ausklang noch ein paar Bilder, die ich einfach loswerden möchte…

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karibik boot verkäufer

Karibik 044 katamaran vorsegel

karibik limbo dance

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Schweinebauch chinesisch à la „Herr Wu“

In Berlin gibt es das China-Restaurant „Hot Spot“, über das vor kurzem ein Buch erschienen ist. Die Rezepte von Herrn Wu sollen leicht nachzukochen und sehr authentisch sein. Mal sehen, ob das klappt!

Indisch koche ich ja schon eine ganze Weile, aber auch das Chinesische hat es mir seit längerem angetan. Weniger die pappige Deutsch-Asiatische Glutamatküche als die original Chinesische. Das „Originale“ ist eigentlich gar nicht so weit weg von dem, was man hier in der BRD schon seit vielen Jahren bekommt. Man lässt einfach alles weg, was man auch in der deutschen Küche nicht verwenden würde, außer man betreibt eine Imbissbude. Geschmacksverstärker wie Glutamat und Zutaten aus der Dose zum Beispiel. Stattdessen verwendet man mehr frische Zutaten und auch nicht wenig Chilli und schon ist man auf der richtigen Spur.

china_hot-spot_herr_wu (1) gurke

Natürlich sind nicht alle Geschmacksverstärker des Teufels, da sie gerade bei Kurzgebratenem erst das richtige Aroma mit einbringen. Aber irgendwann lief das wohl aus dem Ruder und statt Soja- oder Fischsauce wurden einfach eine handvoll Glutamatkörner in den Wok geworfen. Es hängen zwar so einige positive Kindheitserinnerungen an der gallertartigen Suppe und dem zuckersüßen Schweinefleisch vom Chinesen. Aber wenn es nur nach Kindheitserinnerungen ginge, müsste ich auch heute noch täglich Cheeseburger von McDo essen. Also Zeit für ein Update.

Die Erinnerung an mein letztes wirklich leckeres China-Essen bringt mich wieder zurück in den Städte-Entdeckungs-Modus. In so einem Fall spare ich mir gerne den Hunger ein wenig auf, um schließlich dort zuzuschlagen, wo es wirklich vielversprechend aussieht. So war das neulich in Berlin, wo auch das Restaurant „Hot Spot“ zu Hause ist, um das es hier gleich geht. Ich lief ein wenig verloren abends nach dem Kundenbesuch durch die Berliner Innenstadt, Ostseite, und suchte das Außergewöhnliche. Fast so wie damals in Hong Kong, nur mit nem ziemlichen Loch im Magen. Da sah ich plötzlich ein grell violettes Schild mit einer Leuchtreklame für das Soya Cosplay. Es entpuppte sich als ein gehobener Chinese mit teuren und auch sehr kleinen Portionen aber dafür mit einer exquisiten Qualität. Mit dieser Erinnerung in Gedanken las ich wenig später einen Artikel in der FAZ. Es ging um das neue Buch von der Journalistin und Köchin Ursula Heinzelmann, in welchem sie ihre Schwärmerei für das „Hot Spot“ in Worte gefasst und quasi als Abfallprodukt ein Kochbuch darüber geschrieben hat. Die Betreiber Herr Wu und seine Frau sind außerdem Weinliebhaber, insbesondere Riesling, und so ist es kein Zufall, dass der bekennende Riesling-Fanatiker Stuart Pigott („I am Riesling“) das Vorwort geschrieben hat. Außerdem ist er der Mann von Frau Heinzelmann, schreibt ebenfalls für die FAZ und irgendwie schließt sich hier der Kreis wieder.

china_hot-spot_herr_wu (3) gurkensalat

Herrn Wu hatte ich in Berlin leider verpasst, also musste eben das Buch „Die China-Küche des Herrn Wu: Rezepte aus dem „Hot Spot“ Berlin“ angeschafft werden. Und eines kann ich jetzt schon sagen: man kann die Rezepte tatsächlich sehr gut nachkochen! Ok, es sieht bei uns Laien sicherlich nicht so perfekt aus, wie wenn ein chinesischer Profi kocht, aber immerhin. Bevor das Kochen losgehen kann, müssen natürlich noch diverse Zutaten aus dem Asia-Shop herangeschafft werden, aber so viele sind es nicht und schon kann es losgehen.

Als Vorspeise oder vielmehr Salatbeilage sollte es die gesmashte Gurke geben. Das Rezept ist leicht: man halbiere eine Gemüsegurke der Länge nach und schlage auf sie ein, bis sie platzt. Die angeknacksten Stücke werden dann noch kunstvoll kleingeschnitten und mit einer Marinade aus Sesamöl, Chinkiang-Essig, Chilli, Sojasauce und Knoblauch vermischt.

Als Verehrer alles Schweinischen musste als Hauptgang heute der Schweinbauch nachgekocht werden. Bauch ist was Tolles: saftig durch die dicke Fettschicht und gleichzeitig knusprig, wenn man es will und hinbekommt. Der Knaller in diesem Rezept ist die Zubereitung der dicken Soße. Ok, „dicke Saus“ klingt erstmal wenig appetitlich, aber es ist diese Art von Sauce, wie man sie selten bekommt und die einem noch lange mental am Gaumen klebt. Dazu gab es noch eine kreative Gemüsemischung aus sehr klein geschnittenen Paprikas, Frühlingszwiebeln, Knoblauch, Chilli und Ingwer, die mit heißem, rauchendem Öl übergossen wurde. Das gibt dem rohen Zeug wirklich ein super Aroma.

china_hot-spot_herr_wu (7) rauchendes öl

Der kleingeschnittene Schweinebauch wird in mundgerechte Stücke geschnitten und für eine gute Stunde in Hühnerbrühe mit Frühlingszwiebeln, Ingwer, Sojasauce, Zucker, Reiswein, Sternanis und Chilli geköchelt. Danach das Fleisch und die groben Stücke aus der Flüssigkeit herausfiltern und alles heftigst einkochen lassen. Etwas andicken mit Stärke und schon ist die prächtige Sauce fertig. Ein Hochgenuß. Meine Fotos können das wie immer nur äußerst mangelhaft wiedergeben.

china_hot-spot_herr_wu (17) schweinebauch

Super! Motor! Yachten!

Je weiter man mit seinem eigenen mickrigen Segelbootchen herumkommt, desto mehr fallen einem die richtig dicken Yachten auf. Natürlich gibt es auch in der Kategorie „Superyacht“ solche mit Segel, aber meistens handelt es sich doch um Motoryachten. Und auch die mit Segeln werden die meiste Zeit von Motoren fortbewegt, da die gediegene Kundschaft ja rechtzeitig zum nächsten Sundowner wieder in der Marina am Steg liegen möchte. Leider habe ich nicht jedesmal auf den Auslöser gedrückt, wenn so ein BRT-Monster an mir vorbeizog. Aber immerhin doch manchmal. Und diese Bootchen möchte ich hier kurz vorstellen.

adria zelda 2014 (87) super yacht high powerBescheidenheit ist keine Tugend unter Superyacht Besitzern. Während kleinere Motoryachten bis 20 m Länge oft noch spaßige Namen tragen, wie zum Beispiel „The Salt Shaker“ oder „Tooth Fairy“, so verschwindet der Spaß bei den wirklich dicken Dingern. Die Namen werden zunehmend einfallsloser und so erhält dann eine Yacht wie die oben abgebildete im Wert von sehr vielen Millionen Euro den Namen „High Power III„. Da wäre selbst einem Dreijährigen etwas besseres eingefallen. Warum sie vorne hinter dem Bug diesen nashornförmigen Turm spazieren fährt, das weiß wohl auch nur der Konstrukteur. Nein, gerade habe ich es gegoogelt, auch das italienische Designbüro lässt sich darüber nicht aus.

adria_zelda_2013_ (398) torquise silver shalisDie da oben („Silver Shalis„, endlich mal ein guter Name!) habe ich in der Luka Tiha auf der Insel Hvar gesehen. Was die farblich passende Handtasche für die Dame, ist das farblich passende Beiboot für die Superyacht.

adria_zelda_2013_ (169) motor yacht unlimited 88Die hier, malerisch vor Primosten aufgenommen, ist zwar mit knapp 30 m noch gar nicht so riesig. Sie darf trotzdem schon einen langweiligen Namen tragen und hört auf „Unlimited 88„. Bei der 88 komme ich ein wenig ins Grübeln… in Deutschland bedeutet dieser Zahlencode in gewissen Kreisen ein verschlüsseltes „HH“, was das braune Gesocks gerne als Abkürzung für den gegenseitigen Gruß verwendet. Vielleicht ist es auch nur das Baujahr der Eignertochter. Nein, es ist natürlich die Länge in Fuß. Eigentlich ungewöhnlich, sie bei Booten dieser Länge noch im Namen mit anzugeben.

adria zelda 2014 (52) motoryacht maltaDie hier ist jetzt wirklich namenlos, aber sie fährt mir jedes Jahr über den Weg. Wirklich ständig. Der Kapitän müsste mich also schon kennen. Letztes Mal stand er gelangweilt auf der Außenbrücke und hat einen sehr netten, sehr großen Bogen um mich gemacht. Wenn das mal alle Motoryachten täten, dann würden mittags meine Spaghetti auch nicht vom Herd fallen. So klein ist sie eigentlich gar nicht. Aber aufgrund des Alters könnte sie nach einigen Besitzerwechseln wieder zurückgefallen sein in die Kategorie der Spaßnamen. Vielleicht ist es eine „Zeitverschwendung“  oder eine „My Pride and Toy“. Oder – sie kommt ja schließlich aus Malta – es handelt sich um die legendäre „Maltese Falcon“ (hier abgebildet im Tarnzustand).

adria_zelda_2013_ (534) royal clipperUnd hier die letzte aber dafür auch dickste Lady: die „Royal Clipper„. Vor vielen Jahren schon einmal in der Karibik gesehen, hier auf dem Bild liegt sie gerade vor Hvar (Stadt). Sie gilt zwar als Segelschiff, aber einer der Masten ist in Wahrheit ein Schornstein. Und da sie aus eingangs genannten Gründen die wenigste Zeit segelt, kann man sie getrost zu den Super Motoryachten zählen.

Mehr Bilder habe ich nicht parat, aber wer möchte, findet im Mittelmeer Skipper Forum ein Thema, das sich lang und breit mit  „Yacht Spotting“ beschäftigt.

Wer einen Sportbootführerschein besitzt und schon einmal reinschnuppern möchte wie es ist, so viele PS unter dem Hintern zu befehligen, der kann das zum Beispiel in den spanischen Gewässern bei Ibiza oder Mallorca tun. Es ist möglich, sich dort ein Boot zu mieten und damit mal flott zwischen Ibiza und Formentera hin- und herzudüsen. Während meine Fähre damals beim Gitarrenbaukurs noch eine gute halbe Stunde bis nach Formentera brauchte, schafft es so ein Motorspielzeug wohl in 10 Minuten. Preise finden sich dann auch auf der genannten Webseite: eine 40 m lange Megayacht ist dort schon für um die 100.000 Euro zu haben (Charterpreis, pro Woche).

Abschließend noch eine Liste der längsten Yachten der Welt auf Wikipedia, die sich wie ein Best-Of der Scheichs, Oligarchen und Softwaremilliardäre liest.

Lakefleisch [‚lackefleisch oder ‚laggefleisch]

Anhand meiner frei erfundenen Überschrift in Pseudo-Lautschrift erkennt man schnell: Lakefleisch ist was Regionales! Das Rezept wie man’s macht und alles drumherum erkläre ich hier von α bis Ω.

Neulich bei einer unserer Touren durch Frankfurt meinte Ulli so gegen 2 Uhr morgens zu mir: „Laggefleisch, das wär’s doch jetzt!“
„?!?“
Wenige Minuten später konnte ich mir zusammenreimen, was „Laggefleisch“ wohl auf Hochdeutsch ist: Lakefleisch! Manchmal auch „Surfleisch“ genannt. Das Fleisch ist dabei eigentlich nur der Vorwand für eine zünftige herbstliche Veranstaltung an der frischen Luft. Hauptgrund ist das gesellige Beisammensein, während ein monströses Feuer brennt und man während der Wartezeit alle Alkoholika aufbraucht, die das Jahr über im Schnappsschrank angehäuft wurden. Aber jetzt mal ganz von vorne.

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Also, ganz und total von vorne wäre jetzt erst mal ein kurzer Ausflug in die mitteleuropäische Geschichte angesagt: die Italiener haben ihre Spaghetti alla carbonara, wir Deutschen haben dafür das Lakefleisch. Beide Male waren es die Waldarbeiter, beziehungsweise die Köhler, die uns diese Spezialität beschert haben. Während die italienischen Köhler bei Speck und Sahne auf ihre Kohle gewartet haben, musste es für die Deutschen schon gleich eine halbe Sau im Feuer sein. Und so hat man die eh schon vorhandene Masse an Holzkohleglut genutzt, um darin gleich noch ein paar Kilo Fleisch zu garen.

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Auch Kartoffeln wurden gern reingeworfen, das nennt sich heute noch „Krombernbrate“ und findet wie das Laggefleisch im Nord-Bayerischen statt. Die Elsässer waren in der Resteverwertung ihrer Ofenglut ebenfalls sehr erfinderisch und haben damals den Flammkuchen erfunden. Aber typisch deutsch ist halt die pure Masse an Schwein, die wir in die Glut gepackt haben. Deshalb zieht es uns noch heute zum Sonderangebot von 2,99 pro Kilo Sau in die Supermärkte. Ohne dass wir dabei auch nur einen einzigen Gedanken an Lackefleisch verschwendet hätten. Sollten wir aber!

Jetzt also zum Eingemachten (ha, ha!). Die Zubereitung des Lakefleischs besteht aus drei Phasen:

1. Fleisch Laken
Wir nehmen Schweinefleisch in Scheiben vom Kamm oder Nacken, also nicht zu mager. Fleisch kann man generell durch Salz haltbar machen. Das geht trocken, indem man es mit dem Salz einreibt und in seinem Elend liegen lässt. Daraus wird dann irgendwann Schinken. Oder man wirft es gleich in eine Wasser-Salz-Lösung.  Dann zieht wegen der Osmose die salzige Lösung in das Fleisch hinein und sorgt erstens für Salz im Fleisch und zweitens für weniger Bakterienwachstum.

lakefleisch_2015 (7) hölle brennt

Zum Laken fertigt man am besten eine etwa 6%ige Salzlösung an und legt darin das Fleisch ein. Gibt man noch Nitrat hinzu, wird das Fleisch auch noch rötlich gefärbt (gepökelt). Es ändert den Geschmack ein wenig in Richtung „Geselchtes“ (wenn ich das auf Wikipedia so nachlese, fällt mir auf, dass wir den Begriff eigentlich nie für „Geräuchertes“ verwendet haben) wie z.B. bei einer Haxe auf Sauerkraut. Da unser Schwein in Scheiben vorliegt und die Lake etwa 1 cm pro Tag ins Fleisch zieht, reichen 1-2 Tage im Keller völlig aus. Wer will, kocht vorher noch eine Mischung aus Lorbeer, Wacholder, Zwiebeln und Knoblauch auf und gibt das in die Lake. Zieht lecker ins Fleisch und gibt Geschmack!

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Wenn das Fleisch fertig ist, holt man es aus der Lake und kann es noch ein paar Stunden trocken durchziehen lassen. So verteilt sich das Salz im Fleisch („Durchbrennen“). Schließlich wird es portionsweise in Alufolie eingewickelt, das sind etwa 2 Scheiben pro Päckchen. Es kommt etwa eine gehobelte Zwiebel auf ein Päckchen Lackefleisch. Das Fleisch soll ja saftig bleiben, und dafür sind Zwiebeln einfach optimal. Außerdem geben sie Geschmack. Da das Fleisch schon salzig genug ist, muss es bloß noch etwas gepfeffert werden. Auch Paprikapulver oder eine Scheibe Bacon dazwischen schaden nicht wirklich! Mehr Ideen gibt’s hier. Die Alu-Päckchen fest einwickeln und bereithalten für die Höllenglut.

2. Holzfeuer machen
Wer mit dem Selberpökeln fertig ist oder einfach die Abkürzung über den nächsten Metzger genommen hat, kann weitermachen. Denn jetzt kommt die Stelle für die Jungs! Wir brauchen Holz, am besten frisch geschlagenes Buchenholz. Frisch deshalb, damit es später nicht so schnell verbrennt und die Glut länger hält. Und da man Laggefleisch nicht nur für 4 Leutchen macht, sondern eher für 20, braucht es auch richtig viel Holz. Zwei Ster (Kubikmeter) sollten für eine Gruppe von 20 Personen reichen. Man schichtet das Holz so auf, dass es gut Feuer fängt und später von alleine in sich zusammenfällt. Große Stücke holt man nachher, wenn reichlich Glut vorhanden ist,  aus der Asche, denn sie steuern nichts bei, außer dass sie die Hitze blockieren und Luft in den Gluthaufen reinlassen. Also nochmal für Bürohengste: 2 echte Kubikmeter frisches(!) Holz müssen beschafft und aufgeschichtet werden! Das ist ein Hänger voller Holzscheite und es ergibt einen Scheiterhaufen, auf dem meine Oma ohne Weiteres hätte in die ewigen Jagdgründe mitreisen können.

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So wie man auch ein Auto anzünden kann, wird auch dieser Holzstapel angezündet: einige Grillanzünder machen den Job. Im Innern auf einem separaten Starterfeuer verteilen und schon schlagen die Flammen lichterloh. Wenn man das Feuer um 10 Uhr vormittags startet, braucht es etwa 4 Stunden, bis man eine amtliche Menge Glut beisammen hat. Optimalerweise besteht sie aus schön gleichmäßig kleinen Glutstücken. Hilfreich beim Handling sind feuerfeste Klamotten und Handschuhe, wie sie die Feuerwehr hat. Große Schaufeln mit langen Holzstielen helfen beim Verteilen und Umschichten der Asche. Und der Boden sollte die Hitze auch aushalten können…

3. Fleisch backen
Um 14 Uhr sollte das Feuer soweit abgebrannt sein, dass sich ein stattlicher Glutberg gebildet hat. Natürlich könnte man jetzt die Glut einfach ein wenig zur Seite schieben und die Lackefleisch-Päckchen direkt reinwerfen. Dann müsste man sie aber auch wieder mit der Schaufel herausfriemeln und würde beim Herumstochern die Alufolie aufritzen. Dann entweicht der Saft und das Lackefleisch wird trocken. Sinnvoller ist es daher, alles in einen Metallkorb zu legen und den gesamten Korb in die Glut zu stellen. So bekommt man alles leicht wieder herausgehoben und vergisst auch kein Päckchen in der Fleischhölle. Praktisch sind dabei lange Metallstangen, damit sich der Grillmeister nicht selber grillt bei der Aktion. Der Knackpunkt am Backen des Laggefleischs ist, dass die Glut den Korb komplett bedeckt. Alles was rauskuckt, verbrennt wegen dem Sauerstoff und der Mörderhitze. Innendrin kommt kein Sauerstoff an die Fleischpäckchen, nur Hitze. Und so soll es sein. Also immer fleißig die Glut beobachten, regelmäßig die Asche festklopfen, um entstandene Hohlräume zu schließen und zur Erholung zwischendrin ein Schnäppschen trinken. Ok, es geht auch ohne Schnapps. Aber man verbringt schon den halben Tag am Feuer, und da ist Wasser auch nur die halbe Miete…

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Ich habe etwas von drei Phasen gefaselt, die wären hiermit erklärt. Was jetzt passiert, könnte auch in jedem x-beliebigen Backofen stattfinden, jedenfalls fast: das Fleisch gart vor sich hin. Unter der Glut muss es ziemlich heiß sein. Sicherlich heißer, als es ein Backofen könnte. Man lässt die Fleischpäckchen etwa 1 bis 2 Stunden drin und testet dann mal eines. Das Schwein ist relativ schnell gar. Aber erst nach der vollen Garzeit des Lakefleischs, also gegen 16 Uhr, wird es so mürbe, dass es locker mit dem amerikanischen pulled pork mithalten kann. Dabei zersetzt sich sämtliches Kollagen und die Fleischfasern wissen einfach nicht mehr, wohin sie sollen, und fliegen einem fast von alleine in den Mund! Jetzt mal plastisch dargestellt. Aber anstatt 10 Stunden vor dem amerikanischen Smoker Grill zu warten, schaffen wir das beim Lackefleisch schon nach 6! Ok, die Marinierzeit müsste man auch noch berechnen, aber wer will da schon kleinlich sein.

lakefleisch_2015 (19) offenes päckchen portion sm

Und weil man währenddessen und später auch diverse Outdoor-Spiele spielen kann, wie zum Beispiel Nägel in Holzstämme schlagen oder, äh, noch mehr Nägel in Holz schlagen, vergeht die Zeit wie im Fluge und schon ist es dunkel. Und irgendwo war doch noch so ein Päckchen Lackefleisch… es geht doch nix über einen deftigen Mitternachts-Snack!

Fazit: wer auch nur einen Funken Sinn für urtümliche Rituale im Freien hat, der wird das Laggefleisch-Essen lieben. Jedes Jahr auf’s Neue. Einfach den Rauchsignalen folgen.

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Die Kokerei Hansa in Dortmund – eine Führung

Schon mal darüber nachgedacht, woher Stahl kommt? Wo das Erz gefördert wird? Wie man Koks zur Metallgewinnung erhält? Und woher die Kohle zur Koksgewinnung stammt? Eine Führung im Ruhrgebiet schafft Klarheit.

Ich sehe mich noch heute, in mittelalterliche Kleidung gewandet, mit Lederstiefeln an den Füßen und einem Schwert auf dem Rücken durch den winterlichen Taunus stiefeln… zumindest in meiner Phantasie, während ich aus dem Kinderzimmerfenster schaute und von den Hausaufgaben abschweifte. Doch wie eigentlich in J.R.R. Tolkiens Welt der Stahl hergestellt wird, ist mir auch nach drei Filmen noch nicht klar. Aber es gab einmal eine Zeit, da wollte ich das unbedingt selbst tun: Dinge aus Metall herstellen.

Jahre später war ich dann IT-Student im praktischen Semester. Und der Gedanke trieb mich um, wie cool es doch wäre, mit den eigenen zwei Händen etwas schmieden zu können. Das Praktikum in der IT-Branche langweilte mich, so dass ich mir eifrig die Inhalte diverser Internetforen zum Thema „Schmieden“ reinzog. Klar war, dass ich eine Esse brauchte. Eine alte Feldschmiede mit Fußantrieb war auf Ebay schnell gefunden und für’n Appel und’n Ei gehörte sie mir. Sie war schon von Rost zerfressen und an den meisten Ecken mit Stahlplatten notdürftig ausgebessert. Der alte Bauer, von dem ich die Schmiede abholte, hatte damit jahrzehntelang Hufeisen für seine Pferde hergestellt und repariert. Sein Sohn kauft sowas heutzutage sicherlich bei Amazon und so musste das Teil die Scheune verlassen.

feldschmiede esse koks

Mit dabei war ein dicker Sack mit Kohle, so dachte ich zumindest. Aber eigentlich war das meine erste Begegnung mit Koks. Erst, nachdem ich das Zeug nicht zum Brennen bekam, ging mir ein Licht auf: ich brauche erstmal ein normales Kohlefeuer, bis das rockt! Und so begriff ich den Unterschied zwischen normaler Kohle (entzündet sich relativ schnell, brennt aber mit niedriger Temperatur) und Koks (brennt heiß und bringt Metall zum Glühen, geht aber ohne Sauerstoffzufuhr von selbst aus).
Relativ schnell war klar, dass das ein dreckiges Geschäft ist. Die Nase voll mit Staub, die Hände verbrannt und Muskelkater im Bein wegen dem Tretgebläse… Ausserdem bekam ich noch eine ordentliche Erkältung, weil im Winter natürlich kein Mensch ne Jacke trägt, wenn einem vom Schmieden doch schon warm genug ist. Die Schmiederomantik jedenfalls war verflogen und außer ein paar verbogenen Nägeln hatte ich nichts zustande gebracht. Ein frankfurter Sozialarbeiter hat mir die Esse schließlich dankenswerterweise abgekauft und beschäftigt damit jetzt seine Problemkinder.

kokerei hansa dortmund  (11) kohle förderband

Aber zurück in die Gegenwart. Da hält man irgendetwas aus Edelstahl in der Hand, zum Beispiel einen Schraubendreher. Und doch hat man im Prinzip keinen blassen Schimmer, wie lange es gedauert hat, bis aus diversen Grundstoffen dieses superstabile Werkzeug entstanden ist. Wer es genau wissen will, besucht einfach eine der Führungen im Ruhrgebiet, wo einem die Zechenlandschaft näher gebracht wird. Ich nahm Teil an einer Führung in der Kokerei Hansa in Dortmund Huckarde (auf der verlinkten Seite findet man auch die Öffnungszeiten, Preise, etc.).

Die Kette lautet im Prinzip folgendermaßen: Bergwerk – Kokerei – Hütte

  • In den Zechen (Bergwerken, Minen) wird Kohle und Erz gefördert.
  • Die Kohle wird in der Kokerei von diversen unerwünschten Inhaltsstoffen befreit und zu Koks verarbeitet.
  • Der Koks wird zur Metallgewinnung aus Erz im Hochofen genutzt.
  • Das Metall wird unter Hinzufügung verschiedener Stoffe zu Edelstahl und irgendjemand fertigt daraus die Klinge des Schraubendrehers.

kokerei hansa dortmund  (4) kohle koks schwefel benzol

Ob in dieser Gruppe von Teilnehmern der Führung nur Industrieromantiker waren oder auch Angehörige ehemaliger Kumpel – ich weiß es nicht. Jedenfalls war diese Führung durch die Kokerei Hansa in Dortmund gut besucht. Nachdem es in letzter Zeit ein paar Umbauarbeiten gab, ist der Weg der Kohle bis zur Kokswerdung jetzt ganz einfach für Jedermann begehbar. Los geht es beim Förderband, das früher zu einem guten Teil mit der Steinkohle der benachbarten Zeche bestückt wurde. Die hier verarbeitet Kohle stammt aus verschiedenen Bergwerken und ist daher nicht immer gleich. Das Koks für die Hütten muss allerdings schon von gleichbleibender Zusammensetzung sein. Deshalb wird die Kohle gemischt und hat am Ende eine gleichbleibende Zusammensetzung.

kokerei hansa dortmund  (16) koks verfahren

Was einem Stadtkind vielleicht im ersten Moment genauso fremd ist wie die Kuh auf der grünen Wiese, das ist hier die monumentale Bauweise der Anlage. Es ist nicht ganz falsch, wenn man von Kathedralen und Palästen spricht, die hier für die Kohle gebaut wurden. Was ein wenig fehlt, ist dekorative Inneneinrichtung. Stattdessen werden die gigantischen Räume eben mit Kohle gefüllt. Nachdem sie zerkleinert, gemischt und gesiebt wurde, wird sie auf die über 300 Öfen verteilt. Die Anzahl erscheint viel, aber der Grund ist simpel: jeder Ofen ist weniger als einen halben Meter breit. Dafür aber 12 Meter lang und in der Lage, etwa 16 Tonnen Kohle unter Sauerstoffabschluss zu Koks zu verarbeiten.

kokerei hansa dortmund  (18) koksofen

Während der Erhitzung der Steinkohle entweichen alle möglichen Stoffe, die als Gas über Rohrleitungen abgeführt und auf der anderen Seite der Anlage herausgefiltert werden. Teer, Schwefel, Benzol – hier sammelt sich das Sahnehäubchen der Koksgewinnung. Alles Stoffe, die sich gewinnbringend an andere Industriezweige verkaufen lassen. Wie auch in anderen Branchen profitieren eng beinander liegende Industrien schwer davon, wenn sie ihre „Abfallstoffe“ an den Nachbarn verkaufen können. Für diesen ist es möglicherweise der Grundstoff für ein völlig anderes Produkt.

Am Ende der Tour landen wir in der riesigen Halle der Kompressoren. Hier wurden die Gase mit Hilfe großer, dampfgetriebener Kompressoraggregate verdichtet und schließlich an wen-auch-immer weitergeleitet.

kokerei hansa dortmund  (25) gas kompressor

Und weil es unmöglich ist, einen Artikel über Koks ohne Zweideutigkeiten zu beenden, sei hier noch erwähnt, dass mir Koks in seiner weißen Form bisher noch nicht untergekommen ist. Ein Gagschreiber könnte daraus vielleicht was machen – aber mir fällt dazu bloß ein, dass es das Koks heutzutage quasi aus der Schwerindustrie direkt in die Dienstleistungsgesellschaft geschafft hat.

Ok, der war wirklich schwach.

Segeln auf der Adria 31: Die perfekte Flaschenpost

Schonmal davon geträumt, eine Flaschenpost zu finden? Man schlappt so nichts ahnend durch den Sand und plötzlich: eine beklebte Flasche!
Oder wie wäre es damit: man träumt sogar davon, eine eigene Flaschenpost zu erhalten? Wie man eine solche Flasche versendet, das erklärt dieser Artikel.

Zunächst mal zurück auf den Boden der Tatsachen: der Finder einer Flaschenpost ist niemals der Empfänger. Ok, unter Fischern wäre das vielleicht eine Art von Running-Gag, sich gegenseitig eine Flaschenpost zu schicken: „Jorge, deine Netze stinken, Alter! Gruß, Jose“ oder: „Zlatko fängt nur kleine Fische und hat auch einen kleinen Pulpo! Do viđenja. Ante“.

In Wahrheit sieht es wohl eher mal so aus, dass die Flasche nach tage- oder wochenlangem Treiben im Meer irgendwann an irgendeiner Küste an irgendeiner Kante hängenbleibt und auf ihr Schicksal wartet. Reißt die nächste Windböe sie wieder frei? Kommt die nächste Flut und schwemmt sie wieder in den Kreislauf der Dinge? Kommt vielleicht ein volltrunkener Pauschaltourist daher, macht sich einen Spaß daraus und pfeffert erstmal einen Stein auf die Flasche? Oder wird sie von Herr Abramovic seiner Mega-Yacht in Stücke geshreddert, ohne dass er es überhaupt merkt? Ma waases net. Aber eins ist sicher: irgendwo findet auch die abwegigste Strömung des Mittelmeers ein Ende und die Flasche kommt wahrscheinlich zur Ruhe. Und ab hier ist sie auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen des Finders ausgeliefert.

adria zelda 2014 (112) flaschenpost brief

Der Inhalt einer erfolgreichen Flaschenpost muss folglich immer aus zwei Teilen bestehen, nämlich dem schleimigen Anschreiben an den Finder und der eigentlichen Botschaft. Beide sollte man mit wasserfesten Stiften schreiben, also mit Bleistift oder Buntstift. Texte, die mit Kugelschreiber oder Filzstift geschrieben werden, zerfransen schnell auf feuchtem Papier. Was man in beiden Briefen sinnvollerweise erwähnen sollte:

  • Den Absender, also Bootsname und eigener Name
  • Datum des Abwurfs
  • Position des Abwurfs mit GPS Koordinaten

Der Finder liest natürlich zuerst den Brief an sich selbst, den man sinnigerweise außen um den eigentlichen Brief an den Adressaten herumwickelt. Darin schreibt man, dass man sich unbändig freut, dass diese Flaschenpost ans Ziel gekommen ist und dass der eigentliche Adressat sich noch viel unbändiger freuen würde, wenn der ehrliche Finder diese Flaschenpost mit der regulären (und dummerweise auch kostenpflichtigen) Post weitersenden würde. Ewiger Dank und Jungfrauen im Paradies sind ihm sicher, nur im Diesseits habe er leider keine weitere Belohnung zu erwarten.

Lustigerweise sind Flaschenpostfinder normalerweise nicht in der Position, dass sie jedes Jahr eine Flaschenpost beim Strandspaziergang aufgabeln. Und so finden sie die Sache noch sehr spannend und leiten den Brief aus der Flasche gerne weiter. Außer, man gerät an Jorge, Zlatko oder Ante. Dann fliegt die Flasche wahrscheinlich noch auf hoher See wieder zurück ins Wasser. Was aber auch Ok ist, dann hat die Message in der Bottle noch eine Chance, mehr Strecke zu machen.

Und das bringt uns genau zu dem wichtigsten Punkt: Strecke machen! Eine Flaschenpost ist ja äußerst nachhaltig unterwegs, sprich, sie verbraucht keine Energie und reitet mit der Natur. Wirft man sie ins Wasser an einer Stelle, die laut Windvorhersage optimal ist, so kann es sein, dass sie aus Strömungssicht ganz und gar nicht optimal ist. So passierte mir das zwischen den Inseln Hvar und Brac in Kroatien. Es herrschte Südwind und die Flasche hätte eigentlich schön in Richtung Norden nach Istrien oder meinetwegen auch nach Venedig treiben sollen. Tatsächlich aber habe ich die Strömung vernachlässigt. Die scherte sich nicht besonders um den kurzzeitig wehenden Südwind und verfrachtete die Flasche auf dem kürzesten Wege in die nahe südliche Bucht von Hvar, wo sie wenige Tage später von einem aufmerksamen Menschen gefunden und zurückgesendet wurde. Soweit die hochtrabenden Pläne für diese Flasche.

adria zelda 2014 (110) flaschenpost

Die zweite Flasche aber ist zu diesem Zeitpunkt noch unterwegs, obwohl sie nur einen Tag später „abgesendet“ wurde. Hoffentlich denkt der Finder an seine eigenen Absendedaten, so dass ich weiß, wo und wann er sie gefunden hat! Aber jetzt mal zur Hardware.

Flasche ist nicht gleich Flasche. Stellt man ein Lastenheft für eine Flaschenpost auf, so fallen die folgenden Begriffe:

  • Langlebigkeit
  • Dicht muss sie sein
  • Stabilität
  • Raum für einen Brief

Damit scheiden schonmal kleine und/oder dünnwandige Flaschen oder solche mit mangelhafter Verschließbarkeit aus. Weinflaschen zum Beispiel. Viel zu dünnwandig. Optimal sind Likör- oder Schnapsflaschen. Sie haben die erforderliche Größe, sie sind aus stabilem Glas und haben meist einen korkenartigen Verschluss. So können sie ruhig einmal gegen die nächste Klippe dotzen und treiben dennoch ihres Weges ohne Leck zu schlagen. Abdichten lassen sie sich auch prima.

Normalerweise haben Schnappsflaschen entweder einen Plastikkorken oder einen Drehverschluss. Nachdem man die Briefe an den Finder und den Empfänger zusammengerollt und hineingesteckt hat, wird die Flasche also erstmal abgedichtet. Dafür eignet sich sehr gut Marine-Fett oder einfach Wachs. Oder am besten beides. Etwas Fett auf das Flaschengewinde schmieren, dann den Deckel aufschrauben. Hinterher alles zusammen mit flüssigem Wachs abdichten, Kalfatern sozusagen. Wer paranoid ist, wickelt jetzt noch Ducktape drumherum, aber das löst sich in der Sonne nach ein paar Wochen sowieso auf. Kann man sich also sparen und den natürlichen Zutaten vertrauen. Nach dem Abwurf wird man beobachten können, dass die Flasche wegen dem schweren Glas doch reichlich Tiefgang hat. Das erklärt auch die Tatsache, dass weniger der Wind als die Strömung die Oberhand über die Zugrichtung der Flasche behält.

Nicht zu vergessen ist das fachmännische Bekleben der Flasche. Niemand stoppt sein Boot wegen einer herumtreibenden Buddel. Wenn aber schon von weitem erkennbar ist, dass mit der Flasche „was nicht stimmt“, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass der fachkundige Skipper die Chance zur Übung des „Flasche über Bord“ Manövers wahrnimmt. Ich habe für meine Flaschenposten (bis jetzt zu 77,7% erfolgreich) einfach weißes Papier bemalt und mit durchsichtigem Klebeband außen an der Flasche befestigt.

Die erste Post in 2013 brauchte noch knapp vier Monate. Die zweite in 2014 schaffte es in drei Wochen zum Empfänger. Wenn das bei der dritten in dem Stil so weitergeht, werde ich von jetzt an jeden Brief einfach in das nächste Gewässer werfen. Ist doch erheblich billiger und dauert kaum länger als mit der herkömmlichen gelben Post.

Segeln auf der Adria 30: Ankern unter Segeln

Nördlich von Split auf der Festlandseite gibt es eine großzügige Ankerbucht, an der das Dorf Vinisce liegt. In den letzten Jahren kam es hier immer wieder zu „Unregelmäßigkeiten“, wie es im Küstenhandbuch für Segler so schön heißt. Mit anderen Worten: hier wurde spontan und illegal eine kleine Marina eröffnet, die kurze Zeit später von der Polizei wieder geschlossen wurde. Dann gibt es dort noch das immer wiederkehrende Unwesen von Freibeutern, die abends ihre Runde in der Ankerbucht drehen und frech eine Phantasiegebühr von den dort liegenden Jachten verlangen. Für diese Bucht ist jedoch nie eine Konzession vom Staat vergeben worden und somit liegen hier keine Bojen aus, noch hat jemand das Recht, einfach Geld einzusammeln. Eine alte, zeternde Frau macht das trotzdem und daher hat man (abgesehen vom Bezahlen) zwei Möglichkeiten, die Angelegenheit zu klären: Ausdiskutieren oder einfach vom Boot an Land flüchten. Da ich der Dame schon am Vortag klar gemacht habe, dass ich nicht zu zahlen gedenke, bin ich heute Abend an Land gerudert. Erstens ist das besser für den Stresspegel und zweitens überfiel mich wieder einmal die Lust auf eine Fleischplatte, die es in einem der Restaurants mit Sicherheit geben wird. Aber ich schweife ab.

20140808_195657_ankern vinisce

Die Bucht. Sie ist groß und überwiegend flach, so dass sie ein beliebtes Ziel für Jachten ist, die ankern wollen. Nach einem langen Segeltag komme ich also mit ordentlich Rückenwind an den Eingang der Bucht und denke mir, wofür eigentlich jetzt den Motor anmachen? Der Wind bläst mich doch schon seit über einer Stunde bis auf wenige Grad genau in die Bucht hinein. Also bleibt das große Vorsegel oben. Und wieder eine Viertelstunde später denke ich mir, du wolltest doch schon immer mal ausprobieren, wie es ist, nur unter Segeln zu ankern. Gedacht, getan. Das Großsegel ist eh schon seit heute Mittag eingeholt, denn bei Wind von hinten trägt es nicht viel zur Geschwindigkeit bei. Also steht nur noch die Genua, welche ich nun schrittweise einrolle, um nicht zu schnell zu sein. Man braucht erstaunlich wenig Segelfläche, da einen der Wind sowieso anschiebt. Das Einrollen des Vorsegels geht auf Vorwindkurs sehr gut und so gleite ich lautlos mit 2 bis 3 Knoten Fahrt in die Bucht und erfreue mich an den Kommentaren der am Ufer badenden Urlaubsgäste. Ob sein Motor wohl kaputt ist?

Schon von weitem sehe ich geradeaus ein schöne Lücke zwischen den vor Anker liegenden Jachten. Da will ich rein. Ich fahre so platt vor dem Wind wie möglich, um im Notfall noch anluven und ausweichen zu können. Der Motor ist natürlich startbereit – aber diesmal soll er ja ausbleiben. Da ich am Bug keine Ankerwinsch habe, hole ich den Anker aus der Backskiste, schaue ob die Leine klar ist und warte auf den richtigen Augenblick. Die Genua ist bis auf einen Fetzen eingerollt und ich habe immer noch 2 Knoten Fahrt drauf. Mehr soll es nicht sein, denn wenn mein Anker greift (und das tut er immer), soll es mir die Heckklampe nicht ausreißen.

adria_zelda_2013_ (529) ankern unter segeln

Der Anker fällt, ich gebe Leine, belege an der Heckklampe und harre der Dinge… Nur, es passiert nichts, außer dass ich stehen bleibe. Das Boot ruckt leicht ein, das ist schon alles. Das Segel ist natürlich noch gebläht und ich rolle es nun komplett aus, um mehr Druck auf die Ankerleine zu geben. Ende des Manövers. Ein lustiger Anblick, so mitten im Feld der Ankerlieger mit geblähten Segeln auf der Stelle zu stehen. Später tauche ich noch den Anker ab, nur um festzustellen, dass er sich vorbildlich eingebuddelt hat.

adria_zelda_2013_ (254) vinisce bucht

Vor lauter Stolz und Selbstzufriedenheit über diese gelungene Aktion hatte ich eigentlich fest damit gerechnet, dass mir die Crews auf den anderen Booten Beifall klatschen, mich auf ein Bier einladen und mir dann ihre Töchter schenken. Aber leider blieb es wie üblich bei meinem eigenen Ankerbier. Das war dann aber doppelt so lecker!

Wandern auf Madeira mit Poncho

Ein paar Jahre zurück empfahl mir der besorgte Vater, beim Wandern doch bitte immer einen dünnen Plastik-Poncho mitzunehmen. Man könne ja nie wissen in den Bergen, der Regen überrascht einen möglicherweise und da wäre ich doch froh, dieses gelbe Ungetüm dabei zu haben. „Jo, Vadder…“ dachte ich mir und packte das hässliche Ding in die hinterste Ecke meines Wander-Inventories. Ich gab ihm noch die Schnellzugriffstaste „F12“ und vergaß es daraufhin für viele Jahre – bis es eines Tages unverhofft seinen Einsatz bekommen sollte. Aber dazu später mehr…

2013 Madeira (72) steilküste

Für einen Badeurlaub oder bloß zum Räkeln am Strand eignet sich die Insel Madeira wirklich nicht. Genauso wie bei den etwas südlicher liegenden Kanarischen Inseln fällt auch vor Madeira das Wasser innerhalb kürzester Entfernung vom Ufer schon auf einige tausend Meter Tiefe ab. Der Albtraum für alle Freischwimmer mit tief verwurzelten Urängsten vor der unergründlichen, dunklen See. Wer aber schonmal mitten auf dem Meer von einem Boot gesprungen ist und dann mit Wonne direkt nach unten in die Tiefe geschwommen ist, der wird das einfach nur geil finden. Wie tief kommt man da wohl hinunter? Wo ist jetzt nochmal „oben“? Und will man dort oben überhaupt wieder hin?
Aber wir sind ja zum Wandern hier.

Jedenfalls, ohne sanft umspülter Küste und ohne Korallenriffen in der Nachbarschaft bildet sich nunmal auch kein weißer Sandstrand vor einer Insel. Dafür gibt es aber spektakuläre Steilküsten, hohe Berge, grüne Wälder und verträumte Dörfer. „Verträumt“ klingt dabei definitiv besser als „verlassen“, auch wenn das eher zutreffen würde. Man merkt, dass die Einwohner hier lieber einen Job im Tourismus suchen, als im bergigen Land den Boden zu beackern oder dem Fischfang nachzugehen.

2013 Madeira (66) wandern machico

Für Wanderer ist die Insel dagegen ideal. Das Wetter ist ganzjährig passabel und die Temperaturen pendeln um die 20° Celsius. Bei schönem Wetter ist es sommerlich warm, auch im Winter. Kurz gesagt, normalerweise ist hier T-Shirt-Wetter. Gewandert wird vor allem entlang der Levadas. Das sind endlose Kanäle aus Stein oder Beton, die etwa einen halben Meter breit sind. Mit Hilfe eines minimalen Gefälles transportieren sie das Wasser aus den verregneten Bergen in die südlichen, trockenen Winkel der Insel. Dank des zentralen Mini-Gebirges sammeln sich die Wolken und damit der Regen nämlich bevorzugt an der Nordseite von Madeira, wo der feuchte Passatwind aufsteigt und abregnet. Und damit die gesamte Insel in den Genuß von reichlich Wasser kommt, haben die findigen Ur-Madeirenser schon vor Jahrhunderten das Problem mit eben diesen Levadas gelöst. Eine Arbeit für Generationen, wenn man bedenkt, wie lang diese Kanäle sind und in was für unwegsames Gelände sie in den puren Stein gekloppt wurden. Wobei man auch hier erwähnen sollte, dass die alten Portugiesen sich dabei eher selten die Hände schmutzig gemacht haben. Diese harte und gefährliche Arbeit wurde gern den Sklaven aus Afrika überlassen. Die kamen hier eh vorbei auf dem Weg in die Neue Welt und da hat man sich gleich mit bedient.

2013 Madeira (129) levada stein

Der verweichlichte Wanderer von heute frohlockt jedenfalls, denn an den hübsch bepflanzten und gepflegten Wegen entlang der Kanäle lässt es sich vorzüglich wandern. Steile Anstiege gibt es fast gar nicht. Nur selten einmal balanciert man auf 50 cm Breite zwischen der Levada und dem Abgrund. Abgründe gibt es genug, daher empfiehlt die örtliche Tourismusbehörde, nicht alleine aufzubrechen und immer eine Trillerpfeife dabei zu haben. Falls man abrutscht und mit gebrochener Hüfte unter einem Felsen begraben liegt, kann man also immer noch vor sich hinträllern und hoffen, dass Jorge, der Landschaftsgärtner, einen auf seinem wöchentlichen Kontrollgang findet…

Das Handy ist leider keine große Hilfe, denn alle EU-Gelder sind bereits in die unheimlich wichtige Autobahn und den Flughafen mit seiner Airbus-A380-kompatiblen Landebahn geflossen. Für ein paar zusätzliche Funkmasten war einfach kein Geld mehr da. Spaß beiseite, in den engen Tälern und Schluchten hat man einfach keinen Empfang, so simpel ist das. Nix mit eben mal per Whatsapp das coole Selfie von sich selbst und der Wildnis posten… hier ist man einfach – allein. Und das ist gut so. Statt der 112 muss man also auf der Pfeife trällern. Aber so schnell verdurstet man ja nicht, die Levadas sind immer gut gefüllt. Manchmal auch mit toten Ratten und Katzen. Aber im Fall der Fälle ist man ja nicht so zimperlich.

2013 Madeira (21) levada wanderweg

Nicht alle Wandertouren führen entlang von Levadas. Wo ein Gebirge ist, und sei es noch so kompakt, gibt es natürlich auch hochalpine Routen. Und die sollte man nicht unterschätzen. Wetter und Berg verhalten sich hochalpin, da kann einen von Nebel, über gefrorenen Boden bis zum Steinschlag einfach alles erwarten. Früher war der Weg durch das Zentralmassiv die kürzeste Verbindung zwischen Nord und Süd. Auf den engen Pfaden wurden sämtliche Güter transportiert, die rüber mussten. Wenn man sich vorstellt, dass kräftige Kerle damals eine 40 Liter fassende Ziegenhaut schleppten und man selbst mit seiner knapp 10 Kg wiegenden Wander-„Handtasche“ schon gut bedient ist, dann wird einem klar, was für eine Plackerei das gewesen sein muss.

Wer auf dem Encumenada-Pass steht, hat die Hälfte des Weges geschafft und sieht den Atlantik sowohl an die Nord- als auch an die Südküste von Madeira donnern. Von hier starten einige Wanderwege und die Straße führt weiter in Richtung der Hochebene Paul de Serra, wo es noch mehr zu entdecken gibt. Wer die Abgeschiedenheit liebt, kann sich hier in die Encumenada Lodge einquartieren, ein modernes Hotel mit allem Komfort. Man ist aber tatsächlich ziemlich am Pobbes der Zivilisation, das sollte einem bewusst sein.

2013 Madeira (47) pico grande ruivo arieiro

Auf den höchsten Berg der Insel, den Pico Ruivo, kann man fast komplett mit dem Auto fahren, was ihm das Spektakuläre auch so ziemlich komplett nimmt. Wer sich den Gipfel lieber selber verdienen möchte, sollte sich eher in Richtung Pico Grande oder Pico do Arieiro orientieren. Nachdem man seinen untermotorisierten Mietwagen im ersten Gang zum Forsthaus kurz hinter der letzten Siedlung geprügelt hat, folgt eine schöne 4 bis 5 stündige Wanderung, deren Highlight die Besteigung des Pico Grande ist. Spektakulär sind ein paar steil abfallende Stellen, wo man sich tunlichst an den (hoffentlich vorhandenen) Stahlseilen einpicken oder zumindest festhalten sollte.

Im Gegensatz zu den Levada-Touren gilt für alle Bergtouren, dass man so früh wie möglich aufbrechen sollte. Ab Mittag schwappen die Wolken gnadenlos über den Gebirgskamm und füllen die Hochtäler bis zum Gipfel mit Nebel. Auch bei meinem „Besteigungsversuch“ war das so. Nur dass ich eben kein Frühaufsteher bin und daher den Versuch kurz vor dem Gipfel abbrechen musste. Hier alleine auf weiter Flur irgendwo in einer Felsspalte zu landen und sich hinterher mit dem Taschenmesser den Arm abschneiden zu müssen… nee, das ist einfach nicht mein Stil. Aber egal, die Aussicht, die man schon bis zur Stelle unterhalb des Gipfels hat, ist phänomenal.

2013 Madeira (12) wandern alpin

Leider gibt es nur wenige Rundwanderwege auf Madeira. Man ist also entweder gezwungen, mit dem Bus zum Startpunkt zurück zu fahren oder man kehrt je nach persönlicher Kondition nach der Hälfte oder 2/3 des Weges wieder um und läuft die selbe Strecke zurück. Die Busverbindungen sind gut, nur leider in den Bergen nicht so häufig. Und da ich vor einigen Jahren einmal fast die letzte Talfahrt einer Seilbahn verpasst habe (nur Dank aktivem Trampen kam ich noch rechtzeitig an), bin ich seitdem ein großer Freund des eigenen Autos vor Ort. Als Alternative bliebe noch das Taxifahren. In jedem Ort stehen die knallgelben Mercedes-Taxen herum, deren Baujahr in eine Zeit fällt, als man das Blech von Autos noch nicht mit dem kleinen Finger eindrücken konnte.

2013 Madeira (103) levada tunnel

Aber was war jetzt eigentlich mit diesem gelben Poncho? Ganz einfach, auf Madeira fließt immer Wasser. Auch ohne Regen gibt es immer das eine oder andere Rinnsal, dass fröhlich über die Levada-Wege träufelt. Aber besonders nach unwetterartigen Regenfällen wie in diesem Jahr werden diese Rinnsale zu respektablen kleinen Wasserfällen. Kurz gesagt, man hat die Wahl, sich auf der Innenseite der Levada um den Wasserstrom herumzudrücken und dabei nass bis auf die Haut zu werden. Oder alternativ den Absturz in die grüne Hölle an der Außenseite der Levada in Kauf zu nehmen und dafür mit trockener Haut zu sterben.

Und als ich so vor diesem verdammten unpassierbaren Wasserfall stand, ging es mir wie Zak McKracken, dem Helden des gleichnamigen unsterblichen Videogames aus den späten 80ern, einem der ersten Point-and-Click Adventures aller Zeiten, der immer ein volles Inventory mit allen möglichen und unmöglichen Gegenständen mit sich herumschleppte, und man nie wusste, wofür man den ganzen Kram eigentlich aufgehoben hatte. Aber eines Tages kam der Zeitpunkt, wo einem dann intuitiv klar wurde, was man tun musste (oder man hatte die Komplettlösung gekauft…):

„<Benutze> Poncho mit <mir selber> und <gehe> durch die Wand aus Wasser!“

2013 Madeira (131) wasserfall levada

Und so kam es, dass ich an diesem Tag das Rätsel meines gelben Plastikponchos lösen konnte und ihn seitdem in einer etwas besser zu erreichenden Tasche meines unergründlichen Inventories aufbewahre. Er wanderte dann auch umgehend auf die Schnellzugriffstaste „F1“.

Gut Essen auf Madeira

Auch wenn die Madeirenser nicht gerade den Ruf haben, Weltküche aufzutischen, so bekommt man hier doch eine leckere Mischung von Fisch- und Fleischgerichten. Es zwingt einen ja niemand, in Funchal um die Mittagszeit den billigsten Touristenteller mit labberigem Schnitzel und Pommes zu essen. Das war jetzt etwas fies, denn selbst die Touristenkost hat hier noch wirklich solide Qualität. Aber es geht auch besser! Und das ist nicht mal unbedingt sehr viel teurer. Folgende Speisen sollte man probiert haben:

Espada (Degenfisch)
Ein ziemlich langer und schmaler, schwarzer Fisch. Er treibt sich in über tausend Metern Wassertiefe herum und wird mit Angeln gefischt. Beim Hochziehen verfärbt sich seine Haut ins Schwarze. Interessant ist, wie hinterlistig er jagt. Normalerweise schwimmt er mit schlängelnden Bewegungen durch die Gegend und genießt die Ruhe der Tiefsee. Doch wenn er Beute wittert, schießt er lang gestreckt wie ein Stock direkt auf sein Opfer zu. Da er so schmal ist, sieht er von vorne nicht sehr bedrohlich aus und kann sich auf diese Weise seine verdutzte Beute schnappen. Der Haken an dieser Theorie ist nur, dass es da unten eigentlich gar kein Licht mehr gibt und das Opfer den Espada sowieso nicht sehen kann… aber egal, es ist ne tolle Story und wenn’s auf Wikipedia steht, muss es einfach stimmen.

2013 Madeira (142) espada degenfisch

Aber jetzt zum Essen. Der Espada wird in Scheiben geschnitten serviert und sieht dann aus wie seine Kollegen Schwertfisch, Marlin oder Thun. In der Pfanne gebraten landet er auf dem Teller wie ein Steak; der einzige Wirbel lässt sich leicht um-essen bzw. einfach herauslösen, so dass man nahezu grätenfreien Fischgenuss erlebt. Auch für Fischverachter ein Versuch, denn fischig schmeckt der Espada nicht.

Espetada (Fleischspieß)
Klingt fast wie der „Espada“, ist aber Rindfleisch am Spieß. Eigentlich nicht sehr spektakulär, eher wie ein in Stücke gehauenes Rumpsteak, das man auf einen Metallstab gespießt hat. Die Art der Darreichung ist hier das Besondere: der Spieß ist etwa einen Meter lang und wird entweder in einem tragbaren Ständer, der aussieht wie eine Halterung für Ofenwerkzeug, serviert. Oder aber der Spieß wird direkt am Tisch eingeklinkt. Manche Tische haben hierfür extra ein Loch in der Mitte, das keinen Sonnenschirm aufnimmt sondern ein vierkant Stahlprofil, in das sich die Spieße direkt einhängen lassen! Fehlt nur noch eine Machete zum Abernten des Spießes, dann käme echtes Gaucho-Feeling auf. Man kann die Fleischstücke aber auch einfach abziehen, ohne ein Massaker zu veranstalten.

2013 Madeira (78) espetada fleisch spiess lorbeer

Besonders gut schmeckt das Fleisch, wenn zwischen den Stücken frische Lorbeerblätter mitgeröstet werden. Das soll wohl ein wenig darüber hinweghelfen, dass der Espetada zu ganz ursprünglichen Zeiten traditionell mit Ästen des Lorbeerbaumes zubereitet wurde. So viel Lorbeerholz hat es hier nicht mehr, daher nun also mit Metallspieß.
Auf das oberste Fleischstück legt man noch einen Batzen Kräuterbutter, der im Laufe des Schlachtfestes über das Fleisch rinnt und am Boden der Vorrichtung eine schmackhafte Blut-Butter-Sauce bildet. Diese lässt sich ganz vorzüglich aufstippen mit…

Bolo de caco (Knoblauchbrot)
Hierbei handelt es sich um sehr weiches, fladenartiges Brot, das einmal horizontal aufgeschnitten wird. Man kann es sich vorstellen wie fluffiges Pizzabrot oder Lángos. Frisch aus dem Ofen und mit ordentlich Knoblauchbutter bestrichen ist es ein Genuß (wie ja eigentlich alles, was frisch aus dem Ofen kommt).

2013 Madeira (76) bolo de caco knoblauchbrot

Milho frito (frittierte Maiswürfel)
Wenn wir schon bei den Beilagen sind, hier also eine weitere. So kreativ wie die Südtiroler sind die Madeiraner zwar nicht, aber auch sie können aus Polenta tolle Sachen herstellen. In diesem Fall handelt es sich um in Fett ausgebackene Würfel oder Stäbchen aus Maismehl, die gern an Stelle von Pommes serviert werden. Sehr empfehlenswert, weil einfach lecker. Die Teile kommen auch nicht so wuchtig rüber wie das alpenländische Polenta. Solche außen knusprig und innen weichen Mais-Pommes habe ich dort jedenfalls noch nicht gesehen.

2013 Madeira (79) milho frito mais polenta

Bolo de Mel (Gewürzkuchen)
Gewürzkuchen gibt es in vielen Ländern. Bei uns läuft er unter „Lebkuchen“, so wie man ihn an rheinischen Sauerbraten gibt, um die leicht süßliche Sauce zu erhalten. Die Franzosen nennen ihn „Pain d’Epice“ und halten ihn im Burgund, rund um Dijon für etwas einzigartiges. Letztendlich ist es ein sehr süßer, nach Lebkuchen schmeckender Kuchen, der noch ein paar Nüsse und Trockenfrüchte enthält. Die Version aus Madeira wird natürlich mit Zuckerrohrsirup gesüßt und es gibt ihn traditionell zur Weihnachtszeit. Er taugt gut als Mitbringsel und hält dank dem hohen Zuckergehalt ewig. Als Dessert und Magenschließer passt er prima zu einem Gläschen Madeira, beispielsweise einem Bual oder Malmsey. Besonders frischen Bolo de Mel gibt es in der Zuckerrohr Fabrik in Calheta, siehe auch den separaten Artikel.

madeira bolo de mel gewürzkuchen

Lapas (Napfschnecken)
Das Highlight zum Schluss, die urtümlichen „Lapas“. Jeder hat diese krustigen Beulen schonmal gesehen, wie sie an den vom Meer umspülten Felsen kleben. Als Kind hatte ich italienischen Männern teils mit Faszination, teils mit Ekel, dabei zugesehen, wie sie die Napfschnecken mit einem Taschenmesser vom Stein gehebelt und gleich an Ort und Stelle ausgeschlürft haben. Jetzt kam ich endlich in den Genuß, diese Arme-Leute-Austern auch einmal zu probieren. Allerdings im gebackenen Zustand, mit reichlich Kräuterbutter und Zitronensaft garniert. Der freundliche Wirt des Café Klenk, wo ich die Woche über gegessen hatte, war so nett, mir eine Portion zuzubereiten. Normalerweise stehen die Lapas nicht auf der Karte. Sie sind etwas gewöhnungsbedürftig, da sie eine knorpelige Konsistenz haben und auch viel Seetang – oder „Seemoos“ – mitbringen. Wer Weinbergschnecken mag, dem werden jedenfalls auch Lapas schmecken. Recht ähnlich im Geschmack sind die kleinen Meeresschnecken namens „Bulot„, wie sie die Franzosen servieren. Und sogar die fette „Conch„-Muschel aus der Karibik ist eigentlich eine Schnecke. Dort gibt es so viele davon, dass man daraus sogar Gulasch macht. Und zwar ein richtig leckeres.

2013 Madeira (122) lobos schnecken
Aber zurück zu den Lapas. Eigentlich müsste man sagen „Bio-Lapas“. Denn im Gegensatz zu Weinbergschnecken müssen Lapas nicht erst über Salz kriechen, um ihren Schleim zu verlieren. Und gezüchtet werden sie auch nicht. Man kommt also in den Genuß von quasi „freilaufenden“, wilden Napfschnecken, die ein garantiert glückliches Napfschneckenleben hatten!

Natürlich gibt es noch eine Menge anderer Köstlichkeiten auf Madeira zu erkunden. Weitere portugiesische Gerichte findet man bei Wikipedia. Oder auch hier und hier.

Was man in Funchal auf Madeira alles unternehmen kann

Im Gegensatz zum staubigen Felsbrocken Gran Canaria, der eine Flugstunde weiter südlich liegt, begrüßt einen die Insel Madeira mit üppigem Grün und einer Autobahn, auf der man sich fast wie in Deutschland fühlen kann. Gesponsort durch EU-Gelder verläuft sie in schlängelnden Windungen über die Südseite der Insel und bietet viele Tunnels und saftige Steigungen, die schonmal den Einsatz des dritten Gangs erfordern. Die Hauptstadt Funchal ist durch mehrere Abfahrten angebunden und für Touristen leicht erschließbar. Um das Stadtzentrum zu finden, braucht man kein Navi sondern fährt einfach immer bergab, solange, bis man am Meer steht.

Der Yachthafen
Wenn wir schonmal unten an der Uferpromenade stehen, ist der Weg zum Yachhafen nicht weit. Wer das nötige Kleingeld hat, kann sich hier auf einem Trawlerboot zum Sportfischen einchecken oder eine Rundfahrt buchen. Wer einfach nur herumspaziert, sollte sich die äußere Hafenmole einmal genauer ansehen. Da Madeira häufig von Segelbooten angelaufen wird, die den Atlantik überqueren wollen, haben sich hier viele Crews mit bunten Farben an der Betonmauer verewigt. Auch etwas schräge Charaktere kann man dort treffen. Zum Beispiel diesen Fahrradfahrer aus Portugal, der vor längerer Zeit aufgebrochen ist, um kreuz und quer durch Europa zu fahren. Jetzt gerade wartet er auf einen „Freund“, der hier mit seiner „Fähre“ angeblich jedes Jahr vorbeikommt und ihn diesmal mit rüber in die Karibik nimmt. Hmm, also… habe ihm jedenfalls viel Glück gewünscht. Nicht dass er dort drüben so endet wie dieser eine weißbärtige Deutsche, der sich irgendwann in den 80ern in sein klappriges Segelboot setzte, über den Teich fuhr und seitdem völlig abgebrannt im Hafen von Martinique die Touristen anschnorrt.

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Das Museum für Madeira Wein
Die Firma Blandy’s hat es durch ein glückliches Händchen im Laufe der letzten 200 Jahre geschafft, die Vorherrschaft über alle anderen Hersteller von Madeira Weinen zu erlangen und bietet Touristen eine halbstündige Führung durch das ehemalige Firmengebäude an, das jetzt hochtrabend „Blandy’s Wine Lodge“ heißt. Es liegt genau an der Haupteinkaufsmeile von Funchal und kann gar nicht übersehen werden. Mehr dazu im ausführlichen Artikel hier im Blog.

2013 Madeira (85) blandy

Eine Fahrt mit Bergbahn und Schlitten
Es gibt tatsächlich eine waschechte Bergbahn mit kleinen Knubbelkabinen direkt hier in Funchal. Südlich der Altstadt steht die Talstation direkt am Meer und die Gondeln fahren äußerst malerisch über die Häuser hinweg nach oben zur Bergstation. Dort angekommen, kann man entweder gleich in den Botanischen Garten gehen oder man schaut sich erst die Kirche an und lässt sich dann von verkleideten Einheimischen per Korbschlitten wieder ins Tal rodeln. Habe es nicht selbst ausprobiert und auch der historische Zweck dieser Aktion leuchtet mir nicht ganz ein, aber es soll wohl eine ziemliche Gaudi sein, über den Asphalt zu rutschen. Macht doch wirklich keinen Sinn, erst Zeit beim Abwärtsrodeln zu sparen und dann nach dem Einkaufen in der Stadt den ollen Schlitten wieder den Berg hinauf zu ziehen…
Auf Madeira hat man ja schon das Zeitalter des Walfangs verpennt. Aber dass sie auch die Entdeckung des Rads verpasst haben, kann ich mir irgendwie nicht vorstellen. Jedenfalls, unten wieder angekommen, könnte man gleich die Markthallen besuchen oder das Story Center.

2013 Madeira (147) bergbahn

Das Madeira Story Center
Gleich gegenüber von der Talstation der Bergbahn liegt das Madeira Story Center. Hier wird auf multimediale, interaktive und sonstwie coole moderne Art den Besuchern die Geschichte der Insel näher gebracht. Auch verkleidete Menschen sind wieder mit dabei. Und etwas für Kinder. Einen Shop gibt’s natürlich auch. Und die Firma Blandy’s hat hier schon wieder die Finger mit im Spiel. Ich glaube, denen gehört die halbe Insel.

Der Botanische Garten „Jardim Botânico“
Man kann leicht durcheinander kommen mit all den Gärten in Funchal. Abgesehen von Blandy’s Garten (war ja klar, dass die wieder dabei sind), gibt es noch einen Orchideengarten und diverse Stadtparks. Letztendlich ist die gesamte Insel ein Garten. Denn dort, wo man hinspuckt, wächst kurze Zeit später ganz sicher irgendetwas mit intensiven Farben.

2013 Madeira (54) strelizie botanischer garten

Den Besuch des Botanischen Gartens kann man gleich mit einer Fahrt der Bergbahn nach Monte kombinieren. Man stolpert förmlich von der Bergstation direkt in den Garten und kann dort Lustwandeln, bis man keine Pflanzen mehr sehen mag. Das Gelände ist in verschiedene Themenbereiche gegliedert, wo man einheimische Arten, Kakteen oder Nutzpflanzen findet. Außer viel Grünzeug gibt es hier noch einen Pavillon zu sehen, der in Formaldehyd konservierte Fische und Krustentiere ausstellt. Die ältesten Gefäße sind von Ende der 1800er Jahre, als man so langsam begann, die Tiefsee zu erforschen. Zu diesem Thema gab es einmal eine sehr gute Sonderausstellung im Frankfurter Senckenberg Museum, die ihresgleichen suchte. Leider ist man dort wieder zu den spröden Kristallen und morschen Dinoknochen der Dauerausstellung zurückgekehrt.

Weiter hinten, bzw. unten im Garten findet man dann noch eine sehr große Sammlung von Vögeln, und zwar lebenden. Für mich sahen sie alle nach „Papagei“ aus. Wer es genauer wissen will, liest die Infotafeln. Eine schöne Liste mit Beschreibungen der Gärten findet sich auf dieser Seite.

Die Markthalle
Sobald man mit der Gondel wieder unten in der Stadt ist, kann man direkt rüber zur Markthalle laufen. Was man dort zu sehen bekommt und auf welch charmante Art ich dort ausgenommen wurde, steht in diesem Artikel hier im Blog.

Klenk’s Café Rustico in Caniço auf Madeira

Wenn man früher (also zu Zeiten, als es noch die D-Mark gab, eine Mauer und Helmut Kohl) in den Urlaub fahren wollte, besorgte man sich Hefte und Kataloge aus dem Reisebüro über alle möglichen Ziele. Diese waren voll mit Marketinggeschwätz und bunten Bildern, so dass man der genervten Dame vom Reisebüro irgendwann einfach die billigste Dreisterne-Unterkunft ankreuzte und dort seinen Urlaub verbrachte. Heute blättert man nicht mehr durch Papier, sondern durch Webseiten. Die sind natürlich erst recht voll mit bunten Bildern und gefälschten Hotelbewertungen. Aber je länger man stöbert, desto eher findet man diese kleinen Perlen, welche man früher nur durch Mund-zu-Mund Propaganda gefunden hätte. Auch diese gibt es heute virtuell, und so dauert es nicht lange, bis man durch Links und Berichte in Internet-Foren eine solche Perle gefunden hat. Nämlich das „Café Klenk“ in Caniço auf Madeira.

Zum Glück verhält sich die Qualität von Klenk’s Café entgegengesetzt proportional zum Aussehen seiner Webseite. Diese ist noch ganz im Stil der mittleren 90er Jahre gehalten: schön unübersichtlich mit vielen Buttons, verschachtelten Frames, in denen irgendetwas automatisch herum-scrollt und einem stylisch zentrierten Textlayout in allen Farben des Regenbogens. Der Name „Café“ ist ziemlich irreführend. Kaffee kann man hier zwar auch trinken, in erster Linie handelt es sich aber um ein sehr gutes Restaurant und zusätzlich werden auch noch Gästezimmer vermietet. Gleich gegenüber vom Restaurantgebäude befinden sich diese. Zur Auswahl stehen verschiedene einfach eingerichtete Doppelzimmer, teilweise mit kleiner Terrasse aber alle mit Meerblick. Wie fast alle Gebäude auf Madeira liegt auch dieses direkt am Hang, und so genießt man morgens die schönsten Sonnenaufgänge und abends das romantischste Abendrot über den Wellen des Atlantiks.

2013 Madeira (75) cafe klenk canico

Auf der Webseite ist von einem „deftigen“ Frühstück die Rede, das im Zimmerpreis inklusive ist. Hierbei handelt es sich definitiv um eine Untertreibung: es gibt das ganze Programm, man könnte es schon fast als ein Brunch durchgehen lassen. Manchmal gibt’s ein Omelette oder mal einen Kuchen dazu, jedenfalls ist es immer ein „Deutsches Sonntagsfrühstück“, wie es sich Nicht-Deutsche kaum vorstellen können. Alles wird am Platz serviert und vom Cheffe oder seinen Kollegen aufgetischt. Im Café spricht man Deutsch, da der jetzige Besitzer damals zu Helmut-Kohl-Zeiten eine Portugiesin geheiratet hat. Er stammt aus Heppenheim, was am Dialekt nicht ganz zu überhören ist und freut sich schon morgens darauf, mit den Frühstücksgästen ein wenig zu babbeln.

20131219_091037 cafe klenk rustico frühstück

Durch die Deutsch-Portugiesische Verbindung wurden die kulinarischen Vorteile beider Nationen perfekt vereint. Es gibt hier selbstgebrautes Bier, selbstgemachte Wurst und das beste Jägerschnitzel südlich der Alpen. Dazu kommen die portugiesischen Spezialitäten wie Espetada und Espada oder kurz gesagt, Fisch und Fleisch in allen Variationen, auf das Leckerste zubereitet. Sogar mein Wunsch nach „Lapas“, eine einheimische Spezialität aus Napfschnecken, die eigentlich nicht auf der Karte stand, wurde erfüllt. Siehe auch den Artikel über Essen auf Madeira.

20131220_195453 cafe klenk fisch

Was ich normalerweise nie tue, habe ich hier erstmalig gemacht: jeden Tag im gleichen Restaurant essen! Mittags war ich auch mal woanders, aber besser als im Café isst man woanders auch nicht. Dienstag ist allerdings Ruhetag und man muss zwangsweise fremdgehen. Weiter die Straße hinunter findet man ein Hotel neben dem anderen und dort gibt es auch anständige Restaurants. Es ist eigentlich alles zu Fuß oder per Bus erreichbar. Den Flughafentransfer erledigt das Café auf Wunsch. Die Autobahn, welche einen schnell auf der Südseite von Madeira von A nach B bringt, ist nur wenige hundert Meter entfernt. Hat man einen Mietwagen, so ist man in unter einer Stunde zu den meisten Zielen auf der Insel gefahren.

Um es kurz zu machen: das Café Klenk ist günstig gelegen, bietet solide Zimmer zu einem niedrigen Preis sowie außergewöhnlich gutes Essen mit hausgemachten Spezialitäten.

Die Markthalle von Funchal, das Abzockerparadies

Die Markthalle von Funchal, der „Mercado dos Lavradores“, befindet sich gleich in der Nähe vom Altstadtkern, dem Busbahnhof und der Pier für Kreuzfahrtschiffe. Wer die Frankfurter Kleinmarkthalle kennt, wird sich hier gleich wie zu hause fühlen: es gibt Obst- und Gemüsestände noch und nöcher sowie im hinteren Bereich eine separate Fischhalle. Genau wie in der Kleinmarkthalle ist das Obst hier vor allem eines, nämlich sehr teuer.

2013 Madeira (141) markthalle funchal obst

Ich dachte eigentlich, mittlerweile immun gegen die einheimischen Bauernfänger zu sein, aber diesmal handelte es sich um eine außergewöhnlich hübsche Bauernfängerin mit großen, ähm, Körben. Und während ich noch versonnen auf ihre Auslage blickte, hatte sie mich auch schon in ihren Fängen. Hier mal was probiert, da mal gekostet, alles sehr süß und lecker. Und als ich mich dann schließlich für eine Kreuzung aus Banane und Ananas entschieden hatte, hätte ich eigentlich das teuflische Lächeln des Mädchens richtig interpretieren müssen. Aber erst, als sie mir nonchalant den Preis von 8 Euro nannte, wachte ich aus dem süßen Traum auf. Wie in dem Film „Inception“ versuchte mein Verstand das eben gehörte einzuordnen und kämpfte sich mühsam durch mehrere Traumebenen an die Oberfläche. Paralysiert und mit einem debilen Grinsen reichte ich der Verkäuferin meine Geldbörse mit der Bitte, sich doch einfach selbst herauszunehmen, was sie für angemessen hielt…

Erst später, als ich mit baumelnden Beinen an der Pier saß und die Banananas schälte, kam ich wieder zu Bewußtsein. Grund war das kratzende Gefühl am Gaumen und im Hals, das mich noch bis zum Abend begleiten sollte. Doch bis auf die winzigen Stacheln mit Widerhaken daran und die alles betäubende Oxalsäure schmeckte die Ananabane eigentlich prima, ein wenig in Richtung Hubba-Bubba Kaugummi. Außerdem zog sie schleimige Fäden und besaß in ihrem Inneren irgendwelche schwarzen Stippsen. Dass ich mit 8 Euro noch sehr gut weggekommen bin, schildert dieser Artikel sehr anschaulich.

2013 Madeira (144) ananas banane monstera fensterblatt

Das war also die funchaler Markthalle, ein Ort, wo Touristen so richtig ausgenommen werden. Fairerweise muss ich hier anmerken, dass man als Touri auf Madeira ansonsten sehr anständig behandelt wird. Und da man hier dank billigen Cafés schon täglich ein paar Euro spart, muss man sich eben damit abfinden, sie an anderer Stelle wieder loszuwerden.

Das Walmuseum in Caniçal auf Madeira

Manchmal auf Reisen passiert es einem, dass man wie aus dem Nichts vor einem hochmodernen Gebäude steht, das seinen Platz genausogut neben dem MOMA in New York oder an ähnlich spektakulären Ecken der Welt haben könnte. Fährt man ganz in den Osten von Madeira und folgt dem Schild „Museu da Baleia„, so stößt man direkt auf das nagelneue Walfangmuseum in Caniçal.

2013 Madeira (74) walfang museum

Von einer Walfang-Tradition auf Madeira mag man eigentlich kaum sprechen, denn die Phase umfasste nur knappe 50 Jahre, von den 1940ern bis in die 1980er Jahre. Im Gegensatz zu den Bewohnern auf den Azoren kam man hier also erst recht spät auf den Trichter, aus Walen Geld zu machen. Im Museum wird diese Geschichte äusserst unterhaltsam und modern geschildert. Man kann zwar auch einfach nur entspannt durch die Ausstellung schlendern. Es lohnt sich aber, einen Audioguide mitzunehmen und den Ausführungen des Erzählers zu lauschen. Fast wie in einem Hörbuch erhält man Atmosphäre und Informationen zur jeweiligen Schautafel, an der man vorbei läuft. Mittels markierter Stellen am Boden erkennen die Geräte zuverlässig, wo man steht und welcher Beitrag abgespielt werden muss. Es ist also nicht nötig, am Audioguide herumzufummeln, er erledigt alles von selbst. Nur falls man noch ausführlichere Geschichten hören will, muss man eine der Nummern eingeben, die am Exponat angebracht sind. Das lohnt sich besonders dann, wenn man auf einer Bank sitzt und ganz entspannt das Meer durch die Glasfront des Museumsgebäudes beobachten möchte.

2013 Madeira (73) walmuseum Caniçal

An einem verregneten Tag auf der Insel kann man den Museumsbesuch gut dafür nutzen, diesen Geschichten zu lauschen und sich dabei die Einheimischen vorzustellen, wie sie bis zum Bauchnabel im Walgekröse stehen und fröhlich den Speck ernten! Man sollte sich ruhig ein bis zwei Stunden Zeit nehmen und am Ende noch den 3D-Tauchgang im U-Bootsimulator mitmachen. Zurück auf der Straße nach Funchal kommt man unweigerlich an einem der vielen Straßencafés vorbei und kann dort für kleines Geld Kaffee und Kuchen essen. Beides zusammen für 2 Euronen, da lacht das Herz des Großstädters, der ungläubig auf die Rechnung schaut.

Besuch der Rumbrennerei in Calheta auf Madeira

Das Dörfchen Calheta liegt auf der westlichen Südseite von Madeira, nur wenige Autominuten von Funchal entfernt. Nachdem man alle möglichen Tunnels hinter sich gelassen hat, fährt man die abschüssige Straße hinab nach Calheta und kann gleich auf einem Parkplatz am Straßenrand den Wagen abstellen. Wenige Meter danach kommt man schon am Eingang der Rumbrennerei „Engenhos da Calheta“ vorbei. Hier geht es ziemlich ungezwungen zu. Man kann einfach durch das Gebäude spazieren und sich die wenigen verbliebenen Brenneinrichtungen ansehen. Bis auf ein paar Namensschilder gibt es keine Erklärung. Viel zu lernen ist hier also nicht. Das ist ein wenig schade, denn wie es besser geht, zeigen zum Beispiel die großen karibischen Distillerien auf Martinique wie „Dillon„, um nur eine zu nennen.

2013 Madeira (118) rum calheta

Erst beim Shop erwacht der Unternehmergeist wieder. Hier kann man vom Zuckerrohrsirup bis zum fertigen Rum alles kaufen, was das Touristenherz begehrt. Den Zuckerrohrsirup habe ich mir mal gespart – sieht einfach zu sehr nach Rübensirup aus, von dem ich auch kein Freund bin. Wer noch keinen probiert hat, sollte sich hier unbedingt mit dem „Bolo de Mel“ eindecken. Das ist ein dunkles, lebkuchenartiges Gebäck, das zu einem guten Teil mit Zuckerrohrsirup gesüßt wird. Daher findet man hier richtig frisch gebackenen Kuchen, der sich in der Mini-Version auch prima als Mitbringsel eignet. In der Version mit 1,50 Metern Durchmesser eignet er sich dann eher für Showzwecke, und allein deswegen haben sie ihn wohl auch gebacken. Er nimmt ja bloß die Hälfte des Verkaufsraumes ein.

2013 Madeira (113) gigantik bolo de mel

Den erzeugten Rum (hier nennen sie ihn „Aguardente“) kann man natürlich vor dem Kauf probieren und kann dabei feststellen, dass er genauso frisch und grasig schmeckt, wie seine Kollegen in der Karibik. Der weiße Rum zumindest. Kein Wunder, wurde der erste Rum, den wir Europäer genießen durften, doch auf Madeira produziert. Jedenfalls bevor ihm von den karibischen Vettern der Rang abgelaufen wurde.